KAPITEL FÜNFZEHN

Handelt davon, was passiert, wenn ein wahnsinnig wichtiger Auftrag auf mich zukommt oder vielleicht auch nur der nackte Wahnsinn. Weil manchmal der Unterschied kaum zu erkennen ist.

 

Als ich aufwache, schläft Gonzo, und meine Eltern müssen aus dem Zimmer gegangen sein. Die Ecken des Raums werden durch einen weißen Lichtschein weicher. Der strahlende Glanz wird so stark, dass ich meinen Arm vor die Augen halten muss.

»Hallo, Cameron.«

Das Strahlen flaut ab und sie steht am Ende meines Bettes – die Eine, die mir überallhin folgt und gefiederte Botschaften hinterlässt. Ich sehe die zerrissenen Netzstrümpfe, den karierten Minikilt, den blanken, genieteten Brustpanzer mit Lederriemen an den Seiten und ein abgewetztes Great Tremolo-Klebetattoo nahe der linken Schulter. Ihre Flügel sind irre schwarz-weiß kariert, wie ein Schachbrett, als ob das Muster aufgesprüht worden ist. Sehen aus wie obercoole Sneakers.

Brauchst nur zu blinzeln und die Halluzination verschwindet, Cameron. Ich schließe die Augen ganz fest und öffne sie wieder, und sie ist immer noch da, fröhlich und funkelnd und lächelnd.

»Hallooooo«, trällert sie und droht mir mit dem Finger.

»Bitte«, krächze ich. »Ich – ich bin noch nicht bereit.«

»Nicht bereit wofür?« Sie setzt sich direkt neben mich aufs Bett und hakt die Absätze ihrer Springerstiefel am Metallrahmen ein. Sie zieht eine Tüte mit Süßigkeiten hinter ihrem Brustharnisch hervor und bietet sie mir an. »Schokoleckerli gefällig?«

Mir entweicht ein ungewollter quiekender Lacher. »Du bist nicht wirklich. Du bist ne Halluzination.«

»Erscheine ich dir im Augenblick wirklich oder nicht?«

Ich nicke.

»Na, sag ich’s doch.« Sie schlingt eine Handvoll Schokoleckerli hinunter. »Oh, meine Güte, die sind wirklich toll! In der Werbung wird ja so oft gelogen. Aber die sind wirklich beides – schokoladig und lecker.« Sie ertappt mich, wie ich ihre Flügel anstarre. »Mach schon. Kannst sie berühren, wenn du willst.«

»Mhm-mhm«, sage ich entschieden. Wenn ich sie nicht berühre, gibt es sie nicht.

Sie rutscht näher und trällert: »Du weißt, dass du willst …«

»Okay, kannst du damit aufhören? Das gibt mir das Gefühl, eine schmutzige Fantasie zu haben.«

Sie tut so, als ob sie ihre Lippen versiegelt.

»Ist nicht bös gemeint, aber das ist doch nur« – ich hole tief Luft und meine Finger bewegen sich in Richtung ausgebreitete Flügel – »ist doch nur, ähm … manchmal, da hat mein Gehirn irgendwie so Aussetzer, weißt du? Und …«

Die Flügel sind das Sanfteste, das ich je angefasst habe, samten wie der Flaum eines Entenkükens. »Scheiße!« Ich ziehe meine Hand zurück. »Oh Gott. Oh Mist. Das fühlt sich echt an. Oh, wow!«

»›Wow‹ ist ein Palindrom! Dasselbe Wort, vorwärts und rückwärts buchstabiert. Ist das nicht cool?«

Ich starre sie an. »Wer … wer bist du?«

Ihr Lächeln erhellt den Raum. »Ich bin Dulcie. Freut mich, dich kennenzulernen.«

»Meine Halluzination hat einen Namen.« Ich versuche mich an etwas festzuhalten, was den Anschein von Vernunft hat. »Genau. Du – du bist mir gefolgt«, sage ich, wie ein genervter Direktor, der einen Schüler zurechtweist. »Zuerst zu unserem Haus. Zu Buddha Burger. In die Schulturnhalle. Und du hast mir eine Feder hinterlassen.«

»Und trotzdem hast du mich nicht angesprochen. Männer!« Sie deutet auf den ungeöffneten Puddingbecher auf meinem Tablett. »Isst du den noch?«

»Nein«, krächze ich.

»Macht’s dir was aus?«

Ich kann nur den Kopf schütteln.

»Danke. Oh, hey, schau mal.« Sie legt den Löffel auf ihre Nasenspitze und nimmt langsam die Hand weg. Dort balanciert er für einen Augenblick und fällt dann in ihre aufgehaltene Hand.

»Ist das nicht cool?«

»Ja. Cool.« Ich habe einen Kloß im Hals, so groß wie Chet Kings Faust. »Also … bist du nur so was wie … auf Besuch da? Oder ist das … bin ich …?«

»Was?«

»Tot?«

Sie guckt überrascht. »Oh, schluchz! Nein! Sei nicht so ein Jammerlappen.« Ihr Lächeln verschwindet schnell. »Aber wir haben viel zu bereden und wenig Zeit.«

»Worüber müssen wir reden?«

»Über deinen Auftrag«, sagt sie mit vollem Schokoladenpuddingmund.

»Meinen … Auftrag.«

»Deinen Auftrag. Wir brauchen deine Hilfe, Cameron.«

Ich höre mein Herz im Kopf pochen. »Was heißt ›wir‹?«

Sie schreibt mit ihrem Löffel Buchstaben in die Luft. »Wir. Plural von ›Ich‹. Auf Lateinisch ›Nos‹. Wow, ich vermisse Latein. So viel Spaß – all diese aufregenden Verben, die immer erst ganz am Schluss des Satzes stehen. Das ist wie ein Kinotrailer für ne Sprache.« Sie schluckt noch einen Löffel Pudding hinunter und rollt verzückt mit den Augen. »Bist du sicher, dass du nix davon willst? Es ist erstaunlicherweise essbar.«

»Auftrag?«, frage ich noch mal.

»Genau.« Sie starrt mich direkt an. »Hast du jemals von einem Typen namens Dr. X gehört?«

»Nein«, sage ich.

»Nichts von Dr. X?«, fragt sie noch einmal.

»Ich kenne verschiedene Dr. Arschlöcher, die jeden Tag hier reinkommen, um was in meine Patientenakte zu kritzeln und mich mit spitzen Gegenständen zu stechen, damit sie Punkte für die Weltmeisterschaft der Sadistischen Pfadfinder sammeln. Soweit ich weiß, ist da kein Dr. X dabei.«

»Du bist sehr witzig, weißt du das?«

»Das kommt daher, weil ich halluziniere.«

»Dr. X ist ein brillanter Wissenschaftler. Ein Genie in Sachen Metaphysik. D-Branen, Parallelwelten, Zeitreisen, Wurmlöcher, Superstringtheorie, M-Theorie, Y-Theorie, Doppel-Z-Theorie, die Theorie von Allem und ein bisschen Mehr. Dieser Typ stand überall an der Spitze der Forschung.«

Allein der Versuch, ihr zu folgen, bereitet mir Kopfschmerzen. »Mein Dad sagt, dass dieser Kram keine richtige Wissenschaft ist, weil nichts bewiesen werden kann.«

Ihre linke Augenbraue schießt in die Höhe. »Hmmmm. Jedenfalls … Dr. X hat es schließlich getan.«

»Es.«

»Jawoll.« Sie leckt den Löffel sauber. »Personalpronomen. Nicht geschlechtsspezifisch, dritte Person Singular.«

Das ist von Amts wegen meine bisher eigenartigste und irritierendste Halluzination. »Was hat denn Dr. X schließlich getan?«, sage ich langsam.

»Er hat herausgefunden, wie man durch Raum und Zeit reist. Er hat so was wie Parallelweltenhopping betrieben und hat dabei ne ganze Menge kosmische Vielfliegermeilen gescheffelt. Aber das ist nicht das Problem. Er ist wieder zu Hause.« Sie runzelt die Stirn. »Und er hat was mitgebracht.«

»So was Sinnvolles wie ein T-Shirt oder ne Kaffeetasse?«

»Nicht ganz.« Sie legt den Löffel ab. »Hast du jemals von dunkler Energie gehört?«

»Nein. Was ist das?«

»Keine Ahnung. Niemand weiß wirklich, was dunkle Energie ist, außer dass der größte Teil des Weltraums aus ihr besteht. Sie ist ein ewiges Rätsel. Als Dr. X durch Raum und Zeit reiste und eine Pause machte, um den Duft der Rosen im Higgsfeld zu schnuppern, ist er in das Zeugs reingeraten. Irgendetwas wurde erschaffen und folgte ihm in diese Welt. Und jetzt ballt es sich zu was Neuem zusammen, dehnt sich aus, beschleunigt Prozesse und destabilisiert alles.« Sie sieht besorgt aus. Um ihren Mund herum ist die Schokolade verschmiert wie der Lippenstift eines Clowns. »Du musst Dr. X finden und ihn dazu bringen, das Wurmloch zu schließen, bevor der ganze Planet in Flammen aufgeht. Bevor alles ausgelöscht wird.«

»Boaah. Was meinst du damit, ich muss Dr. X finden? Sollte das nicht in deinen Zuständigkeitsbereich fallen? Nutz doch deine Superkräfte als Engel oder was auch immer. Zieh mich da nicht mit rein.«

Sie schaut mich direkt an. »Cameron, fragst du dich nicht manchmal, wie du zu deiner Krankheit gekommen bist?«

Ich habe ungefähr tausend Stunden damit zugebracht, mich genau das zu fragen. »Sie sagen, es könnte ein verdorbener Burger gewesen sein.«

Dulcie knurrt angewidert. »So was von fantasielos. Nein. Alles hängt mit allem zusammen, Cameron. Es gibt keine Zufälle. Deine Krankheit wird nicht von Viren oder Bakterien verursacht – es ist etwas vollkommen anderes, etwas, das tatsächlich deine DNA verändert. Diese Prionen, mein Freund, sind wie Monteure in einer Autowerkstatt, die dein Geistesfahrzeug aufmotzen.«

»Vielen Dank. Sehr ermutigend.«

»Verstehst du das nicht? Die Prionen greifen im Augenblick dein Gehirn an. Sie entspringen der gleichen instabilen dunklen Energie. Darum finden die Ärzte nichts heraus. Weil das, was dich angreift, aus einer anderen Welt kommt.«

»Aber wie –«

Sie hält einen Finger in die Höhe. »Ich komm gleich drauf. Man drängelt ein Mädchen nicht mitten in seinen Erläuterungen. Aber die Prionen werden dir auch ermöglichen, Dr. X zu finden. Sie können dir helfen zu sehen, was alle anderen übersehen. Weil dein Gehirn nicht richtig tickt, bist du in der Lage, mehr zu verstehen als jeder andere, mich eingeschlossen.« Sie klopft mir seitlich an den Kopf. »Was da drin im Augenblick los ist, das wird dich dabei unterstützen, die Zeichen zu deuten und den geheimen Aufenthaltsort von Dr. X aufzuspüren.«

»Zeichen?«, wiederhole ich, weil ich gerade mal drei Worte von dem verstanden habe, was sie gesagt hat.

»Ja. Ja! Zeichen!« Sie springt aufgeregt in die Höhe und schleudert fast meinen Plastikkrug mit Wasser zu Boden. »Zeitungsanzeigen, Zettel auf Anschlagbrettern, ›Zufälle‹ – Dinge, auf die sonst niemand achtgibt. Das sind Anhaltspunkte für deine Reise. Es liegt an dir, sie zu entschlüsseln, Zusammenhänge zu erkennen und herauszufinden, was das alles bedeutet.«

Ich presse die Hände an meinen Kopf, als ob ich das alles dadurch beenden könnte. »Das ist absolut die verrückteste Scheiße, die ich jemals gehört habe.«

»Wirklich? Mannomann, ich könnte dir ein paar Sachen erzählen …« Sie lacht und hält dann inne. »Gut. Ist nicht wichtig. Also. Wie auch immer. Da ist ne Menge los, in diesen Anzeigenblättern. Du wirst überrascht sein. Diese Texte sind Botschaften zwischen den Universen. Und genauso hat Dr. X mit der Außenwelt kommuniziert. Durch Zeitungsanzeigen. Er braucht Hilfe, Cameron – ihm geht’s nicht gut.«

»Aber, was ich tun könnte, das wäre doch absolut zufällig!«

Dulcie klemmt ein Büschel Haare hinters Ohr. »In einer Welt wie dieser ergeben nur die Zufälle einen Sinn.«

»Warte, ich denke, du hast eben gesagt, dass alles mit allem zusammenhängt. Wie kann dann beides –«

»Zufällig verbunden und verbindlich zufällig sein«, sagt sie und begutachtet Jennas Plüschkatze, Mr Bubbles. »Süß. So sanft. Baumwolle? Hallo, Kätzchen. Glaubst du, Cameron sollte auf diese Mission gehen und die Welt vor der totalen Zerstörung retten? Wenn ja, brauchst du nur zu nicken.« Sie lässt die Katze nicken.

Ich reiße ihr Mr Bubbles aus der Hand. »Ich versteh immer noch nicht, warum du diesen Typen nicht finden kannst. Du bist doch ein Engel – oder etwa nicht? Hast du nicht irgendwelche Superkräfte? Den Hirten auf dem Felde erscheinen und Trompete blasen? Laseraugen? Allermindestens solltest du so ne Art Engel-GPS haben, um vermisste Leute aufzuspüren.«

»Ich bin nur ein Bote. Sonst nichts.«

Ein prickelndes Gefühl zieht in meinen Armen hoch. »Halt, bist du eine Außerirdische? Wo kommst du her?«

»Welch große Fragen! Auf jeden Fall will ich dich nicht verarschen. Ich werde dich nicht mit den Zeitungsanzeigen und Anschlagbrettern alleinlassen. Da und dort werde ich vorbeischauen.«

»Vorbeischauen?«

»Da und dort.«

Ich verschränke meine Arme vor der Brust. Draußen im Flur hebt ein Pfleger jemanden auf eine Tragbahre. »Sag mir einen Grund, warum ich das tun sollte.«

Sie lutscht wieder am Plastiklöffel. Als sie ihn aus dem Mund zieht, ist er von Lippenstiftresten überzogen. »Das Beste hab ich für den Schluss aufgehoben. Es gibt eine Bonusrunde. Dr. X ist der einzige Mensch, der dich heilen kann.«

Ich setze mich kerzengerade auf. »Stopp. Sie sagen, es gibt keine Heilung –«

»– von der sie wissen«, unterbricht Dulcie. »Aber es gibt ein Heilmittel. Und Dr. X hat es.«

Ein Heilmittel. Das scheint so lächerlich wie diese besprayten Federn, die sie zur Schau trägt. Aber ein Heilmittel 

»Ich weiß nicht, ob du’s bemerkt hast, aber ich hänge am Tropf. Ich kann mich kaum bewegen.«

»Ja, ich kann dir da ein bisschen aus der Patsche helfen, Cowboy. Ich besitze was, das Dr. X zurückgelassen hat. Etwas aus seinen frühen Experimenten. Gib mir mal dein Handgelenk.« Ich tue es und sie legt mir so was wie ein großes Uhrenarmband aus Plastik um. »Dein befristeter Passierschein. Er hält die Symptome in Schach und stabilisiert deinen Zustand für ungefähr zwei Wochen. Dann …«

»Was dann?«

Ihr Lächeln verschwindet. »Dann ergreifen die Prionen die Macht. Sie reißen dir deinen Geist auseinander, in der gleichen Weise, wie die dunkle Energie die Welt in Stücke reißt.«

Mein Herz schlägt ein bisschen schneller, als ich sie das sagen höre. Im Uhrenarmband befindet sich eine beschriebene, laminierte grüne Karte. Walt Disney World. Magic Kingdom. »E.« Zutritt für Erwachsene. Gültig wahlweise für – auf der linken Seite findet sich eine Liste: Adventureland, Frontierland, Liberty Square, Fantasyland, Tomorrowland. »Was ist das?«

»Ein E-Ticket«, sagt sie ganz aufgeregt.

»Ein E-was?«

»Ein E-Ticket. Die haben sie in Disney World vor tausend Jahren benützt. Damit kam man direkt zu den besten Attraktionen. Affengeil! Natürlich gibt’s solche Tickets heute nicht mehr, also solltest du mit diesem einen behutsam umgehen.«

Ich starre auf das Ticket. Es ist nichts weiter als eine grüne Karte in einem Armband um mein Handgelenk. »Und das soll mich beschützen – wie?«

Sie schleckt den Puddinglöffel sauber und wirft ihn aufs Tablett. »’tschuldigung. Das ist eine streng geheime Engelinfo.«

All meine Hoffnung schwindet. In einer Minute werde ich aufwachen. Ich werde aufwachen, und es wird wieder ein Tag sein, an dem ich einen Traum lebe, in dem ich langsam sterbe – einen Traum, aus dem ich immer und immer wieder zu erwachen hoffe, bis es vorbei ist.

»Okay, weißt du was? Offensichtlich hab ich gerade eine von Schmerzmitteln verursachte Halluzination. Und ich bin mir sicher, dass du eine sehr nette Halluzination bist, mit einer superfantastischen, nicht realen Persönlichkeit, aber jetzt werde ich wieder einschlafen, und wenn ich aufwache, bist du weg.«

Sie legt die Hand auf meine und das fühlt sich so sanft an wie ihre Flügel.

»Cameron, wir haben alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft.«

»Du hast mir noch nicht gesagt, wer ›wir‹ ist!«

Sie saugt Luft durch die Zähne und nickt. »Ja. Ich weiß. Cameron, du bist unsere letzte große Hoffnung. Ich bitte dich, die Welt zu retten, Cowboy.«

»Stopp«, sage ich und schiebe mich wieder hoch, »das ist ne Zeile aus Star Fighter

Sie grinst mich albern an. »Ja! Ich konnt nicht widerstehen. Großes Kino, stimmt’s? Jedenfalls die frühen Filme. Die späten … na ja. Oh, fast hätt ich’s vergessen. Noch eine Sache«, sagt sie und beißt auf ihre Lippen. »Du musst Gonzo mitnehmen.«

»Was?«

»Du brauchst auf dieser Reise einen Partner. Jeder braucht einen Partner.«

Ich falle zurück aufs Kissen und verschränke die Arme über meiner Brust.

»Ich nicht. Ich reise allein oder überhaupt nicht.«

Sie kneift die Augen zusammen. »Und wer hat eben Star Fighter zitiert?« Ihre Stimme wird tiefer und kriegt einen gekünstelten Ton. »›Ich nicht, Prinzessin. Ich reise allein oder überhaupt nicht.‹ Okay. Aber darum geht’s nicht. Worum es geht, ist, dass du einen Partner brauchst, einen Freund, einen Handlanger, einen Mitverschwörer. Und, offen gesagt, auch Gonzo kann etwas Hilfe brauchen. Ich meine, schau ihn dir an.«

Sie zieht den Vorhang einen Spalt auf. Gonzo schläft mit offenem Mund und schnarcht leise. Unterm Kinn liegt eine zerknitterte Captain Carnage-Videospielanleitung.

»Du würdest der Allgemeinheit einen wertvollen Dienst erweisen.«

»Nein, nein und noch mal nein.« Ich zähle die Gründe auf, weshalb das eine schlechte Idee ist. »Erstens: Er ist ein notorischer Schwätzer. Zweitens: Er telefoniert ungefähr fünf Mal am Tag mit seiner Mom. Drittens: Er schnarcht. Viertens ist er ein totaler Hypochonder und glaubt, dass ihn alles umbringen wird.«

Dulcie zuckt mit der Schulter. »Nobody’s perfect.«

»Vor Kurzem hat er behauptet, dass beim Herstellen von Toilettenpapier Chemikalien verwendet werden, die zu Mastdarmkrebs führen können. Also bringt er jetzt morgens seinen Geheimvorrat an spezialrecycelten Klorollen mit. Er wird niemals Ja sagen.«

»Bevor du ihn nicht fragst, wirst du’s nicht wissen. Übrigens ist sein Schicksal mit deinem verknüpft. Alles hängt mit allem zusammen.«

»So was wie Schicksal gibt’s nicht.«

»Ausgenommen ein zufälliges Schicksal.«

»Das ist … Irrsinn.«

»Ja.« Sie grinst. »Irrsinn. Scharfsinn. Schwer zu entscheiden. Sieh mal, Cameron, ich bin nur ein Bote. Ich weiß nicht alles. Aber eins weiß ich: Dir wird eine Chance gegeben. Ergreif sie und du wirst vielleicht überleben. Wenn du hierbleibst, wirst du todsicher sterben.« Dulcie knuddelt Mr Bubbles und streicht ihm mit den Fingern durchs Samtfell. »Was meinst du? Du und Gonzo, ihr fügt die Puzzleteile zusammen, findet Dr. X, werdet kuriert, rettet das Universum. Abgemacht, Cowboy?«

Mein Kopf tut weh; es ist fast Zeit für meine Schmerzmittel. Wo ist Glory? Ich möchte mich für eine Weile einfach nur ausklinken. Nichts denken, nichts fühlen. Ich drehe mich auf die Seite, weg von Dulcie. »Ich denk drüber nach.«

»Okay.« Dulcie neigt sich über mich und klemmt mir die Katze in die Armbeuge. »Aber, Cameron? Denk nicht zu lang drüber nach.«

Nacht

Mom und Dad und Jenna sind hier. Sie lagern um mich herum und gucken irgendeine stumpfsinnige Episode einer noch stumpfsinnigeren Show auf YA! TV namens Was ist dein Talent?. Kids müssen Fragen beantworten, um zu beweisen, dass sie mehr als irgendjemand anders über ein besonders hirnrissiges Thema wissen. Und wenn sie zu viele falsche Antworten geben, werden sie in einen Pool, voll mit einem übel riechenden Igitt, getaucht.

»Alter«, flüstert Gonzo und wendet seinen Blick nicht vom Bildschirm, »Alter, hast du jemals Doppeltes Risiko gesehen?«

Ich schüttle den Kopf. Mein Schädel pocht, und ich kann nicht anders, als an das zu denken, was Dulcie mir gesagt hat. Daran, dass diese Prionen, die mein Gehirn attackieren, geheimnisvolle Agenten aus einer anderen Welt sind. Es wäre so schön, all diese Gedanken mit einer dicken fetten Dosis Schmerzmittel auszulöschen, aber ich kriege frühestens in einer Stunde was, sagt Glory, die … hier war. Wann? Ich weiß es nicht.

»Geil! Einmal sollte dieser Typ seinen Arsch rasieren – im öffentlichen Fernsehen, landesweit! Und der Kerl hat’s getan! Die Leute waren völlig aus dem Häuschen.«

Wann kriege ich meine Schmerzmittel? Ich könnte die Minuten zählen. Könnte schlafen und nicht aufwachen. Ich könnte hierbleiben und auf das Unausweichliche warten.

 

Die Welt retten. Unmöglich. Irrsinn.

Trotzdem.

Heilung. Ich könnte geheilt werden. Das hat sie gesagt. Und in mir wachen ein paar kleine Atome auf und verbinden sich zu einer Frage, die ich nicht abschütteln kann: »Zum Teufel, warum nicht?«

Ich könnte eine Chance haben.

Und eine Chance ist besser als nichts.