Rom. Via Aurelia
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Daniele Varotto rieb sich zum wiederholten Male die brennenden Augen. Regen klatschte gegen die Windschutzscheibe. Die Nacht war schon vor einiger Zeit hereingebrochen, und er wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich ins Bett zu kommen. Entgegen der Anweisung seines Chefs hatte er doch noch längere Zeit an seinem Schreibtisch im Präsidium verbracht, weil er sich nach dem Tippen des Berichts noch eingehend mit der Akte über den entführten Jungen beschäftigt hatte. Allerdings war die Mühe umsonst gewesen: Auch nach dem dritten Durchlesen hatte er nichts entdeckt, das ihm weitergeholfen hätte. Zwanzig Jahre war das her, dass Stefano vom Spielen nicht nach Hause gekommen war. Es war ein Wochenende gewesen, die Eltern waren mit ihm aufs Land zur Großmutter gefahren, und der Junge war losgezogen, um sich mit Freunden in einem nahe gelegenen Wäldchen zu treffen. Er war dort nie angekommen. Der Akte nach zu schließen, hatten die Kollegen damals Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um den Kleinen zu finden, doch war es wie verhext gewesen: Niemand hatte irgendetwas beobachtet, es gab keine einzige heiße Spur, Stefano war wie vom Erdboden verschluckt gewesen.
Die Pfützen spiegelten die grellen Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge wider. Zum Glück hatte er das Zentrum bereits hinter sich gelassen und fuhr jetzt die Via Aurelia Richtung Westen. Drei Jahre zuvor hatten sie sich in der Via Michele Pironti im dritten Stock eines liebevoll restaurierten Hauses aus dem 18. Jahrhundert eine Eigentumswohnung gekauft, woraufhin seine kunstsinnige Francesca ein halbes Jahr lang Galerien, Antiquitätenläden und Flohmärkte nach Vasen, Bildern, Skulpturen und alten Uhren abgeklappert hatte, mit denen sie dann die Wohnung dekorierte. Fünf Monate nach Francescas Tod, als er dank Dottore Parellas Hilfe seine Umwelt allmählich wieder zu registrieren begann, hatte er die Wohnung verkaufen wollen. Als aber die ersten Interessenten an der Tür geklingelt hatten, konnte er sie nicht hereinlassen. Er hatte plötzlich das deutliche Gefühl gehabt, Francescas Andenken zu beschmutzen, wenn ihr Heim in fremde Hände überging. Er dachte an das kleine Zimmer, in das er all ihre persönlichen Dinge gestellt hatte. Früher war es ihr Büro gewesen. Noch immer stand dort der Schreibtisch mit ihrem Computer, an dem sie abends oft gesessen und ihre Reportagen für ›Il Cortanero‹ geschrieben hatte. Er hatte den Raum in eine Kapelle verwandelt, einen Zufluchtsort, an den er sich zurückzog, wenn das Gefühl übermächtig wurde, das Leben ohne sie nicht meistern zu können. Hinterher fühlte er sich zwar meistens elender als zuvor, trotzdem brachte er es einfach nicht fertig, ihre Sachen wegzugeben und sich von der Vergangenheit mit ihr zu verabschieden.
Bremsen quietschten hinter ihm. Varotto zuckte zusammen. Während ein Mercedes wild hupend an ihm vorbeibrauste, fiel sein Blick auf das Gebäude, vor dem er, unbewusst und sicher ohne den Blinker zu setzen, angehalten hatte. Er stand vor einer Kirche. Ihrer Kirche. Hier hatten sie geheiratet.
Er machte den Motor aus. Das alte Gotteshaus lag etwas zurückgesetzt inmitten eines kleinen Parks. Sie waren oft zusammen hier gewesen, sonntags zum Gottesdienst, damals, als er noch einen Sinn in dem gesehen hatte, was der Pfarrer von der Kanzel herab predigte. Manchmal waren sie auch unter der Woche hergekommen, nachts, wenn ihr Auto nach einem Restaurantbesuch in der Innenstadt wie von allein zu dem Ort gefahren war, an dem ihr Glück seinen göttlichen Segen bekommen hatte. Einen Segen, der ihm inzwischen wie eine einzige Farce erschien. Seit jenem verhängnisvollen Wintertag waren die massiven Mauern dieser Kirche für ihn nicht mehr Schutzwall für den Tempel ihrer Liebe, sondern nur noch Warnung, sich nie mehr blenden zu lassen von den Worten eines Gottesmannes, des Stellvertreters einer alles andere als gütigen Macht. Und dennoch öffnete er jetzt mechanisch die Fahrertür und stieg aus. Als wäre er ein ferngesteuerter Roboter.
Das Kirchenschiff war nur notdürftig beleuchtet, gerade so viel, dass alles in einen mystischen Schleier gehüllt schien. Neben dem Weihwasserbecken hielt er kurz inne, den Blick auf den Altar gerichtet, vor dem er einmal mit Francesca gekniet hatte. Sekunden nur, dann riss er sich davon los und wandte sich nach rechts.
Erst als er vor dem Bild stehenblieb, das auf Augenhöhe an der Wand angebracht war, wurde ihm bewusst, was er hier suchte: Er stand vor der Darstellung der sechsten Station des Kreuzweges.