In dem wir im Mister Motel pennen und ich etwas über den Ayatollah ohne Gnade erfahre
Wir nehmen ein beschissenes Zimmer in einem noch beschisseneren Motel, dem Mister Motel, direkt neben der Interstate. Das blinkende Neonlicht zeigt einen winkenden Typen, der an seinen Hut tippt, vermutlich der Mister des ruhmreichen Mister Motels. Unser Zimmer ist ein dunkles Loch, das so aussieht, als hätte man in den vergangenen dreißig Jahren nichts daran verändert: potthässliche braune Bettdecken und gelb gestrichene Wände. Das Kopfende des Bettes aus dunklem Holzimitat. Ein abgewetzter Teppich in einer Farbe, die am besten mit »querbeetgrün« beschrieben werden kann – prima geeignet, um Schmutzflecken zu verbergen. Das einzig Neue ist ein – aus welchem behämmerten Grund auch immer – an einen Stuhl gebundener leuchtend orangefarbener Luftballon. Der Ballon bewirbt einen Gebrauchtwagenpark, Arthur Limbauds Schönheiten aus zweiter Hand.
Natürlich ist Gonzo über die hygienischen Verhältnisse total entsetzt.
»Meinst du, dass sie für die Bettlaken Bleichmittel verwendet haben?« Er sitzt verkrampft auf dem Bett und drückt seinen Rucksack an die Brust. »Ernsthaft, man muss Bleichmittel benützen und den Kochwaschgang, um die Hausstaubmilben zu killen und was da sonst noch lebt.«
Ich frage nicht, was er mit »sonst noch« meint, und ich werde auch in Zukunft nicht fragen. Ich bin einfach müde. Ich möchte mich hinlegen, einschlafen und bis zum nächsten Morgen nicht aufwachen. Dann werde ich rausfinden müssen, wie wir wieder auf die Straße Richtung Florida kommen, ohne Busticket und mit gut drei Dollar in der Tasche.
»Ich werd mal eben meine Mom anrufen«, sagt Gonzo. Er benutzt ein Papiertaschentuch, um den Hörer des Mister Motel-Telefons abzuheben, das genauso altertümlich aussieht wie alles andere.
»Was machst’n da?«, schimpfe ich und lege meine Finger auf die Gabel, um die Verbindung zu unterbrechen.
»Hab ich dir doch gesagt: meine Mom anrufen. Der Akku meines Handys ist leer und ich hab das Ladegerät nicht dabei.«
»Wir können uns keinen Anruf bei deiner Mutter leisten.«
»Mann, mir gefällt’s hier nicht.« Gonzo fängt an zu keuchen.
»Beruhig dich, Gonz. Du bist okay. Alles wird gut, ich versprech’s dir. Atme einfach ganz normal, ja?«, sage ich und rede mit ihm, als ob ich seine Mom wäre. Wenn ich eine Panikattacke verhindern kann, ist alles gut. Gonzo wühlt hektisch in seiner Tasche wie ein verzweifeltes Eichhörnchen auf der Suche nach seiner Haselnuss.
»Mein Inhalator. Er ist nicht da, Alter! Oh mein Gott!« Sein Gesicht ist echt blass und jetzt wird mir auch langsam mulmig.
»Bleib cool, bleib cool. Mach dich nicht verrückt. Er ist hier, okay?«
Gonzo nickt, aber schwer atmend sagt er: »Scheiße, Scheiße, Scheiße.« Ich taste in der Tasche herum, finde aber keinen Inhalator.
»Was ist, wenn ich ihn echt verloren hab«, keucht er, »oder er gestohlen wurde? Scheiße. Ruf neun-eins-eins an, Mann. Ruf neun-eins-eins an!«
Ich wühle weiter in der Tasche. »Ich werd nicht neun-eins-eins anrufen. Beruhig dich.«
»Ich krieg keine Luft, Alter!«
»Du schreist! Und wenn du schreien kannst, kannst du auch atmen, okay? Wenn wir neun-eins-eins anrufen, ist das Spiel aus. Wir gehen zurück und ich sterb in ner Windel und hör den sanften Rhythmus der Herz-Lungen-Maschine und die Welt löst sich in Luft auf. Das darf nicht passieren, also reiß dich bitte zusammen.«
Das Neonlicht des Parkplatzes fällt über Gonzos Gesicht wie ein Stroboskopeffekt. Er reißt die Augen weit auf und umklammert seine Brust.
»Alter. Bitte. Jetzt könnte das Spiel vorbei sein. Ruf neun-eins-eins an, sofort! Sag ihnen, sie sollen einen Zerstäuber bringen!«
Ich packe ihn an der Schulter und schüttle ihn. »Gonzo! Ich lass dich nicht sterben. Okay? Ich bin nicht deine Mom! Ich treib dich nicht ins frühe Grab, damit mein Leben weitergehen kann. Okay? Okay?«
Ich erwarte, dass ich auf meinem Arsch ins Mittelalter befördert werde, dafür, wie ich über seine Mutter gesprochen habe, aber erstaunlicherweise nickt er nur und lässt mich weiter in seiner Tasche wühlen. Dieses Mal finde ich die L-förmige Blechdose. »Hier«, sage ich.
Gonzo grapscht sie mit beiden Händen, schüttelt sie kräftig, führt sie zum Mund wie eine winzige Pistole und drückt ab. Er schließt die Augen, während er den Atem anhält, und wartet darauf, dass das Medikament wirkt. Genau dreißig Sekunden später nimmt er einen zweiten Sprühstoß, hält den Atem noch einmal an, bis er nicht mehr kann, und dann bricht alles in einem Hustenanfall aus ihm heraus. In der nächsten Minute kehrt die Farbe in sein Gesicht zurück. Die Klimaanlage springt an. Die künstliche Brise treibt den orangefarbenen Luftballon hin und her.
»Bist du okay?«, frage ich.
Er zuckt mit den Schultern. Er kann wirklich nicht zugeben, dass er wieder okay ist. Es könnte ihn umbringen.
»Das war nicht nett, was du über meine Mom gesagt hast«, sagt er ruhig.
»Okay, tut mir leid«, sage ich, weil ich keinerlei Kampfgeist mehr habe. »Lass uns jetzt einfach pennen.«
Ich lösche das Licht und lege mich hin. Der Raum ist dunkel wie ein Grab. Nur Hotelzimmer haben diese Dunkelheit, als ob sie wüssten, dass es ihre Aufgabe ist, einen von der Welt abzuriegeln. Als sich meine Augen an die Finsternis gewöhnt haben, sehe ich Gonzo immer noch auf der Bettkante sitzen, bewegungslos.
Ich seufze. »Gonz, du hast dort drüben doch nicht gerade irgendwie Herzrasen oder so was?«
»Nein, ich denk nur nach.« In der Dunkelheit klingt seine Stimme sonderbar. Dumpf und gleichgültig, als ob er so voller Luft ist wie der orangefarbene Ballon. »Kennst du das auch, dass dich zufällig irgendwelche alten Erinnerungen überkommen?«
»Schätze schon.«
»Ich denk grade an dieses eine Mal, als ich ein Kind war. Ich war ungefähr, ich weiß nicht, fünf? Sechs vielleicht? Es war nicht sehr lange nachdem mein Alter sich abgesetzt hatte. Die Kinder in der Nachbarschaft hatten diese neue abgefahrene Schaukel: mit kleinem Häuschen, Rutsche, Klettergerüst. Voll cool. Für ein Kind jedenfalls.«
Er zögert, und ich bin gespannt, wohin uns dieser kleine Ausflug auf der Memory Lane führt. Das Kissen unter meinem Kopf heizt sich auf. Ich drehe es um und lege meinen Kopf auf den kühlen Baumwollstoff.
»Wie auch immer, sie sagten mir, wenn ich ihrem Club beitreten wolle, müsse ich das Klettergerüst überqueren, ohne runterzufallen. Alter, diese Gitter sahen so aus, als ob sie über tausend Meter hoch wären. Aber es war das erste Mal, dass sie mich eingeladen hatten, also wollt ich’s nicht vermasseln. Einer der Jungs hat mich ermutigt und ich kletterte los. Ich geriet total ins Schwitzen. Aber ich hab die zweite Sprosse erreicht und dann die dritte. Als ich zur vierten kam, fingen sie an, mich anzufeuern. Das war ein geiles Gefühl, wie … ich weiß nicht, wie ich’s beschreiben soll. Ich war dabei, es zu schaffen, weißt du. Noch zwei Sprossen und ich hätt’s geschafft.«
Ich kann hören, wie er mit seinem Inhalator spielt.
»Ich war grad dabei, die nächste Sprosse zu erklimmen, als ich Mom meinen Namen hab rufen hören. Sie stand in unserem Hof und ihr Gesicht war schreckensbleich. Ich könnt schwören, sie war auf dem Sprung, mich zu retten – sie hat mir nicht vertraut, weißt du, was ich meine? Als ich auf die Sprosse über mir guckte, schien sie plötzlich eine Million Meilen entfernt. Ich fühlte mich gar nicht mehr sicher. Ich hab nach ihr gegriffen, aber irgendwie nur halbherzig, weißt du. Und ich hab sie verfehlt. Ich fiel runter, hab mir den Arm und eine Rippe gebrochen und fing an zu weinen. Die Kinder dachten, ich bin ein Weichei, und ihre Mütter wollten nicht mehr, dass ich rüberkomme und mich in ihrem Garten verletze. Ein paar Tage war ich im Krankenhaus, und meine Mom kaufte mir einen Haufen Spielzeug-Rennautos, weil sie wusste, dass ich die mag, und später hab ich sie dann in unsrem Hinterhof vergraben und behauptet, ich hätte sie verloren. Da war sie sehr gekränkt und hat gesagt, ich würde Sachen allzu selbstverständlich hinnehmen, wie mein Dad.«
Er macht ein merkwürdiges Geräusch. Zuerst denke ich, er hat Schluckauf. Aber dann wird mir klar, dass er weint. »Das war das erste Mal … das erste Mal, dass ich gespürt hab … dass … das Einzige, was mich am Leben erhält … meine Mom ist. Und dafür hab ich sie gehasst.«
Draußen holt sich jemand Eis. Die Maschine rumpelt gegen die Wand und macht dabei ein Geräusch wie ein Sterbender, der hustet.
»Also …«, beginne ich, »also, sag mal, was hattest du eigentlich gegen die Rennautos?«
Das Schniefen lässt nach. Gonzo bewegt sich auf seinem Bett. »Hä?«
»Ich weiß, du hast deine Mom gehasst. Scheiße. Das kann ich dir nicht verübeln. Aber was hatten dir diese kleinen Spielzeugautos getan, dass sie so ein Schicksal verdienten? Lebendig begraben. Das ist gnadenlos, Alter.«
Gonzo wird total still. Kein einziger Schniefer mehr. Möglicherweise habe ich ihn so sehr beleidigt, dass er einen zweiten Asthmaanfall riskieren könnte, bloß um sich zu rächen. Ich halte mein Kissen wie einen Schild vor mich, nur für den Fall, dass ich einen Meter zwanzig Gonzman abwehren muss. Und dann höre ich es in der Finsternis – ein übersprudelndes Lachen, das die Tränen verdrängt.
»Mein Freund«, sagt er und prustet. »Ich bin der Ayatollah ohne Gnade. Leg dich nicht mit den kleinen Leuten an. Wir verwüsten eure Seelen!«
»Oooh«, sage ich. »Jetzt hab ich aber Schiss gekriegt, Alter. Ich bin so was von erschrocken.«
»Ich hab die Autos mit einer verdammten Fatwa belegt.« Er lacht so heftig, dass es schon wieder total wahnsinnig klingt, aber hey, alles ist gut, was ihn auf die Beine bringt.
Ich lege das Kissen wieder unter meinen Kopf. »Also gut, sie haben es nicht verdient zu leben. Sie waren Werkzeuge der Ungläubigen.«
»Verdammt richtig«, sagt er mit weniger strenger Stimme. Er lümmelt sich aufs Bett.
Gonzo schweigt noch eine Minute, und ich versuche, mich zu entspannen. Meine Beine tun echt weh, und ich hoffe, dass sie nur vom langen Laufen müde sind.
»Cameron?«
»Ja?«
Gonzo dreht sich zur Seite und schaut mich an. Ich kann nur die Silhouette meines Schattenfreundes erkennen. »Hast du je daran gedacht?«
»Woran gedacht?«, sage ich.
»Ans Sterben.«
Hab ich je daran gedacht? Was will er hören? Dass ich mir neulich überlegt habe, wie das Gesicht meiner Mutter aussieht, wenn sie am Morgen ihren Kaffee trinkt, auf ihr Kreuzworträtsel starrt, so als könnte sie es gerade heute bezwingen. Ich denke daran, wie ich mit meinem Vater zum See hinausfahre, am Tag bevor er und Mom das neue Haus kauften, da war ich elf, wie er zur Musik aus dem Autoradio gesungen hat und so aussah, als ob er nichts anderes tun möchte, als immer nur Auto zu fahren und dabei zu singen. Ich denke an die Jenna, die mir zu Weihnachten einen Stern aus Makkaroni bastelte, als sie sechs Jahre alt war, und ich denke an die Jenna von heute, die Jenna aus dem Tanzteam, die Jenna, die mich nicht ausstehen kann, die Jenna, die mich vermissen wird, wenn ich nicht mehr da bin, selbst wenn es nur deshalb ist, weil ich dann nicht mehr da bin, um sie in der Welt so viel besser aussehen zu lassen. Ich denke an die Tatsache, dass ich wahrscheinlich niemals Staci Johnson bumsen werde, und dass es, verdammt noch mal, nichts gibt, was ich dagegen tun könnte. Ich denke jeden Tag ans Sterben, weil ich nicht aufhören kann, ans Leben zu denken.
Ich täusche ein Gähnen vor. »Oh Mann, ich bin fix und fertig, okay?«
Gonzo dreht mir wieder den Rücken zu. »Ja, klar. Kein Problem. Gute Nacht.«
»Ja. Nacht.«