In dem wir ein Auto kaufen und der Zwerg ein neues Outfit kriegt
Wir müssen fünfzehn Dollar unserer wertvollen Kohle für ein Taxi berappen, um über diesen Highway zu Arthur Limbauds Autohof zu kommen. Der Platz ist riesig, Tausende von Quadratmetern voller Wagen, deren Preise mit Schuhcreme auf die Windschutzscheiben geschmiert sind. Allerdings sind alle zu teuer für unser Budget. Düstere Aussichten. Wir gehen auf das niedrige Betongebäude in der Mitte zu, das mit farbenfrohen Plastikfähnchen dekoriert ist. Sie flattern im Wind und drehen sich wie Windmühlenflügel. Im Ausstellungsraum stehen wunderschön glänzende Autos auf erhöhten, rotierenden Podien. Das sind die Schau-mich-erst-gar-nicht-an-weil-du-dir-mich-sowieso-nicht-leisten kannst-Wagen. Ein großer Mann mit Anzug im Westernschnitt, Cowboystiefeln und Cowboyhut schreitet auf uns zu. Sein Gesicht ist zerknittert wie eine alte Landkarte, überall sieht man Runzeln. Er trägt einen dichten schwarzen Schnurrbart. Aus dem Mundwinkel lugt ein Zahnstocher, den er mit der Zunge bearbeitet und hin und her rollt. »Hi-dee«, sagt er und schüttelt fest meine Hand. »Willkommen bei Limbaud’s Schönheiten aus zweiter Hand: Jeder Wagen ein Prachtexemplar. Das is unser Motto. Was kannich für euch tun, Gen’lemen?«
»Also«, beginne ich.
»Ihr zwei Jungs habtn ganz besonderes Ziel? Lasst mich raten: Ihr habt grad die Highschool geschafft und nun wollter unser schönes Land sehn. Stimmt’s?«
»Yes, Sir«, sage ich in bester Pfadfinder-Manier. »Sie haben recht.«
»Nu quatscht nich so prächtich. Wo wollter zuerst hin?«
Ich sage »Montana« und Gonzo, zeitgleich, »Florida«.
»Is ne weite Reise«, sage ich.
»Well, is ja mächtich prächtich, mächtich prächtich.« Arthur grinst, mit seinem Zahnstocher zwischen den Zähnen, die wie Nikotinflecken aussehen. »Was für ne Schönheit habter denn im Auge?«
»Wir brauchen was, das nicht teuer ist«, sage ich und hoffe, dass er nicht lacht und uns rauswirft, wenn er hört, was wir ausgeben können.
»Wir hamm alles hier, mein Sohn. Kein Geldbeutel is zu klein.«
»Wir brauchen was für unter dreitausend Dollar …«, sage ich und beobachte, wie Arthurs Grinsen verblasst. »So ungefähr.«
»Dreitausend Dollar, hä?«, sagt er und stößt einen langen Pfiff aus, der den Zahnstocher vibrieren lässt.
»So ungefähr«, ergänzt Gonzo.
»Das bringt mich ’n bisschen in die Klemme«, sagt Arthur und schüttelt dabei traurig den Kopf. »Aber wenn ich seh, wie ihr Jungs mit eurem ganzen Herzen eure Heimat sehn wollt, und weil ich auch mal ’n junger Mann gewesen bin, lasst mich mal gucken, was ich für euch tun kann. Wartet mal.«
»Warum faxt du nicht gleich der Polizei unsere Reiseroute?«, frage ich Gonzo, als Arthur im Büro verschwindet.
»’tschuldigung«, sagt er.
»Könnt ihr mir was von diesem kostenlosen Plundergebäck besorgen?«, fragt Balder. Er stützt sich auf der Motorhaube eines funkelnden Pick-up-Trucks ab, wie eine bizarre Mischung aus Kühlerfigur und Verkehrsunfallopfer. Ich bringe ihm eine Quarktasche und einen Becher starken schwarzen Kaffee mit milchfreiem Kaffeeweißer, der die Oberfläche mit kleinen weißen Pünktchen übersät. Das sieht irgendwie krank aus, aber Balder trinkt ihn trotzdem.
»Hoffentlich kannst du deinen Kaffee zurückhalten, Gartenzwerg, weil wir nämlich unterwegs nicht anhalten werden«, sagt Gonzo.
»Ich bin derjenige, der schlau genug ist, sich gratis zu verköstigen, bevor wir losfahren.«
»Du weißt nicht, wie lange diese Dinger da herumliegen«, sagt Gonzo mit Schaudern, »oder wer sie betatscht hat. Das sind kleine Salmonellentaschen.«
Balder schleckt einen Klumpen Quarkfüllung aus dem Plundergebäck. »Mmmmmm.«
Gonzo wird blass. »Du bist ein kranker Typ.«
Arthur kommt zurück. Ich packe Balder und stopfe den Rest der Quarktasche in meinen eigenen Mund. Ich spüre, wie der Zwerg unter meinem Arm seufzt.
»Soooo, da sind wir wieder, Jungs, lasst nie zu, dass man sagt, Arthur Limbaud täte nicht arbeiten für seine Kohle. Ein Blick in meine Unterlagen und, jawoll, da wär vielleicht was für euch, ’n ganz besondres Vehikel. Isn hochgepäppelter Caddy, die Rosinante. Jungs, solche Schätze wern nich mehr gebaut. Achtundsechzig hammse die Produktion gestoppt. Is ne ganz besondre Karre, yessir. Und sie gehört euch für … was habt ihr gesagt, was ihr habt? Viertausend Dollar?«
»Dreitausend«, erinnere ich ihn.
Arthur zeigt mit seinem Zahnstocher auf mich. »Bistn smarter Businessman. Das mag ich. Dreitausend und er gehört euch!« Auf Arthur M. Limbauds herbem, rissigem Gesicht breitet sich ein Grinsen aus. »Hastn gutes Geschäft gemacht, mein Sohn.«
Das heißt sicher, dass wir ein Stück Scheiße kaufen, das niemand sonst auch nur berühren würde. Es ist mir egal, ob es von Spucke und Gummibändern zusammengehalten wird. Ich brauche nur etwas, das weniger als dreitausend Dollar kostet und uns heil nach Florida bringen kann.
»Klingt großartig«, sage ich. »Äh, können wir es sehen?«
»Kommt noch, Cowboy. Eins nachm andern.« Arthur legt den Arm um meine Schulter. »Weißt du, mein Sohn, wenn ich jemandem nen Wagen verkauf, dann isses, wie wenn ich ’n kleines Stück von mir selbst hergeb. Als ob ich sein Daddy bin. Also, jetzt, wode siehst, wie ich tick, nehm ich mir die Freiheit, dir nen Rat zu geben, von Vater zu Sohn. Biste bereit dafür?«
»Yes, Sir.«
Seine Zunge wirbelt den Zahnstocher volle zehn Sekunden im Mund herum. Dann zieht Arthur ihn mit seinen tabakbraunen Fingern heraus und stochert in meine Richtung. »Son Wagen hat viel von ner Frau. Wennde se richtig behandelst und ihr gibst, wasse braucht, wennses braucht, dann bringtse dich dahin, wode hinwillst, ohne den geringsten Trouble. Aber wennde se schlecht behandelst, dann lässtse dich im Stich. Verstehste mich?«
Das war’s schon? Das war sein Vater-Sohn-Ratschlag? Oh, Jesus!
»Yes, Sir, hab’s verstanden.«
»Ausgezeichnet. Ausgezeichnet.« Er klatscht und reibt sich dann die Hände. »Also denn, schaun wir uns die Schönheit an.«
Er führt uns durch Reihen funkelnder Wagen mit ihren an den Scheibenwischern befestigten orangefarbenen Werbeballons. Voller Hoffnung beäugt Gonzo jedes Auto, in der Erwartung, das nächste könnte es sein. Ich trage Balder in meinen Armen.
»Wasn das da? Euer Maskottchen?« Arthur zeigt auf Balder.
»So was Ähnliches«, sage ich.
»Niedlicher kleiner Kerl.«
Arthur biegt um eine Ecke, und wir gelangen auf einen zweiten Parkplatz, der hinter einer Autowerkstatt versteckt liegt. Die Wagen hier sehen aus wie die Kinder in diesen Nachrichtensendungen, die nie adoptiert werden, Kinder, die in rumänischen Waisenhäusern ihr ganzes Leben lang weggesperrt sind. Arthur führt uns in den letzten Winkel des Parkplatzes, wo ein Kahn von einem Wagen steht. Eine Art Goldfarbe wurde auf den hellblauen Lack gesprayt und die Beifahrertür ist verbeult. Dort, wo auf der Haube eine Kühlerfigur sein sollte, ist mit Draht ein riesiges Rindergehörn festgezurrt. Das sieht so aus, als ob der Wagen einen Schnurrbart hätte.
»Gen’lemen – der Caddy Rosinante!« Mit lautem Knarren stemmt Arthur die Beifahrertür auf. »Rutscht rein, Jungs.«
Wir steigen ein und lehnen uns an die rissigen Kunstledersitze. An einigen Stellen quillt das Schaumpolster hervor. Was für die Katze die Krätze ist, ist der Zustand dieser Kiste für ein Fahrzeug. Von den Vorbesitzern wurde ein monströser Gettoblaster am Armaturenbrett befestigt. Aber das riesige Lenkrad fasst sich solide an, und ich mag es, am Gehörn vorbei in die Sonne zu schauen, deren gleißendes Licht sich auf den Motorhauben der anderen Wagen bricht.
Arthur gibt mir die Wagenschlüssel. »Lass se an.«
Rosinante brummt und schnauft und hustet und fängt schließlich dienstbereit an zu schnurren. Ich hatte noch nie einen eigenen Wagen.
»Wie fühlt se sich an?«, übertönt Arthur den Motorlärm.
»Geil!«, sage ich und genieße es, wie das Lenkrad unter meinen Fingern vibriert.
»Prima«, sagt Arthur, »dann machen wir mal den Papierkram fertig.«
Widerwillig stelle ich den Motor ab und rutsche aus dem Wagen. Arthur nimmt die Schlüssel wieder an sich. »Ich brauch nur dein’ Führerschein und die Unterschrift von nem Elternteil.«
»Br-brauchen Sie die wirklich?«, stammle ich. »Meine Eltern sind tot.«
Arthurs Schnurrbart zuckt. Der Zahnstocher rollt von einem Mundwinkel zum anderen. »Tjaaaah, mein Sohn, da simmer nu inner Zwickmühle. Du bist nich erwachsen, und ich kann nur mit Volljährigen n Kaufvertrag machen, juristisch gesehn.«
Ohne den Caddy sind wir aufgeschmissen, müssten trampen oder versuchen, mit dem Bus oder dem Zug weiterzukommen, wo wir leichte Beute für jeden Cop sind. Wir brauchen diesen Wagen.
Balder schwenkt seinen Arm über Mr Limbaud. »Diese Star Fighter sind die Mühe nicht wert«, sagt er in eigenartig gekünsteltem Tonfall. »Du wirst ihnen helfen zu entkommen.«
Arthurs Zahnstocher fällt aus dem Mund. »Hat das Ding eben gesprochen?«
»Ich … er … ähm«, stottere ich.
Balder schließt die Augen und hebt eine Hand. »Lass sie gehen.«
»Heiliger Strohsack! Wie machstn das, dasser spricht?«
»Er ist ein … Spielzeug«, sage ich einfach so. »Ein Prototyp.«
»Also, verdammich«, sagt Arthur. »Was sprichter denn noch?«
»Äh, hier«, sage ich und drücke einen imaginären Knopf auf Balders Rücken.
»Wer ist dein Caddy?«, sagt er munter und fröhlich.
Arthurs Augen werden so groß wie Mühlsteine. Er lacht und klatscht sich auf die Schenkel. »Wer is dein Caddy! Wenn das nich der Knaller is!«
»Kein Jeep für’n Dieb!«, zwitschert Balder.
»Unglaublich«, sagt Arthur. In seinem schlitzohrigen Gemüt bewegt sich was.
»Oh ja«, fügt Gonzo hinzu. »Man kann ihn so programmieren, dass er alles Mögliche sagt.«
»Ihr verarscht mich nich? Hört mal, ich könnt vergessen, dass ihr keine achtzehn seid, wenn ihr mir den Zwerg dalasst. Einer wie der bringt mir jede Menge Kundschaft. Wir könntn Werbespots machn!«
»Der hier funktioniert noch nicht ganz richtig«, sage ich. »Paar Fehler im System.«
Arthurs Gesicht verfinstert sich. »Also, das isn verdammter Mist. Jammerschade, ihr Jungs hättet ne gute Figur gemacht in diesem Caddy.«
»Du kannst einen anderen haben! Du kannst einen anderen haben!«, sagt Balder mit Papageienstimme.
»Genau! Ich kann Ihnen ein brandneues Exemplar schicken, sobald ich in Montana bin. In der Werkstatt meines Vaters – meines toten Vaters. Dort wird noch gearbeitet. Und dann können Sie ihn so programmieren, dass er Sachen mit Ihrer Stimme sagt.«
»Okay, ne gute Idee. Gen’lemen, der Wagen gehört euch.«
Mit dem unterzeichneten Vertrag unterm Arm und den Geldscheinen zwischen den gelben Fingern begleitet uns Arthur zehn Minuten später wieder raus zum Parkplatz. Der Wagen wird vorgefahren. Eine Assistentin zwängt sich powackelnd aus dem Fahrersitz. Sie ist ganz in Rosa gekleidet, wie jemand, der die Nacht in einer Zuckerwattemaschine feststeckte.
»Also dann, bitte schön«, sagt sie und lässt die Schlüssel in meine Hand fallen. »Passt auf euch auf.«
Arthur fasst sie am Arm. »Carol, wart noch ne Minute. Das musste sehn. Diese Kumpels ham n Spielzeug – na, guck’s dir einfach an.«
Er drückt kräftig auf Balders Bauch. Ich kann sehen, dass das unserem Zwergenfreund gar nicht gefällt. Er gibt keinen Laut von sich. Null Chance. Aber Arthur drückt weiter. »Nu mach schon. Verdammt, sag was!«
»Ja, wissen Sie, die Systemfehler –«, beginne ich zu erklären.
»Vor ner Minute hatter noch astrein gesprochen. Den Scheißkerl krieg ich noch zum Reden.«
Arthur hebt ihn hoch und schüttelt den Zwerg so heftig, dass Balders Gesicht feuerrot anläuft. Arthurs zusammengepresste Lippen signalisieren wilde Entschlossenheit. Er wird unseren Zwerg nicht eher loslassen, bis der für Daddy tanzt. »Nu mach schon!«, sagt er und schüttelt Balder ein letztes Mal mit aller Kraft. »Mach sonst was, verflucht noch mal!«
Und genau in diesem Moment pinkelt Balder ihn an.
Wir steuern den Caddy auf den Parkplatz eines Spielzeugladens und schleichen uns in geduckter Haltung rein. Ich stehe Schmiere, während Gonzo eine lebensgroße Surfer Sammy-Box aufreißt und Balders nass gepinkelte Hose gegen Sammys schwarze Neopren-Surferleggins – mit seitlich aufgedruckten Drachen – eintauscht. Irgendein Kind kann sich auf einen schlimmen Geburtstag gefasst machen.
»Wir werden erwischt«, sagt Gonzo und blickt gehetzt um sich.
»Nicht, wenn du cool bleibst«, sage ich.
»Sie werden uns ins Gefängnis stecken. Es wird in unserer Schülerakte festgehalten und wir werden nie aufs College dürfen. Den Rest unseres armseligen, sinnlosen Lebens werden wir damit zubringen, Hamburger in der Pfanne zu wenden.«
»Ich bin fast drin«, sagt Balder. »Voilà.« Er sieht toll aus. Wie ein Rasenguru. »Nimm noch das Surfbrett dazu.«
»Das ist Diebstahl«, wendet Gonz ein.
»Wer hat dir nen Cadillac besorgt?«
»Gib ihm das Surfbrett«, sage ich.
Balder hüpft drauf, geht in die Knie und kämpft gegen imaginäre Wellen. »Wahnsinn!«
»Woher hattest du die Idee, ihm mit Star Fighter zu kommen?«, fragt Gonzo, als wir wieder unterwegs sind und uns ein Drive-thru-Essen teilen. »Was wär gewesen, wenn er den Film gesehen hätte?«
»Ein kalkuliertes Risiko«, sagt Balder. Er hat sich auf der geräumigen Rückbank niedergelassen, wie der Gott, der er zu sein glaubt.
»Aber wie kannst du überhaupt was über Star Fighter wissen?«, fragt Gonzo.
»Einer meiner Kidnapper hatte eine Schwäche für Science-Fiction. Er nahm mich mit zu diesen Schlachtfeldern, wo sich Leute als Westgoten und Androiden verkleiden und als diese merkwürdigen, mörderischen Teddybären – wie heißen sie doch gleich?«
»Teddyvamps«, ergänzt Gonzo. »Du warst auf all diesen Conventions, Alter! Okay.«
»In der Tat. Ich wurde mit dem einen fotografiert, den sie als Gott Silas, Sohn des Fenton, anbeten«, sagt er und erwähnt damit den Namen des Regisseurs, den Millionen verehren.
»Silas Fenton? Du bist auf einem Foto mit Silas Fucking Fenton? Oh. Mein. Gott! Balder! Du gerissener kleiner Arschtrittzwerg! Du bist der Mann!«
Balder lehnt sich im Sitz zurück und verschränkt die Arme hinterm Kopf. »Verdammt richtig!«
Wir fahren weiter. Der Caddy mit seiner gehörnten Kühlertrophäe macht eine gute Figur unter all den glatten Limousinen und gesichtslosen Geländewagen. Ein paar kleine Kids pressen die Nasen an die Scheiben der kindergesicherten Autotüren und starren zu uns herüber. Gonzo öffnet eine Tüte Chips und reicht sie Balder. Der nimmt eine Handvoll und gibt den Beutel an Gonzo zurück.
»Irre, Alter, dass du ihn angepisst hast.«
Balder wischt seine Hände an Sammys Surfer-Tuch ab, das er nun um den Hals geschlungen hat. »Er war sehr unhöflich. Ich habe viel dazugelernt in meiner jetzigen Gestalt. Ich habe gesehen, wie die scheinbar kleinen Leute ganz einfach missachtet werden. Dass ich klein bin, heißt aber noch lange nicht, dass ich nichts wert bin.«
Gonzo nickt. »Du sagst es.« Er streckt seine stämmige kleine Faust nach hinten.
»Das sage ich«, sagt Balder. Er streckt den Arm aus, ihre Fäuste stoßen zusammen, und dann widmen sich beide wieder ihren Chips und schweigen zufrieden.