12 Uhr 15. Castel Gandolfo

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Der anfängliche Ärger, den Varotto empfunden hatte, als Matthias ohne ihn losgefahren war, wich immer mehr der wachsenden Sorge um den Papst und die letzten der vor vielen Jahren entführten Männer. Und auch um den Deutschen machte er sich Sorgen, denn Matthias war nicht wie versprochen gleich zurückgekommen, und wenn die Vermutungen stimmten, die er selbst angestellt hatte, war der Zeitpunkt, der den furchtbaren Höhepunkt der Mordserie bilden könnte, schon seit einer Viertelstunde überschritten, ohne dass sie irgendjemanden gefunden hätten. Mehrere Versuche, den Deutschen telefonisch zu erreichen, waren erfolglos gewesen. Entweder hatte er dort, wo er sich im Moment aufhielt, keinen Empfang, oder das Gerät war ausgeschaltet.

Varotto hatte sich zu Commissario Di Manelli gesellt, der in einem Mannschaftswagen vor der Einfahrt zum Papstpalast die Kommandozentrale eingerichtet hatte. Dort liefen die Funksprüche der an der Suche beteiligten Beamten zusammen, von dort aus wurden die einzelnen Teams koordiniert. Ständig klingelten Mobiltelefone, und die Gespräche wurden untermalt von krächzenden Stimmen, die aus den Lautsprechern der Funkgeräte kamen. Als Varottos eigenes Telefon läutete, brauchte er einige Sekunden, bis er es registrierte. Hastig zog er es in der Erwartung hervor, endlich etwas von Matthias zu hören. Vielleicht hatte er ja tatsächlich etwas erreichen können.

Aber nicht Matthias meldete sich auf sein »Pronto«, sondern Alicia.

»Azzani hat mich gerade angerufen und mir etwas erzählt, das vielleicht sehr wichtig sein könnte«, sprudelte es aus ihr heraus.

Varotto hielt sich das freie Ohr zu, um sie besser verstehen zu können.

»Dein Chefredakteur?«, fragte er. »Was sollte der . . .«

»Hör mir zu, Daniele. Er war maßgeblich an dem Artikel über dich beteiligt und hat nun wohl das Bedürfnis, etwas wiedergutzumachen. Ich soll dir ausrichten, dass er eben den Anruf eines Mannes bekommen hat, der behauptet, einer der Verantwortlichen für die Kreuzwegmorde zu sein. Er sagte, er wolle einigen wenigen Journalisten die Möglichkeit geben, ein geschichtliches Ereignis mitzuerleben, das die katholische Kirche für immer verändern würde. Sie sollen zum großen Finale um Punkt 13 Uhr 30 vor dem Petersplatz stehen und Kamerateams mitbringen. Mein Chef glaubt zwar nicht, dass . . .«

»Moment!«, unterbrach Varotto die Journalistin, während er auf seine Uhr sah: siebzehn Minuten nach zwölf. Matthias war zwanzig Minuten zuvor mit seinem Wagen losgefahren, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her, und hatte sich seitdem nicht mehr gemeldet. Sollte tatsächlich ...

»Was hat er sonst noch gesagt, Alicia?«

»Nichts weiter. Ich dachte, es könnte . . .«

»Danke, Alicia! Ich melde mich wieder.«

Varotto steckte das Telefon wieder ein. Für einige Sekunden verbarg er sein Gesicht in beiden Händen. Er musste sich konzentrieren. Und er musste eine Entscheidung treffen. Jetzt sofort. Seine Gedanken überschlugen sich. Der Anruf für Matthias, seine Geheimniskrämerei, der überstürzte Aufbruch. Alleine. Wohin? Zurück nach Rom? Dort gab es kaum noch Polizisten, und auch die Schweizergarde war fast vollständig in Castel Gandolfo angerückt ... Optimale Voraussetzungen, um in aller Ruhe einen Massenmord vorzubereiten und durchzuführen. Dann die Nachricht an die Redakteure, die für die nötigen Bilder und Schlagzeilen sorgen sollten.

Er erhob sich mit einem Ruck. Sein Entschluss stand fest. »Okay.« Mit einem Stift kritzelte er eine Zahlenkolonne auf einen der zerfledderten Notizblöcke, die auf der Ablage vor ihm lagen. »Das ist meine Handynummer«, erklärte er Di Manelli. »Ich muss los. Versuchen Sie, den Kommandanten zu erreichen, und bitten Sie ihn, mich anzurufen. Es ist enorm wichtig.«

Noch bevor Di Manelli ihm Fragen stellen konnte, war Varotto aus dem Mannschaftswagen gesprungen und lief auf zwei junge Polizisten zu, die etwa dreißig Meter entfernt neben einem Polizeiwagen standen und rauchten.

»Los, einsteigen«, rief er. »Wir müssen sofort nach Rom zurück.« Als die verdutzten Polizisten nicht sofort reagierten, brüllte er sie an: »Wird’s bald?«, und riss die hintere Wagentür auf.

Sekunden später fuhren sie los. Der schmalschultrige junge Polizist auf dem Fahrersitz war offensichtlich vom barschen Ton des Commissario so beeindruckt, dass er den Wagen mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit durch die schmalen Straßen und engen Kurven jagte. Varotto zerrte sein Mobiltelefon aus der Hosentasche und wählte die Nummer seines Chefs, dabei rutschte er auf der Rücksitzbank hin und her wie auf einem Kutter bei hohem Seegang. Schließlich hatte er es geschafft, Barberis Nummer zu markieren. Er wollte schon auf die grüne Taste drücken, da hielt er inne.

Was würde sein Chef tun, wenn er ihn informierte? Er würde die wenigen in Rom noch verfügbaren Polizisten schnellstmöglich zum Vatikan schicken. Und dann? Was auch immer im Stadtstaat gerade vor sich ging – Matthias hatte es offensichtlich nach diesem ominösen Anruf für unabdingbar gehalten, alleine loszufahren. In den wenigen Tagen, die sie nun zusammenarbeiteten, hatte er den Deutschen als einen sehr rationalen Menschen kennengelernt, der jede Entscheidung genau abwog. Dafür, dass er ihn, Varotto, weder über sein Ziel noch über den Inhalt des Telefonats informiert hatte, musste es einen zwingenden Grund geben.

Sekundenlang starrte Varotto auf die Rückenlehne des Beifahrersitzes, dann stopfte er das Handy wieder in seine Hosentasche. Er hoffte, dass er nicht gerade im Begriff war, einen Fehler zu machen, der fürchterliche Folgen haben konnte.

»Geht das nicht ein bisschen schneller?«, knurrte er und der junge Fahrer trat noch ein bisschen mehr aufs Gas.

Varotto griff mit der rechten Hand nach dem Haltebügel über der Tür und sah gedankenverloren aus dem Seitenfenster, an dem die Häuser mit irrsinniger Geschwindigkeit vorbeiflogen.