In dem ich zwei Therapeuten ausgesetzt bin und einen Riesenreinfall mit einem ergonomischen Sessel erleide
Der Besuch beim Drogenberater
»Hi, Cameron, ich bin Abby.«
Ihre Praxis ist so was wie eine Sinfonie in Sanft. Beruhigend grüne Wandfarben. Eine Garnitur Plastikstühle, zu einem Kreis geordnet. Ein chaotischer Schreibtisch, der zu sagen scheint: »Hey, du kannst mir vertrauen – ich bin hektisch und verrückt, wie ihr Kids!« Die üblichen inspirieren- den Poster an der Wand: BLEIB STARK – HÄNDE WEG VON DROGEN! SEI GLÜCKLICH, NICHT HIGH! Mitten auf dem Tisch steht ein halb leeres Glas Fruchtshake.
»Also«, sagt Abby mit einem Ich-weiß-schon-die-Antwort-auf-diese-Frage-Lächeln, »erzählst du mir, warum du heute hier bist, Cameron?«
»Im Fernsehen liefen nur Wiederholungen.«
Abby nickt verständnisvoll, aber ihre Augen sagen: Probier’s nur, du Arschloch. »Cameron, ich würde gerne zu deiner Genesung beitragen, aber das geht nur, wenn du mir gegenüber aufrichtig bist. Erzähl mir was über deinen Drogenkonsum in einer typischen Woche.«
Ich zucke mit den Schultern. »Halt den gewöhnlichen Joint.«
Aus ihrem Mund ertönt ein Tsss, als ob sie mir nicht glaubt, obwohl ich ja tatsächlich die Wahrheit sage. »Keine Halluzinogene? Ich hörte, du bist richtig ausgeflippt.«
»Nein. Nichts davon. Ich glaub allerdings, es war schlechter Stoff – weil ich in letzter Zeit so verrücktes Zeug gesehen hab.«
»Hmmmm, Flashbacks«, sagt Abby und nickt. »Das kann bei Halluzinogenen passieren.«
»Aber ich hab nicht –«
»Oh Mann«, unterbricht Abby und lacht. »Ich erinnere mich an das eine Mal, als ich mit meinem Ex-Freund der Copenhagen Interpretation hinterherreiste …«
Dreißig Minuten später: »… tanzende Eisbären und Leuchtspuren, die aus meinem Körper funkelten wie dieses verdammte Polarlicht! Verrückt! Wie auch immer, was ich damit sagen will: Ich war auch dort, wo du warst.«
Nein, Abby. Jetzt ist mir klar, dass du an vielen, vielen Orten warst, die ich nicht kenne.
»Und darum sage ich: Du hast alles, wofür es sich zu leben lohnt, Cameron. Du hast jeden Grund, glücklich zu sein. Warum solltest du das infrage stellen wollen? Du musst mit dieser Art Selbstbehandlung aufhören und damit beginnen, über deine Gefühle zu sprechen«, insistiert Abby. »Schmeiß das Zeugs weg und lass raus, was in dir steckt!«
»Okay, dann –«
Sie streckt einen Finger in die Höhe. »Deshalb möchte ich dich an meinen Kollegen, Dr. Klein, überweisen. Bist du dabei, Cameron?«
»Ich schätze –«
»Oh, tut mir leid, Cameron«, sagt sie und rümpft die Nase. »Für heute haben wir die Zeit schon überschritten. Aber ich denke, du hast dich tapfer geschlagen.«
»Hi, Cameron. Ich bin Dr. Klein.«
Seine Praxis ist so was wie eine Sinfonie in Sanft. Beruhigende Wandfarben in Vanille. Ein paar ergonomisch korrekte Sessel in gedämpftem Braun. Ein hölzerner, in der Ecke platzierter Schreibtisch, der zu flüstern scheint: »Lass dich nicht stören; ich beobachte dich nur.« Und eine breite, an die Wand gerückte Ledercouch. Spontan entscheide ich, dass ich mich nicht auf die Couch setze.
»Du kannst sitzen, wo du willst«, sagt Dr. Klein und nimmt in einem großen Star Fighter-Sessel Platz, der einem Erzschurken angemessen wäre. Ich versinke in einem der Ergosessel. Ich sitze so niedrig, dass mir die Knie ans Kinn reichen.
»Du kannst ihn hochstellen«, sagt Dr. Klein. »An der Seite ist ein Hebel.«
Ich kämpfe mit der Hydraulik, federe hoch und dann runter wie der Fahrer eines tiefergelegten Autos, bis ich schließlich wieder in derselben Position lande, in der ich zu Beginn saß.
»Gut so?«, fragt Dr. Klein.
»Ja. Bestens.«
»Also«, sagt Dr. Klein und schenkt mir ein Lächeln, das so vanillen aussieht wie die Wände. »Warum bist du hier?«
»Sollten nicht eigentlich Sie mir das sagen?«
Dr. Klein nickt. Das Nicken bedeutet: Ich weiß alles über dich, du Arschloch.
»Ich weiß, was deine Eltern mir erzählt haben. Ich möchte gerne deine Meinung hören.«
»Chronische Masturbation.«
Dr. Klein hebt eine Augenbraue. »Wenn das eine Persönlichkeitsstörung wäre, würde die ganze Highschool hier sitzen. Noch was, das du mir erzählen möchtest?«
Wie sich herausstellt: Ja. Es fühlt sich gut an zu reden. Und einmal angefangen, kann ich nicht mehr aufhören, bis ich Dr. Klein alles über die unheimlichen Flammenträume erzählt habe, die Botschaft auf der Feder, das Flügelmädchen mit dem pinkfarbenen Haar bei Buddha Burger und das Gefühl, dass mein Körper komplett von Aliens besetzt ist, die mich in Intervallen stechen und mir langsam das Gedächtnis rauben.
Dr. Klein notiert sich Stichworte und dann hört er auf zu schreiben, sitzt einfach da, stocksteif, und sieht ein bisschen geschrumpft und verängstigt aus in seinem Große-Jungen-Sessel. Zum Schluss händigt er meinen Eltern das Rezept für ein Antipsychotikum aus und verordnet ein paar ernsthafte Therapiesitzungen.
So. Jetzt hab ich also eine Drogenberaterin besucht, die mir empfahl, mit einem Seelenklempner über meine Gefühle zu reden und auf die Drogen zu verzichten, und einen Seelenklempner, der sich anhörte, was ich zu erzählen hatte, und mich dann sofort auf Droge setzte.
Gott sei Dank hab ich mir noch ein bisschen Gras aufgehoben.