Gegen Ende Juni verließ Sulla mit seinen fünf Legionen und den drei Legionen Scipios Clusium. Grund dafür waren die Nachrichten über ein heranrückendes samnitisches Heer. Sulla wollte die nähere Umgebung von Praeneste erreichen und seine Truppen in Stellung bringen, bevor die feindliche Streitmacht dem jungen Marius zu Hilfe eilen konnte. Das Kommando über die zurückbleibenden Truppen hatte er Pompeius übertragen, eine Entscheidung, welche die anderen Legaten nicht gerade mit Jubel begrüßt hatten. Aber da sie alle Sulla nur zu gut kannten, wagte keiner, sein Wort gegen ihn zu erheben und Pompeius’ Ernennung anzufechten.

»Ich will, daß du hier aufräumst«, hatte er zu Pompeius gesagt. »Sie sind dir zwar zahlenmäßig überlegen, aber völlig demoralisiert. Wenn sie erst herausfinden, daß ich abgezogen bin, werden sie dich zum Kampf herausfordern. Achte vor allem auf Brutus Damasippus, er ist der Fähigste von allen. Crassus soll sich Marcus Censorinus vornehmen. Torquatus wird sich gegen Carrinas schon behaupten.«

»Und was ist mit Carbo?«

»Carbo kannst du vergessen. Er überläßt alles seinen Legaten. Aber trödle nicht zu lange herum, Pompeius. Ich habe noch mehr zu tun für dich.«

Nach Pompeius’ Ernennung war es keine Überraschung, daß Sulla seine hohen Legaten mit sich nahm. Weder Vatia noch der ältere Dolabella hätten die Schmach ertragen, Befehle von einem Dreiundzwanzigjährigen entgegenzunehmen.

Sulla, dessen Späher die Gegend diesseits von Rom genaue- stens ausgekundschaftet hatten, hatte einen detaillierten Plan ausgearbeitet. Zwar waren die Via Praenestina und die Via Labicana seit Ofellas Mauerbau unpassierbar, aber die Via Latina und die Via Appia waren noch immer offen und verbanden Rom und den Norden des Landes mit der Campania und dem Süden. Wer den Krieg für sich entscheiden wollte, mußte die Verbindungsstraße zwischen Rom und dem Süden in seine Hände bekommen. Etruria war ausgeblutet, im Süden aber konnten Samnium und Lucanien noch viele kampffähige Männer und große Mengen an Verpflegung aufbringen.

Die Landschaft zwischen Rom und der Campania war ziemlich unzugänglich. An der Küste lagen die pontinischen Sümpfe, durch welche die moskitoverseuchte Via Appia schnurgerade auf Rom zuführte, bis sie kurz vor der Stadt auf das Albanergebirge traf. Dieses vor Urzeiten von einem Vulkan aufgeschüttete Gebirge ragte hoch über das eigentliche Schwemmland der latinischen Ebene. Das Albanergebirge erhob sich zwischen der Via Appia und der weiter landeinwärts verlaufenden Via Latina. Südlich davon verlief ein weiterer Höhenzug zwischen der Via Appia und der Via Latina, so daß es von der Campania bis kurz vor Rom keine Querverbindung zwischen diesen beiden wichtigen Straßen gab. Für Truppenbewegungen wurde fast immer die mehr im Landesinneren verlaufende Via Latina bevorzugt, da viele Männer krank wurden, wenn sie auf der Via Appia durch die Sümpfe ziehen mußten.

Aus diesem Grund ließ sich Sulla an der Via Latina nieder, achtete jedoch darauf, einen Ort auszuwählen, von dem aus er mit seinen Truppen in kürzester Zeit die Via Appia erreichen konnte. Beide Straßen mußten Ausläufer des Albanergebirges überwinden. Die Via Latina folgte einer Schlucht, die den östlichen Steilabbruch des Albanergebirges durchbrach und weiter auf relativ ebenem Grund zwischen dem höher gelegenen Land zur Rechten und dem Albanerberg zur Linken bis nach Rom verlief. An der Stelle, an der sich die Schlucht zum Albanerberg hin öffnete, zweigte eine kleine, nach Westen führende Straße ab, die sich um den Albanerberg herumwand und nahe dem heiligen Nemi-See mit seinem Tempelbezirk auf die Via Appia traf.

An diesem Engpaß der Via Latina setzte sich Sulla fest. An beiden Enden der Schlucht ließ er aus Tuffblöcken riesige Verteidigungsanlagen errichten, die auch die Abzweigung der zum Nemi-See und weiter zur Via Appia führenden Nebenstraße einschlossen. Über diese Straße wollte Sulla später die Versorgungsmittel für die Besatzungstruppen heranschaffen lassen. Sulla hatte damit die einzige Stelle auf der Via Latina in seiner Hand, die es ihm erlaubte, jeglichen Verkehr in beiden Richtungen zu unterbrechen. Nachdem die Befestigungsanlagen an der Via Latina innerhalb kürzester Zeit hochgezogen waren, postierte Sulla Wachen an der Via Appia. So verhinderte er, daß sich feindliche Truppen an ihm vorbei nach Rom oder von Rom in Richtung Campania schleichen konnten.

Zu der Zeit, da die vereinten samnitischen, lucanischen und campanischen Streitmächte Sacriportus erreichten, wurden sie trotz ihrer zusammengewürfelten Herkunft — inzwischen hatten sich auch noch die Überreste der von Pompeius und Crassus besiegten Legionen dieser großen, gutgeführten Armee angeschlossen — als »Samniter« bezeichnet. Hinter Sacriportus folgten sie der Via Labicana, mußten aber bald feststellen, daß Ofella sich inzwischen hinter einer zweiten Befestigungslinie verschanzt hatte. Pontinus Telesinus, Marcus Lamponius und Tiberius Gutta ritten jeden Zoll der Befestigungsanlagen ab, konnten aber keinen Schwachpunkt erkennen. Genauso undenkbar war es aber auch, mit siebzigtausend Mann ohne genaues Ziel durch das Hinterland zu ziehen.

Praeneste, das auf dem Höhenzug über ihnen in der Sonne glitzerte, hätte ebensogut jenseits der Gärten der Hesperiden liegen können. So wurde ein Kriegsrat einberufen und eine neue Taktik beschlossen. Die einzige Möglichkeit, Ofella hinter seinen Mauern hervorzulocken, bestand darin, Rom selbst anzugreifen. Und der einzige Weg nach Rom führte über die Via Latina.

Also kehrte die samnitische Streitmacht nach Sacriportus zurück und folgte von dort aus der Via Appia nach Rom. Schon nach kurzer Zeit stießen sie auf die hochaufragenden Wälle, hinter denen Sulla sich verschanzt hatte und mit denen er die Straße beherrschte. Da Sullas Position verwundbarer erschien als die Ofellas, entschloß sich die samnitische Armee zum Angriff. Immer und immer wieder rannten sie die Befestigungen an, hinter denen Sulla saß und ebenso laut über sie lachte wie zuvor schon Ofella. Doch alle Anstürme wurden abgewehrt.

Da erreichte die Samniter eine Nachricht, die gleichzeitig Jubel und Niedergeschlagenheit auslöste. Die bei Clusium zurückgebliebene Armee war ausgezogen und hatte Pompeius angegriffen. Daß sie dabei eine völlige Niederlage einstecken mußte, war niederschmetternd, kümmerte die Samniter jedoch wenig, verglichen mit der Tatsache, daß die etwa zwanzigtausend überlebenden Soldaten unter dem Kommando von Censorinus, Carrinas und Brutus Damasippus jetzt auf dem Weg nach Süden waren. Carbo selbst war verschwunden, aber Brutus Damasippus hatte in einem Brief an Pontius Telesinus gelobt, den Kampf fortzuführen. Wenn sie Sulla gleichzeitig von beiden Seiten angriffen, dann würde er fallen, mußte er fallen!

»Sollen sie sich ruhig die Köpfe einrennen«, sagte Sulla zu Pompeius, den er nach seinem Sieg bei Clusium zu sich gerufen hatte. »Und wenn sie die Berge des Pelion auf die Gipfel des Ossa häufen, mich werden sie nicht von hier vertreiben. Diese Stelle ist wie geschaffen für die Verteidigung. Unangreifbar, unbezwingbar.«

»Ich frage mich nur, warum du, wenn du dir so sicher bist, mich überhaupt hierher bestellt hast?« Pompeius’ Stolz darüber, von Sulla zur Hilfe gerufen worden zu sein, verflüchtigte sich zusehends.

Die Schlacht bei Clusium war kurz und grausam gewesen. Viele Feinde starben, noch mehr gerieten in Gefangenschaft, und diejenigen, denen die Flucht gelang, verdankten das weniger ihrem Kampfesmut als vielmehr der Umsicht der Männer, die ihre Flucht anführten. So befanden sich zu Pompeius’ großer Enttäuschung auch keine Legaten unter den Gefangenen. Von Carbos Desertion erfuhren Pompeius’ Männer erst nach der Schlacht. Mit Tränen in den Augen und voller Bitterkeit hatten die gefangenen Legionäre, Zenturionen und Tribunen von der mitternächtlichen Flucht, von dem unfaßbaren Verrat berichtet.

Wenig später hatte Pompeius hocherfreut vernommen, daß Sulla ihn zu sehen wünsche. Sechs Legionen und tausend Pferde sollte er mitbringen. Daß Varro ihn begleitete, verstand sich von selbst, Crassus und Torquatus allerdings sollten in Clusium bleiben. Wozu aber, so fragte sich Pompeius, brauchte Sulla noch mehr Soldaten in einem Lager, das jetzt schon aus allen Nähten platzte? Pompeius’ Legionen waren angewiesen worden, am Ufer des Nemi-Sees haltzumachen, in unmittelbarer Nähe der Via Appia.

»Oh, ich brauche dich nicht hier.« Sulla legte seine Arme auf die Brüstung eines Beobachtungsturms, der sich über die Befestigungsanlagen erhob, und blinzelte angestrengt in die Richtung von Rom. Die Krankheit hatte sein Sehvermögen beeinträchtigt, obgleich er sich das nur ungern eingestand. »Ich nähere mich meinem Ziel, Pompeius! Unaufhaltsam, Schritt für Schritt.«

Pompeius, der ansonsten wenig Scheu kannte, wagte nicht, die Frage zu stellen, die ihm auf der Zunge brannte: Was hatte Sulla vor, wenn der Krieg vorüber war? Wie wollte er seine Autorität aufrechterhalten, wie sich gegen allfällige Rachegelüste wehren? Einerseits konnte Sulla seine Armee nicht ewig unter Waffen halten, andererseits würde er sich in dem Moment, in dem er sie auflöste, der Gnade und Willkür eines jeden ausliefern, der über genügend Stärke und Einfluß verfügte, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Und das konnte sehr wohl ein Mann sein, der sich gegenwärtig als treuen Gefolgsmann Sullas bezeichnete. Wer wußte schon, welche Absichten Männer wie Vatia und der ältere Dolabella wirklich hegten? Beide waren alt genug für ein Konsulat, auch wenn die Umstände sie bisher daran gehindert hatten, sich erfolgreich um das Amt zu bewerben. Wie wollte Sulla sich schützen? Die Feinde eines großen Mannes glichen einer Hydra — für jeden Kopf, den er abschlug, wuchsen zehn andere nach, und jeder neue Kopf hatte größere und schärfere Zähne.

»Wenn du mich hier nicht brauchst, Sulla, wo dann?« fragte Pompeius verwirrt zurück.

»Es ist Anfang Sextilis«, sagte Sulla. Er wandte sich um und ging den Weg vom Turm hinab voran.

Die beiden Männer schwiegen, bis sie am Fuße des Turms angelangt waren und in das nur scheinbare Chaos unterhalb der Befestigungsmauern eintauchten. Geschäftig eilten Soldaten hin und her, die einen karrten Öl heran, das sie später anzünden und über die Angreifer ausgießen würden, die versuchten, die Mauer auf Leitern zu besteigen, während andere damit zugange waren, Felsbrocken als Wurfgeschosse für die bereits auf den Wehrgängen thronenden Onager und Katapulte aufzuhäufen oder Lanzen, Pfeile und Schilde für den Kampf bereitzulegen.

»Es ist Anfang Sextilis?« griff Pompeius Sullas letzte Bemerkung auf, kaum daß sie den Bereich der größten Betriebsamkeit verlassen hatten und auf der zum Nemi-See führenden Straße ausschritten.

»In der Tat!« Sulla tat, als sei er erstaunt. Dann lachte er angesichts von Pompeius’ verdutztem Gesicht lauthals los.

Offensichtlich erwartete er, daß Pompeius das ebenfalls lustig fand, also lachte Pompeius auch. »In der Tat«, sagte er, »Anfang Sextilis.«

Sulla genoß es, wieder einmal aus ganzem Herzen zu lachen. Aber dann riß er sich doch zusammen. Höchste Zeit, diesen jungen Möchtegern-Alexander von der Last seiner Neugier zu befreien.

»Ich habe mir etwas Besonderes für dich ausgedacht, Pompeius«, sagte Sulla. »Die anderen brauchen vorerst noch nichts davon zu wissen. Ich will, daß du unterwegs bist, bevor sich der unvermeidliche Proteststurm erhebt. Ich betraue dich mit einer Aufgabe, die keinem zusteht, der nicht zumindest Prätor gewesen ist.«

Pompeius, der sich vor lauter Aufregung kaum mehr halten konnte, blieb stehen. Er faßte Sulla am Arm und zog ihn zu sich her, so daß er ihm direkt in seine blauen Augen sah. Sie standen in einem lieblichen Tal an der Seite der unbefestigten Straße, und der Lärm des eifrigen Treibens vor und hinter ihnen wurde von dem wildwuchernden Brombeergestrüpp und den zahlreichen Rosenbüschen gedämpft.

»Warum ist deine Wahl gerade auf mich gefallen, Lucius Cornelius?« wunderte sich Pompeius. »Du hast mehr als genügend Legaten, die diese Voraussetzung erfüllen — Vatia, Appius, Claudius, Dolabella, ja sogar Männer wie Mamercus oder Crassus scheinen eher dazu befähigt. Warum also ich?«

»Du stirbst mir ja noch vor Neugier, Pompeius. Ich werde es dir gleich sagen. Aber zuerst muß ich dir erklären, was ich von dir will.«

»Ich höre.« Pompeius bemühte sich, ruhig zu erscheinen.

»Ich habe dir befohlen, sechs Legionen und tausend Reiter mit dir hierher zu bringen. Das ist eine ansehnliche Armee. Mit dieser Armee wirst du so schnell wie möglich nach Sizilien ziehen und die kommende Ernte für mich sicherstellen. Es ist Anfang Sextilis, und die Erntezeit beginnt bald. Die Weizenflotte liegt im Hafen von Puteoli vor Anker. Hunderte von leeren Schiffen! Deine Flotte, Pompeius! Aber du mußt dort sein, bevor die Schiffe Segel setzen. Deshalb sollst du schon morgen nach Puteoli aufbrechen. Du wirst eine Vollmacht in meinem Namen und die Amtsgewalt eines Statthalters haben. Ich werde dir auch genügend Geld mitgeben, um für die Überfahrt auf den Schiffen zu bezahlen. Deine Reiterei soll sich nach Ostia begeben, dort ankert eine kleinere Flotte. Zudem habe ich Boten in die kleineren Hafenstädte, etwa nach Tarracina und Antium, ausgeschickt und den dortigen Schiffseignern ausrichten lassen, daß sie nach Puteoli segeln sollen, wenn sie für eine Fahrt, die sie normalerweise mit leerem Laderaum zurücklegen müßten, bezahlt werden wollen. Du wirst also mehr als genügend Schiffe vorfinden, Pompeius. Das garantiere ich dir.«

Hatte er nicht einstmals von einem solchen Treffen geträumt, er zusammen mit Lucius Cornelius Sulla, der den Göttern ebenso nahestand wie er selbst? Und hatte er nicht alle seine Hoffnungen betrogen gesehen, als vor ihm ein Satyr und kein Gott gestanden war? Aber, sagte er sich jetzt, was tat das Aussehen eines Mannes schon zur Sache, wenn er in seinen Händen den Schlüssel zu allen Träumen der Welt hielt? Dieser narbengesichtige, trunksüchtige alte Mann, dessen Augen nicht einmal mehr dazu taugten, Rom zu sehen, bot ihm das Kommando über einen ganzen Krieg an. Ein Krieg fern von Rom, fern aller Eifersüchteleien, gegen einen Feind, der ihm, ihm ganz allein gehörte... Pompeius schnappte nach Luft, streckte seine sommersprossige Hand mit ihren kurzen, krummen Fingern aus und ergriff Sullas wohlgeformte Hand.

»Lucius Cornelius, das ist ja wunderbar. Einfach wunderbar! Du kannst dich auf mich verlassen! Und wie! Ich werde Perperna Veiento aus Sizilien hinausjagen und mehr Weizen zu deinen Füßen aufhäufen, als zehn Armeen verschlingen können.«

»Ich werde mehr Weizen brauchen, als zehn Armeen verschlingen können«, erwiderte Sulla und entwand Pompeius seine Hand. Trotz seiner Jugend und seines unleugbar anziehenden Äußeren war Pompeius nicht die Art Mann, die Sulla gefiel. Sulla mochte es nicht, von Männern oder Frauen berührt zu werden, deren Körper ihn nicht ansprach. »Noch bevor dieses Jahr vorüber ist, gehört Rom mir. Aber Rom beugt sich meinem Willen nur, wenn es keinen Hunger leidet. Dazu brauche ich die sizilianische, die sardische und wenn möglich auch die africanische Weizenernte. Wenn du also Sizilien unterworfen hast, wirst du in die Provinz Africa weiterziehen und tun, was du dort zu tun vermagst. Da du bestimmt mehrere Monate in Sizilien beschäftigt sein wirst, bevor du auch nur einen Gedanken an Africa verschwenden kannst, wird es dir wohl nicht mehr gelingen, die Schiffe, die in Utica und Hadrumetum beladen werden, abzufangen. Aber Africa muß befriedet sein, bevor du nach Italien zurückkehrst. Wie ich höre, wurde Fabius Hadrianus während eines Aufstandes in Utica im Palast des Statthalters bei lebendigem Leib verbrannt. Inzwischen aber hat Gnaeus Domitius Ahenobarbus — ist er dir nicht aus Sacriportus entwischt? — die Macht in der Provinz an sich gerissen. Von Lilybaeum an der Westspitze Siziliens aus ist es nicht mehr weit bis nach Utica. Ich wäre überrascht, wenn Ahenobarbus dir Schwierigkeiten bereiten würde, Pompeius. Du siehst nicht aus wie ein Verlierer.«

Pompeius zitterte vor Erregung. Er lächelte und schnappte nach Luft. »Ich werde dich nicht enttäuschen, Lucius Cornelius. Ich verspreche dir, ich werde dich niemals enttäuschen.«

»Das glaube ich dir gerne, Pompeius.« Sulla setzte sich auf einen Baumstamm und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Was tun wir eigentlich hier? Ich brauche Wein.«

»Hier sind wir sicher, hier kann uns niemand sehen oder hören«, sagte Pompeius beschwichtigend. »Warte, Lucius Cornelius, ich bringe dir einen Schlauch Wein. Bleib einfach sitzen und warte.«

Es gab genügend Schatten in dem Tälchen, und Sulla machte es nichts aus zu warten. Er lächelte stillvergnügt in sich hinein, wie über einen Scherz, den außer ihm niemand kannte. Was für ein wunderbarer Tag dies doch war!

Kurze Zeit später kehrte Pompeius mit einem Weinschlauch zurück. Sulla griff danach und spritzte sich gekonnt Wein in den Schlund. Da er die Kunst beherrschte, zur gleichen Zeit zu schluk- ken und Luft zu holen, dauerte es eine ganze Zeit, bis er den Weinschlauch wieder absetzte.

»Aah, da geht es einem doch gleich viel besser. Wo war ich schon wieder?«

»Andere Männer kannst du vielleicht zum Narren halten, Lucius Cornelius, aber mich nicht. Du weißt ganz genau, wovon du gesprochen hast«, antwortete Pompeius unbeeindruckt und ließ sich direkt vor Sulla nieder.

»Gut gebrüllt, Pompeius! Du bist ebenso bemerkenswert wie eine Perle von der Größe eines Taubeneis. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, daß ich froh bin, lange schon tot zu sein, bevor du anfängst, Rom Kopfschmerzen zu bereiten.« Er griff wieder nach dem Weinschlauch.

»Ich werde Rom nie Kopfschmerzen bereiten«, erwiderte Pompeius unschuldig. »Im Gegenteil, ich werde der Erste Mann in Rom werden. Aber nicht, indem ich einen Haufen anmaßenden Blödsinns auf dem Forum oder im Senat von mir gebe.«

»So, und wie denn sonst, wenn nicht durch aufrüttelnde Reden?«

»Indem ich genau das tue, was du mir aufgetragen hast. Indem ich Roms Feinde auf dem Schlachtfeld besiege.«

»Kein besonders origineller Ansatz«, erwiderte Sulla. »So habe ich es getan. Und vor mir Gaius Marius.«

»Ja, aber im Unterschied zu euch werde ich meinen Ämtern nicht hinterherlaufen müssen«, sagte Pompeius. »Rom wird mich auf den Knien anflehen, sie anzunehmen.«

Sulla hätte diese Bemerkung als Kritik oder gar als Zurechtweisung auffassen können, aber inzwischen kannte er den jungen Pompeius gut genug und wußte, daß er aus purer Selbstverliebtheit so großspurig tat, aber in Wirklichkeit noch keinen Schimmer hatte, wie schwer es sein würde, diesen großen Worten auch Taten folgen zu lassen. So beließ es Sulla bei einem Seufzer und der Bemerkung: »Genaugenommen kann ich dir kein Amt verleihen. Ich bin nicht Konsul und habe für meine Erlasse weder den Segen des Senats noch den des Volkes von Rom. Du wirst also darauf vertrauen müssen, daß ich dir nach deiner Rückkehr das Amt eines Provinzstatthalters verleihen werde.«

»Daran zweifle ich nicht.«

»Zweifelst du jemals?«

»Nicht, wenn es mich persönlich betrifft. Ich kann den Lauf der Dinge beeinflussen.«

»Mögest du bleiben, wie du bist!« Sulla neigte sich vor und legte seine Hände auf die Knie. »In Ordnung, Pompeius, genug geschmeichelt. Ich will, daß du mir jetzt gut zuhörst. Ich habe dir noch zwei weitere Dinge mitzuteilen.«

»Ich höre«, antwortete Pompeius.

»Das erste betrifft Carbo. Er ist mit dem älteren Brutus von Telamon aus in See gestochen. Es ist möglich, daß die beiden nach Spanien oder sogar nach Massilia unterwegs sind. Aber um diese Jahreszeit werden sie sich eher für Sizilien oder Africa entschieden haben. Carbo ist, auch wenn er sich auf der Flucht befindet, ein Konsul, ein gewählter Konsul. Das heißt, er kann die Befugnisse eines Statthalters außer Kraft setzen, dessen Soldaten und Miliz unter seinen Befehl stellen, Auxiliartruppen ausheben und eine Menge Aufruhr verursachen, bis seine Amtszeit als Konsul abgelaufen ist. Und bis dahin ziehen noch einige Monate ins Land. Ich habe zwar nicht die Absicht, dir auseinanderzusetzen, was ich nach meinem Einzug in Rom zu tun gedenke, aber eines mußt du wissen — es ist unbedingt notwendig, daß Carbo noch vor Ablauf seines Mandats Ende des Jahres tot ist! Und daß ich von Carbos Tod unterrichtet bin! Deine Aufgabe besteht darin, Carbo aufzuspüren und zu töten. Ohne viel Aufhebens und ohne allzu viele Zeugen. Am liebsten wäre es mir, wenn sein Tod wie ein Unfall aussähe. Traust du dir das zu?«

»Ja«, antwortete Pompeius ohne zu zögern.

»Sehr gut!« Sulla drehte seine Handflächen nach oben. Er betrachtete sie, als gehörten sie zu einem anderen Körper. »Und jetzt der zweite Punkt. Nicht zu Unrecht wunderst du dich, warum ich diese überseeischen Unternehmungen dir und nicht einem meiner altgedienten Legaten anvertraue.« Sulla sah ihn durchdringend an. »Welche Erklärung hast du dafür?«

Pompeius dachte eine Weile nach, dann zuckte er mit den Achseln. »Ein paar Vorstellungen habe ich schon, aber ohne zu wissen, was du tun wirst, nachdem Rom in deine Hände gefallen ist, werde ich mit meinen Vermutungen aller Voraussicht nach falsch liegen. Sag du mir, warum.«

»Weil du der einzige bist, dem ich diese Aufgabe anvertrauen kann, Pompeius. Stell dir vor, ich gebe einem Mann wie Vatia oder Dolabella eine Armee mit sechstausend Mann und tausend Reitern und schicke ihn nach Sizilien und nach Africa. Wen auch immer ich ausschicke, er braucht nur zu warten, bis ich gezwungen bin, meine Armee aufzulösen. Dann kann er geruhsam nach Rom zurückkehren und mich aus Amt und Würden jagen. Sizilien und Africa lassen sich kaum in sechs Monaten erobern. Und ich verfüge weder über die Mittel noch die sonstigen Voraussetzungen, um eine ständige Armee in Italien zu unterhalten. Außerdem würden der Senat und das römische Volk einer solchen Lösung niemals zustimmen. Ich werde also aller Wahrscheinlichkeit nach meine Armee aufgelöst haben, bevor derjenige, dem ich diesen Kriegszug anvertraue, wieder nach Italien zurückkehrt. Also muß ich jeden Mann, der mir gefährlich werden könnte, unter meiner wachsamen Obhut behalten. Nur aus diesem Grund beauftrage ich dich, die Weizenernte sicherzustellen, mit der ich das undankbare Maul Roms stopfen kann.«

Pompeius atmete tief durch, schlang die Arme um seine Knie und sah Sulla direkt an. »Und was sollte mich davon abhalten, eben dies zu tun, Lucius Cornelius? Wenn ich fähig bin, einen Feldzug zu führen, bin ich dann nicht auch fähig, Umsturzgedanken zu hegen?«

Sulla sah ihn an, dann lachte er herzhaft. Um Pompeius machte er sich keine Sorgen. »Du kannst von mir aus denken, was du willst, Pompeius. Du bist Rom einfach nicht gewachsen! Bei Vatia und Dolabella sieht das schon anders aus. Sie haben die Jahre, die Beziehungen, die Vorfahren, den Einfluß und die Klienten. Aber ein dreiundzwanzigjähriger Grünschnabel aus dem Picenum, den keiner kennt? Vergiß es!«

Dabei beließen sie es. Als Pompeius etwas später auf Varro traf, teilte er seinem unermüdlichen Chronisten lediglich mit, daß er für Sulla auf Sizilien die Ernte sichern müsse. Kein Wort über das Statthalteramt, über Dolabella und Vatia oder über Carbos Todesurteil. Pompeius hatte Sulla um einen einzigen Gefallen gebeten. Er wollte seinen Schwager Gaius Memmius, der in Sullas Legion diente, zu seinem obersten Legaten ernennen. Memmius war zwar einige Jahre älter als Pompeius, war aber noch nicht Quästor gewesen.

»Sehr gut, Pompeius«, hatte Sulla auf die Bitte hin gelächelt. »Eine hervorragende Wahl. So bleibt alles in der Familie.«

Zwei Tage nachdem Pompeius mit seiner Armee nach Puteoli abmarschiert war, griffen die Samniter und die Überreste von Carbos Streitmacht Sulla von Norden und Süden gleichzeitig an. Welle um Welle brandeten die Angreifer gegen die Verteidigungsmauern, wurden aber jedesmal zurückgeschlagen. Am Abend des ersten Tages hielt Sulla immer noch die Via Latina, die im Norden stehenden Angreifer hatten also keine Möglichkeit, sich mit ihren von Süden her angreifenden Verbündeten zusammenzuschließen. Dann, in der Morgendämmerung des zweiten Tages, rieben sich die Männer in den Wachtürmen am Nord- und am Südende verwundert die Augen: Die Angreifer waren verschwunden. Sie mußten mitten in der Nacht ihre Lager abgebrochen und sich davongestohlen haben. Die den ganzen Tag über eintreffenden Berichte der Kundschafter bestätigten, daß die zwanzigtausend Mann unter dem Kommando von Censorinus, Carrinas und Brutus Damasippus auf der Via Appia in Richtung Campania unterwegs waren, während die samnitische Streitmacht die Via Latina in derselben Richtung hinabzog.

»Laßt sie ziehen«, war Sullas einzige Reaktion. »Früher oder später werden sie sich vereinen und uns auf der Via Appia direkt in die Arme laufen.«

Gegen Ende Sextilis trafen sich die Samniter mit den Überresten von Carbos Armee bei Fregellae, von wo aus sie gemeinsam auf der Via Latina ostwärts durch die Melfaschlucht weitermarschierten.

»Sie ziehen sich zum Nachdenken nach Aesernia zurück«, schloß Sulla, der keine Weisungen erteilte, die vereinte feindliche Streitmacht noch weiter zu überwachen. »Es genügt, Späher an der Via Latina bei Ferentium und an der Via Appia bei Tres Tabernae zu postieren. Mehr Vorwarnzeit brauchen wir nicht. Aesernia liegt in Samnium, und ich schicke keinen Späher ohne guten Grund in eine Gegend, in der sein Leben in ständiger Gefahr ist.«

Auch Praeneste machte wieder von sich reden. Angetrieben von seiner Ungeduld, wagte sich der junge Marius, dem die Bewohner der Stadt immer weniger Sympathien entgegenbrachten, hinaus in das Niemandsland. Am westlichen Punkt des Hügelzugs, dort, wo die Wasserscheide zwischen den Zuflüssen des Tolerus und denen des Anio verlief, ließ er an dem seiner Ansicht nach schwächsten Punkt von Ofellas Bollwerk einen riesigen Belagerungsturm bauen. Da um die Stadt herum alle Bäume gefällt worden waren, die bei dem Turmbau hätten Verwendung finden können, wurden aus den Häusern und Tempeln der Stadt die nötigen Balken und Bretter herausgerissen, ohne die der Bau nicht voranschreiten konnte.

Der gefährlichste Teil der Arbeit bestand darin, eine Rampe aufzuschütten, auf welcher der Turm von der Stelle, an der er errichtet wurde, bis vor den Wallgraben geschoben werden konnte. Die damit beschäftigten Soldaten boten den Scharfschützen auf der Belagerungsmauer ein leichtes Ziel. So wählte der junge Marius die jüngsten und gewandtesten Burschen dafür aus und ließ ihnen ein notdürftiges Holzdach zimmern, unter dem sie einigermaßen sicher waren. Jenseits der Gefahrenzone mühte sich eine andere Gruppe von Soldaten damit ab, aus Planken und Bohlen, die für den Turmbau nicht taugten, eine Art Brücke zusammenzufügen, die sie, wenn es soweit war, über den Wallgraben legen konnten, um darauf den Turm an die Mauer zu schieben.

Nach einem Monat harter Arbeit war der Bau fertig. Auch die Rampe war aufgeschüttet und die notdürftige Brücke zusammengefügt. Aber auch Ofella hatte mehr als genug Zeit gehabt, seine Verteidigungsmaßnahmen vorzubereiten. In einer dunklen Nacht wurde die Brücke über den Graben gelegt und der an allen Ecken ächzende und knarrende Turm über die mit Schaffett und Öl eingeschmierte Rampe vorgeschoben. Als der Morgen dämmerte, stand der Turm, der die Belagerungsmauer um gute zwanzig Fuß überragte, an seinem Platz. In seinem Inneren hing an mit Pech verstärkten Seilen ein gewaltiger Rammbock, ein einziger riesiger Balken, der zuvor im Tempel der Fortuna Primigenia, der erstgeborenen Tochter des Jupiter und der Beschützerin Italiens, die Decke getragen hatte.

Aber da es mehrere Jahre dauert, bis Tuffgestein ganz hart wird, schwangen Marius’ Soldaten den gewaltigen Rammbock vergeblich gegen die Belagerungsmauer. Die noch weichen Tuffblöcke erbebten zwar unter der Gewalt der Schläge, bröckelten teilweise und zeigten auch erste Risse, aber sie hielten dem Ansturm stand, bis die von den Katapulten der Belagerer abgeschossenen Brandsätze den Turm in eine riesige Fackel verwandelten. Unter dem Hagel der von den Verteidigern gegen sie geschleuderten Speere und Pfeile rannten die Angreifer, oft mit brennenden Haaren, um ihr Leben. Bei Anbruch der Nacht lag der Turm ausgebrannt und in sich zusammengefallen in dem Wallgraben, und die Angreifer waren entweder tot oder hatten sich nach Praeneste zurückgezogen.

Im Oktober versuchte der junge Marius mehrmals, die über den Graben führende Brücke und die Überreste des Turms für seine Zwecke zu nutzen. Er ließ den Zwischenraum zwischen der Belagerungsmauer und dem Wallgraben an einer Stelle überdachen. Zuerst versuchten seine Soldaten, im Schütze des Daches einen Gang unter der Mauer durch zu graben, als nächstes versuchten sie, die Mauer selbst zu durchbrechen, und schließlich, sie zu besteigen. Doch alle Mittel versagten, und der vor der Tür stehende Winter drohte ebenso hart und kalt zu werden wie der letztjährige. In Praeneste gingen die Nahrungsmittel zur Neige, und die Bewohner der Stadt verfluchten den Tag, da sie den Sohn des Gaius Marius aufgenommen hatten.

Die neunzigtausend Mann starke samnitische Streitmacht war nicht, wie Sulla angenommen hatte, nach Aesernia gezogen, sondern hatte sich in der wilden Bergregion südlich des Fuciner Sees ein Lager errichtet. Zwei Monate lang wurden die Legionäre eisernem Drill unterzogen, den sie nur zu gelegentlichen, der Versorgung dienlichen Streifzügen durch die nähere Umgebung unterbrachen. Pontinus Telesinus und Brutus Damasippus hatten Mutilus in Teanum aufgesucht. Er hatte ihnen einen Weg gezeigt, wie sie Sulla umgehen und auf Rom marschieren konnten. Den jungen Marius müßten sie endgültig sich selbst überlassen, ihre einzige Chance bestehe darin, Rom zu erobern. Dadurch würden sie Sulla und Ofella zu einer Belagerung der Stadt zwingen, ein Unterfangen, das um so verzweifelter sein würde, weil Sulla sich nicht sicher sein konnte, ob die Bewohner Roms am Ende nicht zu den Samnitern überlaufen würden.

Mutilus wußte von einer Straße über die Berge, die von der Melfaschlucht zur Via Valeria führte. Diese Straße, oder treffender: dieser Viehweg führte von dem im hinteren Melfatal gelegenen Atina durch die unwegsame Berglandschaft in das Tal des Liri und über Sora weiter nach Treba und Sublaquaeum, bis er eine knappe Meile östlich von Varia bei einem kleinen Dorf namens Mandela in die Via Valeria mündete. Der Weg war weder gepflastert noch auf einer Karte verzeichnet, und doch wurde er seit vielen Jahrhunderten von den Hirten der Gegend benutzt. In den warmen Sommermonaten trieben sie ihre Herden auf diesem Pfad auf die hochgelegenen Weiden und im Herbst hinunter nach Rom, zu den Viehmärkten oder in die Schlachthäuser des Campus Lanatarius und des Vallis Camenarum außerhalb der aventinischen Mauer.

Hätte sich Sulla an seine eigene Reise von Fregellae an den Fuciner See erinnert, wo er Gaius Marius im Kampf gegen Silo und die Marser beigestanden hatte, dann wäre ihm dieser alte Viehweg vielleicht eingefallen. Schließlich war er ihm von Sora bis Treba gefolgt und hatte ihn dabei keineswegs unbegehbar gefunden. Doch Sulla war damals bei Treba von dem Pfad abgewichen und hatte nicht daran gedacht, sich über dessen weiteren Verlauf im Norden kundig zu machen. So brachte ihn seine Vergeßlichkeit um die Chance, Mutilus’ Strategie zu durchkreuzen. Überzeugt, daß die einzige dem Samniter für einen Angriff auf Rom offenstehende Straße die Via Appia sei, hielt Sulla hinter seinem Bollwerk auf der Via Latina Wache; er glaubte sich dort gegen Überraschungen aller Art gefeit.

Unterdessen folgten die Samniter und ihre Verbündeten dem Hirtenweg durch einen Landstrich, dessen Bewohner ebensowenig Sympathien für Rom übrig hatten wie sie selbst und der weit jenseits der Reichweite von Sullas Spähernetz lag. Problemlos passierte die samnitische Streitmacht Sora, Treba und Sublaquaeum, bis sie bei Mandela auf die Via Valeria stieß. Rom war jetzt kaum mehr dreißig Meilen entfernt, ein knapper Tagesmarsch auf der hervorragend instandgehaltenen Via Valeria, die durch Tibur und das Tal des Anio führte und schließlich auf dem Campus Esquilinus vor dem Doppelwall, dem Agger Roms, endete.

Da dies jedoch nicht der beste Platz für einen Angriff auf Rom war, bog die samnitische Streitmacht unter der Führung von Pontius Telesinus und Brutus Damasippus von der Via Valeria ab und folgte einem diverticulum, das vor der Porta Collina in die Via Nomenta mündete. Dort stand, als ob es auf sie gewartet hätte, das Lager des Pompeius Strabo, das seit Roms Belagerung durch Cinna und Gaius Marius Wind und Wetter getrotzt hatte. Am letzten Tag des Oktober, noch vor Einbruch der Nacht, hatten sich Pontius Telesinus, Brutus Damasippus, Marcus Lamponius, Tiberius Gutta, Censorinus und Carrinas in dem Lager eingerichtet. Am nächsten Morgen wollten sie Rom angreifen.

Kaum war die Nacht des letzten Oktobertages hereingebrochen, erfuhr Sulla von dem Aufmarsch der neunzigtausend Samniter vor der Porta Collina. Er hatte zwar ausgiebig dem Wein zugesprochen, war aber noch nicht schlafen gegangen. Kurz darauf schreckten Trompetenstöße und Trommelwirbel die Soldaten auf. Sie erhoben sich schlaftrunken von ihren Strohsäcken, überall leuchteten Fackeln auf. Sulla, inzwischen wieder stocknüchtern, rief seine Legaten zusammen und erklärte ihnen die Lage.

»Die Samniter haben uns ausgetrickst«, verkündete er düster. »Wie sie nach Rom gelangt sind, weiß ich nicht. Tatsache ist, daß sie vor der Porta Collina stehen und die Stadt jeden Moment angreifen können. In der Morgendämmerung brechen wir auf. Vor uns liegen zwanzig Meilen über zum Teil hügeliges Gelände, aber wir müssen Rom erreichen, bevor die Samniter angreifen.« Sulla wandte sich an Octavius Balbus, den Kommandeur der Reiterei. »Wie viele Reiter hast du am Nemi-See stehen, Balbus?«

»Siebenhundert.«

»Du brichst sofort auf. Nimm die Via Appia und spute dich! Du wirst etliche Stunden vor den Fußtruppen dort sein, das bedeutet, daß du die Samniter eine Zeitlang ohne unsere Hilfe hinhalten mußt. Es ist mir egal, wie. Hauptsache, du hältst sie auf, bis ich eintreffe.«

Octavius Balbus verschwendete keine Zeit auf eine Antwort. Noch bevor Sulla sich wieder zu den anderen Legaten umgewandt hatte, war er schon vor das Zelt geeilt und rief nach seinem Pferd.

Erschreckt, aber beileibe nicht vor den Kopf geschlagen, standen die vier anderen Legaten, Crassus, Vatia, Dolabella und Torquatus, in Sullas Zelt.

»Wir haben acht Legionen, die müssen uns reichen«, sagte Sulla, »auch wenn es bedeutet, daß aufjeden unserer Männer zwei Samniter kommen. Am besten legen wir jetzt gleich unsere Strategie fest. Wer weiß, ob uns dazu noch Zeit bleibt, wenn wir vor der Porta Collina stehen.«

Schweigend betrachtete er seine Legaten. Wer von ihnen würde die Härte beweisen, die vonnöten war, seine Soldaten in einer fast aussichtslosen Schlacht zu führen? Vom Rang her kamen eigentlich nur Vatia und Dolabella in Frage. Aber waren sie die Besten? Seine Augen blieben auf Marcus Licinius Crassus hängen, der wie ein großer Fels vor ihm stand, nach außen hin die Ruhe selbst, in seinem Inneren von Habgier zerfressen, ein Dieb und Lügner, ohne Prinzipien und Moral. Trotzdem, für ihn stand in diesem Krieg am meisten auf dem Spiel. Vatia und Dolabella würde eine Niederlage wenig kümmern, sie verfügten in Rom über ausreichend Einfluß. Torquatus war zwar ein treuer Gefolgsmann, aber kein Führer.

»Wir werden in zwei Abteilungen zu je vier Legionen marschieren«, sagte er und klatschte mit den Händen auf die Schenkel. »Ich behalte mir zwar das Oberkommando vor, befehlige aber selbst keine der beiden Abteilungen. In Ermangelung besserer Namen nenne ich sie linker und rechter Flügel. Falls ich vor unserer Ankunft keine neuen Anweisungen erteile, werden wir so auch kämpfen, mit einem linken und einem rechten Flügel. Ohne Zentrum, dafür fehlen uns die Männer. Vatia, du übernimmst mit Dolabella als Stellvertreter das Kommando über den linken Flügel und du, Crassus, mit Torquatus als Stellvertreter den rechten Flügel.«

Während Sulla sprach, ruhten seine Augen auf Dolabella, sahen die Wut und den Zorn in ihm aufsteigen. Marcus Crassus brauchte er erst gar nicht anzusehen, er würde seine Gefühle sowieso nicht zeigen.

»So lautet meine Entscheidung«, sagte er mit harter Stimme. Ohne Zähne fiel es ihm schwer, die Worte richtig auszusprechen, und es klang, als spucke er sie aus. »Ich habe keine Zeit für große Diskussionen. Ihr habt euch für mich entschieden und mir die oberste Entscheidungsgewalt übertragen. Also tut jetzt, was ich euch befohlen habe! Ich verlange nicht mehr von euch, als daß ihr so kämpft, wie ich es euch sage. Das war alles, jetzt könnt ihr gehen.«

Dolabella trat von der Tür zurück und ließ die anderen drei vorausgehen. Dann wandte er sich um und sagte: »Auf ein Wort unter vier Augen, Lucius Cornelius.«

»Wenn du es kurz machst.«

Obwohl Dolabella ein Cornelius und entfernt mit Sulla verwandt war, gehörte er keiner dieser weitläufigen Familien an, die sich im Laufe der Zeit den Glanz erworben hatten, wie er von den Namen Scipio oder Sulla ausstrahlte. Wenn er etwas mit seinen Namensvettern gemein hatte, dann sein uneinnehmendes Äußeres — seine Wangen waren eingefallen, seine Augen standen etwas zu dicht beisammen, und ganz allgemein war ihm ein mißmutiger Gesichtsausdruck eigen. Ehrgeizig und mit dem Ruf der Lasterhaftigkeit versehen, setzten er und sein Bruder, der jüngere Dolabella, alles daran, ihren Zweig der Familie mit Ruhm zu bedecken.

»Ich könnte dich vernichten, Sulla«, sagte Dolabella. »Es liegt in meiner Hand, ob du den morgigen Kampf gewinnst oder verlierst. Wie du dir sicherlich vorstellen kannst, könnte ich die Seiten so schnell wechseln, daß die Samniter glauben würden, ich hätte schon immer auf ihrer Seite gestanden.« Dolabella machte eine Pause, um zu sehen, wie Sulla seine Drohung nahm.

»Bitte, fahr fort«, sagte Sulla mit ausgesuchter Freundlichkeit.

»Ich bin jedoch bereit, mich mit deiner Entscheidung, mir Marcus Crassus vorzuziehen, abzufinden. Unter einer Bedingung.«

»Und die wäre?«

»Daß ich nächstes Jahr Konsul werde.«

»Gemacht!« antwortete Sulla unverändert freundlich.

»Was? Du bist nicht verärgert?« Dolabella blinzelte ungläubig.

»Nichts kann mich mehr ärgern, mein lieber Dolabella«, antwortete Sulla und geleitete seinen Legaten zur Tür. »Um ehrlich zu sein, zur Zeit kümmert es mich herzlich wenig, wer nächstes Jahr Konsul sein wird. Was mich beschäftigt, ist, wer in der bevorstehenden Schlacht das Kommando führt. Und wie ich sehe, habe ich recht damit getan, dir Marcus Crassus vorzuziehen. Gute Nacht.«

Die siebenhundert Reiter unter Octavius Balbus erreichten am Vormittag des nächsten Tages Pompeius Strabos altes Lager. Selbst wenn Balbus es gewollt hätte, er und seine Männer konnten noch nichts unternehmen. Ihre Pferde waren von dem schnellen Ritt so erschöpft, daß sie mit hängenden Köpfen, schweißnassen Flanken und schäumenden Mäulern dastanden und am ganzen Leib zitterten. Die Reiter standen neben ihren Pferden und versuchten sie aufzumuntern, indem sie das Gurtzeug lockerten und mit sanften Stimmen auf sie einsprachen. Vorsichtshalber hatte Balbus seine Männer ein gutes Stück vor dem feindlichen Lager Stellung beziehen lassen — sollten die Samniter ruhig denken, seine Streitmacht stehe zum Angriff bereit. Nach einer kurzen Verschnaufpause stellten sich die Reitersoldaten in einer Angriffsformation auf. Eine Schwadron reckte ihre Lanzen in die Höhe, während die Offiziere vorgaben, einer hinter ihnen wartenden Armee Befehle zuzurufen.

Der Angriff auf Rom konnte noch nicht begonnen haben, denn noch war das Fallgitter der Porta Collina herabgelassen und die beiden mächtigen Eichentore geschlossen. Einzig auf den zinnenbesetzten Brustwehren der beiden Türme herrschte hektische Betriebsamkeit, und auf den Mauern zu beiden Seiten des Tores drängten sich die Männer dicht an dicht. Balbus’ Erscheinen hatte in dem feindlichen Lager erhebliche Unruhe ausgelöst. Soldaten strömten aus dem südöstlichen Tor vor das Lager und stellten sich in einer Linie auf, um einen möglichen Reiterangriff abzuwehren. Von einer samnitischen Reiterei war nichts zu sehen, und Balbus hoffte inständig, daß seine Augen ihn nicht trogen.

Jeder Reiter hatte an dem linken hinteren Knauf seines Sattels einen ledernen Eimer befestigt, mit dem er sein Pferd tränken konnte. Balbus hatte befohlen, den Pferden Wasser zu geben, sobald das gefahrlos möglich war. Jetzt eilte ein Teil der Soldaten zu den Brunnen in der Nähe und füllte die Eimer auf. Unterdessen gaukelten die an vorderster Front stehenden Reiter den Samnitern weiterhin vor, an der Spitze einer großen Armee zu stehen und nur noch den richtigen Moment für einen Angriff abzuwarten.

Diese Kriegslist war so erfolgreich, daß die Samniter noch nichts unternommen hatten, als Sulla rund vier Stunden später mit den Fußtruppen eintraf. Seine Männer befanden sich nach dem Eilmarsch über zwanzig Meilen und zum Teil steiles Gelände in derselben Verfassung wie zuvor Balbus’ Pferde; sie waren erschöpft, außer Atem, und ihre Beine zitterten.

»Heute können wir unmöglich noch angreifen«, sagte Vatia, nachdem er und Sulla gemeinsam mit den anderen Legaten das Gelände abgeritten hatten, um sich einen Überblick über die Lage zu verschaffen.

»Warum nicht?« fragte Sulla.

»Weil unsere Männer zu müde zum Kämpfen sind.« Vatia sah ihn ausdruckslos an.

»Sie mögen müde sein, aber sie werden kämpfen.«

»Das darfst du nicht tun, Lucius Cornelius! Du schickst sie ins Verderben!«

»Und ob ich das darf!« Sulla blieb unnachgiebig. »Vatia, uns bleibt keine Wahl. Wir müssen heute kämpfen. Dieser Krieg muß ein Ende finden, und zwar hier und jetzt. Die Samniter wissen, daß wir einen Gewaltmarsch hinter uns haben, daß ihre Chancen heute so gut stehen wie an keinem anderen Tag. Wenn sie heute nicht angreifen, wer weiß, was sie dann morgen tun werden? Wer sollte sie davon abhalten, zusammenzupacken, über Nacht zu verschwinden und eine neue Strategie auszuhecken? Was, wenn sie monatelang einfach untertauchen und im nächsten Frühjahr oder Sommer wieder vor Rom stehen? Oder auch erst im Herbst? Nein, Vatia, wir kämpfen heute. Heute dürsten die Samniter noch danach, das Feld vor der Porta Collina mit unserem Blut zu tränken.«

Zu Fuß begab sich Sulla unter seine Soldaten, die sich niedergelassen hatten und von ihren Vorräten aßen und tranken. Er wollte ihnen nahe sein, wollte nicht auf einer Rostra über ihnen thronen, sondern sie im Gespräch von Mann zu Mann davon überzeugen, daß sie von irgendwoher die Stärke und Ausdauer nehmen mußten, heute zu kämpfen, daß der Krieg, wenn sie jetzt zögern würden, noch wer weiß wie lange dauern konnte. Die meisten Soldaten kämpften seit Jahren unter seinem Kommando, und es konnte ohne Übertreibung gesagt werden, daß sie ihn liebten. Selbst Scipio Asiagenus’ ehemalige Legionen hatten seine Hand lange genug gespürt, um sich als seine Männer zu fühlen. Gewiß, Sulla sah nicht mehr aus wie jenes wunderbare, gottgleiche Geschöpf, dem sie vor vielen Jahren vor der Stadt Nola eine Krone aus Gras aufgesetzt hatten, aber was machte das schon aus? Sulla gehörte ihnen! Und waren nicht auch sie ergraut, hatten Falten bekommen und waren nicht mehr ganz so gelenkig wie einst? Als er jetzt zwischen ihren Reihen hindurchging, auf sie einredete und sie bat, zu kämpfen, hoben sie nur müde ihre Arme und gaben ihm zu verstehen, daß er sich keine Sorgen zu machen brauche, sie würden den Samnitern schon zeigen, wer hier das Sagen hatte.

Knapp zwei Stunden vor Einbruch der Dunkelheit begann die Schlacht. Sullas linker Flügel setzte sich aus den drei ehemaligen Legionen des Scipio Asiagenus und einer seiner Veteranenlegionen zusammen. Sulla hatte das Kommando zwar abgegeben, hielt es aber trotzdem für angebracht, auf diesem Flügel zu bleiben. So suchte er sich eine kleine Erhebung auf der linken Seite des Schlachtfelds aus, von der aus er das Kampfgeschehen verfolgen konnte. Damit seine Männer ihn besser erkennen konnten, wenn er sich unter sie mischte, hatte er beschlossen, statt auf seinem Maultier auf seinem weißen Staatspferd zu reiten. Von dem Hügel aus konnte er sehen, daß die Bewohner Roms die Tore der Porta Collina geöffnet und das Fallgitter hochgezogen hatten, doch niemand kam heraus, um sich an der Schlacht zu beteiligen.

Sullas linkem Flügel stand die am besten ausgebildete feindliche Abteilung gegenüber, die nur aus Samnitern bestand und von Pontius Telesinus befehligt wurde. Mit vierzigtausend Mann war diese Abteilung zahlenmäßig etwas weniger stark als der zweite feindliche Flügel. Das war wenigstens eine Art Ausgleich, dachte Sulla und berührte seinen Stallburschen mit dem Fuß, das Zeichen für ihn, das Pferd voranzuführen. Sulla war kein sonderlich guter Reiter, weshalb er es vorzog, sein Pferd führen zu lassen. Sulla sah, daß sein linker Flügel zurückfiel. Er würde eingreifen müssen, Vatia konnte von seinem Standpunkt aus unmöglich erkennen, daß eines seiner größten Probleme das offene Tor nach Rom hinein war. Während sich nämlich die samnitischen Fußsoldaten mit ihren Kurzschwertern hauend und stechend vorankämpften, flohen viele von Vatias Soldaten durch das Tor, anstatt sich dort zu sammeln und die Stellung zu halten.

Gerade als Sulla sich anschickte, in das Kampfgetümmel einzugreifen, tauchten überraschend zwei samnitische Krieger vor ihm auf und schleuderten ihre Speere gegen ihn. Geistesgegenwärtig schlug Sullas Stallbursche auf die Flanke des Schimmels, der einen gewaltigen Satz nach vorne machte und davongaloppierte. Sulla blieb gerade noch Zeit, sich vorzubeugen und mit beiden Händen an der Mähne festzukrallen. Sein Leben verdankte er einzig und allein der Aufmerksamkeit des Stallburschen, der hinter dem Schimmel hergerannt kam, ihn an seinem geschmückten Schwanz zu fassen bekam und zum Anhalten brachte. Sulla, der unverletzt geblieben war, schenkte seinem Burschen ein dankbares Lächeln. Dann stürzte er sich, das Schwert in der Rechten und ein kleines Reiterschild in seiner Linken, mitten in das Schlachtgetümmel. Mit einer kleinen Schar Männer kämpfte Sulla sich zur Porta Collina vor, wo er ihnen befahl, das Fallgitter herabzulassen. Was sie, wie er zu seiner nicht geringen Belustigung bemerkte, taten, ohne auf die durch das Tor fliehenden Soldaten achtzugeben. Das half. Von ihrer einzigen Rückzugsmöglichkeit abgeschnitten, blieb Scipios ehemaligen Soldaten nichts anderes übrig, als ihre Stellung zu halten. Jetzt endlich konnte Sullas Veteranenlegion die Samniter im Kampf Mann gegen Mann Schritt um Schritt zurückdrängen.

Wie es Crassus und dem gesamten rechten Flügel bisher ergangen war, davon hatte Sulla keine Ahnung. Selbst von der kleinen Anhöhe aus hatte er Crassus nicht sehen können. Seine ganze Aufmerksamkeit hatte dem schwächeren linken Flügel gegolten. Trotzdem machte er sich keine Sorgen, denn wenn jemand allein zurechtkommen würde, dann Crassus mit seinen vier Legionen.

Die Nacht brach herein, aber die Schlacht ging im Licht der zahllosen Fackeln weiter, die von den auf den Mauern stehenden Römern hochgehalten wurden. Von Sulla angetrieben, rafften sich Scipios verzagte Männer wieder auf und stürmten mit neuerwachtem Mut voran. Auch Sulla schreckte vor keinem Zweikampf zurück, wobei sein tapferer Stallbursche niemals zuließ, daß ihm sein Schimmel hinderlich wurde.

Rund zwei Stunden später brach Sullas linker Flügel durch die Reihen der Feinde. Die Samniter zogen sich eilig in Pompeius Strabos altes Lager zurück, vermochten aber nicht mehr, Sullas nachstoßende Einheiten zurückzuhalten. Mit heiseren Stimmen drängten Sulla, Vatia und Dolabella ihre Soldaten, nicht nachzulassen, die Samniter nicht zu schonen. Als dann auch noch Pontius Telesinus mit gespaltenem Schädel zu Boden sank, verließ seine Männer vollends der Mut. Nichts konnte Sulla jetzt noch aufhalten.

»Macht keine Gefangenen!« trieb er seine Männer an. »Keine Gnade, auch wenn sie sich ergeben.«

Sulla brauchte sich nicht sehr zu mühen, nach dieser erbittert geschlagenen Schlacht wäre es wohl schwieriger gewesen, die Soldaten dazu zu bewegen, das Leben der Samniter zu schonen.

Erst als kein Samniter mehr am Leben war, fand Sulla, der inzwischen wieder auf seinem vertrauten Maultier saß, die Zeit, sich über Crassus’ Schicksal Gedanken zu machen. Weder vom rechten Flügel noch vom Rest der feindlichen Armee war irgend etwas zu sehen. Crassus und seine Widersacher waren verschwunden.

Gegen Mitternacht traf ein Bote in Sullas Lager ein. Sulla war gerade dabei, sicherzugehen, daß die am Boden liegenden Soldaten in Pompeius Strabos altem Lager tatsächlich auch tot waren, unterbrach seine Tätigkeit aber, weil er hoffte, daß der Mann ihm Nachrichten von Crassus brachte.

»Hat dich Marcus Crassus geschickt?«

»Ja«, bestätigte der Bote.

»Wo ist Marcus Crassus?«

»In Antemnae.«

»Antemnae?«

»Ja. Wir hatten den Feind noch vor Einbruch der Nacht zermürbt. Er floh, aber wir holten ihn bei Antemnae ein, erzwangen eine Schlacht und behielten die Oberhand. Marcus Crassus hat mich ausgesandt, um Essen und Wein für seine Männer zu erbitten.«

Mit einem zufriedenen Grinsen im Gesicht befahl Sulla, das Verlangte zu besorgen, und ritt auf seinem Maultier neben dem Zug der Packtiere auf der Via Salaria nach dem nur wenige Meilen entfernten Antemnae. Das Städtchen, das unfreiwillig zum Schauplatz einer blutigen Schlacht geworden war, war völlig verwüstet. Überall brannten Häuser, und die Menschen reichten mit Wasser gefüllte Eimer weiter, die sie auf die Brandherde schütteten. Zahllose Körper lagen auf den Straßen und Wegen, von der panischen Stadtbevölkerung bei dem Versuch, ihr Leben und ihre wenigen Habseligkeiten in Sicherheit zu bringen, zu Tode getrampelt.

Crassus wartete auf der anderen Seite des Städtchens, wo er auf einem Feld die feindlichen Überlebenden zusammengetrieben hatte.

»Rund sechstausend Mann«, sagte er zu Sulla. »Da Vatia die Samniter übernommen hat, blieben mir die Lucaner, Campaner und Carbos versprengte Männer. Marcus Lamponius gelang zwar die Flucht, aber Tiberius Gutta fiel im Kampf, unter den Gefangenen befinden sich Brutus Damasippus, Carrinas und Censorinus.«

»Gute Arbeit!« lobte Sulla und grinste so breit, daß man sein Zahnfleisch sehen konnte. »Dolabella hat sich über deine Ernennung zwar furchtbar aufgeregt, und ich mußte ihm für das nächste Jahr eine Konsulstelle versprechen. Aber ich wußte, daß ich mit dir die richtige Wahl getroffen hatte.«

»Was?« Entgeistert starrte Vatia Sulla an. »Dolabella hat etwas verlangt? Cunnus! Mentula! Verpa! Fellator!«

»Sei unbesorgt, Vatia. Du wirst auch noch Konsul werden«, tröstete ihn der immer noch lächelnde Sulla. »Dolabella wird aus seinem Amt wenig Vorteil ziehen können. Spätestens bei der Verwaltung seiner Provinz überspannt er den Bogen und muß den Rest seiner Tage in Gesellschaft der anderen unbeherrschten Idioten im Exil in Massilia zubringen.« Sulla wandte sich ab und deutete auf die Packtiere. »Wo willst du deine kleine Mahlzeit zubereitet haben, Marcus Crassus?«

»Am besten gleich hier. Aber dann müßten wir die Gefangenen an einen anderen Ort bringen«, sagte Crassus mit unbewegter Miene. Nichts an seiner Haltung verriet, daß er gerade einen großartigen Sieg errungen hatte.

»Ich habe Balbus mit seinen Reitern mitgebracht«, antwortete Sulla. »Er kann die Gefangenen sofort bei Tagesanbruch auf die Villa Publica bringen.«

Während Octavius Balbus die überlebenden Samniter zusammentrieb, ließ sich Sulla Censorinus, Carrinas und Brutus Damasippus vorführen. Obwohl sie soeben eine vernichtende Niederlage erlitten hatten, sahen sie keineswegs niedergeschlagen aus.

»Ihr seid wohl der Ansicht, ihr könntet euren Kampf an einem anderen Tag fortsetzen?« Sulla lächelte noch immer, aber seine Augen blickten eiskalt. »Nun, meine römischen Freunde, das werdet ihr nicht. Pontius Telesinus ist tot, und ich habe alle samnitischen Überlebenden mit Pfeilen niedermachen lassen. Da ihr euch mit den Samnitern und Lucanern verbündet habt, seid ihr in meinen Augen keine Römer mehr. Ihr werdet also nicht als Verräter unter Anklage gestellt, sondern ohne Verhandlung hingerichtet. Und zwar auf der Stelle.«

So wurden die drei unversöhnlichsten Feinde Sullas auf einem gewöhnlichen Acker vor Antemnae ohne Verhandlung oder Ankündigung enthauptet. Ihre Leiber wurden in das riesige Massengrab geworfen, das für die toten Feinde ausgehoben worden war, ihre Köpfe aber ließ Sulla in einen Sack stecken.

»Catilina, mein Freund«, wandte sich Sulla an Lucius Sergius Catilina, der ihn und Vatia nach Antemnae begleitet hatte, »nimm diesen Sack, suche den Kopf von Tiberius Gutta und hole an der Porta Collina den Kopf von Pontius Telesinus ab. Nimm sie alle und reite damit zu Ofella. Er soll die Köpfe auf sein mächtigstes Katapult laden und sie, einen nach dem anderen, über die Mauern nach Praeneste hineinschleudern.«

»Mit größtem Vergnügen, Lucius Cornelius.« Catilinas dunkles, wohlgeformtes Gesicht strahlte vor Vorfreude. »Aber darf ich dich vorher um einen Gefallen bitten?«

»Kommt darauf an, was du willst.«

»Laß mich nach Rom gehen und Marcus Marius Gratidianus finden. Ich will seinen Kopf haben! Wenn der junge Marius Gratidianus’ Kopf erblickt, weiß er, daß Rom dir gehört und er am Ende ist.«

Mit einer langsamen Bewegung schüttelte Sulla den Kopf — aber nicht, um Catilina seine Bitte abzuschlagen. »Catilina, ich liebe dich! Was würde ich nur ohne dich tun? Gratidianus ist dein Schwager.«

»War mein Schwager«, erwiderte Catilina mit weicher Stimme und fügte hinzu: »Meine Frau starb, kurz bevor ich zu dir stieß.« Er verschwieg, daß Gratidianus ihn verdächtigte, sie ermordet zu haben, um eine andere Beziehung ungestörter verfolgen zu können.

»Nun, früher oder später müßte Gratidianus sowieso daran glauben«, sagte Sulla mit einem Achselzucken. »Wenn du meinst, sein Kopf werde den jungen Marius beeindrucken, dann kannst du ihn von mir aus deiner Sammlung hinzufügen.«

Ganz beiläufig war somit das Todesurteil über Gratidianus ausgesprochen worden. Sulla, Vatia und die anderen Legaten gesellten sich zu Crassus und feierten mit ihm und seinen Legaten den Sieg, während Antemnae brannte und Lucius Sergius Catilina sich in Hochstimmung aufmachte, sein grausiges Geschäft zu erledigen.

Sulla schien keinen Schlaf mehr nötig zu haben. Nach dem Fest in Antemnae ritt er nach Rom. Er betrat die Stadt selbst nicht, sondern schickte einen Boten aus, der den Senat zu einer Zusammenkunft im Tempel der Bellona auf dem Marsfeld bestellte. Auf dem Weg zu dem Tempel machte Sulla auf dem Platz der Villa Publica halt und erteilte Anweisungen bezüglich der dort festgehaltenen sechstausend Gefangenen. Dann ritt er weiter bis zu dem ungepflegten, offenen Platz vor dem Tempel, der seit Menschengedenken schon »Feindesland« genannt wurde, und stieg ab.

Rund hundert Senatoren waren in dem Tempel versammelt, keiner hatte es gewagt, Sullas Ruf zu mißachten. Nicht ein einziger von ihnen hatte sich gesetzt, es erschien ihnen nicht angemessen, Sulla in Klappstühlen sitzend zu erwarten. Nur wenige Männer schauten unbesorgt drein — Catulus etwa sowie Hortensius und Lepidus. Anderen wiederum, ein oder zwei Senatoren mit dem Namen Flaccus, ein Fimbria, ein Carbo, stand die Angst vor dem, was da kommen würde, nur allzu deutlich ins Gesicht geschrieben.

Die meisten jedoch glichen Schafen mit leeren, erschreckten Augen.

Sulla hatte seinen Helm abgenommen, aber er trug noch immer seine Rüstung. Ohne den Senatoren zu zeigen, daß er ihre Anwesenheit wahrgenommen hatte, schritt er durch ihre Reihen und stieg auf den Sockel, auf dem die Statue Bellonas ruhte. Ihr Tempel war damit geschmückt worden, nachdem es Sitte geworden war, selbst die ältesten Götter Roms in Menschengestalt darzustellen. Da Bellona ebenfalls eine Rüstung trug, paßte Sulla sehr gut an ihre Seite. Andererseits war ihr eine gewisse Schönheit eigen, was man von Sulla nicht gerade sagen konnte. Die meisten Anwesenden waren von seiner äußeren Erscheinung schockiert, aber natürlich wagte keiner das zu sagen. Sullas orangefarbene Lockenperücke saß schief, seine karmesinrote Toga war verdreckt, und die roten Flecken in seinem ansonsten albinoweißen Gesicht stachen hervor wie kleine Blutpfützen im Schnee. Daß sein Aussehen so vielen Senatoren Kummer bereitete, hatte verschiedene Gründe. Die einen hatten Sulla gut gekannt und empfanden Mitleid mit ihm, die anderen hatten gehofft, daß der Mann, der sich zum Gebieter über Rom aufgeschwungen hatte, wenigstens ein entsprechendes Äußeres besitze. Der Mann da vor ihnen aber erinnerte sie an eine alte, vom Leben gezeichnete Hure.

Als Sulla zu sprechen begann, schmatzte er mit den Lippen, und manche seiner Worte waren kaum zu verstehen. Zumindest bis er in Fahrt geriet und der pure Selbsterhaltungstrieb seine Zuhörer dazu zwang, ihm seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.

»Wie ich sehe, bin ich nicht einen Augenblick zu früh zurückgekehrt!« keifte Sulla. »Das >Feindesland< ist von Unkraut überwuchert. Hier sollte mal wieder gründlich geschrubbt und neue Tünche aufgetragen werden! Unter den kläglichen Resten des Straßenbelages kommen bereits die Steine des Fundaments zum Vorschein, und auf der Villa Publica hängen Wäscherinnen ihre Wäsche zum Trocknen auf. Großartig, wie ihr euch um Rom gekümmert habt! Idioten! Schurken! Trottel!«

Nach seinen Mundbewegungen zu urteilen, schimpfte, drohte und lästerte Sulla zwar noch weiter, aber kaum hatte er das Wort »Trottel!« ausgesprochen, da wurden seine Worte von unmenschlichen, in höchster Todesangst ausgestoßenen Schreien übertönt, die aus der Richtung der Villa Publica zu kommen schienen. Den versammelten Senatoren stockte das Blut in den Adern. Anfangs gaben sie noch vor, Sullas Rede zu folgen, aber die gellenden Schreie wurden immer unerträglicher. Voller Angst fingen die Senatoren an, auf ihren Sitzen hin- und herzurutschen, miteinander zu tuscheln und sich erschreckte Blicke zuzuwerfen.

Dann, so plötzlich, wie er begonnen hatte, war der Spuk vorbei.

»Was ist los, meine kleinen Schäfchen? Habe ich euch erschreckt?« rief Sulla höhnisch aus. »Ihr braucht doch keine Angst zu haben! Was eure zarten Ohren vernommen haben, waren nur meine Männer, die ein paar Verbrecher bestraft haben.«

Ohne die erschreckten Senatoren auch nur eines weiteren Blik- kes zu würdigen, stieg Sulla wieder von dem Sockel herab und verließ den Tempel.

»Mein Lieber, ist der aber in einer Stimmung!« raunte Catulus seinem Schwager Hortensius zu.

»So, wie er aussieht, wundert mich das kein bißchen«, antwortete Hortensius.

»Er hat uns nur hierher bestellt, damit wir das hören«, sagte Lepidus. »Wen hat er wohl bestrafen lassen?«

»Die gefangenen Soldaten«, antwortete Catulus.

Catulus’ Vermutung entsprach der Wahrheit. Während Sulla zu dem Senat gesprochen hatte, hatten seine Soldaten die sechstausend Gefangenen auf der Villa Publica mit Schwerthieben und Pfeilen niedergemacht.

»Ich für meinen Teil werde mich künftig jedenfalls bemühen, nicht allzusehr aufzufallen«, sagte Catulus zu Hortensius.

»Und warum, wenn ich fragen darf?« Hortensius hatte Catulus, was Arroganz und Blauäugigkeit anging, einiges voraus.

»Weil Lepidus recht hat. Sulla hat uns nur hierher bestellt, um uns das Todesgeschrei seiner Feinde anhören zu lassen. Auf das, was Sulla sagt, gebe ich keinen Deut. Was er tut, dafür sollte sich jeder von uns, der an seinem Leben hängt, interessieren. Wir werden uns vorsehen und darauf achten müssen, ihn nicht zu provozieren.«

»Du übertreibst, mein lieber Quintus Lutatius!« entgegnete Hortensius. »In ein paar Wochen ist das alles vorbei. Sulla wird sich seine Taten vom Senat und von der Volksversammlung legalisieren lassen und sein Imperium zurückerhalten. Dann wird er, wie es sich gehört, in der ersten Stuhlreihe der Konsulare Platz nehmen, und Rom kann wieder zur Tagesordnung übergehen.«

»Glaubst du wirklich?« Catulus fröstelte. »Ich weiß zwar nicht, wie Sulla es machen wird, aber ich habe das seltsame Gefühl, daß wir seine rastlosen Augen noch eine Zeitlang von oben auf uns herabstarren sehen werden.«

Am nächsten Tag, dem dritten Tag des November, ritt Sulla nach Praeneste.

Ofella begrüßte ihn hocherfreut und deutete auf zwei niedergeschlagen aussehende Männer, die etwas abseits unter Bewachung standen.

»Kennst du sie?« fragte er Sulla.

»Ja, aber im Moment fallen mir ihre Namen nicht ein.«

»Zwei jüngere Tribunen aus Scipios alten Legionen. Am Morgen nach der Schlacht vor der Porta Collina kamen sie wie zwei griechische Schnellreiter angaloppiert und versuchten mir weiszumachen, daß du die Schlacht verloren hättest und tot seist.«

»Was? Und du hast ihnen nicht geglaubt, Ofella?«

Ofella lachte herzlich. »Dazu kenne ich dich zu gut, Lucius Cornelius! Dich umzubringen braucht es mehr als ein paar dahergelaufene Samniter.« Mit der Gewandtheit eines Magiers, der einen Hasen aus einem Nachttopf zaubert, griff Ofella hinter sich und hielt den Kopf des jungen Marius in die Höhe.

»Ah!« rief Sulla aus und inspizierte den Kopf gewissenhaft. »Ein hübscher Bursche, nicht? In der Beziehung geriet er nach seiner Mutter. Nach wem er mit seiner Intelligenz geriet, weiß ich nicht, jedenfalls nicht nach seinem Vater.« Sulla gab ein Zeichen, daß der Kopf weggebracht werden könne. »Hebt ihn gut auf. Also hat Praeneste sich ergeben?«

»Fast sofort, nachdem ich die Köpfe, die du mir hast bringen lassen, über die Stadtmauer katapultiert hatte. Die Tore gingen auf, und die Bewohner der Stadt kamen weiße Fahnen schwingend herausgerannt und schlugen sich mit ihren Fäusten auf die Brust.«

»Auch der junge Marius?«

»O nein! Er hat sich auf der Suche nach einem Fluchtweg in die Kanalisation verkrochen. Aber schon vor Monaten habe ich alle Ausflüsse vergittern lassen, und wir haben ihn vor einem der Gitter gefunden. In seinem Bauch steckte ein Schwert, und sein griechischer Sklave saß heulend daneben.«

»Das war der letzte von ihnen!« rief Sulla triumphierend.

Ofella blickte ihn überrascht an. Vergeßlichkeit war doch sonst nicht die Art des Lucius Cornelius Sulla.

»Wieso? Ein Mann ist doch immer noch am Leben«, wandte Ofella ein, hätte sich aber im nächsten Moment am liebsten die Zunge abgebissen. Sulla war kein Mann, den man daran erinnerte, daß auch er Fehler beging.

»Du meinst wohl Carbo?« fragte Sulla, über dessen Gesicht ein Lächeln huschte.

»Ja, Carbo«, antwortete Ofella unsicher.

»Carbo ist tot, mein Lieber. Der junge Pompeius hat ihn Ende September gefangengenommen und auf dem Marktplatz von Lilybaeum wegen Verrats hingerichtet. Ein außergewöhnlicher Bursche, dieser Pompeius. Ich war mir sicher, er würde Monate brauchen, um Sizilien zu unterwerfen und Carbo dingfest zu machen. Aber ihm hat ein einziger Monat ausgereicht! Und dabei hat er noch die Muße gefunden, mir Carbos Kopf per Eilboten zukommen zu lassen. Eingelegt in Essig! Unverkennbar Pompeius!« Sulla kicherte.

»Und der alte Brutus?«

»Hat es vorgezogen, sich umzubringen, um Pompeius nicht verraten zu müssen, wohin Carbo geflüchtet war. Eine sinnlose Tat. Die Besatzung seines Schiffs — Brutus war nämlich dabei, eine Flotte für Carbo auszuheben — hat Pompeius natürlich alles erzählt. Also schickt mein umtriebiger junger Legat seinen Schwager nach Cossura, wohin Carbo geflohen war, und läßt ihn in Ketten geschlagen nach Lilybaeum zurückbringen. Und damit nicht genug: Pompeius hat mir nicht zwei, sondern drei Köpfe geschickt: von Carbo, dem alten Brutus und Soranus.«

»Soranus? Du meinst doch nicht den Volkstnbun, den Gelehrten Quintus Valerius Soranus?«

»Doch, genau den.«

»Aber warum?« rief Ofella verwundert aus. »Wessen hat er sich schuldig gemacht?«

»Er hat sich auf die Rostra gestellt und Roms geheimen Namen hinausgerufen.«

»Beim Jupiter!« Ofellas Kinnlade fiel herunter, und ein Zittern erfaßte seinen Körper.

»Glücklicherweise hatte der Große Gott jedes Ohr auf dem Forum verschlossen«, log Sulla ungerührt, »Soranus hat also zu tauben Menschen gerufen. Kein Grund zur Beunruhigung, mein lieber Ofella. Rom wird nicht untergehen.«

»Welch ein Glück!« Erleichert wischte sich Ofella den Schweiß von der Stirn. »Ich habe schon viele seltsame Dinge vernommen, aber Roms geheimen Namen laut auszusprechen — das übersteigt meine Vorstellungskraft.« Dann fiel ihm etwas ein, und er konnte nicht anders, als Sulla zu fragen. »Was hatte Pompeius eigentlich in Sizilien verloren, Lucius Cornelius?«

»Er sollte mir die Getreideernte sichern.«

»Ich habe zwar ein entsprechendes Gerücht vernommen, habe ihm aber keinen Glauben geschenkt. Pompeius ist doch noch ein Kind.«

»Mhm«, stimmte Sulla zu. »Aber was immer der junge Marius von seinem Vater nicht mitbekommen hat, das hat der junge Pompeius von dem seinigen mitbekommen. Und noch mehr dazu!«

»Dann wird der Kleine also bald zurückkommen?« Ofella gefiel dieser neue Stern an Sullas Himmel gar nicht; er hatte sich an diesem Firmament ohne Konkurrenten gesehen.

»Noch nicht«, antwortete Sulla, ohne auf Ofellas eifersüchtigen Tonfall einzugehen. »Ich habe ihn nach Africa geschickt, um unsere dortige Provinz zurückzuerobern. Und ich glaube, genau das tut er in diesem Moment auch.« Er wandte sich um und deutete in das Niemandsland hinunter, wo eine riesige Menschenmenge reglos unter der kalten Wintersonne versammelt stand. »Sind das diejenigen, die Waffen trugen, als sie sich ergaben?«

»Ja. Insgesamt Zwölftausend Mann«, antwortete Ofella, dem es sehr recht war, das Thema zu wechseln. »Größtenteils Samniter oder Bewohner der Stadt, abgesehen von ein paar Römern, die dem jungen Marius gedient haben. Willst du sie genauer in Augenschein nehmen?«

Sulla brauchte nicht lange, um zu entscheiden, was mit den Männern geschehen sollte. Er begnadigte die Römer, die anderen ließ er auf der Stelle hinrichten. Den überlebenden Einwohnern Praenestes, fast ausschließlich Greise, Frauen und Kinder, befahl er, die Toten im Niemandsland zu begraben. Danach ließ sich Sulla, der nie zuvor in Praeneste gewesen war, die Stadt zeigen. Besonders erzürnt reagierte er, als er sah, was der junge Marius auf seiner Suche nach Baumaterial für den Belagerungsturm dem Tempelbezirk der Fortuna Primigenia angetan hatte.

»Ich bin Fortunas Günstling«, sagte er zu den Ratsmitgliedern, die nicht hingeschlachtet worden waren, »ich werde dafür sorgen, daß eure Fortuna Primigenia die prächtigste Tempelanlage ganz Italiens erhält. Und zwar auf eure Kosten.«

Am nächsten Tag ritt Sulla nach Norba weiter, wo Mamercus ihn in der ausgebrannten Stadt empfing.

»Sie ergaben sich freiwillig«, berichtete Mamercus aufgebracht, »aber dann haben sie in der ganzen Stadt Feuer gelegt und jede Menschenseele getötet. Frauen, Kinder, Ahenobarbus’ Soldaten, die Männer der Stadt — sie alle zogen den Tod der Niederlage vor. Es tut mir leid, Lucius Cornelius, aber Norba hat uns weder Gold noch Gefangene gebracht.«

»Das macht nichts«, antwortete Sulla. »Praeneste hat uns überreiche Beute eingetragen. Ich bezweifle, daß Norba viel von Nutzen oder Interesse zu bieten gehabt hätte.«

Am fünften Tag des November ritt Sulla durch die Porta Capena nach Rom hinein. Die Morgensonne spiegelte sich in den vergoldeten Statuen auf den Tempeldächern und tauchte die heruntergekommene Stadt in ein sanftes Licht. Es war eine feierliche Prozession. Sulla saß auf dem weißen Staatspferd, das ihn sicher durch die Schlacht vor der Porta Collina getragen hatte, die Zügel hielt sein Stallbursche. Sulla trug seine beste Rüstung, ihr silberbeschlagener Panzer war mit einer Abbildung verziert, auf der dargestellt war, wie seine Armee ihm vor den Mauern von Nola die Graskrone anbot. Neben ihm ritt, gekleidet in eine purpurgesäumte Toga, Lucius Valerius Flaccus, der Princeps Senatus. Ihnen folgten Sullas Legaten, ebenfalls paarweise, darunter auch Metellus Pius und Varro Lucullus aus dem italischen Gallien, die erst vor vier Tagen den Befehl erhalten hatten, nach Rom zu kommen, und sich sehr hatten beeilen müssen, um den Einzug Sullas nicht zu verpassen. Von allen Männern, die in Zukunft noch eine Rolle spielen sollten, waren nur Pompeius und Varro der Sabiner nicht anwesend.

Als militärische Eskorte genügten Sulla jene siebenhundert Reiter, die mit ihrem Täuschungsmanöver die Samniter vor der Porta Collina hingehalten hatten. Sullas Armee war damit beschäftigt, das Befestigungswerk auf der Via Latina abzureißen, so daß der Verkehr wieder ungehindert fließen konnte. Auch Ofellas Belagerungsringe mußten abgetragen und das Baumaterial auf die Felder verteilt werden. Die Tuffblöcke der Mauer sollten für den geplanten Bau des neuen Tempels der Fortuna Primigenia in Praeneste verwendet werden. Keine Spur der Feindseligkeiten, so lautete Sullas Befehl, durfte übrigbleiben.

Viel Volk strömte auf die Straßen, um seinen Einzug mitzuerleben. Mochte Rom in noch so großer Gefahr schweben, keiner seiner Bürger konnte der Versuchung eines Spektakels widerstehen. Und wenn ein Ereignis Geschichte machen würde, dann Sullas Einzug in Rom. Viele von denen, die ihn in die Stadt reiten sahen, waren überzeugt davon, den Todeswehen der Republik beizuwohnen. Gerüchte gingen um, Sulla beabsichtige, sich zum König über Rom zu erheben. Wie sonst wollte er seine Macht erhalten? Denn wie konnte er, in Anbetracht dessen, was er getan hatte, es jemals wagen, die Macht aus den Händen zu geben? Keiner der Schaulustigen übersah die Reiterschar, die unmittelbar hinter den letzten Legaten einherritt und auf deren hochgereckten Lanzen nicht nur die Köpfe von Carbo und dem jungen Marius steckten, sondern auch die von Carrinas und Censorinus, von Marius Gratidianus und dem alten Brutus, von Pontius Telesinus und Brutus Damasippus, von Soranus sowie von Gutta aus Capua - und von dem Samniterführer Gaius Papius Mutilus.

Mutilus hatte die Nachricht von der Niederlage der Samniter an der Porta Collina einen Tag danach erfahren und so laut geweint, daß Bastia zu ihm geeilt war, um nachzusehen, was mit ihm los sei.

»Verloren, alles verloren!« rief er ihr verzweifelt zu und vergaß dabei völlig, wie sehr sie ihn beleidigt hatte. Sie war jetzt der einzige Mensch, der ihm geblieben war und mit dem ihn Familienbande und eine lange gemeinsame Geschichte verbanden. »Meine Armee ist vernichtet. Sulla hat gesiegt! Sulla wird sich zum König von Rom ausrufen, und Samnium wird ausgelöscht werden!«

Bastia starrte das Häuflein Elend, das auf der Liege vor ihr zusammengesunken war, gerade so lange an, wie es dauerte, alle Dochte an einem kleinen Lüster zu entzünden. Sie sagte kein Wort des Trostes, sondern stand reglos und mit weit aufgerissenen Augen vor ihm. Langsam stahl sich ein Ausdruck von Verstehen in ihren Blick, der schließlich einer eisernen Entschlossenheit wich. Ihre Gesichtszüge wurden kalt und hart, sie klatschte in die Hände.

»Ja, domina?« fragte der Hausverwalter von der Tür her, während er bestürzt seinen schluchzenden Herrn betrachtete.

»Treib mir seinen Germanen auf und richte die Sänfte her«, befahl sie knapp.

»Domina?« Der Hausverwalter sah sie verwirrt an.

»Steh nicht rum, tu, was ich dir gesagt habe! Und zwar auf der Stelle.«

Der Hausverwalter schluckte und verschwand.

»Was soll das heißen?« Mutilus wischte sich die Tränen ab und blickte Bastia entsetzt an.

»Ich will, daß du von hier verschwindest«, zischte sie ihn an. »Ich will mit dieser Niederlage nichts, aber auch gar nichts zu tun haben! Ich will mein Haus behalten, mein Vermögen, mein Leben! Und das heißt, daß du verschwinden mußt, Gaius Papius! Geh zurück nach Aesernia oder nach Bovianum, geh irgendwohin, wo du ein Haus hast. Wo du bleibst, ist mir egal. Aber nicht hier! Geh, und zwar ohne mich!«

»Ich will meinen Ohren nicht glauben!« Mutilus schnappte nach Luft.

»Und ob du das glaubst! Raus, fort mit dir!«

»Aber ich bin gelähmt, Bastia. Ich bin dein Gatte, ich kann nicht laufen. Wenn du schon keine Liebe empfindest, dann nicht wenigstens eine Spur Mitleid?«

»Ich empfinde weder Liebe noch Mitleid für dich«, fuhr sie ihn an. »Dein dummes, nutzloses Kämpfen und Intrigieren gegen Rom hat dich die Kraft deiner Beine gekostet und die Kraft deiner Lenden, nach der ich mich so gesehnt habe, die Kinder, die ich hätte haben können, das ganze Glück darüber, an deinem Leben teilhaben zu dürfen. Fast sieben Jahre lebe ich nun hier allein, während du von Aesernia aus Ränke und Intrigen geschmiedet hast. Und wenn du dich einmal dazu herabgelassen hast, mich zu besuchen, dann hast du nach Kot und Urin gestunken und mich herumkommandiert. O nein, Gaius Papius Mutilus, ich bin fertig mit dir. Mach, daß du hinauskommst!«

Mutilus, dessen Verstand das Ausmaß seines Ruins noch gar nicht ganz erfassen konnte, gab kein Wort des Protestes von sich, als sein germanischer Diener ihn von der Liege aufhob und durch die Vordertür des Hauses hinaustrug, wo seine Sänfte am Fuß der Treppe bereitstand. Bastia war dem Germanen wie das Abbild einer Gorgone gefolgt, schön und grausam, mit Augen, die einen Mann zu Stein verwandeln konnten, und wilden Schlangenhaaren. So hastig schlug sie die Tür hinter dem Sklaven zu, daß sich sein Umhang darin verfing und er von seinem eigenen Schwung zurück und gegen die Tür gerissen wurde. Mutilus in seinem linken Arm haltend, zerrte der Germane mit seiner Rechten an dem Umhang.

Gaius Papius Mutilus trug an seinem Gürtel einen Legionärsdolch, ein Erinnerungsstück an die Zeit, da er noch ein samnitischer Krieger gewesen war. Er zog den Dolch aus der Scheide, preßte seinen Kopf gegen das Holz der Tür und schnitt sich die Kehle durch. Das Blut spritzte überall umher, besudelte den schreienden Germanen, lief an der Tür herunter und sammelte sich in kleinen Pfützen auf dem Boden. Von den Schreien angelockt, kamen Leute aus den engen Gassen herbeigerannt. Das letzte, was Gaius Papius Mutilus sah, war sein Gorgonenweib, das bei dem ersten Schrei des Germanen die Tür wieder aufgerissen hatte, gerade rechtzeitig, um noch von dem Blut ihres Mannes bespritzt zu werden.

»Ich verfluche dich, Weib!« versuchte er hervorzuwürgen, brachte aber kein Wort mehr heraus. Bastia schien weder sonderlich bestürzt noch traurig angesichts ihres sterbenden Mannes. In aller Seelenruhe hielt sie die Tür auf und fuhr den schluchzenden Germanen an: »Los, schaff ihn rein.« Kaum hatte der Sklave den inzwischen leblosen Mann auf den Boden gelegt, da befahl sie ihm: »Schneid ihm den Kopf ab. Ich werde ihn Sulla als Geschenk schicken.«

Bastia hielt Wort. Zusammen mit ihren Glückwünschen zu seinem Sieg sandte sie Sulla den Kopf ihres Ehemannes. Aber die Geschichte, die Sulla von dem armen, von Bastia zur Übergabe des Geschenks gezwungenen Hausverwalter zu hören bekam, schmeichelte ihr wenig. Sulla gab den Kopf seines alten Feindes an einen seiner Militärtribunen weiter und ordnete mit ausdrucksloser Stimme an: »Tötet die Frau, die mir das geschickt hat.«