Rom. Redaktionsgebäude des ›Il Cortanero‹
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Alicia las die kurze Meldung zum zweiten Mal und versuchte dabei zu verstehen, warum sie Matthias so aus der Fassung gebracht hatte. Es ging um eine große Sternenkonjunktion von Jupiter und Saturn, genau genommen um die zweite von insgesamt drei 1981 stattfindenden Konjunktionen. Alicia sah von dem Artikel auf.
»Eine seltene Stellung der Sterne. Was ist daran so außergewöhnlich? Und vor allem: Was hat das mit den Kreuzwegmorden zu tun?«
Matthias schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Die Journalistin hatte zum ersten Mal, seit sie den Deutschen kannte, das Gefühl, dass er aufgeregt war.
»Bei dieser großen Konjunktion«, erklärte er schließlich und setzte sich aufrecht hin, »kommen sich Jupiter und Saturn so nahe, dass sie von der Erde aus fast wie ein einziger großer Stern am Himmel zu sehen sind. Oberflächlich betrachtet ist das ein Ereignis, das höchstens für Astronomen interessant sein dürfte. Aber zu dieser großen Konjunktion gibt es noch einen weiteren, religiösen Aspekt. Es geht dabei um die Geburt Jesu. Wissenschaft und Kirche liegen seit Jahrhunderten im Streit darüber, wann Jesus genau geboren wurde und was das Phänomen des Sterns von Bethlehem hervorgerufen haben könnte.
Im Laufe der Zeit haben sich zwei, drei Theorien herausgebildet. Eine dieser Theorien geht davon aus, dass Jesus im Jahr 7 vor unserer Zeitrechnung geboren wurde. Dafür spricht, dass es in diesem Jahr eine große Sternenkonjunktion zwischen Saturn und Jupiter gab, die man damals durchaus für den ›Stern von Bethlehem‹ hätte halten können. Diese Theorie wurde 1603 zum ersten Mal von Johannes Keppler aufgestellt, der allerdings noch von falschen Voraussetzungen ausging. In der modernen Konjunktionstheorie wies d’Occhieppo schon ab 1965 auf gleich drei sehr seltene, ungewöhnlich enge Jupiter-Saturn-Konjunktionen im Zeichen der Fische im Jahr 7 v. Chr. hin.
Jupiter repräsentierte damals den Stern des babylonischen Gottes Marduk, war also ein Königsstern. Saturn galt als Stern des Volkes der Juden, als Beschützer Israels. Daraus könnte sich die Schlussfolgerung ergeben haben: Im Westen – wegen des Sternbilds der Fische – ist ein mächtiger König geboren worden.«
Alicia starrte Matthias staunend an. »Davon habe ich noch nie etwas gehört. Ich muss allerdings gestehen, dass ich auch nicht viel von dem verstanden habe, was Sie gerade erklärt haben.«
Matthias nickte und sprach weiter: »Die drei Konjunktionen ereigneten sich im Abstand von ein paar Monaten, so dass die babylonischen Sterndeuter, das heißt die Weisen vom Morgenland aus der Bibel, in dieser Zeit nach Israel hätten reisen können. Am 12. November, kurz vor Sonnenuntergang, hätten sie die Planeten Jupiter und Saturn in der Abenddämmerung direkt vor Augen gehabt, als sie von Jerusalem gen Süden auf das etwa zehn Kilometer entfernte Bethlehem zugeritten sind. Der Stern von Bethlehem! Und jetzt wissen wir, dass es nicht nur in dem Jahr, in dem diese Kinder geboren wurden, das gleiche Phänomen gegeben hat, sondern dass die mittlere dieser Konjunktionen sogar genau an dem Tag stattfand, an dem die entführten Kinder geboren wurden.«
Matthias griff sich einen der frisch gespitzten Bleistifte, die auf dem Tisch lagen, schlug seinen Notizblock auf und skizzierte mit einigen wenigen Strichen eine primitive Zeichnung, die er Alicia zeigte. Die betrachtete sie verwirrt und riss dann die Augen auf.
»Das ist die Tätowierung, die die Opfer im Nacken hatten!«
Matthias nickte und fuhr mit dem Finger die Striche nach. »Richtig. Und diese gebogene Linie und darüber der Kreis mit den Strahlen, was könnte das sein?«
Alicia zog die Schultern hoch. »Bisher waren alle der Meinung, dass es die Sonne ist, die hinter einem Berg aufgeht.«
Abermals nickte Matthias. »Ja, das habe ich auch gedacht, und das war es, woran ich eben denken musste, als Sie die Sternenkonstellation und den Mann erwähnten, der von einem Berg in den Alpen abgestürzt ist. Wenn Sie sich jetzt vorstellen, dass zwei Sterne, die sowieso schon sehr hell leuchten, so dicht zusammenstehen, dass man denken könnte, es wäre nur einer, dann könnten sie auch das hier sein, nicht wahr?« Er zeigte erst auf den Kreis mit den Strahlen, dann tippte er auf den Fisch, den er rechts oben platziert hatte. »Und zwar im Zeichen des Fisches.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Ich bin mir sicher: Die Tätowierung stellt den Stern von Bethlehem dar.«
Alicia nickte. »Sie glauben also, jemand hat damals die an diesem Tag geborenen Kinder entführt, weil diese Sternenkonstellation die Symbolik noch verstärkt?«
Als Matthias den Kopf schüttelte, ließ sie enttäuscht die Schultern sinken. »Aber ... was denn?«
»Matthäus 2,16: ›Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Kinder in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte.‹« Er sprach langsam, jedes Wort betonend. »Ich denke, der Kopf der Geheimorganisation hat diese Jungen entführt, weil er davon überzeugt ist, dass sich die Geschichte wiederholt und einer der Jungen, die an diesem Tag geboren worden sind, etwas ganz Besonderes ist.«