Innenstadt von Rom

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Varotto quälte sich durch den dichten Verkehr. Es war zwanzig vor neun.

Eine Viertelstunde zuvor war er losgefahren, gleich nachdem er den Anruf bekommen hatte. In der Via Macinghi Strozzi im äußersten Süden Roms hatte man ein weiteres Opfer gefunden. Zum Tatort brauche er nicht mehr zu fahren, hatte ihm sein Kollege Francesco Tissone kurz und knapp mitgeteilt, die Spurensicherung sei schon abgeschlossen. Er solle lieber zusehen, dass er schleunigst ins Präsidium komme, der Fall werde immer bizarrer.

Es regnete in Strömen. Die nasse Fahrbahn und das trübe Licht machten das Fahren zu einer Tortur. Varotto ließ das Fenster zur Hälfte herunter in der Hoffnung, die frische Luft würde seine bleierne Müdigkeit vertreiben, schloss es aber gleich wieder, da es so stark windete, dass ihm Regentropfen gegen die Wange schlugen.

Das verwunderte Gesicht des jungen Lucciani kam ihm in den Sinn, als er ihn gefragt hatte, ob das dunkelhäutige Opfer aus Schahhat kam. Dabei war das alles andere als Hellseherei gewesen. Er hatte sich am Sonntagabend intensiv mit den Kreuzwegstationen beschäftigt und irgendwo gelesen, dass Zyrene der alte Name des heutigen Schahhat war. Der oder die Täter hatten sich also tatsächlich die Mühe gemacht, einen Mann aus genau dieser Stadt für die Szene zu finden. Wie viele Libyer gab es in Rom, die aus Schahhat stammten? Doch sicher nur ein paar, und die mussten erst mal ausfindig gemacht werden. Die fünfte Station war folglich von langer Hand vorbereitet worden. Ein weiterer Hinweis darauf, dass eine ganze Organisation hinter der Sache stecken musste. Er dachte an das Telefonat mit Tissone. Der Fall werde immer bizarrer, hatte sein Kollege gesagt. Was hatte das zu bedeuten? Wie sollte noch zu steigern sein, was er wenige Stunden zuvor im Wald gesehen hatte?

Er fuhr sich mit der Hand über die Augen. Wenn er nicht bald eine Pause machte, würde er hinter dem Lenkrad einschlafen. Fünfzehn Minuten würden schon reichen. Angespannt suchten seine Augen nach einer Möglichkeit zu halten, bis er durch den Regenvorhang ein Schild erblickte, das zu einem Supermarkt führte. Aufatmend setzte er den Blinker.

Die Tiefgarage erwies sich als optimal. Varotto lenkte den BMW auf den Parkplatz, der am weitesten vom Aufzug entfernt war, und stellte den Motor ab. Dann nahm er seinen Schlüsselbund von der Konsole, kreuzte die Unterarme über dem Lenkrad und legte den Kopf darauf. Ein Trick, den ein Kollege ihm einmal verraten hatte. Je fester er schlief, umso mehr entspannten sich seine Muskeln. Irgendwann würde der Schlüsselbund ihm aus der Hand gleiten und mit klirrendem Geräusch zu Boden fallen. Varotto hatte diese simple Methode schon einige Male angewandt und war stets zuverlässig aus dem Schlaf aufgeschreckt.

Er schloss die Augen, froh, endlich ein wenig Ruhe zu finden. Während die Welt um ihn herum an Bedeutung verlor, lauschte er seinem Atem, den er immer deutlicher zu hören glaubte. Doch anstatt dadurch ruhiger zu werden, fiel ihm das Atmen seltsamerweise mit jedem Mal schwerer, er musste sich geradezu anstrengen, dem bedingungslosen Fordern seiner Lungen nach Sauerstoff gerecht zu werden. Plötzlich hörte er neben sich ein Stöhnen. Verwirrt öffnete er die Augen. Es herrschte Dunkelheit. Eine Dunkelheit von absoluter, undurchdringlicher Schwärze. Als er nach rechts blickte, sah er jedoch einen Frauenkörper, so deutlich, als würde er von einer geheimnisvollen Lichtquelle angestrahlt. Die Frau hatte langes, pechschwarzes Haar und war von geradezu übernatürlicher Schönheit. Francesca. Seine Francesca. Er lächelte. Er kannte keinen Menschen, der das Leben so bedingungslos liebte, der so unumstößlich an das Positive jeder Situation glaubte, auch wenn sie noch so unangenehm war. Selbst tot strahlte ihr Gesicht noch Sanftmut und Zärtlichkeit aus ... Tot? Wie kam er darauf, dass sie tot war? Eben hatte sie doch noch gestöhnt. Er beugte sich über sie und drückte sein Ohr an ihre Brust. Nichts. Hastig packte er sie an den Schultern, schüttelte sie, rief ihren Namen, immer wieder. Doch sie hing nur schlaff in seinen Armen. Auf einmal hörte er es klappern. Er schreckte hoch – und starrte auf das Armaturenbrett seines BMWs. Er rieb sich die Augen und sah sich, noch ganz benommen, im Wagen um. Auf den CD-Hüllen, die er neben dem Schaltknüppel in die Ablage gestopft hatte, lag sein Schlüsselbund.

Ein Traum. Wieder einer dieser schrecklichen Träume. Er lehnte sich im Fahrersitz zurück. Als er sich über die Stirn wischte, war sein Handrücken nass. Er drehte den Zündschlüssel und warf einen Blick auf das Display des Autoradios. 9 Uhr 20. Er hatte etwa fünfzehn Minuten geschlafen und fühlte sich trotzdem noch völlig ausgelaugt. So wie er sich fast jeden Morgen fühlte, wenn er schweißnass, manchmal schreiend, manchmal sich panisch aufsetzend, in seinem zerwühlten Bett aufwachte. Seit einem Dreivierteljahr ging das nun schon so; er hatte die Hoffnung fast aufgegeben, dass es irgendwann einmal besser würde, dass die Wunden verheilten, die jener fatale Tag vor zehn Monaten in seine Seele gebrannt hatte. Erschöpft schloss er die Augen, und die Bilder liefen wieder wie ein Film vor ihm ab.

Francesca. Das Dorf seiner Eltern, wo sie die Weihnachtsferien verbringen. Der Spaziergang mit seiner wunderbaren, einzigartigen Frau ... Lachend und eng umschlungen schlendern sie den schmalen Weg zwischen den Feldern entlang, bleiben alle paar Schritte stehen, küssen sich, reiben die Nasen zärtlich aneinander, sehen sich tief in die Augen. Trunken vor Glück merken sie nicht, dass sich am Himmel dunkle Gewitterwolken auftürmen, bis die ersten Regentropfen fallen. Hand in Hand laufen sie los, doch lachen sie noch immer, es macht ihnen nichts aus, nass zu werden.

Hinter einem Feld entdecken sie ein halb verfallenes Haus. Sie sehen sich nur kurz an, sie brauchen keine Worte. Die Grundmauern stehen noch, und auf dem verfaulten Gebälk liegen auch noch ein paar Ziegel, aber der immer stärker werdende Regen prasselt zwischen den Lücken hindurch, so dass Francesca einen Freudenschrei ausstößt, als sie am Boden eine geöffnete Luke entdeckt. Eine halbwegs stabil erscheinende Leiter führt nach unten. Er zögert, es ist viel zu gefährlich, doch Francesca ist im Nu unten. »Komm schon«, ruft sie ihm zu. »Hier ist es trocken. Komm und sieh, was ich für dich habe, mein Geliebter.« Er steigt die Leiter hinunter. Der Keller ist nicht besonders groß, unverputzt und ohne festen Boden. Es riecht erdig hier unten, ursprünglich. Im schwachen Licht, das durch die Luke herabfällt, sieht er Francesca, die an der sandigen Wand lehnt, vor sich einen Haufen nasser Kleider. Sie ist nackt. Sie ist wunderschön. Sand ist von der Wand auf ihre weißen Schultern gerieselt, und Francesca verreibt ihn nun langsam auf ihren kleinen Brüsten, wo er dunkle Streifen hinterlässt, und sieht ihn dabei an. Er spürt ein Ziehen in seinen Lenden, ein Verlangen nach ihrem Körper, das ihn fast den Verstand verlieren lässt. Er geht auf sie zu, sie küssen sich. Doch Francesca will mehr, sanft drückt sie ihn zu Boden. Flugs ist sie auf ihm, beginnt, sich mit schaukelnden Bewegungen an ihm zu reiben, stöhnt auf, als er in sie eindringt. Übergangslos wird aus dem zarten Wesen eine leidenschaftlich fordernde, ihre Lust herausschreiende Frau.

Sie vergessen, wo sie sind, geben sich ganz ihrer Leidenschaft hin. Bis ein gewaltiger Donner das Gemäuer erschüttert. Fast im gleichen Moment, in dem er den ohrenbetäubenden Donnerschlag vernimmt, bricht die Hölle über sie herein, Staub und Schutt prasseln auf sie herab, ihm schwinden die Sinne.

Als er wieder zu sich kommt, ist es stockfinster um ihn herum. Das Atmen fällt ihm schwer. Er kann sich nicht bewegen, spürt starke Schmerzen am ganzen Körper, keucht unter der Last, die auf ihm liegt. Etwas kitzelt sein Gesicht. Er braucht lange, bis ihm klar wird, dass es die Haare seiner Frau sind. Er flüstert ihren Namen, ruft ihn immer lauter, immer verzweifelter, versucht, eine Hand freizubekommen, ohne Erfolg.

Es dauert eine Ewigkeit, bis er sich eingesteht, dass Francesca tot ist. Eine Ewigkeit, bis man sie findet. 24 Stunden ist er in dem eingestürzten alten Haus begraben. 24 Stunden liegt seine tote, nackte Frau auf ihm. 24 Stunden, in denen er sein Gottvertrauen verliert.

Gewaltsam öffnete Varotto die Augen. Über seine Wangen zogen sich feuchte Spuren. Heftig schüttelte er den Kopf, um die schrecklichen Bilder zu vertreiben.

Kurz darauf rannte er zum Aufzug, um sich oben im Supermarkt ein Sandwich zu kaufen, und fädelte sich fünfzehn Minuten später in den dichten Verkehr ein. Seine Gedanken kreisten nun wieder um die Morde.