Vatikan. Palazzo Sant’ Ufficio
38
Im Vorzimmer des Kardinals sprang der junge Geistliche in der schwarzen Soutane sofort auf, als er Matthias hereinkommen sah. Der Kardinal schien ihn zu erwarten. Matthias trat ein, ohne eine Reaktion auf sein Klopfen abzuwarten.
»Ah, da sind Sie ja. Bitte, nehmen Sie doch Platz und berichten Sie, was der Heilige Vater Ihnen erzählt hat.«
Matthias fühlte sich so aufgewühlt wie lange nicht mehr. »Der Heilige Vater hat mir erzählt, dass Monsignore Bertoni ein Bekannter von Niccolò Gatto war und noch lange Zeit mit ihm Kontakt pflegte, nachdem die beiden Brüder, oder Fast-Brüder, sich zerstritten hatten. Sie erwähnten im Vorfeld, der Papst habe Ihnen gesagt, worüber er mit mir sprechen wolle. Wussten Sie nicht, dass Bertoni und dieser Niccolò sich kannten?«
Ohne dass Matthias es beabsichtigt hätte, war seine Stimme lauter geworden, was auch dem Kardinal nicht entgangen war. Seine eben noch freundlichen Gesichtszüge verhärteten sich.
»Als Erstes bitte ich mir einen Ton aus, der meinem Amt angemessen ist.«
»Entschuldigen Sie, Eure Eminenz«, lenkte Matthias sofort ein, »diese Sache zerrt einfach sehr an meinen Nerven.«
Voigt nickte gütig. »Um Ihre Frage zu beantworten: Von einer Verbindung zwischen diesem Niccolò Gatto und Monsignore Bertoni wusste ich nichts. Hätte ich davon gewusst und außerdem noch geahnt, dass es von Belang ist, hätte ich Sie selbstverständlich darüber informiert.«
»Kann ich Monsignore Bertoni sprechen? Jetzt gleich?«, fragte Matthias.
Statt einer Antwort griff der Kardinal zum Telefon und wählte eine dreistellige Nummer.
»Kardinal Voigt hier«, sagte er nach nur zwei Sekunden in den Hörer. »Signore Matthias möchte mit Ihnen sprechen. Ich schicke ihn zu Ihnen.«
Kardinal Voigt hatte ihm den Weg zwar erklärt, aber als Matthias durch die verwinkelten Flure des Palazzo Sant’ Ufficio ging, zeigte sich, dass es gar nicht so einfach war, sich darin nicht zu verlaufen. Er konnte sich eines leichten Schauers nicht erwehren, als er sich bewusst wurde, dass er durch das Gebäude der Kongregation ging, die die Kirche seit ihrer Gründung 1542 vor Irrlehren schützen sollte und einst als Heilige Inquisition Angst und Schrecken verbreitet hatte. Vielleicht waren es diese Gedanken, die die Gänge so düster wirken ließen, obwohl sie ausreichend beleuchtet und mit vielen wertvollen Gemälden geschmückt waren.
Bertonis Büro war ein langer schmaler Schlauch, vollgestopft mit Büchern und Akten. Überall, auf Regalen, Tischchen und sogar auf dem Boden, lagen ganze Stapel davon herum. In der Bibliothek des Klosters auf Sizilien hatte es genauso gerochen. Es war der Geruch alter Druckerschwärze auf altem Papier. Wirkte das Arbeitszimmer des Kardinals wie das Büro eines Managers, so kam Matthias sich hier wie im Studierzimmer eines altehrwürdigen Geschichtsprofessors vor.
Der zierliche, extrem blasse Monsignore empfing ihn freundlich und zeigte sich kaum überrascht, als Matthias nach einer kurzen Begrüßung als Erstes nach seiner Verbindung zu Niccolò Gatto fragte.
»Wer hat Ihnen erzählt, dass ich Niccolò kenne?«, fragte Bertoni, nachdem er einen Stuhl für Matthias freigeräumt hatte. »Kardinal Voigt?«
»Der Kardinal?«, antwortete Matthias verunsichert. »Der Kardinal wusste nicht, dass Sie und Signore Gatto sich kannten.«
Die Freundlichkeit wich augenblicklich aus Bertonis schmalem faltigem Gesicht. Er runzelte die Stirn.
»Hat er das wirklich behauptet?«, wollte er wissen und rieb sich das Kinn, wobei der Ärmel seiner Soutane ein wenig zurückrutschte und ein Bluterguss am Handgelenk sichtbar wurde.
Wieder hatte Matthias das dumpfe, schwere Gefühl im Magen. Hatte Voigt etwa nicht die Wahrheit gesagt?
»Heißt das, er hat mich angelogen?«
»Nein ... nein, das nicht«, beeilte sich Bertoni zu sagen und blickte auf seine Finger, die er nun vor sich auf der Tischplatte gefaltet hatte. »Ich weiß selbst nicht, warum ich dachte, er wüsste es.« Er schüttelte den Kopf. »Da habe ich mich wohl geirrt, mein Gedächtnis ist nicht mehr das allerbeste, wissen Sie, da bringe ich die Dinge schon einmal durcheinander. Zumal diese fürchterlichen Morde uns allen im Moment große Sorgen bereiten.«
Matthias nickte zögerlich und nicht wirklich überzeugt.
»Wie dem auch sei, Monsignore, ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir alles über Niccolò Gatto erzählen würden, was Sie wissen.«
»Warum interessieren Sie sich für ihn?«, fragte Bertoni zaghaft.
»Sagen wir so: Ich halte es für gut möglich, dass er uns bei diesen furchtbaren Morden weiterhelfen kann.«
Der alte Mann zog den Kopf ein wenig ein. »Glauben Sie, dass Niccolò etwas damit zu tun haben könnte? Ich habe ihn lange nicht mehr gesehen, aber nachdem sein Sohn ermordet worden ist ... Nein, ich muss vorher anfangen, sonst verstehen Sie mich nicht.«
Er ließ sich gegen die gepolsterte Rückenlehne sinken und schloss kurz die Augen, so als müsste er in seinen Erinnerungen suchen.
»Als man Niccolò damals vom Kirchendienst suspendierte, brach für ihn eine Welt zusammen. Ich habe keinen Menschen gekannt, der so gläubig war wie er. Erst konzentrierte sich seine ganze Wut hauptsächlich auf die Institution Kirche, und natürlich auf seinen einzigen wahren Freund – unseren heutigen Papst. So sehr er ihn vorher geschätzt hatte, so groß wurde nach dieser Sache seine Abneigung. Gehasst hat er ihn damals noch nicht – das kam erst später. Aber er fühlte sich von ihm und der Kirche verraten. Als dann aber Lucia bei Paolos Geburt starb . . .«
»Lucia?«, unterbrach Matthias ihn. »Sagten Sie gerade Lucia?«
»Ja, so hieß sie«, erklärte Bertoni.
»Hieß so nicht auch die kleine Schwester des Papstes? Die an einem Blinddarmdurchbruch gestorben ist?«
Bertoni nickte. »Ja, Sie sind gut informiert. Halten Sie es für unhöflich, wenn ich frage, woher Sie das alles wissen?«
Matthias dachte daran, dass Kardinal Voigt ihn mehrfach ermahnt hatte, kein Wort davon weiterzuerzählen, was der Papst ihm anvertraut hatte. Andererseits – Bertoni kannte die Fakten offensichtlich ohnehin alle. Und der Kardinal hatte ihm schließlich Bertoni genannt.
»Ich weiß es vom Heiligen Vater, der sich Sorgen um Niccolò Gatto macht«, antwortete er, und Bertoni nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet.
»Nach Lucias Tod wurde Niccolòs Wut auf die Kirche und Massimo Ferdone immer größer. Ihnen gab er die Schuld am Tod seiner Frau, denn er war überzeugt, wenn er nicht suspendiert worden wäre, hätte Lucia das Kind unter anderen Umständen bekommen und wäre nicht gestorben. Ich habe ihn zu dieser Zeit noch regelmäßig gesehen. Niccolò hatte mir das Versprechen abgenommen, niemandem, ganz besonders nicht Massimo Ferdone, zu verraten, wo er lebte. Es tat mir sehr leid, zu sehen, wie sehr er litt, und nichts davon sagen zu dürfen. Bei einem meiner Besuche, etwa zwei Jahre nach Lucias Tod, hatte ich wieder einmal versucht, ihm klarzumachen, dass Gottes Wege für uns Menschen nicht immer nachvollziehbar, aber stets Ausdruck seiner Liebe sind. Bis dahin hatte sich seine Wut ausschließlich gegen die Kirche und Massimo Ferdone gerichtet. Nun aber begann er, gegen Gott selbst zu lästern. Ich bat ihn, in meiner Gegenwart davon abzusehen. Er aber hat nur gelacht und mir gesagt, ich könne ja gehen. Er habe Männer kennengelernt, die ihn nicht nur verständen, sondern von denen er noch viel lernen könne. Als ich nachfragte, wich er mir jedoch aus und sagte nur etwas von einer Gemeinschaft, deren Mitglieder lange vor ihm die Verlogenheit der Kirche und das wahre Gesicht Gottes erkannt hätten. Das war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe.«
»Was waren das für Männer, Monsignore? Haben Sie später noch mehr über sie erfahren?«
»Wir haben noch einige Male miteinander telefoniert, aber unser Verhältnis wurde immer schwieriger. Mit jedem zweiten Satz griff er die Kirche an und hielt mir vor, ich sei ein Narr, dass ich mich so blenden ließe.«
»Und das haben Sie einfach so geschluckt?«, unterbrach Matthias ihn staunend.
Einen Moment lang schien Bertoni verwirrt zu sein, zuckte dann aber die Schultern. »Eines der wichtigsten Elemente des Glaubens ist die Liebe. Gottes Liebe zu uns Menschen, aber auch die Liebe untereinander. Ich kannte Niccolò seit unserer Kindheit. Wie hätte ich ihn einfach fallen lassen können in einer Zeit, in der er seinen Glauben verloren hat und Beistand am nötigsten brauchte?«
Matthias nickte. »Das verstehe ich, und ich bewundere Ihre Hingabe.«
Bertonis Gesicht verzog sich zu einem Lächeln. »Es gibt nichts, was bewundert werden müsste. Aber um zu Ihrer Frage zurückzukommen: Ich habe versucht, etwas mehr über diese Männer zu erfahren, aber Niccolò war nicht dazu zu bewegen, mehr als die schon gemachten Andeutungen zu erzählen.
Dann, viele Jahre später, es war kurz vor dem Tod seines Sohnes Paolo, rief er mich an und erklärte mir, er sei mit dieser Gemeinschaft in ein Kloster gezogen und lebe jetzt etwas mehr als hundert Kilometer von mir entfernt. Er sagte, er werde sich von nun an noch intensiver um die Belange dieser Gemeinschaft kümmern. Paolo sei auf Sizilien geblieben. Das war mein vorletztes Gespräch mit ihm.«
Bertoni machte eine Pause. In seinem Gesicht spiegelte sich die Trauer darüber wider, den Kontakt zu einem Freund verloren zu haben. Matthias hätte gerne gewartet, bis der Mann sich wieder gefangen hatte, aber er war nervös und spürte, dass Eile geboten war.
»Entschuldigen Sie meine Ungeduld, Monsignore, aber wann war das letzte Gespräch?«
»Das war kurz nach dem Tod seines Sohnes. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern und mich schaudert noch immer bei dem Gedanken daran. Niccolò rief mich an und sagte nur: ›Dein Gott hat mir nun auch noch meinen Sohn genommen. Aber dafür wird er büßen. Auge um Auge, Zahn um Zahn.‹ Dann legte er auf.«
»Schrecklich«, sagte Matthias leise und wiederholte die Worte in Gedanken. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
»Ja, das war es. Und wissen Sie, was das Schlimmste daran war? Er hörte sich so an, als wäre seine Drohung absolut ernst gemeint. So als wüsste Niccolò tatsächlich, wie er sich an Gott rächen konnte, als hätte er . . .«
». .. den Verstand verloren?«, fragte Matthias.
Bertoni sah ihn mit undefinierbarem Blick an. »Ja.«
»Und das war das letzte Mal, dass Sie mit ihm Kontakt hatten?«
»Ja. Das ist nun fast 25 Jahre her«, antwortete Bertoni. »Ich wüsste gerne, wie es ihm geht, ob er zwischenzeitlich seinen Frieden mit Gott gefunden hat oder ... ob er etwas mit diesen furchtbaren Morden zu tun hat. Ich halte es für möglich, dass Niccolò sich im Laufe der Jahre so sehr in seinen Wahn hineingesteigert hat, dass er etwas Fürchterliches tun könnte. Vor allem, wenn er bei dieser ›Gemeinschaft‹ geblieben ist, die offenbar aus verwirrten Menschen zu bestehen scheint. Wissen Sie, ich habe mir schon viele Gedanken darüber gemacht, warum gerade ich diese seltsamen Botschaften bekommen habe. Das würde einen Sinn ergeben, wenn Niccolò etwas mit der Sache zu tun hätte. Andererseits ist allein der Gedanke daran so abscheulich, dass ich Angst habe, darüber den Verstand zu verlieren.«
Bertoni verstummte. Nach einer Weile erhob sich Matthias zögerlich.
»Eins noch, Signore Matthias«, sagte Bertoni, während auch er aufstand. »Würden Sie es als sehr vermessen empfinden, wenn ich Sie fragte, warum Sie in einem Kloster leben? Und warum man Sie von hoher politischer Stelle zu dieser schrecklichen Sache hinzugezogen hat?«
Matthias lächelte. Er würde dem alten Mann vielleicht irgendwann seine Geschichte erzählen, nur nicht jetzt. »Ich wollte und konnte mein altes Leben nicht mehr fortsetzen, weil ich viel Schlimmes erlebt habe. Im Kloster habe ich die Ruhe und auch die Einsamkeit gefunden, die ich gebraucht habe. Und die Zeit, mich dem Studium von Geheimbünden, Logen und Bruderschaften zu widmen. Das ist auch der Grund, warum man der Meinung ist, ich könnte der Mordkommission von Nutzen sein.«
Dem Gesicht des alten Mannes war deutlich zu entnehmen, dass ihn die Antwort nicht zufriedenstellte. Matthias konnte es ihm nicht verdenken. Er hoffte nur, er würde nicht weiterfragen.
»Ich danke Ihnen, dass Sie meine Frage beantwortet haben«, begnügte sich Bertoni zu sagen, sehr zu Matthias’ Erleichterung. »Und was Kardinal Voigt angeht, ich bin mittlerweile sicher, mich getäuscht zu haben, was sein Wissen über die Bekanntschaft zwischen Niccolò Gatto und mir betrifft. Bitte entschuldigen Sie, ich bin nicht mehr der Jüngste.«
Matthias wollte sich schon verabschieden, als ihm noch etwas einfiel. »Monsignore, der Kardinal erzählte mir von Ihrem Vorschlag.«
Bertoni wiegte den Kopf hin und her und lächelte gezwungen, als wäre es ihm peinlich, dass sein Vorgesetzter Matthias davon erzählt hatte.
»Sie hatten völlig recht, Monsignore. Mittlerweile wissen wir, dass die Geburt des entführten Jungen im Jahr einer wichtigen Sternenkonjunktion stattfand, mehr noch, alle Entführten wurden in diesem Jahr geboren.«
Das Gesicht des alten Mannes wirkte mit einem Mal sehr blass. »Mein Gott«, sagte er, »es war ein spontaner Gedanke. Ich hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, dass . . .« Er stockte und schüttelte den Kopf, als könnte er damit seine Gedanken ordnen. »Wenn ich Ihnen sonst irgendwie helfen kann ... Warten Sie.« Er kritzelte etwas auf einen kleinen Zettel und reichte ihn Matthias. »Das ist meine private Telefonnummer. Sie können mich wirklich jederzeit anrufen.« Und etwas leiser fügte er hinzu. »Vielleicht verstehen Sie, dass es mir ein persönliches Bedürfnis ist.«
Matthias versprach, sich bei ihm zu melden. Vielleicht konnte er wirklich helfen.