10 Uhr 05. Rom. Questura, Via San Vitale 15
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Im Einsatzraum saß Varotto an einem der Arbeitstische und telefonierte wie die meisten der anderen Beamten der Sonderkommission, als Matthias hereinkam.
»Na, wie war dein Besuch im Vatikan?«, sagte er und rieb sich die geröteten Augen, kaum dass er aufgelegt hatte.
Matthias ließ sich auf einen freien Stuhl neben ihm fallen. »Sie haben mich nicht reingelassen.«
Varotto lachte auf. »Das habe ich mir fast gedacht. Du hättest vorher anrufen sollen.«
»Ja, ja, ich weiß. Ich muss aber unbedingt mit dem Kardinalstaatssekretär sprechen.«
»Viel wichtiger ist, dass wir diesen Gatto und seine Bande rechtzeitig finden, bevor es zu dem großen Showdown kommt, und da sieht es im Moment mehr als düster aus.«
Gähnend rieb sich Matthias die Augen. »Konntest du herausfinden, wer diesem Fernsehsender die Informationen zugespielt hat?«
Varotto schlug mit der Faust auf den Tisch. »Nein, verdammt! Das ist genau so eine verquere Geschichte wie alles andere. Wenn der Glatzkopf aus Terni die Wahrheit sagt, dann kann das nur eines bedeuten: Diese Verbrecher müssen dem Sender die Bilder zugespielt haben. Und da wäre sie dann wieder, die Frage aller Fragen, die wir uns bei dieser Mordserie schon so oft gestellt haben: Warum?«
»Aus dem gleichen Grund, aus dem jemand bei Monsignore Bertoni angerufen und ihm Hinweise auf das Castello gegeben hat.«
»Nicht ganz. Ich gestehe dir ja zu, dass du in den letzten beiden Tagen oft den richtigen Riecher hattest, aber hier macht deine Logik einen Knick.«
Matthias’ Miene war zu entnehmen, dass er Varotto nicht verstand. »Und warum dann?«
Der Commissario genoss es, den Deutschen auf einen Denkfehler aufmerksam machen zu können. »Der Anrufer bei Bertoni hat mit seinem versteckten Hinweis letztendlich erreicht, dass wir das alte Kloster gefunden haben. Ein Hinweis also auf den Kreuzweg, wie es vorher schon einige gegeben hat. Denk an die beiden Zettel.«
Erwartungsvoll blickte er Matthias an, doch der verstand noch immer nicht, worauf er hinauswollte.
»Du scheinst wirklich hundemüde zu sein«, sagte Varotto. »Überleg doch mal. Was will derjenige, der die Bilder und die Informationen über das Schriftstück an die Presse weitergegeben hat, wohl damit erreichen? Einen weiteren Hinweis liefern? Nein.«
Nun endlich dämmerte es Matthias. »Du meinst, sie geben zum ersten Mal Informationen weiter, die der katholischen Kirche schaden sollen, weil die sich zu diesem Schriftstück und den darin aufgestellten Behauptungen wird äußern müssen.«
»Ganz genau. Sofern tatsächlich das drinsteht, was diese Fernsehfuzzis behauptet haben.«
Als wäre es sein Stichwort gewesen, streckte Tissone in diesem Moment den Kopf zur Tür herein. »Ihr sollt zum Chef kommen. Er hat die Übersetzung und das Ergebnis der Analyse.«
Zwei Minuten später saßen sie Barberi gegenüber. Da nur zwei Stühle vor dem Schreibtisch standen, hatte Tissone sich mit dem Rücken gegen die Wand neben dem Schreibtisch gelehnt. Alle drei sahen den Commissario Capo erwartungsvoll an.
»Also, fangen wir mit dem Fetzen an. Das Labor hat anhand der Spuren an den Rändern bestätigt, dass es der Rest eines verbrannten Stücks Ziegenleder ist.«
»Dafür hätten wir kein Labor gebraucht«, meckerte Varotto, wofür er sich einen strafenden Blick seines Chefs einhandelte.
»Sie schätzen, dass es aus dem dritten Jahrhundert vor Christus stammt.«
»Wow!«, entfuhr es Tissone. »Das ist ja wirklich uralt!«
»Das ist allerdings nur eine vorläufige Datierung«, fuhr Barberi fort. »Das genaue Alter wird noch mittels der C14-Methode festgestellt, was aber noch etwas dauert.« Barberi drehte das Blatt um. »Nun zu dem Text, der in Aramäisch verfasst ist. Ich lese euch die Übersetzung mal vor: ›Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn.‹ Der Übersetzer notiert hier, dass dieser Text identisch ist mit Jesaja, Kapitel 11, das von Jesu Geburt handelt. Weiter heißt es: ›Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker, aber über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen und die Könige zum Glanz, der über dir aufgeht.‹ So, wartet mal ... hier. Im nächsten Kapitel geht es um das Zeichen für die Geburt Christi, ein Licht. Es könnte der Stern von Bethlehem gemeint sein. Der mittlere Teil mit der Zeichnung ist anscheinend später eingefügt worden, weil die Schrift eine andere ist: ›Wahrlich tausend Jahre wird sein Licht erstrahlen und für tausend Jahre wieder und wieder, wenn Brüder uneins, immerdar.‹ So weit die Übersetzung des Textes. Hier steht, dass keiner der Wissenschaftler, die die Zeichnung jetzt in der Hand hatten, so etwas schon einmal gesehen hat. Zu dem letzten Textstück ist keine entsprechende Bibelstelle bekannt, aber der Übersetzer vermutet, dass es heißen könnte, dass das Licht alle tausend Jahre wiederkommen wird, wenn die Menschen nicht ein für allemal in Frieden miteinander leben.«
»Was sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemals tun werden«, bemerkte Varotto.
Barberi legte die Blätter auf den Schreibtisch. »Was halten Sie davon, Matthias?«
»Das Alter, das Leder und eigentlich auch der Inhalt würden zu den Schriftrollen passen, die man vor rund fünfzig Jahren in Qumran gefunden hat. Einige dieser Rollen, die man auf 200 v. Chr. datiert hat, beschäftigen sich ebenfalls mit Jesaja und decken sich in großen Teilen mit dem alten Testament. Beduinen haben damit ihre Lagerfeuer angezündet und zeitweise wurden sogar welche per Zeitungsanzeigen verkauft.«
»Was? Die haben sie zum Feuermachen benutzt? Unglaublich.«
»Ja, sie hatten keine Ahnung, was sie da entdeckt hatten. Man geht davon aus, dass danach alle noch vorhandenen Dokumente wiedergefunden wurden. Sie werden in Museen in Jerusalem aufbewahrt und einige davon sogar im Vatikan. Jedenfalls sollten sich keine mehr in Privatbesitz befinden. Das wirft natürlich die Frage auf, wie diese geheime Organisation an das Dokument gelangt ist.«
»Eine gute Frage. Was könnte es mit der Zeichnung und dem nachträglich eingefügten Text auf sich haben?«
»Nun, wenn dieses Licht der Stern von Bethlehem war, der die Geburt Jesu verkündet hat, und dieses Licht alle tausend Jahre wiederkehren soll, würde das bedeuten, dass nicht das Jüngste Gericht ansteht, sondern dass Jesus alle tausend Jahre wiedergeboren wird, solange die Menschheit nicht in Frieden lebt.«
»So ein ausgemachter Blödsinn«, brummte Varotto.
»Aber diese Männer sind doch 1981 geboren, rund zweitausend Jahre nach Christi Geburt«, warf Tissone ein.
»Eben. 1981 und nicht 2000.«
»Wenn man davon ausgeht, dass das stimmt, was da steht«, sagte Matthias, »so wie es vielleicht diese Verrückten tun, könnte man argumentieren, dass die tausend Jahre sich auf die große Sternenkonjunktion beziehen, und die war für diese Jahrtausendwende definitiv 1981. Glaubt man die Theorie mit der großen Konjunktion als Erklärung für den Stern von Bethlehem, wurde Jesus nicht im Jahre Null nach unserer Zeitrechnung geboren, sondern sieben Jahre vorher.«
»Gut. Aber das würde auch bedeuten, dass Jesus vor einem Jahrtausend schon einmal wiedergeboren wurde. Und hat jemand von euch im Religionsunterricht davon gehört? Ich nicht.«
Matthias lächelte und schüttelte den Kopf. »Nein, aber es wäre doch durchaus denkbar. Vielleicht hatte er damals einen Unfall. Oder er starb an einer Krankheit. Oder er ist getötet worden.«
Varotto grinste süffisant. »Und das würde euer allmächtiger Gott zulassen?«
»Nochmals: Ich versuche es aus Sicht dieser Verbrecher zu sehen, und die könnten sagen: Warum nicht? Auch vor zweitausend Jahren hat er es zugelassen, dass Jesus gekreuzigt wurde. Sein Tod war Sinn seines irdischen Lebens.«
»Zur Errettung der Menschheit«, sagte da eine Frauenstimme in ihrem Rücken.
Die Männer fuhren herum.
»Sieh an, die Presse«, sagte Varotto. »Warum liegst du nicht im Bett und schläfst ein paar Stunden?«
»Und du?«, gab Alicia keck zurück und trat zu Matthias. Der sprang sofort auf.
»Bitte, setz dich doch.«
Lächelnd nickte sie ihm zu und ließ sich auf dem Stuhl nieder.
»Also, was gibt es Neues?«, fragte sie, während sie sich eine Strähne aus dem Gesicht strich.
Nach einem kurzen Blick zu Barberi, den dieser mit einem Nicken beantwortete, klärte Varotto sie über den Stand der Dinge auf. Er sah ihr dabei die ganze Zeit in die Augen. Matthias hatte sich neben Tissone an die Wand gelehnt und sah sie ebenfalls unentwegt an.
Während Commissario Daniele Varotto im Büro seines Chefs Alicia über die neuen Erkenntnisse im Zusammenhang mit den Kreuzwegmorden informierte, berichteten die meisten Nachrichtenkanäle – mittlerweile nicht mehr nur in Italien, sondern auch in vielen anderen Ländern Europas und in den USA – über den Fall. Fotos flimmerten über die Bildschirme, auf denen der Tatort der vergangenen Nacht zu sehen war. Gnädigerweise hatten die meisten Sender die Leichen mit schwarzen Balken verdeckt. Es war auch von dem sensationellen Inhalt eines alten Schriftstücks die Rede und von der katholischen Kirche, die zu keiner Stellungnahme bereit war. Die Moderatorin eines französischen Senders stellte als Erste eine gewagte These in den Raum: Würde man auch nur ansatzweise in Betracht ziehen, Jesus könne wiedergeboren worden sein, dann läge darin für die katholische Kirche die größtmögliche Katastrophe. Denn damit würden sich ihre Lehren als falsch erweisen, und das müsste ihr sicheres Ende zur Folge haben. Der forsche Auslandskorrespondent eines bekannten amerikanischen Kanals nahm den Faden kurze Zeit später in einer Nachrichtensendung auf und spann ihn dahingehend weiter, dass er die Frage stellte, wer ein Motiv dafür haben könnte, die potenziellen Gottessöhne zu töten.
Als der Kardinalstaatssekretär im Vatikan nur Minuten später die Sequenz vorgespielt bekam, griff er zum Telefon und rief den Leiter der »Sonderkommission Judas« an.
Barberi hörte dem hohen Geistlichen am anderen Ende zu, ohne ihn zu unterbrechen. Ab und zu nickte er. Als er den Hörer schließlich aus der Hand gelegt hatte, atmete er tief durch.
»Es ist so weit. Der Vatikan gibt bekannt, dass der Heilige Vater spurlos verschwunden ist und man eine Entführung befürchtet. Seine Eminenz, Kardinal di Palmera, hat uns soeben offiziell um Unterstützung gebeten. Die Schweizergarde sowie der vatikaneigene Corpo di Vigilanza sind schon mit den Ermittlungen beschäftigt. Deren Chefs werden uns mit allen nötigen Informationen versorgen.«
Alicia war blass geworden. »Was sagen Sie da? Man hat noch keine Großfahndung eingeleitet?«
Varotto beugte sich ein Stück zu ihr herüber. »Der Vatikan hat bis eben darauf bestanden, die Sache geheim zu halten. Außer uns vieren wusste es nur der Polizeipräsident.«
»Aber ... wie . . .«, stotterte sie.
»So wie es aussieht, hat dieser Kardinal Voigt etwas damit zu tun; wahrscheinlich hatte er auch schon die Finger im Spiel, als das Lügenmärchen über mich in der Zeitung stand.«
»Nein, damit hatte er absolut nichts zu tun«, entgegnete Alicia und starrte dabei an Varotto vorbei ins Leere.
»Weißt du etwa Genaueres?«
Sie fühlte sich absolut nicht in der Lage, ihm in diesem Moment schonend beizubringen, was sie von ihrem Chefredakteur erfahren hatte, und sagte deshalb nur: »Es war eine interne Angelegenheit unserer Zeitung. Mit den Kreuzwegmorden hat es jedenfalls nichts zu tun. Bitte, lass es mich dir später erklären, ja?«
Es klang flehend, so dass Varotto ergeben die Hände hob.
»Schon gut. Aber irgendwann möchte ich es gern erfahren.«
»Was ist nun mit dem Papst? Wie kann jemand den Papst aus dem Vatikan entführen? Vielleicht wollte er einfach nur fliehen vor all den schrecklichen Dingen. Vielleicht ist er in Castel Gandolfo und hat niemanden informiert, weil er seine Ruhe haben wollte.« Man merkte ihrer Stimme an, dass sie selbst nicht glaubte, was sie gerade gesagt hatte.
Ein heißer Schauer durchfuhr Matthias’ Körper. Es war zum Verrücktwerden. Seit Stunden schon hatte er das deutliche Gefühl, etwas Wichtiges übersehen zu haben, etwas, das vielleicht entscheidend sein konnte. Instinktiv nahm er das Foto des seltsamen Gemäldes vom Tisch. Im gleichen Moment wurde die Tür aufgerissen und ein Polizist streckte den Kopf in den Raum.
»Chef, schnell, kommen Sie!«, rief er hektisch und war auch schon wieder zur Tür hinaus. Barberi und Varotto sprangen auf und rannten aus dem Büro, gefolgt von Tissone, Alicia und Matthias, der noch immer die Fotografie in der Hand hielt.
Im Einsatzraum der Sonderkommission standen alle um einen Polizisten herum, der einen Telefonhörer am Ohr hatte. Als Barberi den Raum betrat, winkte ihn einer mit hektischen Bewegungen heran, während seine Kollegen Platz machten. Sekunden später standen auch Varotto, Matthias und Alicia hinter dem Mann, der nach einem kurzen Blick auf seinen Chef in den Hörer sagte: »Commissario Capo Barberi hört jetzt mit.«
»Ah, guten Morgen, Barberi.«
Die Stimme war weder technisch verfremdet, noch schien der Anrufer bemüht, sie zu verstellen, was aber auch nicht nötig war, denn keiner der Anwesenden kannte sie. Hektisch bedeutete Varotto einem seiner Männer, das Aufnahmegerät einzuschalten.
»Ich hoffe, auch Signore Matthias und Signore Varotto hören zu?« Ein kurzes heiseres Kichern, dann: »Ich habe einen Hinweis zu dem schmerzlich Vermissten.«
Alicia schlug sich die Hand vor den Mund und stöhnte leise auf, aber der Anrufer meinte offensichtlich nicht den Papst, denn er sagte: »Haben Sie sich heute schon im Kolosseum umgesehen? Das sollten Sie tun. Sehr interessant. Sie sollten sich jedoch beeilen. Ein toter Jesus ist für Roms Image nicht gerade förderlich.« Wieder das heisere Kichern. »Wenn Sie schlau sind, haben Sie auch noch eine Reise vor sich. Aber bis Mittag ist es nicht mehr lange.«
Varotto riss dem Polizisten den Hörer aus der Hand und rief: »Hören Sie, lassen Sie uns . . .«
Ein Klicken ließ ihn verstummen. Der Anrufer hatte aufgelegt.
»Merda!« Varotto knallte den Hörer auf den Tisch.
»Nummer neun«, stellte Matthias fest und wunderte sich selbst darüber, dass seine Stimme noch relativ fest klang. »Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz.«
Barberi sprang auf. »Wenn diese Schweine wieder die Presse informiert haben ... Nicht auszudenken! Worauf wartest du noch, Varotto?«, herrschte er den Commissario an, bevor er sich an die übrigen Männer wandte: »Fünf Einsatzwagen sofort zum Kolosseum. Zwei von euch bleiben hier und fordern bei den umliegenden Dienststellen Verstärkung an. Wer zuerst dort ist, lässt sofort das Gelände räumen.«
Vor dem Eingang waretete schon ein junger agente in einem Dienstwagen mit laufendem Motor, doch Varotto lief an ihm vorbei zu seinem BMW. Noch bevor Matthias die Beifahrertür richtig geschlossen hatte, hatte er das Blaulicht eingeschaltet und fuhr mit quietschenden Reifen los.
»Verdammt! Langsam machen diese Irren mich richtig wütend! Und unsere schöne Theorie mit Gattos Sohn wird auch immer unlogischer.«
Matthias sah den Commissario von der Seite an. »Warum?«
»Na, wenn Gatto junior am 24. Oktober gestorben ist, was macht es dann für einen Sinn, alle restlichen Männer schon am Zwanzigsten umzubringen?«
Matthias’ Gesichtsausdruck veränderte sich schlagartig, was der Commissario nicht sah, da er gerade zu einem riskanten Überholmanöver ansetzte. Als er eingestiegen war, hatte Matthias das Foto des seltsamen Gemäldes, das er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, auf seinen Oberschenkel gelegt. Nun starrte er es an. Dabei spulte er Varottos Worte noch einmal in Gedanken ab. Na, wenn Gatto junior am 24. Oktober gestorben ist. Heute aber war erst der Zwanzigste. Der 20.10.... A. Longa, 20 / 10 / 12 / 00 ...
Sein Puls begann zu rasen. Endlich war der Damm gebrochen, der die Erkenntnis bisher blockiert hatte. Deutlich spürte Matthias das Pochen seines Herzschlags in der Halsschlagader. Im gleichen Moment, in dem er die Zahlen verstand, konnte er die ganze Signatur entschlüsseln, die eigentlich keine Signatur war, sondern ... es war unbegreiflich, dass er das nicht sofort erkannt hatte.
»Daniele«, stieß er aus, »ich hab’s! Mein Gott, dass ich das übersehen konnte!«
Obwohl er den BMW mit halsbrecherischer Geschwindigkeit zwischen den Autos hindurchlenkte, warf Varotto ihm einen fragenden Blick zu. »Was? Was hast du übersehen?«
Matthias wedelte mit dem Foto. »Die Signatur. Diese Zahlen.«
»Ja und? Was ist damit?« Varotto sah wieder nach vorne auf den Verkehr.
»20 / 10! Das ist ein Datum, und zwar das heutige. Und 12 / 00 kann nur eine Uhrzeit sein. Verstehst du?«
Nun sah Varotto doch wieder zu Matthias hinüber. »Was heißt das, ›Datum‹? Welches Datum?«
Wieder wedelte Matthias mit dem Foto. »Das Datum für die Kreuzigung, die hier dargestellt wird, Daniele. Die des vermeintlichen Gottessohnes. Und . . .« Er stockte.
»Und was? Verdammt, nun rede schon.« Varotto schlug mit dem Handballen auf das Lenkrad.
»Und vielleicht auch die des Papstes, so wie es auf dem Bild dargestellt ist.«
Wieder ein Seitenblick des Commissario. Dieses Mal so lange, dass er fast auf ein Taxi aufgefahren wäre, das vor ihm fuhr. Nachdem er es überholt hatte, sah er auf das Display des Radios.
»Heute um zwölf«, stammelte er. »Das Finale. Und der Papst. Jetzt ist es zehn vor elf. Das wäre schon in siebzig Minuten. Wir . . .«
»Das ist noch nicht alles«, unterbrach ihn Matthias mit so erregter Stimme, dass Varotto augenblicklich verstummte. »Alicias Idee, der Papst könne sich vielleicht nach Castel Gandolfo zurückgezogen haben, hat mich letztendlich darauf gebracht, wenn auch sehr spät.« Matthias redete jetzt sehr schnell. »Das, was wir für den Namen des Malers hielten, ist nicht der Name eines Menschen, sondern der eines Ortes. Ich bin sicher, A. Longa steht für Alba Longa. In der Antike war das die Hauptstadt des Latinerbundes, sie spielte bei der Gründung Roms eine herausragende Rolle. Und sie lag an der Stelle, wo sich heute Castel Gandolfo befindet. Nun ist mir alles klar. Auch das, was der Anrufer sagte, erinnerst du dich? Wenn Sie schlau sind, haben Sie noch eine Reise vor sich. Aber bis Mittag ist es nicht mehr lange. Verstehst du, Daniele? Wenn wir schlau genug sind, den Hinweis zu verstehen, haben wir eine Reise nach Castel Gandolfo vor uns. Und wir sollen uns beeilen, weil es bis Mittag nicht mehr lange ist. Gatto hat uns mit dem Bild nicht nur Datum und Uhrzeit, sondern auch den Ort genannt, wo dieses scheußliche Verbrechen stattfinden soll. Wir müssen sofort nach Castel Gandolfo. Mit allen Polizisten, die du zusammentrommeln kannst. Dort soll in etwas mehr als einer Stunde ein Massenmord stattfinden. Und eines der Opfer soll der Papst sein.«
Matthias’ Atem ging jetzt so schnell, als hätte er gerade einen Sprint hinter sich gebracht. Die Aufregung und die Sorge, die mit der Erkenntnis in ihm hochgestiegen waren, peitschten das Adrenalin durch seinen Körper.
»Wir müssen den Vatikan informieren. Die gesamte Schweizergarde muss sofort nach Castel Gandolfo. Uns bleibt nicht viel Zeit, wir brauchen dort jeden Mann.«
Auch Varottos Gedanken begannen nun zu rasen. »Bis Castel Gandolfo sind es rund dreißig Kilometer. Selbst wenn wir optimal durchkommen, brauchen wir bestimmt eine Dreiviertelstunde. Das heißt, wenn du recht hast, bleiben uns vielleicht fünfzehn bis zwanzig Minuten, um sie zu finden. Merda!«
Er fischte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche und drückte auf Wahlwiederholung. Sekunden später meldete sich sein Chef. Seine gehetzt klingende Stimme verhieß nichts Gutes. Noch bevor Varotto ein Wort sagen konnte, polterte Barberi auch schon los:
»Seid ihr schon am Kolosseum? Es läuft gerade eine Riesensauerei. Vor zwei Minuten kam wieder ein Anruf. Das nächste Opfer, oben im Norden, in der Nähe der Piazzale Flaminio. Die zehnte Station. Die, an der Jesus seiner Kleider beraubt wird. Ich weiß bald nicht mehr, wo ich die Beamten hernehmen soll, um sie an die Tatorte zu schicken. Kannst du . . .«
»Jetzt lassen Sie mich mal reden, verdammt!«, brüllte Varotto in den Hörer.
Barberi verstummte augenblicklich. Im Telegrammstil erklärte Varotto, was Matthias aufgegangen war, worauf Barberi ein für ihn absolut untypisches »Merda!« in den Hörer stöhnte.
»Die beiden letzten Tatorte sind jetzt nicht mehr so wichtig, Barberi«, fuhr Varotto mit beschwörender Stimme fort. »Wir brauchen jeden Mann, den Sie auftreiben können, in Castel Gandolfo. Auch das Sondereinsatzkommando der Carabinieri. Und die gesamte Schweizergarde. Wenn die Pfaffen sich querstellen, dann sagen Sie ihnen, dass das Leben des Papstes am seidenen Faden hängt und dass es um jede Minute geht.«
Barberi zögerte nur wenige Sekunden, dann sagte er: »Gut«, und legte auf.
Varotto warf das Telefon achtlos auf die Mittelkonsole und trat das Gaspedal durch, während Matthias’ rechte Hand blitzschnell nach dem Haltegriff über der Beifahrertür fasste.
Es brauchte einiges an Beharrlichkeit, bis Barberi den Monsignore am anderen Ende der Leitung davon überzeugt hatte, dass er sofort mit dem Kardinalstaatssekretär sprechen musste. Erst als er dem Mann versicherte, er werde bis ans Ende seiner Tage mit der Gewissheit leben müssen, am Tod des Papstes mitschuldig zu sein, wenn er dessen Rettung durch seinen Starrsinn weiter verhindere, gab dieser sich geschlagen und verband Barberi weiter.
Kardinal di Palmera hörte sich an, was der Commissario Capo ihm hastig erklärte, und zögerte danach keine Sekunde. Er versprach, sofort alles Nötige in die Wege zu leite und legte auf.
Kurz nach elf rasten die ersten dunklen Limousinen mit dem Autokennzeichen SCV aus der Porta di Sant’Anna. Eine Minute später folgten die nächsten Wagen. So ging es weiter, bis fast die gesamte Schweizergarde und die Beamten des Corpo di Vigilanza den Vatikan verlassen hatten. Nur die Gardisten, die an den Eingängen des Vatikans Wache schoben, blieben zurück.
Gleichzeitig schickte Barberi von der Questura aus zwei Hubschrauber sowie Sanitätswagen los und mobilisierte neben dem eigenen Einsatzkommando sämtliche Polizisten, die in einem Radius von zwanzig Kilometern um die päpstliche Sommerresidenz Dienst taten.
Während dieses riesige Polizeiaufgebot sternförmig auf Castel Gandolfo zuraste, stand Barberi am Fenster seines Büros und starrte hinunter auf den nun leeren Parkplatz, als könnte er dort eine plausible Erklärung auf die Frage finden, die sich mit der Wucht eines Orkans in sein Bewusstsein drängte: Zu was waren diese Irren noch fähig?