8 Uhr 50. Rom. Questura, Via San Vitale 15

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Matthias brauchte eine Weile, bis er Barberi und Varotto erzählen konnte, was er gerade erfahren hatte.

»Dieser Voigt ist mir von Anfang an komisch vorgekommen«, brummte Varotto. Er schien nicht sehr überrascht zu sein. »Ich sage euch, der hat auch diese Lügenstory über mich in der Zeitung initiiert.«

Matthias’ Gedanken rasten. Konnte der Kardinal wirklich etwas mit dem Verschwinden des Papstes zu tun haben? Vielleicht gab es ja auch eine plausible Erklärung dafür, dass die beiden nicht aufzufinden waren. Vielleicht hatte Voigt tatsächlich Informationen über Niccolò Gatto erhalten, die so wichtig waren, dass er sie dem Papst noch in der Nacht mitteilen musste. Vielleicht hatte Gatto sich sogar selbst gemeldet, weil er sich mit dem Papst treffen wollte. Falls dem aber so war, warum dann bei Voigt, den er doch gar nicht kannte? Warum nicht bei Bertoni? Das ergab keinen Sinn. Und selbst wenn Voigt kein falsches Spiel spielte, was Matthias immer noch glauben wollte, warum hatte der Papst dann noch kein Lebenszeichen von sich gegeben? Er musste doch wissen, dass man im Vatikan sein Verschwinden schnell bemerken und sofort Großalarm auslösen würde. Letztendlich blieb eine Entführung die einzig logische Erklärung. Eine Entführung unter der wie auch immer gearteten Mitwirkung von Siegfried Kardinal Voigt.

Matthias sah von Barberi zu Varotto, die ihn die ganze Zeit über beobachtet hatten.

»Nehmen wir einmal an, der Kardinal ist tatsächlich in die Sache verstrickt und hat den Heiligen Vater entführt. Welchen Grund könnte es dafür geben? Und wo könnte er ihn hingebracht haben?«

»Seit Tagen werden junge Männer umgebracht, die symbolisch für Jesus stehen. Wie die vergangene Nacht gezeigt hat, befinden wir uns schon vor der zwölften Station, bei der Jesus am Kreuz stirbt. Dass der Papst als Stellvertreter Gottes ausgerechnet in der Nacht entführt wird, die dieser zwölften Station vorausgeht . . .«

Barberi stockte, so dass Matthias für ihn weiterredete: ». .. könnte bedeuten, dass er vielleicht das nächste Opfer ist.«

Matthias hoffte, dass seine Stimme nicht so niedergeschlagen und verzweifelt klang, wie es ihm selbst erschien. Barberi und Varotto machten ein betretenes Gesicht.

»Chef, das müssen Sie sich ansehen.« Einer der Männer, die kurz zuvor den Raum verlassen hatten, stand in der Tür. »Da ist ein Maggiore aus Terni in den Nachrichten von Rete 4.«

Barberi eilte aus dem Zimmer. Der Commissario und Matthias folgten ihm. Zwei Zimmer weiter, im Aufenthaltsraum, hatten sich mehrere Polizisten der Sonderkommission versammelt und starrten gebannt auf den Fernseher.

Gaetanis kahlrasierter Schädel glänzte vor der Kulisse des Castello. Neben ihm stand ein junger Mann im grauen Anzug und hielt ihm ein Mikrofon vor den Mund, während der Maggiore mit stolzgeschwellter Brust erklärte: ». .. haben meine Männer in einer nächtlichen Blitzaktion im Keller eines der Gebäude die Darstellung der elften Kreuzwegstation gefunden, die zweifelsfrei zu der Mordserie gehört, die die Kollegen aus der Hauptstadt vergeblich aufzuklären versuchen.«

Damit schaltete man zurück ins Studio, wo neben der Nachrichtensprecherin ein älterer Herr mit Brille zu sehen war, Dottore Vinti, ein bedeutender Religionswissenschaftler, wie am unteren Bildrand eingeblendet wurde. Hinter ihnen war ein Bild zu sehen, bei dessen Anblick Barberi einen lauten Fluch ausstieß. Es zeigte das alte Schriftstück, das sie im Castello gefunden hatten.

»Dieser Mistkerl hat Fotos gemacht und an den Fernsehsender weitergegeben«, schrie Barberi außer sich. »Dem werde ich ein Disziplinarverfahren an den Hals hängen, dass . . .«

»Pssst!«, wurde er von Varotto unterbrochen, der auf den Fernseher deutete.

». .. das gut 2200 Jahre alt sein könnte«, erklärte der Experte gerade. »Möglicherweise liegt hierin der Schlüssel für diese furchtbaren Verbrechen. Wie ich aus gut unterrichteten Kreisen erfahren habe, enthält das Schriftstück nicht nur deutliche Hinweise auf die Geburt Jesu, sondern auch auf seine Wiedergeburt nach rund zweitausend Jahren.« Dottore Vinti machte eine rhetorische Pause, bevor er fortfuhr: »Wenn man also davon ausgeht, dass Jesus von Nazaret wirklich gelebt hat – und aus wissenschaftlicher Sicht besteht darüber kein Zweifel –, so hat man seine Geburt über zweihundert Jahre zuvor prophezeit. Und die Prophezeiung von seiner Geburt hat sich erfüllt. Und so stellt sich für gläubige Menschen die logische Frage, ob nicht auch die zweite Prophezeiung gerade eintrifft: Vielleicht ist eines der Mordopfer tatsächlich der wiedergeborene Sohn Gottes.«

Im Aufenthaltsraum war es mucksmäuschenstill. Barberi starrte mit offenem Mund auf den Bildschirm. »Hören Sie dazu erste Stimmen, die wir vor wenigen Minuten in Rom aufgezeichnet haben.«

Das Bild wechselte, und zu sehen war eine alte Frau, der ein Mikrofon unter die Nase gehalten wurde. »Warum soll es nicht möglich sein? Damals hat auch niemand geglaubt, dass er es ist.« Schnitt, dann ein Mann, etwa Mitte fünfzig. »Wenn es Gott gibt, wäre es jedenfalls allerhöchste Zeit, dass er etwas tut. Ob die Menschheit noch zu retten ist, bleibt allerdings dahingestellt.«

Wieder der Experte im Studio: »So unwahrscheinlich es für uns moderne, aufgeklärte Menschen vielleicht auch klingen mag: Ein gläubiger Christ kann die Möglichkeit von der Wiedergeburt des Heilands auf keinen Fall kategorisch ausschließen. Ganz besonders brisant wird dies hinsichtlich der Lehren der katholischen Kirche, die ganz zweifelsfrei besagen, dass der Zeitpunkt seiner Wiederkehr der Tag des Jüngsten Gerichts ist. Die nächste Frage müsste für gläubige Katholiken also logischerweise lauten: Steht uns das Jüngste Gericht unmittelbar bevor?«

Schwenk der Kamera zur Sprecherin: »So viel im Moment zu den sensationellen Funden der Carabiniere aus Terni in der vergangenen Nacht, während auch hier in der Hauptstadt das wahnsinnige Morden weiterging. Nach der Werbung melden wir uns wieder mit einer Stellungnahme der römischen Polizei.«

Barberi ließ sich auf einen freien Stuhl sinken, während im Fernsehen nun ein Werbespot für eine große Versicherungsgruppe lief.

»Das ist doch nicht möglich«, sagte er verwirrt. »Wie können die wissen, was in dem Schriftstück steht, solange wir weder eine Übersetzung noch das Ergebnis der Analyse haben?«

»Vielleicht hatte Gaetani das Dokument schon längst fotografiert und einen seiner Männer damit nach Rom geschickt, bevor er es uns gezeigt hat«, murmelte Matthias nachdenklich. »Und dieser sensationslüsterne Privatsender hat einen Übersetzer drangesetzt, der schneller arbeitet als der der Polizei.«

Barberis Gesichtszüge verhärteten sich. Er sprang auf. »Sucht mir die Nummer von diesem Maggiore. Auf der Stelle! Das Gespräch in mein Büro!«

Dicht gefolgt von Varotto und dem Deutschen, rauschte er aus dem Raum.

Es dauerte keine fünf Minuten, bis Gaetani tatsächlich am Telefon war.

»Hören Sie, Barberi«, fiel er dem Commissario Capo sofort ins Wort, der den Lautsprecher eingeschaltet hatte, so dass Varotto und Matthias mithören konnten. »Ich kann mir vorstellen, was Sie denken. Aber von mir hat dieser Sender die Informationen nicht.«

»Wollen Sie mich verschaukeln?«, bellte Barberi in den Hörer. »War das etwa nicht Ihre Visage, die ich eben vor dem Castello gesehen habe?«

»Doch. Aber die Informationen stammen nicht von mir. Ich . . .«

»Nun reden Sie keinen Mist, Maggiore!«, fuhr Barberi ihm über den Mund. »Woher sollen sie sie sonst haben, wenn nicht von Ihnen?«

»Nun lassen Sie mich doch ausreden! Die Fernsehleute haben mich angerufen und mir erklärt, sie wüssten von dem Schriftstück und hätten gern ein Interview mit mir als Leiter des Mordfalls.«

»Sie sind aber nicht der Leiter des Mordfalls, Gaetani! Ich werde Ihnen so viel Ärger machen, dass Sie nie wieder auf die Idee kommen, sich mit fremden Federn zu schmücken.«

»Aus Sicht der Carabinieri bin ich der Leiter des Einsatzes gewesen. Zumindest bis Sie vor Ort waren. Aber die Informationen sind nicht von mir, das können Sie mir glauben. Der Aufnahmeleiter des Senders hat mir bei dem Interview erklärt, die Informationen seien ihrem Chefredakteur heute Morgen anonym zugespielt worden. In einem Umschlag. Mit den Fotos. Er hat sie mir gezeigt und wollte nur wissen, ob wir alles genau so vorgefunden haben. Was sollte ich denn tun? Ich konnte ihn doch nicht anlügen. Also habe ich es bestätigt.«

»Sie hören von mir. Das wird Konsequenzen für Sie haben!« Barberi knallte den Hörer auf die Gabel und stürmte zur Tür.

»Tissone!«, brüllte er über den Flur. »Rufen Sie bei dem Fernsehsender an und quetschen Sie diesen Chefredakteur aus. Ich möchte wissen, woher der Sender die Informationen hat. Und in einer halben Stunde möchte ich die Übersetzung des Schriftstücks und die Fotos auf meinem Schreibtisch liegen haben!«

Mit rotem Kopf kehrte er ins Büro zurück. »Signore Matthias, können Sie im Vatikan anrufen und fragen, wann wir endlich die Großfahndung nach dem Papst und Voigt einleiten können? Und fragen Sie bitte auch, wann die Kurie zu diesem Blödsinn Stellung nehmen wird, den wir gerade gehört haben.«

Matthias schüttelte den Kopf und erhob sich. »Nein, ich fahre besser selbst hin, so erreiche ich mehr. Ich habe einen Passierschein, der mir sämtliche Türen öffnen wird.«

Er legte Varotto kurz die Hand auf die Schulter und verließ das Büro.