Vatikan. Apostolischer Palast

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Mit sorgenvollem Gesicht sah Seine Heiligkeit Papst Alexander IX. den Präfekten der Glaubenskongregation lange wortlos an, wie er es oft tat, wenn sie sich trafen.

Als vier Jahre zuvor der damalige Kardinalpräfekt der Kongregation für die Bischöfe, Massimo Kardinal Ferdone, als Papst aus dem denkwürdigsten Konklave der Kirchengeschichte hervorgegangen war, hatte er die Führung einer Kirche übernommen, die aufgrund der jahrzehntelangen Machenschaften einer geheimen Bruderschaft vor dem Abgrund stand. Papst Alexander IX., wie er sich fortan nannte, musste Hunderte von Sektenmitgliedern, von denen manche bis in die höchsten Ebenen der Römischen Kurie vorgedrungen waren, aus ihren Kirchenämtern entfernen, etliche davon sogar exkommunizieren. Und obwohl es ihm seinerzeit gelungen war, mithilfe weniger Getreuer die schlimmsten Dinge zu vertuschen, hatten antiklerikale Medien dennoch die Gunst der Stunde genutzt, um mit dem wenigen, was sie wussten, eine regelrechte Hetzkampagne gegen die katholische Kirche zu entfachen, die eine Welle von Kirchenaustritten ausgelöst hatte. Er hatte eine schwere Bürde übernommen, dieser Papst, und man sah es ihm an.

Siegfried Kardinal Voigt war in diesen schweren Jahren zu seinem engsten Vertrauten geworden. Und das, obwohl er – wie der Gründer und auch die späteren Führer dieser Bruderschaft – Deutscher war. In Momenten wie diesen, wenn die Kirche wieder einmal von der unseligen Vergangenheit eingeholt zu werden schien, tat ihm der müde alte Mann im weißen Papstgewand unendlich leid.

»Denken Sie, er ist für diese Aufgabe bereit?«, brach der Heilige Vater mit zitternder Stimme schließlich das Schweigen.

Kardinal Voigt zog die Schultern hoch. »Ich weiß es nicht, Eure Heiligkeit, ich habe noch nicht persönlich mit ihm gesprochen. Er lebt nun schon seit vier Jahren in dem Kloster und hat es während der ganzen Zeit kein einziges Mal verlassen. Wie mir der Abt versichert hat, weiß keiner seiner Mönche, wer dieser Mann wirklich ist, der sich seither Matthias nennt. Er führt ein sehr in sich gekehrtes, frommes Leben und hat sich mit Leib und Seele dem Studium obskurer Bruderschaften, Geheimbünde und Logen verschrieben. Sein Wissen darum muss inzwischen immens sein. Ich werde jedenfalls noch heute nach Sizilien fliegen, um zu sehen, ob er mittlerweile psychisch so gefestigt ist, dass wir es wagen können.« Er machte eine kurze Pause und seufzte. »Aber im Grunde bleibt uns und ihm eigentlich keine Wahl. Sie wissen, wie damals die Bedingungen lauteten: Die italienische Justiz hat das Recht, ihn zurate zu ziehen, wann immer es um die Aufklärung von Verbrechen geht, hinter denen eine religiöse Organisation stecken könnte.«

Die schon etwas trüben Augen des Papstes flackerten jetzt vor Angst. »Glauben Sie, das ist hier der Fall? Müssen wir uns Sorgen machen, Kardinal?... Nach dem Albtraum vor vier Jahren . . .«

»Ich hoffe nicht, Eure Heiligkeit. Aber lassen Sie mich zuerst mit ihm sprechen. Heute Abend bin ich wieder zurück und kann Ihnen berichten.«

Der Heilige Vater nickte mit kummervollem Gesicht und machte über dem Kardinalpräfekten das Kreuzzeichen.

 

Als er den Apostolischen Palast verließ, beschloss Voigt, trotz des schlechten Wetters einen Spaziergang durch die Vatikanischen Gärten zu machen. Er brauchte frische Luft. Die letzte Stunde hatte ihm mit ungeheurer Gewalt die schrecklichen Ereignisse vier Jahre zuvor in Erinnerung gerufen, und er sah sich wieder mit Bischof Corsetti in dessen Büro vor einem Stapel Tagebücher sitzen.