Rom. Policlinico Universitario Agostino Gemelli
20
Sie nahmen die Treppe, weil die Fahrstuhltür sich genau in dem Augenblick geschlossen hatte, als sie darauf zugingen.
»Ein Mann und eine Frau«, erklärte Varotto, während sie hintereinander die Stufen hinuntereilten. »In einer Kirche nördlich vom Forum Romanum. Ich wusste, dass der Bibelvers von ihnen kam!«
Drei Minuten später saßen sie in Varottos BMW. Während der Commissario den Wagen in halsbrecherischer Fahrt zwischen den Autos hindurchlenkte, die wie immer Roms Straßen verstopften, hielt sich Matthias mit beiden Händen am Griff über der Beifahrertür fest.
»Keine Angst«, sagte Varotto, ohne den Blick von der Straße zu wenden. Er musste laut reden, um das Heulen der Sirene zu übertönen. »Ich fahre nicht zum ersten Mal in diesem Tempo durch Rom.« Und nach einigen Sekunden fügte er hinzu: »Das mit Ihrem Bruder tut mir leid.«
»Schon gut«, brummte Matthias und sah dann demonstrativ zum Fenster hinaus.
Zu seiner Überraschung hielt Varotto eine halbe Stunde später vor San Giuseppe dei Falegnami. Während sie ausstiegen, rief sich Matthias in Erinnerung, was er über diese geschichtsträchtige Kirche vor Kurzem erst gelesen hatte. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts war sie über den Resten des ältesten etruskischen Baus der Stadt errichtet worden, dem berühmten Mamertinischen Kerker, in dem einstmals Staatsverbrecher und kriegsgefangene Fürsten eingesperrt worden waren. Der Legende nach hatten auch die Apostel Petrus und Paulus ihre letzten Tage dort verbracht.
Auf dem Vorplatz parkten bereits zwei Fahrzeuge der Polizia Criminale. Vor dem Kirchenportal hatte ein Uniformierter Posten bezogen, der gerade einer japanischen Touristengruppe den Zutritt verwehrte.
»Buongiorno, Commissario«, sagte er nach einem kurzen Blick auf Varottos Ausweis, »Sie müssen die Treppe rechts hinuntergehen, dort wird der Kollege Ihnen zeigen, wo wir sie gefunden haben.«
Unten am Eingang erwartete sie ein junger Polizist mit hinter dem Rücken verschränkten Händen. Es dauerte einige Sekunden, bis sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten und sie Einzelheiten erkennen konnten. Der Raum war nur etwa fünfzig Quadratmeter groß. Einige beschriftete Steintafeln, mit eisernen Bolzen an den Wänden befestigt, bildeten das einzige Inventar. Der Boden war mit großen erdfarbenen Steinplatten belegt, die allesamt von Rissen durchzogen waren. In der hinteren linken Ecke umgab ein hüfthohes eisernes Gitter ein Loch im Boden von etwa einem Meter Durchmesser. Der Polizist deutete darauf.
»Dort, die Wendeltreppe hinunter, Commissario«, erklärte er beflissen.
»Haben Sie die Spurensicherung angefordert?«, wollte Varotto wissen.
Der Polizist nickte. »Ist verständigt ... Auch der Gerichtsmediziner ... Und . . .«
»Noch etwas?«, fragte Varotto.
»Die Toten dort unten, Commissario. Die Frau ... Man kann nicht viel erkennen, aber wie sie dort liegt, das ist irgendwie ... seltsam.«
Varotto warf Matthias einen vielsagenden Blick zu, bevor er vor ihm vorsichtig die schmalen Stufen hinab in das düstere Gewölbe stieg, das nur etwa halb so groß wie der Raum darüber war und lediglich von einem Lämpchen beleuchtet wurde, dessen Kabel schräg über die bogenförmige Wand nach oben verlief und dort in der Decke verschwand. Die Luft roch modrig. Die großen Steinquader waren an vielen Stellen mit einer feucht glänzenden Moosschicht überzogen, und auch der Boden war rutschig.
Die Toten lagen vor einer Art steinernem Altar. Im schummrigen Licht waren sie nur ungenau zu erkennen, doch war der Oberkörper eines der Opfer ein Stück weit aufgerichtet.
»Sie haben nicht zufällig ein Feuerzeug in der Tasche?«, fragte Varotto den Deutschen.
Stumm schüttelte Matthias den Kopf, den Blick auf den dunklen Fleck vor ihnen gerichtet, den die Toten bildeten.
Varotto kniff die Augen zusammen, um etwas mehr zu sehen. Auf einmal hatte er das Gefühl, der modrige Geruch würde schlagartig intensiver und eine Hand würde sich um seine Lungen schließen. Ihm wurde ganz heiß. Er musste sich anstrengen, um genügend Luft zu bekommen.
Matthias hatte ihn unbemerkt von der Seite beobachtet und rief jetzt nach oben: »Und wir brauchen eine Taschenlampe hier unten. Beeilung, bitte.«
Sekunden später stand der junge Beamte neben den beiden Männern im Gewölbe.
Varotto betrachtete seine leeren Hände. »Wo ist die Taschenlampe?«
Der Polizeibeamte hob die Schultern. »Tut mir leid, Commissario, wir haben keine. Auch kein Feuerzeug.«
Matthias rechnete mit einem Wutausbruch des Commissario, aber der schüttelte nur ungläubig den Kopf.
»Ich hoffe nur, Sie sind nicht hier unten herumgetrampelt und haben so mögliche Spuren unbrauchbar gemacht.«
Der Polizist schüttelte heftig den Kopf.
»Wer hat sie gefunden?«, wollte Varotto wissen. Fast gleichzeitig lösten sich auf beiden Seiten seiner Stirn kleine Rinnsale Schweiß und liefen ihm übers Gesicht.
»Ich«, antwortete der Mann.
»Sie? Und was hatten Sie hier unten zu suchen?«
»Auf unserer Dienststelle ist ein anonymer Anruf eingegangen. Eine Männerstimme erklärte, wir würden hier zwei Tote finden. Ich fuhr mit Luca, das ist mein Kollege, gerade in der Nähe Streife.«
»Und warum ist nicht als Erstes die Mordkommission informiert worden?«
Varottos Stimme hatte schneidend geklungen. Es war deutlich zu hören, wie der Polizist schluckte.
»Wir bekommen öfter Anrufe, die sich als dummer Scherz herausstellen, Commissario«, stotterte er. »Wir wollten vermeiden, dass Sie ... den Weg umsonst machen. Wo Sie doch gerade jetzt genug zu tun haben. Diese Mordserie . . .«
Matthias trat einen Schritt näher an den Commissario heran, der leicht schwankte. »Ich muss mit Commissario Varotto was aus dem Wagen holen. Warten Sie hier. Wir sind gleich zurück.«
Mit diesen Worten drängte er Varotto in Richtung Wendeltreppe. Zwei Minuten später waren sie an der frischen Luft, wo der Commissario über den Vorplatz zur Balustrade wankte, von der aus man auf das Forum hinabblicken konnte. Mit geschlossenen Augen atmete er einige Male tief durch. Nach einer Weile öffnete er die Augen wieder und sah Matthias an, der neben ihn getreten war.
»Danke. Mir war plötzlich ganz flau im Magen; schätze mal, ich vertrage den Modergeruch nicht.«
Matthias nickte. »Ja, wahrscheinlich.«
Es war offensichtlich, dass der Deutsche ihm die Erklärung nicht abnahm, aber er sagte kein Wort dazu, und Varotto war ihm dankbar dafür.
»Wissen Sie, was für ein Raum das ist, in dem die beiden liegen?«, fragte er. »Der Mamertinische Kerker. Darin sollen schon Petrus und Paulus gefangen gehalten worden sein.«
Im selben Moment hielt ein Kleintransporter vor der Kirche.
»Ah, die Herren von der Spurensicherung«, sagte Varotto laut und ging dann energischen Schrittes auf die Männer in den weißen Schutzanzügen zu, die aus dem Wagen stiegen. Nichts deutete mehr darauf hin, dass er sich kurz zuvor fast nicht mehr auf den Beinen hatte halten können.
Eine Viertelstunde später flammten endlich zwei Scheinwerfer in dem feuchten Kerkergewölbe auf. Sie waren so an der rückseitigen Wand postiert worden, dass sie den Altar mit den beiden Toten davor wie eine Bühne anstrahlten.
Der Tote in der Rolle Jesu trug das gleiche sackartige Gewand wie die anderen vor ihm. Er lag auf dem Bauch, und sein wachsbleiches Gesicht mit der Dornenkrone war der jungen Frau zugewandt, die links neben ihm kniete. Bekleidet war sie mit einem gerade geschnittenen weißen Kleid, das in der Hüfte mit einer goldenen Schärpe gegürtet war. Ein Kleid, wie es durchaus eine Frau vor zweitausend Jahren getragen haben könnte. Sie saß auf den Fersen, ihr Oberkörper war leicht nach vorne gebeugt, und in den Händen hielt sie ein großes weißes Tuch, das sie dem Mann hinzuhalten schien: die sechste Station des Kreuzweges.
Während Varotto neben den Toten in die Hocke ging, sah Matthias sich in dem Raum um. Der Altar aus grauem Stein war mit kleinen Säulen umrahmt, und in seiner Vorderseite war eine quadratische Platte aus rotem Marmor eingelassen, die ein schwarzes, auf dem Kopf stehendes Kreuz zierte: ein Petruskreuz, wie man es in vielen Kirchen fand, die dem Apostel geweiht waren. Über dem Altar verlief ein goldfarbenes Relief mit einer Taufszene, und links daneben stand ein Feuerkorb. Die Männer der Spurensicherung beobachteten Varotto, dessen Blick immer wieder über die beiden Leichen wanderte, als versuchte er, sich jedes Detail der Szenerie einzuprägen. Erst als der Commissario sich seufzend aufrichtete, machten sie sich an die Arbeit.
»Die Frau wird sich anfühlen wie Stein, Dottore«, sagte er zu dem Gerichtsmediziner und drehte sich dann zu Matthias um, der sich noch immer im Hintergrund hielt. »Möchten Sie die beiden nicht näher betrachten?«
»Muss nicht sein«, antwortete der knapp. »Haben Sie auch das kleine Kreuz entdeckt?«
Varotto zog die Augenbrauen hoch. »Wenn Sie näher kommen würden, könnten Sie es selbst sehen. Es liegt unter seiner rechten Schulter. Oder verschließen Sie lieber die Augen davor, dass Ihr Gott diese beiden Menschen in der größten Not im Stich gelassen hat?«
Die Spurensicherer drehten sich neugierig zu ihnen um, doch als der Deutsche mit den schulterlangen blonden Haaren sie warnend ansah, wandten sie sich schnell wieder ihrer Arbeit zu.
»Ich denke, dass das nicht der Ort für eine Diskussion über Gott ist«, erwiderte Matthias, und seine Stimme klang dabei keineswegs verärgert. »Irgendwann können wir das Thema aber gerne wiederaufgreifen.«
Stumm maßen sie einander mit Blicken, der schwer atmende Commissario, der sich nur mühsam unter Kontrolle zu halten schien, und der Mann aus dem Kloster in Sizilien, der eine seltsame Ruhe ausstrahlte.
»Ich wüsste keinen besseren Ort als ein dunkles Kellerloch, um über Gott zu diskutieren«, beendete Varotto das Schweigen. »Aber lassen wir das. Ich habe noch einiges hier zu tun.«
Matthias nickte. »Ich werde solange einen Spaziergang über das Forum Romanum machen«, erklärte er, und als Varotto keine Antwort gab, drehte er sich um und stieg die enge Wendeltreppe hinauf, froh, das Gewölbe verlassen zu können.
Als Matthias wenig später unter dem reich verzierten Bogen des Septimus Severus stand, tauchte schlagartig die Erinnerung an die Tage auf, die sein Leben so sehr verändert hatten.
An dieser Stelle hatte er vier Jahre zuvor schon einmal gestanden. Damals war er kreuz und quer durch Rom gelaufen, um sich die Zeit bis zu dem alles entscheidenden Tag zu vertreiben. Dem Tag, an dem er seine Stellung auf dem Dach der Kollonaden bezogen hatte. Dem Tag, an dem er ...
»Entschuldigung, sprechen Sie Deutsch?«
Der Mann, der mit einem gefalteten Stadtplan in den Händen vor ihm stand, lächelte ihn erwartungsvoll an. Matthias starrte ihn nur verwirrt an, so dass der Mann nochmals fragte: »Deutsch? Sprechen Sie Deutsch?«
Da erst schüttelte Matthias den Kopf. Nein, nicht mehr, nie mehr, dachte er, ließ den Mann stehen und ging unter dem Bogen durch in Richtung der Rostra, der altrömischen Rednertribünen, und von dort über die mit großen glatten Steinen gepflasterte Via Sacra, wo er wieder die gleiche innere Zerrissenheit zu spüren glaubte, die ihn in jenen schicksalshaften Tagen bestimmt hatte. Es war ein Fehler gewesen zu glauben, die Wunden hätten sich geschlossen. Sie würden sich niemals schließen. Das war der Preis, den er vor Jahren zu zahlen bereit gewesen war. Er kehrte um.