In welchem wir unvorbereitet auf das Unerwartete treffen
»Ich … ich glaub, ich seh es!« Balder stockt der Atem. »Dort, am Horizont, wo die Sonne versinkt – das ist mein Schiff. Das ist die Ringhorn!«
Gonz und ich spähen hinaus auf den Ozean, der im Licht der verblassenden Sonne golden leuchtet. Zwar blendet das Licht noch immer, aber ich sehe kein Schiff. Balder rennt am Strand entlang und redet ganz aufgeregt in seiner Muttersprache. »Ich brauche meine Habseligkeiten«, sagt er mit einer Spur von Besorgnis in der Stimme. »Ich habe sie im Wagen gelassen.«
»Nur die Ruhe. Ich hol sie. Behalte du nur weiter das Schiff im Auge«, sage ich und laufe zum Parkplatz. Zwei Cops auf Fahrrädern patrouillieren am Strand und blockieren meinen Weg. Scheiße.
Ich drehe um und renne einem Typen mit einem Schnurrbart direkt in die Arme, der eine verspiegelte Sonnenbrille trägt und eine Baseballmütze. »Hallo! Darf ich dich kurz stören, um mit dir über deine Sicherheit zu sprechen?«, fragt er.
»Äh, wissen Sie, gerade jetzt ist es ganz schlecht.«
»Um sich auf das Unerwartete vorzubereiten, ist keine Zeit zu schlecht«, sagt er. »Wie willst du sonst deine Freunde und Verwandten im Falle eines Falles beschützen?«
Mein Blick ist auf die Cops gerichtet. Sie radeln davon. Ja!
»Hey, wie heißt du?«
»Junior. Junior Webster.«
»Wirklich? Ich glaube nämlich, dass du Cameron Smith bist und tief in der Scheiße sitzt.« Er packt meinen Arm mit eisernem Griff. Auf seiner Baseballmütze steht VEREINIGTE SCHNEEKUGEL-GROSSHÄNDLER. »Mitarbeiter Nummer vier siebenundfünfzig ruft Zentrale«, spricht er in ein Walkie-Talkie. »Terrorverdächtiger in Gewahrsam. Die beiden anderen Subjekte im Visier. Unterstützung erbeten. Over.«
Eine gedämpfte Stimme antwortet ihm.
»Verstanden. Los, holen wir deine Freundchen«, sagt er und dreht mir den Arm auf den Rücken.
»Bitte«, sage ich und schlucke heftig. »Sie machen einen großen Fehler. Ich hab versucht, die Welt zu retten, euch Jungs inklusive!«
Er angelt nach einem Paar Handschellen. »Halt einfach still.«
Ich bin nicht so weit gekommen, um mit irgendeinem selbst ernannten Ordnungshüter zurückzukehren, der seine Tage damit zubringt, Warenhäuser mit Schneekugeln vollzustapeln. »Sie sind nicht mein Daddy!«, schreie ich. »Ich will nicht in Ihren Van! Sie sind nicht mein Daddy!«
»Was?«, sagt er.
»Hey, lass das Kind in Ruhe!« Auf dem Parkplatz steigt ein schwergewichtiger, tätowierter Motorradfahrer von seiner Maschine und krempelt seine Ärmel zurück.
»Das ist ein Terrorist!«, schreit Mitarbeiter #457 zurück.
»Pass auf, dass ich dir nicht in den Arsch trete!«
Mitarbeiter #457 lockert seinen Griff, und ich nutze die Gelegenheit, um mich Richtung Strand abzusetzen.
»Hey! Hey!« Der Hobbypolizist fordert mit seinem Walkie-Talkie sofortige Unterstützung an.
Gonzo liegt ausgestreckt im Sand. Er sieht, wie ich die Beine in die Hand nehme und auf ihn zurenne. »Gonzo – das Wasser! Geh ins Wasser!«
»Alter!«, schreit Gonzo und deutet hinter mich. Ich wage einen Blick zurück und sehe, dass noch zwei Typen mit Baseballmützen und Sonnenbrillen auf uns zurennen. Dann sind es drei, dann vier – fünf große Kerle mit verspiegelten Sonnenbrillen und Mützen der Vereinigten Schneekugel-Großhändler.
»Scheiße«, fluche ich. Vor uns liegt der Ozean, sonst nichts. Und wo sollen wir hinschwimmen?
»Okay. Ausweichmanöver«, sage ich und blicke mich suchend um. »Gonz, du brichst nach links durch, zum Tacostand. Ich hau nach rechts ab und versuch, zum Landungssteg zu kommen. Und Balder –«
Balder steht felsenfest im Sand. »Ich bleibe hier und warte auf die Ringhorn.«
»Aber Balder –«
»Ich werde warten!«, beharrt er. »Diese Männer können mir nichts zuleide tun. Ich werde ein würdiges Ablenkungsmanöver inszenieren. Tut, was ihr tun müsst, und überlasst das mir.«
»Okay«, sage ich. »Zwei … drei … und ab!«
Gonzo und ich rennen in entgegengesetzte Richtungen. Mit einem Schlachtruf nähert sich Balder den Schneekuglern und schwingt das Stück Treibholz wie der knallharte Krieger, der er in seinem Innersten ist. Einer der Kerle rennt in Höchstgeschwindigkeit hinter mir her.
Meine Beine brennen und meine Lungen auch, und dann stolpere ich. Ich versuche, wieder auf die Beine zu kommen, aber es fällt mir schwer. Mein E-Ticket ist fast aufgebraucht – nur ein winziges Fitzelchen von Tomorrowland ist noch drauf.
»Cameron!« Dulcie ist da und reicht mir ihre Hand.
Ich ergreife sie, schlinge die Beine um Dulcies Körper und – wir fliegen den Strand entlang. »Boah!«
Dulcie dreht meinen Kopf so, dass ich sie ansehen muss. »Schau einfach nicht nach unten und lass nicht los.«
»Glaub mir, ich tu keins von beidem.«
Hinter uns schwirrt etwas. Dulcie schreit auf, wir taumeln durch die Lüfte und landen im Sand. Dulcie liegt zusammengerollt da.
»Bist du okay?«
»Bruchlandung.« Sie setzt sich auf und greift sich an die Schulter. Von ihrem Flügel fallen angesengte Federn.
»Was ist passiert?«
Als Antwort zischt eine Kugel vorüber. Ein VSG-Mitarbeiter kämpft sich durch den weichen Sand. Seine Pistole funkelt in der Sonne.
»Halt dich fest«, krächzt Dulcie.
»Du kannst doch so nicht fliegen, oder?«
Dulcie wartet nicht. Sie zieht mich an sich, und dann flattern wir am Strand entlang, halb fliegend, halb laufend. Aber mit Dulcies verletztem Flügel können wir nicht richtig abheben.
»Ahhhh!« Eine Kugel streift Dulcies anderen Flügel und wir fallen auf den Landungssteg. »Lauf hinaus!«, befiehlt mir Dulcie.
Dieses Mal schleppe ich sie. Von allen Seiten umschließt uns der Ozean.
Sie versucht zu lächeln, aber ich kann den Schmerz in ihren Augen sehen. »Das Wasser, Cameron.«
»Nein. Nicht das Wasser«, sage ich.
»Du wirst das schaffen.«
»Ist das eine sichere Sache oder so ein Die-Zukunft-kann-verändert-werden-Ding?«
Dulcie antwortet nicht. »Cameron«, flüstert sie. Ihre Stimme klingt wie das Gurren einer Taube und ihre Flügel riechen nach Regen und Rauch. Sie schubst mich kräftig und ich fliege rückwärts in den Ozean. Das Wasser fühlt sich kalt an und schwer, als ob ich in eine Decke voller Schnee gewickelt bin. Es ist ein Gefühl wie damals, als ich fünf war und in Disney World unterging. Dulcie steht am Rand des Steges. Mitarbeiter #457 der Vereinigten Schneekugel-Großhändler richtet eine Pistole mit aufgesteckter Sprühdüse auf sie. »Hab ich dich!«, knurrt er.
Dulcie schließt die Augen, als er den Abzug drückt. Ein greller Blitz schießt aus dem Lauf. Dann ist Dulcie verschwunden. Wo sie gerade noch stand, liegt nichts weiter als eine Schneekugel.
»Dulcie!«, brülle ich. »Dulcie!«
»Du bist der Nächste.« Mitarbeiter #457 richtet den Lauf auf meinen Kopf.
Ich hole tief Luft und lasse mich vom Ozean verschlingen.
»Cameron, schau dir das an! Ist das nicht wunderschön?«
Mom deutet auf die Marionette eines Inuitjungen, der immer und immer wieder ein und denselben Fisch aus einem Eisloch zieht. Der Schnee glitzert. Ein Kinderchor singt, dass wir am Ende doch in einer kleinen Welt leben. Diese Fahrt ist das verblüffendste aller Abenteuer in Disney World. Am liebsten möchte ich sie immer und immer und immer wieder machen.
»Ich will im Schnee spielen!«, sage ich zu Mom.
»Wir müssen im Boot bleiben, mein Schatz.«
Ich sehe eine winzige Tür hinter dem Iglu. »Wo geht’s da hin?«
»Oh, ich weiß nicht. Irgendwohin. Oooh, ist das nicht süß?«
Mom zeigt Jenna ein tanzendes Mädchen. Dad legt den Arm um mich. Ich bin hier, und ich bin in Sicherheit, bei meiner Mom und meinem Dad und bei meiner Schwester. Aber ich kann es nicht ändern. Ich möchte wissen, wohin die Tür führt. Ich möchte spielen. Und zwar da drüben.
Und dann bin ich im Wasser und gehe unter. Die Oberfläche über mir schimmert bunt und hell. Gedämpfte Schreie dringen zu mir herunter. Aber es ist so friedlich hier. Ich könnte einfach den Arm ausstrecken und das andere Ufer berühren. Dann kann ich die Luft nicht länger anhalten. Ich öffne den Mund und das Wasser strömt herein.
Ich japse laut nach Luft, kämpfe gegen die Wellen an und paddle und taumle auf den Strand zu. Mitarbeiter #457 wartet dort mit der seltsamen Waffe in der einen Hand und der Dulcieschneekugel in der anderen. »Ich wusste, dass du nicht ewig unten bleiben würdest.«
»Gib … sie … zurück«, stoße ich hervor.
»Sorry. Sie ist eine Bedrohung, die eingeschlossen werden muss. Also, bitte lächeln. Vielleicht nennen wir diese hier Strandpause.« Er senkt den Lauf seiner Kanone. Ich höre, wie die Waffe ein eigenartiges Wiiiiiiih von sich gibt, als er abdrückt.
»Das ist der Scheißkerl!« Der Motorradtyp ist mit den beiden Fahrradcops zurückgekehrt. »Er hat versucht, ein Kind zu entführen.«
»Officer, das ist ein Missverständnis. Ich arbeite für die Vereinigten Schneekugel-Großhändler.« Der selbst ernannte Ordnungshüter deutet auf seine Mütze. »Wir sichern Ihre Sicherheit!«
Ich höre Sirenengeheul. Cops klettern die Dünen herunter und legen dem Schneekugeltypen Handschellen an.
»Alter!« Gonzo winkt mir zu. Er hat sich hinter einem geparkten Wagen in Sicherheit gebracht. Aber ich kann nicht aufhören, auf die Schneekugel zu starren. Drinnen ist ein Engelchen zu sehen. Es presst die Hände gegen das Glas und sein winziger Plastikmund ist zu einem Schrei verzerrt.
»Alter! Hey!«
Mir tut alles weh und ich bin noch wie betäubt. Gonzo muss mich fast hinter die Düne schleppen. Die Schneekugel bleibt liegen. Ich wehre mich, will noch einmal zurückgehen, aber ich habe keine Kraft mehr, und außerdem wimmelt es am Strand von VSG-Mitarbeitern.
Unten am Strand ist Balder weiterhin der knallharte Krieger. Egal, womit sie ihn beschießen: Es prallt an ihm ab. Sie können ihn nicht fassen und sie können ihn nicht töten. Plötzlich blickt Balder hinaus aufs Meer und lässt mit einem Freudenschrei das Holz fallen.
»Die Ringhorn!«
In Windeseile packt VSG-Mitarbeiter #457 den Stock und versenkt ihn in Balders Rücken. Das Holz durchbohrt den Körper und tritt an der Brust wieder aus. Balder scheint überrascht, besonders als es ihm nicht gelingt, den Stock herauszuziehen. Aber das hält ihn nicht auf; er rennt direkt zum Wasser, taucht in die Wellen ein und verschwindet aus unserem Blickfeld.
Ich will zu ihm rennen, aber das Risiko ist zu groß. Also verstecken wir uns weiter hinter der Düne und beobachten, was geschieht. Zwei der selbst ernannten Ordnungshüter waten ins Wasser, ziehen Balder heraus und legen ihn in den Sand. Cops erscheinen auf der Bildfläche. Einer stößt Balder mit dem Fuß.
»Da ist euer Terrorist«, kichert der Cop. »Ein Gartenzwerg!«
Aussagen werden zu Protokoll genommen und die Telefonnummern von Augenzeugen notiert. Die Letzten, die die Szene verlassen, sind die Hobbybullen.
»Sollten wir den Gartenzwerg nicht für die weitere Aufklärung mitnehmen?«, fragt Mitarbeiter #458.
»Nee. Lass ihn einfach liegen«, antwortet Mitarbeiter #456. Gehen wir zurück zum Hotel. Die haben Casino Cash im Kabelangebot.«
»Kann ich ihn haben?«, fragt ein kleines Mädchen mit einer Plastikschaufel.
»Sicher«, sagt Mitarbeiter #458, und das Kind beginnt damit, unserem Gartenzwerg ein Grab im Sand zu schaufeln.
»Wenigstens haben wir die.« Mitarbeiter #458 schüttelt die Schneekugel in seiner Hand und mein Herz hüpft gleich mit.
Starr vor Schreck beobachte ich, wie sie Dulcie in eine Luftpolsterfolie einwickeln, sie zu den anderen Schneekugeln packen und die Schachtel auf ihren Lkw laden. Ich merke mir das Nummernschild: VSG 3111.
Sie lenken den Wagen über die Straße und halten auf dem Parkplatz des Ancient Mariner Hotels. Sie verschließen den Wagen mit zwei verschiedenen Zahlenschlössern. Mir rutscht das Herz in die Hose.
»Alter«, sagt Gonzo ruhig, »Balder.« Und ich weiß, dass ich im Augenblick nichts anderes tun kann.
Wir laufen zu unserem tapferen Wikinger, um ihn zu retten. Er ist bis zum Hals im Sand eingegraben und das Stück Holz steckt immer noch in seinem Körper.
Ich gebe dem Kind zehn Dollar. »Für den Gartenzwerg.«
Wir tragen Balder an einen abgeschiedeneren Ort. »Ich hab sie gesehen. Ich hab … Ringhorn gesehen.« Wir helfen ihm auf die Beine. Er zuckt zusammen. »Cameron? Geht’s dir … gut?«, fragt er.
»Sie haben Dulcie. Sie haben sie in eine Schneekugel gesteckt.« Ich versuche, nicht zu weinen. Meine Augen brennen.
»Das tut mir … leid«, sagt Balder. Er zieht am Holzspeer, kann ihn aber nicht entfernen.
Er ist wirklich in ihm verkeilt. »Zieht ihr mal?«
Zusammen gelingt es uns, den Stock herauszureißen. Das Ende ist glitschig und färbt meine Hände rot.
»Oh, du meine Güte!«, ruft Balder.
Er steht mit ausgebreiteten Armen da und starrt, völlig verwundert, auf seine Brust. Jetzt sehe ich es: Ein kleines Rinnsal Blut sickert hervor. Balder blutet!
Gonzos Augen werden weit.
»Meine Güte!«, wiederholt Balder. Er legt eine Hand auf die Brust. Das Blut sickert wie ein kleiner roter Wasserfall durch die geschlossenen Finger. »Dieser Stock …« Er untersucht die Enden. Ein kleines Büschel weißer Beeren sprießt daraus hervor. Balder zerreibt die Beeren zwischen seinen Fingern und schnuppert. »Mistelzweig.«
»Balder!«, schreie ich, als seine Beine nachgeben. Ich halte ihn fest und wir fallen in den Sand. Warmes Blut sammelt sich in meinen Handflächen. »Balder.«
Unser Wikinger atmet flach und schnell. »Alle versprachen, Balder kein Leid zuzufügen … außer der Mistelzweig, der noch zu jung war. Aber Loki, Loki der Betrüger … er muss es gewusst haben …«
»Schschsch, nicht sprechen. Wir tragen dich zum Wagen.«
»Nein«, sagt er und hustet. »Nein. Lasst mich hier am Strand. Für die Ringhorn.«
Es ist dunkel geworden. Die Fischerboote kehren vom Meer zurück. Ihre Positionslampen werfen einsame kleine Lichtringe aufs Wasser. Keine Ringhorn weit und breit.
»Wir kommen wieder her, wenn die Ringhorn da ist«, lüge ich. »Du brauchst einen Arzt.«
»Nein. Die Ringhorn kommt. Wartet. Bleibt bei mir«, bittet Balder inständig.
Gonzo hat die Arme verschränkt. Er stampft auf und weint nahezu lautlos. Nur ein ersticktes Schluchzen ist zu hören, tief in seinem Inneren.
»Wartet mit mir«, bittet Balder noch einmal.
Wir halten die ganze Nacht Wache. Zwischendurch sehen wir nach dem Lkw. Manchmal murmelt Balder ein paar Worte im nordischen Singsang. Dann greift er nach etwas, was er nicht erreicht und was wir nicht sehen können. »Die Finsternis weint nicht«, flüstert er. Gegen Sonnenaufgang wird er so ruhig, dass ich mir Sorgen um ihn mache. Die Frühaufsteher unter den Surfern gewöhnen sich gerade an die Wellen. Möwen kreisen über uns.
»Ich mag … diese Töne.« Balders Worte sind nur noch ein flaches Keuchen.
Zuerst denke ich, er meint Gonzos Schniefen. »Welche Töne, Balder?«
»Die Möwen. Wie sie kreischen. Und die Wellen. Wie sie antworten. Wie sie … den Strand überspülen. Sag ihnen, alles ist …« Seine Augen rollen hin und her, wie wenn er nach dem Wort, nach dem Gedanken sucht. Er schaut mich an, als ob er es gerade gesagt hätte. »Gut?«
Ich lausche, aber alles, was ich höre, ist das Geschrei dieser verdammten Vögel. Einer fängt an, die anderen stimmen ein. Dann kreischen sie alle auf einmal. Es ist ein schreckliches Geräusch.
»Balder …«, sage ich.
Auf seinen Lippen liegt noch dieses eigenartige kleine Lächeln. Seine Augen starren unbewegt in die Ferne. Die Möwen fliegen davon und lassen nichts zurück als das tröstliche Rauschen der Wellen, die an den Strand brausen, den Sand überspülen und sich wieder zurückziehen, immer und immer wieder. Alles. Gut. Alles. Gut. Alles. Gut.
Wir brauchen einige Zeit, um alles zusammenzutragen, was wir benötigen. Wir finden ein Surfbrett, einen Pappkarton von der Tacobude, ein herrenloses T-Shirt, Muscheln und eine Handvoll Seegras und Stöckchen. Mit Klebeband fixieren wir den Karton am Surfbrett und pimpen das Ganze mit dem Rindergehörn des Caddys. Wir füllen die Schachtel mit Sammys Surferanzug und all meinen Great Tremolo-CDs. Als wir damit fertig sind, legen wir Balders leblosen Körper ganz sanft obendrauf, gekleidet in sein Kettenhemd und mit dem Helm auf dem Kopf, wie ein Wikingerkrieger auf dem Weg nach Walhall. Am Schluss beschriften wir das
Schiff: RINGHORN.
»Und, was denkst du?«, frage ich Gonzo.
»Gut.« Seine Augen sind gerötet. Er nimmt noch einen Sprühstoß aus seinem Inhalator und legt ihn dann in Balders Hände. »Die Luft dort könnte scheiße sein.«
Er drückt mir ein blaues Wegwerffeuerzeug in die Hand, das wir im Sand vor der Tacobude gefunden haben. Ich halte die Flamme ans trockene Seegras, das sofort zu rauchen beginnt. Die Flammen fressen sich ziemlich schnell durch die Pappe. Binnen Sekunden umgibt Balder ein heißer orangefarbener Flammenhof. Ich hebe meinen Fuß, Gonzo gibt dem Surfbrett einen letzten Stoß – und den Rest erledigt das Meer. Die ziemlich heftigen Wellen werfen unseren provisorischen Scheiterhaufen hin und her und überspülen ihn schließlich, bis das Letzte, was vor dem pfirsichfarbenen Horizont noch zu sehen ist, diese behämmerten Rindshörner sind.
Und dann sind auch die verschwunden.
Eine Stunde später verlässt der Lkw der Vereinigten Schneekugel-Großhändler mit dem Kennzeichen VSG 3111 den Hotelparkplatz. Nach einer Minute folgen wir ihm.