KAPITEL EINUNDVIERZIG

In dem Gonzo eine Entscheidung trifft: Leben oder Gartenzwerg

 

Hundert Dollar unseres Preisgeldes haben uns die geheimen Recherchen über Balder gekostet. Im Augenblick ist er in Marisols Garderobe, wo sie ihn als Ständer benutzt, an dem sie ihren Schmuck aufhängen kann. Weitere hundert Dollar gingen für Pässe drauf, die uns Zugang zum Backstagebereich verschafften. In dem Moment, in dem Marisol ihren Umkleideraum verlässt, um am Strand einen TV-Spot zu drehen, schleichen wir uns rein. Balder ist unter einer Kollektion bunter Halstücher begraben. Sein Gesicht ist rot angelaufen und er sieht müde aus.

»Den Göttern sei Dank, dass ihr mich gefunden habt«, sagt er mit verlegenem Lächeln. »In meinem ganzen Leben bin ich nie so gedemütigt worden. Wisst ihr, dass sie ihren Freunden erlaubt hat, mich zu schminken?«

Tatsächlich hat man Balder glitzernde blaue Lidschatten verpasst und seine Lippen sind bemalt.

»Cool«, sagt Gonzo. »Du siehst wie’n Glamrockzwerg aus.«

»Los, schaffen wir dich hier raus, okay?« Ich wickle Balder in einen der Schals ein, und wir gehen auf die Tür zu, als Parker hereinkommt.

»Cameron! Der Cam-man mit der richtigen Antwort. Was treibst du hier?«

»Äh, nichts.«

»Du hast das heut durchgezogen. Gut gemacht! Ist das der Gartenzwerg?« Der Schal ist von Balders Gesicht gerutscht. Parker guckt uns misstrauisch an.

»Was habt ihr vor?«

»Wir … äh … wir sollen ihn zur Bühne bringen«, lüge ich.

»Blödsinn. Ich rufe die Security.« Parker greift nach seinem Handy.

»Okay!«, sage ich. »Du hast uns voll erwischt. Wir wollten nur’n paar Fotos machen. ’n Schulstreich, weißte?«

»Ja. Ich weiß. Ich weiß, dass ihr euch mit YA! TV-Eigentum davonstehlen wollt. Wir brauchen diesen kleinen Kerl für Werbevideos.« Er schnipst mit dem Finger an Balders Nase. Balder zuckt zurück, aber Parker bemerkt es nicht.

»Parker. Bitte. Lass uns nur eben ein paar Fotos mit ihm machen.« Ich fächere die Dollarscheine in meiner Hand auf.

Balders Augen werden riesig.

»Komm schon, Kumpel«, fügt Gonzo hinzu. »Lass uns nicht mit leeren Händen nach Hause gehen. Wir haben da ne Wette laufen.«

Parker setzt sich eine teure Sonnenbrille auf die Nase und überprüft sein Outfit im Spiegel. »Ihr könnt den Gartenzwerg behalten«, sagt er, nimmt die Brille ab und steckt sie in die Tasche. »Unter einer Bedingung.«

»Jede Bedingung. Was auch immer«, sage ich.

Parker zeigt auf Gonzo: »Dein Freund hier macht bei Doppeltes Risiko mit.«

Wir sind so was von im Arsch. Balder schließt die Augen. Er weiß, dass sein Schicksal als Transvestit gerade eben besiegelt wurde.

»Er kann nicht, aber ich«, sage ich.

Parker schüttelt den Kopf. Er stochert auf der Platte rum, nimmt sich ein paar Weintrauben und einen Brocken Käse. »Du warst schon auf der Bühne. Übrigens hatten wir noch nie einen Zwerg.«

Ich lege die vierhundert Dollar auf den Tisch.

»Das verdien ich in ner Stunde.«

»Was ist, wenn ich mich eintunken lasse? Du kannst mich wieder in die Show bringen und ich gebe absichtlich die falsche Antwort und …«

»Ich mach’s«, verkündet Gonzo mit dem Ausdruck unerbittlicher Entschlossenheit.

Parker grinst mich an und klatscht Gonzo hart auf den Rücken. »Ausgezeichnet! Kleiner Mann, du hast eben einen Gartenzwerg gekauft.«

Er legt den Arm um Gonzos Schulter und führt ihn hinunter in die Halle.

Gonzo dreht sich noch einmal zu mir um. »Wird schon schiefgehen!«, sagt er und schnauft in seinen Inhalator wie ein Sterbender.

»Bist du okay, Balder?«, frage ich, als wir Marisols Zimmer verlassen haben und uns aus dem Partyhaus schleichen.

»Ich habe die Demütigung der Entführung erduldet, und ich bin das, was ihr unleidlich nennt, aber ich bin okay. Ich danke dir«, sagt er. »Ich habe gesehen, wie ihr mitgesteigert habt.«

»Keine Ursache«, sage ich. »Leider hab ich erst nach einer Stunde Autofahrt geschnallt, dass sie dich mitgenommen haben.«

»Ich habe es am Anfang auch nicht gemerkt. Ich war eingeschlafen. Das Erste, an was ich mich erinnere, ist, dass ich in einem fremden Hotelzimmer aufwachte, mit diesen drei Idioten. Sie fotografierten mich auf der Minibar und mailten die Fotos an all ihre Freunde. Sie haben mich neben Schokoriegeln und Limobüchsen platziert. Kannst du dir das vorstellen?«

»Denk nicht mehr dran. Jetzt ist alles okay.«

»Cameron?« Eine vertraute Stimme lässt mich plötzlich herumfahren. Anderthalb Meter hinter mir steht meine Schwester Jenna. Sie trägt ihre weiße Caprihose und ein gestreiftes Shirt. Ausnahmsweise ist ihr Haar nicht zu einem Pferdeschwanz gebunden, sondern offen und gelockt. Sie sieht anders aus. Älter vielleicht. Weniger wie ein Kind.

»Cameron!«, ruft sie und lächelt. Sie stürzt auf mich zu und wirft die Arme um mich. »Oh mein Gott! Du bist es!«

»Jenna, hey«, sage ich und umarme sie, so gut das eben mit einem Gartenzwerg im Arm geht. Um nichts in der Welt lege ich Balder wieder irgendwohin.

»Was machst du hier?«, sagt sie. Ihre Augen sind feucht. Sie trocknet sie mit dem Handrücken.

»Streng geheime Mission«, sage ich und versuche, sie zum Lachen zu bringen. So habe ich das gemacht, als wir noch Kinder waren.

»Cameron …«

Ich hebe die Hand. »Ich weiß, ich weiß. Ich werd dir alles erklären. Versprochen. Aber zuerst muss ich was in meinem Zimmer abliefern. Warte hier auf mich.«

Ich versuche mich loszureißen, aber sie zieht mich zurück. Entweder schwächle ich wirklich, oder sie hat sich inzwischen einen Griff zugelegt, der noch männlicher ist als der von Chet King. »Auf gar keinen Fall«, sagt sie mit entschlossenem Lächeln. »Ich komm mit.«

Es wäre unmöglich, gegen sie anzukämpfen. »Okay.«

Wir gehen treppab, drängen uns durch den Haufen Leute auf einer Tanzfläche am Strand und laufen im warmen Sand zu unserem beschissenen Motel.

»Ach du Schande!« Jenna wirft einen Blick auf die schäbige Ausstattung, den fleckigen Teppich, die potthässliche geblümte Bettdecke. Es fehlt jegliche Annehmlichkeit. Keine Minibar, nicht mal ein Eiskühler. Jenna tritt nicht über die Schwelle.

»Es kostet fünfundsechzig Dollar die Nacht, Kabel inklusive«, erkläre ich. »Bin in ner Sekunde fertig.«

Sie nickt und ich betrete mit Balder das dustere Zimmer. Ich schalte die Nachttischlampe an. »Balder, ich hab noch was mit meiner Schwester zu erledigen. Kommst du hier alleine klar?«

»Schließ bitte einfach nur die Tür ab«, sagt er. »Ich verzichte auf jedes weitere Abenteuer.«

»Na klar.«

»Cameron.«

»Ja.«

»Das war sehr mutig, was du heute getan hast, mich zu retten und dafür dein ganzes Geld zu bieten.«

»Na ja, ich konnte doch nicht zulassen, dass sie einen meiner besten Kumpel in einem Snuff-Film zu Werbezwecken zerstückeln«, sage ich.

Balder schenkt mir ein kleines, selbstzufriedenes Lächeln. »Du weißt, dass ich unverwundbar bin.«

»Ja. Sicher. Aber trotzdem.«

»Ob Gonzo okay ist?«

Gonzo. Scheiße. »Mach dir keine Sorgen. Die Show wird erst am späten Abend aufgezeichnet. Ich werd ihn vorher befreien und wir drei sind vor dem Morgengrauen längst verschwunden.«

Balder nickt. Er sieht das erste Mal besorgt aus. »Was ist los?«, frage ich.

»Manchmal träume ich von meinem Schiff, von der Ringhorn. Es glänzt wie die Sonne nach dem Regen und ich renne darauf zu.«

»Hört sich nach einem schönen Traum an.«

Er macht ein nachdenkliches Gesicht. »Aber ich erreiche es nie.«

»Wir kommen hin«, verspreche ich ihm. »Wir schaffen es bis zum Meer.«

Ich helfe ihm in Gonzos Bett, gieße eine Limo ein und gebe ihm die Fernbedienung in die Hand. Als ich die Tür hinter mir schließe, liegt er da und zappt sich glücklich durchs Programm, ein Wikingerkrieger in den Frühlingsferien.