Er sah seinen Sohn, bevor er abreiste, aber das Kind, das die Hebamme und Lucius Tuccius schließlich aus dem Geburtskanal zogen, war schon seit mehreren Tagen tot. Und Cinnilla, aufgequollen, von Krämpfen geschüttelt und durch einen schweren Schlag halbseitig gelähmt, starb fast im gleichen Moment, als sie das tote Kind gebar.

Alle waren fassungslos. Schon Julias Tod war ein schrecklicher Schlag gewesen, aber Cinnillas Tod war ein unerträglicher Verlust. Caesar weinte, wie er nie zuvor in seinem Leben geweint hatte, und es war ihm völlig gleichgültig, wer ihn dabei beobachtete. Stunde um Stunde weinte er; von dem Moment an, als der erste schreckliche Krampf einsetzte, bis zu dem Augenblick, als er auch Cinnilla begraben mußte. Eine geliebte Frau zu verlieren, damit war er noch fertiggeworden, aber beide, das war ein Alptraum, aus dem es kein Erwachen mehr zu geben schien. An das tote Kind verschwendete er keinen Gedanken. Um Cinnilla trauerte er, die seit seinem vierzehnten Lebensjahr zur Familie gehört, die den Schmerz des Flaminats mit ihm geteilt, das rundliche kleine Ding, das er siebzehn Jahre lang wie eine Schwester und wie eine Frau geliebt hatte. Sie waren zusammen Kinder gewesen, die einzigen Kinder in diesem Mietshaus.

Ihr Tod war für Aurelia viel schlimmer als der Julias, und die eisenharte Frau weinte genauso verzweifelt wie ihr Sohn. Ein Licht war erloschen, das ihr für den Rest ihres Lebens fehlen würde. Cinnilla war ihr Enkeltochter und Schwiegertochter in einem gewesen, eine liebenswerte kleine Person, von der jetzt nur noch Echos kündeten, ein leerer Webstuhl, die leere Hälfte eines Betts. Burgundus weinte, Cardixa weinte, ihre Söhne weinten, und auch Lucius Decumius, Strophantes, Eutychus, all die Diener, die sich kaum mehr erinnern konnten, wie es in Aurelias Wohnung ohne Cinnillas Gegenwart gewesen war. Auch die Mieter der Hauses weinten, und eine Menge Leute in der Subura.

Julias Begräbnis war trotz allem eine glanzvolle Veranstaltung gewesen, die dem Redner Gelegenheit geboten hatte, eine große Frau und seine eigene Familie zu feiern; bei Cinnilla aber verhielt es sich anders. Es gab zwar gewisse Parallelen: Caesar holte diesmal die imagines der Familie Cornelius Cinna aus dem Vorratsraum, wo er sie zusammen mit denen der Familie Marius versteckt hatte. Auch sie wurden zum Ärger der Konsuln Hortensius und Metellus von Schauspielern getragen; außerdem sprach Caesar wieder von der Rostra aus, obwohl es nicht der Tradition entsprach, den Nachruf auf eine junge Frau auf der Rednertribüne des Forums zu halten. Diesmal jedoch diente seine Rede nicht dem Ruhm. Er sprach leise und beschränkte sich darauf, von dem Genuß zu erzählen, der ihm Cinnillas Gegenwart gewesen war und der ihm darüber hinweggeholfen hatte, daß er als Junge seine Freiheit verlor. Er sprach von ihrem Lächeln und von den schrecklichen haarigen Gewändern, die sie pflichtbewußt gewebt hatte, um sie als Jupiterpriesterin zu tragen. Er sprach über seine Tochter, die er während seiner Rede auf den Armen trug. Er weinte.

Und er endete mit den Worten: »Ich kenne nur den Schmerz, den ich selber fühle. Das ist die Tragik des Schmerzes — daß wir alle unseren eigenen Schmerz für den größten halten. Vielleicht bin ich wirklich ein kalter, harter Mann, dessen größte Liebe seiner dignitas gilt. Mag sein. Ich habe mich einst geweigert, mich von Cinnas Tochter scheiden zu lassen. Damals glaubte ich, Sullas Befehl zu meinem persönlichen Vorteil zu mißachten und wegen der Möglichkeiten, die sich mir dadurch eröffneten. Ich habe euch erklärt, worin die Tragik des Schmerzes besteht. Aber diese Tragik ist nichts im Vergleich zu dem Leid, das man empfindet, wenn man erst erkennt, was einem eine Person bedeutet hat, wenn sie tot ist.«

Niemand jubelte, als die imagines Cornelius Cinnas und seiner Vorfahren gezeigt wurden. Aber Rom weinte so sehr, daß sich Caesars Feinde zum zweiten Mal innerhalb von achtzehn Tagen ihre völlige Machtlosigkeit eingestehen mußten.

Caesars Mutter war um Jahre gealtert; Cinnillas Tod hatte ihr das Herz gebrochen. Eine schwierige Lage für den Sohn, dessen Versuche, sie durch Umarmungen und Küsse zu trösten, noch immer zurückgewiesen wurden.

Bin ich so kalt und hart, weil sie so kalt und hart ist? fragte er sich. Aber sie ist doch nur mir gegenüber kalt und hart. Man braucht nur zu sehen, wie sie um Cinnilla trauert. Und wie sie um den schrecklichen alten Sulla getrauert hat.

Wenn ich eine Frau wäre, wäre mir mein Kind ein gewaltiger Trost. Aber ich bin ein römischer Patrizier, und die Kinder eines römischen Patriziers dürfen nur eine Nebenrolle in seinem Leben spielen. Wie oft habe ich meinen Vater gesehen? Und was hatte ich je mit ihm zu besprechen?

»Mater«, sagte er, »ich vertraue dir die kleine Julia an. Sie ist jetzt fast im gleichen Alter wie Cinnilla, als sie hier einzog. Mit der Zeit wird sie den größten Teil des leeren Raums ausfüllen, den Cinnilla in dir hinterlassen hat. Ich werde nie versuchen, sie dir zu entfremden.«

»Das Kind ist bei mir gewesen, seit es geboren ist«, sagte Aurelia. »Du sagst mir wahrhaftig nichts Neues.«

Der alte Strophantes schlurfte herein, sah Mutter und Sohn mit feuchten Augen an und schlurfte wieder hinaus.

»Ich muß an Onkel Publius in Smyrna schreiben«, sagte Aurelia. »Er ist auch einer von denen, die alle überlebt haben, der arme alte Mann.«

»Tu das, Mutter!«

»Ich verstehe dich nicht, Caesar. Du benimmst dich wie ein Kind, das seine Honigkuchen aufgegessen hat und in Tränen ausbricht, weil es dachte, daß es sie nie aufessen könnte.«

»Und wie darf ich diese Bemerkung verstehen?«

»Du hast es in deiner Grabrede für Julia selbst gesagt: Ich mußte dir Mutter und Vater zugleich sein, und deshalb konnte ich dir nicht die Zärtlichkeit geben, die Julia dir gegeben hat. Als ich dich das sagen hörte, war ich erleichtert, weil ich dachte: Endlich hat er begriffen! Jetzt aber bist du so bitter wie eh und je. Schicke dich in dein Los, mein Sohn. Du bedeutest mir mehr als das Leben, mehr als die kleine Julia, mehr als Cinnilla, mehr als irgend jemand sonst. Du bedeutest mir mehr als dein Vater. Und sehr viel mehr als Sulla mir je hätte bedeuten können, selbst wenn ich damals schwach geworden wäre. Wenn es schon keinen Frieden zwischen uns geben kann, dann laß uns wenigstens einen Waffenstillstand schließen!«

»Warum auch nicht?« sagte Caesar mit einem bitteren Lächeln.

»Es wird dir bessergehen, sobald du aus Rom heraus bist, Caesar.«

»Das hat Cinnilla auch gesagt.«

»Sie hatte recht. Nichts wird dir den Schmerz je nehmen, den du über ihren Tod empfindest, aber der frische Seewind wird den Mist wegblasen, der dir das Gehirn verstopft. Es wird wieder funktionieren. Es kann einfach nicht anders.«

Es kann nicht anders, klang es in Caesar nach, als er den kurzen Weg von Rom nach Ostia zurücklegte, wo sein Schiff wartete. Das ist die Wahrheit. Meine Seele mag verwundet sein bis ins Mark, aber mein Geist ist intakt. Es gilt neue Taten zu vollbringen, neue Menschen zu treffen, neue Länder zu erforschen — und kein Lucullus weit und breit! Ich werde überleben.

FINIS