Rom. Vorplatz von San Giuseppe dei Falegnami
22
Mit geschlossenen Augen saß Daniele Varotto hinter dem Steuer seines Wagens. Als Matthias die Beifahrertür öffnete, zuckte er zusammen und riss die Augen auf.
»Tut mir leid, Commissario«, sagte Matthias und stieg ein. »Ich wollte Sie nicht erschrecken. Wenn ich gewusst hätte, dass Sie so schnell fertig sind, hätte ich hier auf Sie gewartet.« Und wenn ich gewusst hätte, was ich mir mit dem Spaziergang selbst antue, wäre ich erst recht hiergeblieben, fügte er in Gedanken hinzu.
Der Commissario winkte ab und startete den Motor. Bevor er losfuhr, sah er zu Matthias hinüber.
»Wir kennen die Identität der Frau. Sie ist eine französische Studentin, die vor ein paar Tagen von ihrer Mitbewohnerin als vermisst gemeldet wurde. Einer der Carabinieri hatte das Fahndungsfoto im Auto und erinnerte sich an das Gesicht. Sie heißt . . .«
»Veronique?«, fiel ihm Matthias ins Wort, woraufhin Varotto überrascht nickte.
»Veronika reicht Jesus das Schweißtuch . . .«, sagte Matthias. »Wer immer das zu verantworten hat, legt wirklich Wert auf die Details.«
Varotto brummte etwas Unverständliches und legte den Gang ein. Sie waren erst ein paar Meter gefahren, als Matthias’ Handy zu läuten begann. Es dauerte einige Zeit, bis er das Gerät aus der Sakkotasche gefischt hatte.
»Hier spricht Kardinal Voigt«, meldete sich die Stimme am anderen Ende der Leitung. »Was machen Sie gerade?«
»Wir verlassen soeben einen neuen Tatort. Die sechste Station des Kreuzweges. Die Opfer sind ein Mann und eine Frau.«
Eine Pause von sechs, sieben Sekunden trat ein, dann sagte der Kardinal: »Ich bräuchte Sie im Vatikan. Können Sie herkommen?«
»Worum geht es?«
»Ich muss dringend etwas mit Ihnen besprechen. Es ist wichtig!«
»Einen Moment, bitte.« Matthias nahm das Telefon vom Ohr und wandte sich Varotto zu. »Wohin fahren wir jetzt, Commissario?«
»Ins Präsidium«, antwortete Varotto schlecht gelaunt, ohne den Blick von der Straße zu wenden. »Anders als ihr Gottesmänner muss ich über jeden Schritt, den ich tue, Rechenschaft geben.«
Matthias hielt sich das Telefon wieder ans Ohr. »Eure Eminenz? Ich werde in spätestens einer halben Stunde bei Ihnen sein.«
»Vielen Dank«, antwortete der Kardinal, dann legte er auf.
Matthias steckte das Handy zurück ins Sakko. »Können Sie mich bitte beim Palazzo Sant’ Ufficio absetzen, Commissario?«
Nun sah Varotto ihn doch an. »Sie absetzen? Die Questura liegt ganz in der Nähe, der Vatikan aber auf der anderen Seite des Tiber. Von ›absetzen‹ kann also keine Rede sein. Ausnahmsweise bringe ich Sie hin, aber Sie sollten es sich nicht angewöhnen, mich als Ihren Taxifahrer zu betrachten.«
Matthias spürte Ärger in sich aufsteigen, ein Gefühl, das er lange nicht mehr gespürt hatte, und er hätte dem Commissario gerne einen Vortrag darüber gehalten, wie wenig es ihm selbst gefiel, der Polizei bei der Aufklärung dieser bizarren Mordserie helfen zu müssen. Stattdessen sagte er nur: »Beschweren Sie sich beim Justizminister.«