Der früh und heftig einsetzende Winter bescherte Rom Schnee, und viele Einwohner nahmen die ungewöhnliche Kälte für ein schlechtes Omen. Norbanus und Scipio Asiagenus waren nach ihrer Niederlage nicht zurückgekehrt, und was man sonst von ihnen hörte, gab wenig Anlaß zu Optimismus; Norbanus war in Capua eingeschlossen, und Scipio zog auf der Suche nach neuen Rekruten durch Etruria.

Gegen Ende des Jahres erwog der Senat, eine Sitzung einzuberufen, um über seine — und Roms — Zukunft zu debattieren. Die unter Sulla sehr umfangreiche Körperschaft war auf rund ein Drittel ihrer Mitglieder zusammengeschrumpft; viele Senatoren waren Sulla damals nach Griechenland gefolgt, und viele hatten sich ihm jetzt, da er nach Italien zurückgekehrt war, angeschlossen. Zwar beteuerte eine Gruppe von Senatoren, neutral zu sein, aber in Rom wußte jedermann, vom Patrizier bis zum Sklaven, wo die Grenze zwischen den Lagern verlief. Italien und das italische Gallien waren nicht groß genug, als daß Sulla und Carbo friedlich hätten nebeneinander regieren können; zu unterschiedlich waren die Werte, für die sie standen, und ihre Vorstellungen der künftigen Staatsform und Entwicklung Roms. Sulla stand für das mos maiorum, die Gesamtheit jener jahrhundertealten Sitten und Gebräuche, die den landbesitzenden Adligen die Führung in Friedens- und in Kriegszeiten übertrug. Carbo vertrat die Händler und Geschäftsleute — den Ritterstand und die Zahlmeister. Da keine Gruppe sich auf eine Machtteilung einlassen wollte, konnte nur ein Bürgerkrieg die Entscheidung herbeiführen.

Daß der Senat überhaupt mit dem Gedanken an eine Sitzung spielte, lag in der Rückkehr Carbos aus Ariminum im italischen Gallien begründet. Marcus Junius Brutus, jener Volkstribun, der durchgesetzt hatte, daß Capua den Status einer vollrömischen Stadt erhielt, hatte Carbo herbeigerufen. Die beiden Männer trafen sich in Brutus’ Haus auf dem Palatin, das Carbo als langjähriger Freund von Brutus bereits gut kannte. Zudem war es eine verschwiegenere Örtlichkeit als Carbos eigenes Domizil, wo Gerüchten zufolge selbst der Bursche, der die Nachttöpfe leerte, gleich von mehreren an Carbos Plänen interessierten Parteien bestochen wurde.

Brutus verdankte die Tatsache, daß sein Haus frei von korrupten Sklaven war, vor allem seiner Frau Servilia, die in ihrem Haushalt mehr auf Disziplin achtete, als Scipio Asiagenus es in seiner Armee getan hatte. Servilia, die über so viele Augen wie Argus und so viele Ohren wie eine ganze Fledermauskolonie zu verfügen schien, tolerierte nicht das geringste Fehlverhalten. Einen Diener, der ihr an Schläue und Durchtriebenheit überlegen war, gab es nicht, und ein Diener, der sich von ihr nicht einschüchtern ließ, blieb nicht lange im Haus.

Brutus und Carbo konnten sich also sicher sein, daß kein Unberufener ihrer streng vertraulichen Konversation zuhörte, natürlich mit Ausnahme von Servilia selbst. Nichts geschah oder wurde in diesem Haus gesagt, worüber sie nicht Bescheid wußte, und sie sorgte dafür, daß auch diese streng vertrauliche Unterhaltung nicht außerhalb ihrer Hörweite stattfand. Die beiden Männer saßen hinter verschlossenen Türen in Brutus’ Arbeitszimmer, doch draußen im Säulengang kniete Servilia unter dem einen offenen Fenster und belauschte ihre Unterhaltung. Es war ein kalter und unbequemer Ort, aber Servilia empfand das als geringe Unbill im Vergleich zu dem, was sie von dem Gespräch der beiden Männer würde aufschnappen können.

»Wie geht es meinem Vater?« fragte Brutus.

»Gut. Er läßt dich grüßen.«

»Daß du seine Gesellschaft ertragen kannst!« brach es aus Brutus heraus, er fügte jedoch, erschreckt über den Ausruf, zu dem er sich hatte hinreißen lassen, hinzu: »Entschuldige, ich wollte nicht wütend klingen. Ich bin nicht wütend.«

»Nur verwirrt, daß ich mit deinem Vater auskomme?«

»Du sagst es.«

»Er ist dein Vater«, sagte Carbo beschwichtigend, »und er ist ein alter Mann. Ich kann zwar verstehen, warum du ihn als Belastung empfindest, aber für mich ist er das nicht. Nachdem sich Verres mit dem letzten Geld aus meiner Statthalter-Schatulle davongemacht hatte, mußte ich mich sowieso nach einem neuen Quästor umsehen. Wie du weißt, sind dein Vater und ich einander seit Marius’ Rückkehr aus dem Exil in Freundschaft verbunden.« Carbo machte eine Pause. Wahrscheinlich tätschelte er Brutus beruhigend den Arm, dachte die Lauscherin unter dem Fenster. Sie wußte nur zu gut, wie Carbo mit ihrem Mann umsprang. »Zu deiner Heirat«, fuhr Carbo fort, »hat er dir dieses Haus gekauft, um euch nicht im Wege zu sein. Womit er nicht gerechnet hat, war die Einsamkeit, die ihn überfiel, nachdem du und er so lange Zeit als — wie soll ich sagen? — als Junggesellen zusammengelebt habt. Vielleicht hat er sich dumm benommen und auch deine Frau verärgert. Jedenfalls hat er, als ich ihm schrieb und ihn bat, mein neuer Proquästor zu werden, sofort zugesagt. Du brauchst dich nicht schuldig zu fühlen, Brutus. Dein Vater ist da, wo er jetzt ist, glücklich.«

»Ich danke dir«, antwortete Brutus und stieß einen Seufzer aus.

»Was ist denn nun so dringlich, daß ich persönlich herkommen mußte?«

»Die Wahlen«, antwortete Brutus, der kein Mann mit starken Nerven war, nervös. »Seit dem Abfall des allgemeinen Lieblings Philippus hat die öffentliche Moral in Rom sehr gelitten. Keiner hat den Willen oder Mut, sich in herausragender Stellung zu bewähren. Deshalb halte ich es für notwendig, daß du wenigstens bis nach den Wahlen in Rom bleibst. Ich finde einfach niemanden, der ausreichend qualifiziert ist und Konsul werden will. Niemand, der dazu in der Lage wäre, will überhaupt noch irgendein wichtiges Amt annehmen.«

»Was ist mit Sertorius?«

»Sertorius ist, wie du weißt, ein Kleingeist. Ich habe ihm nach Sinuessa geschrieben und ihn gebeten, sich als Konsul aufstellen zu lassen. Er hat abgelehnt. Aus zwei Gründen, obwohl ich nur einen zu hören erwartete. Einmal führte er an, er sei noch immer Prätor und müsse die üblichen zwei Jahre abwarten, bevor er als Konsul kandidieren könne. Ich hatte gehofft, ihm diesen Einwand ausreden zu können. Gegen seinen zweiten Einwand vermochte ich allerdings nichts auszurichten.«

»Und der war?«

»Sertorius sagte, Rom sei am Ende, und er weigere sich, Konsul einer Stadt zu werden, die von Feiglingen und Schmarotzern nur so strotze.«

»Nett ausgedrückt.«

»Am liebsten würde er, wie er hinzufügte, Statthalter im diesseitigen Spanien werden und so bald wie möglich abreisen.«

»Fellator!« stieß Carbo wütend hervor.

Brutus, der Kraftausdrücke verabscheute, schwieg. Offensichtlich war damit das Thema Sertorius erledigt, denn auch Carbo sagte eine Zeitlang nichts mehr.

Von Neugier getrieben, richtete sich die Lauscherin draußen auf und spähte durch das verzierte Gitterwerk der Fensterläden. Carbo und Brutus saßen sich an dem Arbeitstisch ihres Mannes gegenüber. Sie hätten Brüder sein können. Beide hatten eher dunkles Haar und dieselbe untersetzte, unvorteilhafte Figur und waren nicht sonderlich gutaussehend.

Warum, so fragte Servilia sich oft, hatte Fortuna sie nicht mit einem besser aussehenden Ehemann beglückt, einem Mann, der politisch Karriere machte? Die Hoffnung auf eine militärische Karriere ihres Mannes hatte sie schon früh begraben müssen, also blieb nur die Politik übrig. Aber alles, was ihm einfiel, war, Capua in den Rang einer römischen Stadt zu erheben. Keine schlechte Idee, gewiß, immerhin hatte diese Maßnahme ihm als Volkstribun eine gewisse Aufmerksamkeit eingebracht, aber niemals würde man sich an ihn, wie etwa an ihren Onkel Drusus, als einen der großen Volkstribunen erinnern.

Brutus war Servilia von ihrem Onkel Mamercus ausgesucht worden, obgleich Mamercus durch und durch Sullas Mann war und mit ihm gerade in Griechenland weilte, als die Zeit reif war, dem ältesten seiner sechs Mündel einen Gemahl zu suchen. Alle sechs Kinder lebten damals noch unter der Aufsicht einer armen Verwandten, Gnaea, und ihrer Mutter Porcia Liciniana — einer schrecklichen Frau — in Rom. Kein Vormund, egal wie weit er von seinen Mündeln entfernt war, brauchte sich um ihre Tugendhaftigkeit und Moral zu sorgen, wenn sie unter der gestrengen Fuchtel von Porcia Liciniana lebten. Selbst Porcias eigene Tochter Gnaea welkte von Jahr zu Jahr mehr dahin und sah schon aus wie eine alte Jungfer.

Porcia Liciniana war es gewesen, welche die Freier der bald achtzehnjährigen Servilia empfing. Und sie war es auch, die den im Osten weilenden Mamercus mit Einzelheiten über die jeweiligen Kandidaten versorgte, zusammen mit ihren unvermeidlichen Bemerkungen über Tugendhaftigkeit, Moral, Bescheidenheit, Mäßigkeit und all die anderen Eigenschaften, die ein Ehemann ihrer Ansicht nach aufweisen sollte. Obgleich Porcia Liciniana sich nicht ein einziges Mal dazu hinreißen ließ, eine deutliche Vorliebe für diesen oder jenen Freier zu äußern, fielen ihre Bemerkungen bei Mamercus auf fruchtbaren Boden. Immerhin brachte Servilia eine riesige Mitgift sowie einen alten patrizischen Namen mit und war zudem, wie Porcia Liciniana Mamercus versichert hatte, von einnehmender Erscheinung.

So wählte Mamercus, um ja nichts falsch zu machen, den Mann aus, der in Porcia Licinianas Beurteilung am besten abgeschnitten hatte: Marcus Junius Brutus. Brutus war ein Senator Anfang Dreißig und somit über jugendliche Eskapaden und Fehltritte erhaben. Wenn der ältere Brutus starb (was nicht mehr lange dauern würde, wie Porcia Liciniana versichert hatte), würde er zum Oberhaupt seiner Familie aufsteigen. Davon abgesehen war er ein vermögender Mann und von einwandfreier, wenn auch plebejischer Herkunft.

Servilia kannte Brutus nicht, und selbst nachdem Porcia Liciniana sie von ihrer bevorstehenden Vermählung unterrichtet hatte, durfte sie Brutus bis zum Tag ihrer Hochzeit nicht sehen. Daß sie sich dieser uralten Sitte beugen mußte, ging ausnahmsweise nicht auf die gestrenge Porcia Liciniana zurück, sondern war die direkte Folge einer in ihrer Kindheit über sie verhängten Strafe. Weil sie im Haushalt ihres Onkels Drusus für ihren verfemten Vater spioniert hatte, hatte Drusus sie mit einer Art Hausarrest belegt. Servilia durfte in Drusus’ Haus nie mehr ein eigenes Zimmer bewohnen, und genausowenig war ihr gestattet, das Haus zu verlassen, es sei denn in Begleitung einer Aufsichtsperson, die jeden ihrer Schritte und jedes ihrer Worte überwachte. Das war zwar viele Jahre vor ihrem Eintritt ins heiratsfähige Alter gewesen, und obwohl inzwischen längst alle Erwachsenen tot waren, die damals eine Rolle gespielt hatten — Mutter und Vater, Tante und Onkel, Großmutter und Stiefvater —, galt Drusus’ Verdikt noch immer.

Es war also keine Übertreibung, wenn behauptet wurde, Servilia sei so begierig gewesen, zu heiraten und das Haus ihres Onkels zu verlassen, daß es sie kaum kümmerte, wen sie zum Mann bekam. Wer immer es war, er würde sie aus ihrer verhaßten Vormundschaft befreien. Aber dann seufzte sie doch erleichtert auf, als sie seinen Namen vernahm. Ein Mann aus ihrer Klasse, mit einem vergleichbaren Hintergrund! Kein kleiner Adliger vom Land, wie sie stets befürchtet hatte und wie Onkel Drusus es ihr zu seinen Lebzeiten wiederholt angedroht hatte.

So zog sie, eine frischgebackene und sehr dankbare Braut, mitsamt ihrer enormen Mitgift von zweihundert Talenten oder fünf Millionen Sesterzen in das Haus des Marcus Junius Brutus. Und was noch besser war, ihre Mitgift blieb in ihrem Besitz. Mamercus hatte das Geld klug angelegt, und sie verfügte über ein reichliches Einkommen. Zudem hatte er bestimmt, daß Servilias Vermögen nach ihrem Tod an ihre Töchter fallen sollte. Da Marcus Junius Brutus selbst kein armer Mann war, betrübte ihn diese Regelung nicht im geringsten, im Gegenteil, hatte er damit doch eine Frau aus dem höchsten patrizischen Adel, die stets in der Lage sein würde, für ihren eigenen Unterhalt zu sorgen. Ob es sich um Sklaven, den Lohn für Bedienstete, Gewänder, Schmuck, Häuser oder sonst etwas handelte, sie würde ihre Unkosten aus eigener Tasche bestreiten müssen. Sein Geld war sicher!

Abgesehen von der Freiheit, zu gehen, wohin es ihr gefiel, und zu besuchen, wen sie wollte, entpuppte sich ihre Heirat mit Brutus schnell als eine ausgesprochen lustlose Angelegenheit. Allzulange hatte Brutus das Leben eines Junggesellen geführt, ohne Mutter oder eine andere Frau im Haus. Sein Tagesablauf war fest geregelt, und eine Frau hatte darin keinen Platz. Es gab nichts, was er mit ihr teilte, nicht einmal, so empfand sie es, seinen Körper. Wenn er Freunde zum Essen einlud, gab er ihr vorher zu verstehen, daß sie das Speisezimmer meiden sollte, sein Arbeitszimmer war ihr sowieso verboten. Niemals wandte er sich an sie, um mit ihr etwas zu besprechen, niemals zeigte er ihr, was er gekauft oder erstanden hatte, niemals begehrte er ihre Gesellschaft, wenn er einen seiner Landsitze aufsuchte. Was seinen Körper betraf — nun, damit suchte er sie von Zeit zu Zeit in ihrem Zimmer auf, versetzte sie aber in keinster Weise in Erregung. Plötzlich, so fand sie, lebte sie in einer viel größeren Zurückgezogenheit, als sie nach den langen Jahren ohne Rückzugsmöglichkeit ertragen konnte. Da ihr Ehemann es außerdem vorzog, allein zu schlafen, war sie selbst in ihrem Schlafgemach ohne Gesellschaft und empfand die Stille als bedrückend.

Ihr Eheleben schien nur eine Variation des Zustandes, der sie seit ihrer Kindheit verfolgte. Niemandem war sie wichtig, niemand beachtete sie. Ihre einzige Möglichkeit, Beachtung zu erzwingen, bestand darin, sich gemein, gehässig und bösartig zu betragen, und diese Seite an ihr bekamen alle Bediensteten zu spüren. Ihrem Ehemann gegenüber gab sie sich freilich unfehlbar liebenswürdig, da sie nur zu gut wußte, daß er sie nicht liebte und die Gefahr einer Scheidung ständig drohte.

Seinen ehelichen Pflichten kam Brutus immerhin nach, und zwei Jahre nach ihrer Hochzeit war Servilia schwanger. Ihr Körper war wie der ihrer Mutter wie geschaffen dazu, Kinder zu gebären, und sie litt kein bißchen. Auch die Wehen waren nicht so schlimm, wie man sie glauben gemacht hatte, und sieben Stunden nach deren Einsetzen schenkte sie in einer eisigen Märznacht einem Sohn das Leben. So gut ging es ihr, daß sie ihr Kind, kaum daß es gewaschen war, in ihre Arme schließen und sich ihrem neuen Glück hingeben konnte.

Kein Wunder, daß der kleine Brutus bald schon Dreh- und Angelpunkt in dem liebesentwöhnten Leben seiner Mutter wurde. Keine andere Frau durfte ihn säugen, sie kümmerte sich ganz allein um ihn, stellte seine Krippe in ihr Schlafgemach und widmete sich ihm so ausschließlich, daß ihr sonst alles egal war.

Weshalb also kauerte Servilia an diesem eisigen Novembertag auf der Kolonnade und belauschte ihren Mann? Bestimmt nicht, weil sie sich um das politische Fortkommen ihres Mannes sorgte. Sie lauschte, weil er der Vater ihres innig geliebten Kindes war und sie sich geschworen hatte, das Erbe, das Ansehen und das Wohlergehen ihres Sohnes abzusichern. Also mußte sie alles wissen, durfte ihr nicht die kleinste Kleinigkeit entgehen. Ganz besonders nicht, wenn es sich um die politischen Aktivitäten ihres Mannes handelte.

Servilia mochte Carbo nicht, obwohl sie erkannte, daß er kein Leichtgewicht war. Aber sie schätzte ihn ganz richtig als einen Mann ein, der seine persönlichen Interessen vor die Roms setzte. Ob Brutus weitsichtig genug war, Carbos Schwächen zu erkennen, bezweifelte sie. Sullas Gegenwart in Italien beunruhigte Servilia sehr, denn sie verstand in politischen Zusammenhängen zu denken und konnte die Entwicklung zukünftiger Ereignisse besser einschätzen als die meisten der Männer, welche die Hälfte ihres Lebens im Senat gesessen hatten. Und sie war überzeugt, daß Carbo nicht über genügend innere Stärke verfügte, um Rom gegen einen Mann wie Sulla zu einigen.

Servilia löste ihren Blick von den beiden Männern, kniete wieder auf den bitterkalten Terrazzoboden und legte ihr Ohr an den Fensterladen. Es fing an zu schneien — eine günstige Fügung. Die Flocken bildeten einen Schleier zwischen ihrem zusammengekauerten Körper und dem geschäftigen Treiben am anderen Ende des Gartens, wo sich die Küche befand und die Bediensteten aus- und eingingen. Nicht daß sie befürchtet hätte, entdeckt zu werden, denn die Dienerschaft würde es niemals wagen, ihr Recht, sich dort aufzuhalten, wo es ihr beliebte, in Frage zu stellen. Es ging ihr vielmehr darum, den Bediensteten als eine Art übermenschliches Geschöpf zu erscheinen, und übermenschliche Geschöpfe kauerten nicht unter geöffneten Fenstern und belauschten ihre Männer.

Plötzlich spannte sich ihr Körper an, und sie preßte ihr Ohr noch näher gegen den Fensterladen. Carbo und ihr Mann sprachen wieder.

»Unter denen, die für das Amt eines Prätors kandidieren können, finden sich ein paar gute Männer«, sagte Brutus. »Carrinas und Damasippus sind ebenso talentiert wie beliebt.«

»Ha!« rief Carbo. »Genau wie ich haben sie sich von einem bartlosen Jüngling auf dem Feld schlagen lassen. Im Unterschied zu mir aber waren sie gewarnt, daß Pompeius ebenso unerbittlich ist wie sein Vater und zehnmal listenreicher. Wenn Pompeius sich zum Prätor aufstellen lassen würde, gewänne er mehr Stimmen als Carrinas und Damasippus zusammen.«

»Die Veteranen verhalfen Pompeius zum Sieg«, sagte Brutus beschwichtigend.

»Vielleicht. Aber immerhin hat Pompeius sie ihre Arbeit ungestört verrichten lassen.« Doch es gab Wichtigeres zu besprechen als Pompeius, und Carbo wechselte das Thema. »Wer Prätor wird, ist mir ziemlich egal, Brutus. Was mir wirklich Kopfzerbrechen macht, ist das Konsulat. Wenn es sein muß, lasse ich mich zum Konsul wählen. Wer aber soll an meiner Seite amtieren? Wer in dieser verfluchten Stadt kann mir den Rücken freihalten, anstatt mich mit Problemen zu belasten? Im Frühjahr werden wir Krieg haben, das steht außer Zweifel. Sulla ist es in letzter Zeit schlecht gegangen, aber was mir an Nachrichten zugetragen wird, deutet darauf hin, daß er inzwischen den kommenden Feldzügen in Hochstimmung entgegenfiebert.«

»Seine Krankheit war nicht der einzige Grund, warum er es im letzten Jahr hat schleifen lassen«, sagte Brutus. »Mir kam das Gerücht zu Ohren, Sulla habe sich nur zurückgehalten, um Rom die Möglichkeit zu bieten, ohne Krieg zu kapitulieren.«

»Dann hat er sich umsonst zurückgehalten!« rief Carbo wütend aus. »Ach, genug der Spekulationen! Wen soll ich an meiner Seite zum Konsul nehmen?«

»Fällt dir kein einziger Name ein?«

»Kein einziger! Ich brauche jemanden, der die Massen zu begeistern vermag, der die jungen Männer dazu bewegen kann, sich in die Listen einzutragen, und der in den Alten den Wunsch wachruft, jung genug zu sein, sich in die Listen eintragen zu können. Ein Mann wie Sertorius. Aber der hat dein Angebot ja rundweg abgelehnt.«

»Was hältst du von Marcus Marius Gratidianus?«

»Er ist ein adoptierter Marius, das genügt nicht. Ich wollte Sertorius, weil er vom Blut her ein Marius ist.«

Schweigen machte sich breit, aber kein hilfloses, sondern ein spannungsgeladenes Schweigen. Servilia, die hörte, wie ihr Mann geräuschvoll einatmete, erstarrte zu absoluter Reglosigkeit. Brutus’ nächste Worte wollte sie um keinen Preis verpassen.

»Wenn du unbedingt einen Marius willst«, sagte er langsam, »warum dann nicht den jungen Marius?«

Erneutes Schweigen, diesmal von der verblüfften Art. Dann Carbos Antwort: »Unmöglich! Beim Pollux, Brutus, er hat kaum die Zwanzig überschritten!«

»Er ist sechsundzwanzig, um genau zu sein.«

»Vier Jahre zu jung für den Senat.«

»Es gibt trotz der lex Villia annalis kein gesetzlich festgelegtes Mindestalter. Ich schlage also vor, daß du ihn unverzüglich zum Senator ernennen läßt.«

»Aber er hat nicht das Format seines Vaters!« protestierte Carbo.

»Ist das von Belang? Ist es das, Gnaeus Papirius? Wirklich? Ich gebe zu, in Sertorius hättest du den idealen Abkömmling aus der Familie des Marius gefunden. Kein Römer versteht sich besser als er darauf, Soldaten zu führen, niemand wird von ihnen mehr verehrt. Aber da Sertorius sich weigert, wer bleibt uns denn noch außer dem jungen Marius?«

»Ja, die Männer würden sich bestimmt in Scharen in die Listen eintragen«, sagte Carbo mit schwärmerischer Stimme.

»Und für ihn kämpfen wie die Spartaner für Leonidas.«

»Denkst du, daß er es tun würde?«

»Er würde es zumindest versuchen.«

»Heißt das, daß er bereits den Wunsch geäußert hat, Konsul zu werden?«

»Nein, Carbo, natürlich nicht.« Brutus lachte, etwas, was bei ihm nicht oft vorkam. »Obwohl er ziemlich eitel ist, mangelt es ihm doch an Ehrgeiz. Ich bin überzeugt, daß er die Chance ergreift, wenn du zu ihm gehst und sie ihm bietest. Bisher hat sich ihm noch keine Möglichkeit eröffnet, seinem Vater nachzueifern. Und was du ihm anbietest, versetzt ihn in die Lage, seinen Vater zumindest in einer Hinsicht zu überflügeln. Gaius Marius ist erst spät zu seinem ersten Amt gekommen, der junge Marius aber wird in einem jüngeren Alter zum Konsul gewählt als selbst Scipio Africanus. Egal wie er sich schlägt, allein schon diese Tatsache wird ihm zum Ruhm gereichen.«

»Wenn er sich nur halb so gut schlägt wie Scipio Africanus, dann hat Rom von Sulla nichts zu befürchten.«

»Hoffe nicht auf einen Scipio Africanus in dem jungen Marius«, warnte Brutus. »Alles, was jenem einfiel, um den Konsul Cato vor einer Niederlage zu bewahren, war, ihm eine Klinge in den Rücken zu stoßen.«

Carbo lachte, er tat dies oft. »Nun, zum Glück für Cinna immerhin! Der alte Marius hat ihm ein Vermögen gezahlt, damit er ihn nicht wegen Mordes anklagte.«

»Genau«, sagte Brutus, und seine Stimme klang ernst. »Dieser Vorfall sollte dir zeigen, worauf du achten mußt, wenn der junge Marius neben dir Konsul sein wird.«

»Ihm nicht meinen Rücken zuzuwenden?«

»Nein, ihm nicht deine besten Truppen anzuvertrauen. Zuerst soll er beweisen, daß er sich auf die Führung von Soldaten versteht.«

Als Stühle gerückt wurden, sprang Servilia hastig auf. Sie floh in die Wärme ihres Arbeitszimmers, wo das junge Mädchen, welches die Säuglingswäsche besorgte, die seltene Gelegenheit dazu benutzt hatte, den kleinen Brutus in ihren Armen zu wiegen.

Glühende Eifersucht flammte in Servilia auf. Und ehe sie sich zusammenreißen konnte, holte sie aus und schlug das Mädchen so hart auf die Wange, daß es sein Gleichgewicht verlor und den kleinen Brutus fallen ließ. Geistesgegenwärtig riß Servilia ihr Kind an sich, bevor es auf den Boden fiel. Ihn mit aller Kraft an ihre Brust pressend, schlug Servilia auf das Mädchen ein, bis es sich aus dem Zimmer geschleppt hatte.

»Morgen wirst du verkauft«, schrie sie ihm durch den Säulengang hinterher. Dann, in verändertem Tonfall: »Ditus! Ditus!«

Der Hausverwalter, dessen Name eigentlich Epaphroditus lautete, kam herbeigeeilt. »Ja, domina?«

»Dieses Mädchen, die Gallierin, die du mir für die Säuglingswäsche zugeteilt hast, peitsche sie aus und verkaufe sie als Sklavin der untersten Kategorie.«

»Aber domina, sie ist hervorragend. Sie wäscht nicht nur gut, sie liebt das Kind auch von ganzem Herzen.«

Servilia schlug Epaphroditus ebenso hart wie zuvor das Mädchen und stellte dann unter Beweis, daß auch sie wußte, wie man ausgesuchte Schimpfwörter gebrauchte.

»Hör mir gut zu, du gestopfter, vollgefressener griechischer Fellator! Wenn ich dir einen Befehl erteile, dann hast du ohne ein weiteres Wort, ganz zu schweigen von einer Widerrede, zu gehorchen. Es ist mir völlig egal, wem du gehörst, und solltest du es wagen, dich bei deinem Herrn zu beklagen, wirst du es bitter bereuen. Jetzt bring das Mädchen in dein Büro und warte dort auf mich. Du magst es, also wirst du es nicht hart genug peitschen, wenn ich nicht daneben stehe und zusehe.«

Auf seiner Wange konnte man den rot angelaufenen Abdruck jedes einzelnen ihrer Finger erkennen. Aber weniger das als ihre Worte jagten Epaphroditus Todesangst ein. Er stürzte los.

Servilia verlangte nach keiner anderen Dienerin, sondern wik- kelte den kleinen Brutus selbst in einen weichen Wollschal und trug ihn mit sich in das Büro des Verwalters. Das Mädchen wurde festgebunden, und der heulende Epaphroditus mußte es unter den unerbittlichen Blicken seiner Herrin peitschen, bis sein Rücken wie hellroter Brei aussah und das Fleisch in Fetzen herunterhing. Die Schreie, die aus dem Zimmer hinausdrangen, wurden auch von dem immer noch fallenden Schnee nicht gedämpft. Doch kein Brutus kam, um zu sehen, was hier vor sich ging, er war, wie Servilia richtig vermutet hatte, mit Carbo zu dem jungen Marius aufgebrochen.

Schließlich winkte Servilia, und Epaphroditus’ Arm fiel kraftlos nieder. Sie trat näher und besah sich das Werk ihres Verwalters genauer. »Gut«, nickte sie zufrieden. »Auf dieser Fleischwüste wird ihr nie mehr Haut wachsen. Wozu sie also verkaufen, sie würde uns keinen Sesterz mehr einbringen. Kreuzige sie draußen im Peristyl, sie soll den anderen als Warnung dienen. Aber brich ihr nicht die Beine, ich will, daß sie langsam stirbt.«

Damit ging Servilia in ihr Arbeitszimmer zurück, wickelte ihren Sohn aus dem Schal und wechselte seine Leinenwindel. Dann setzte sie ihn auf ihre Knie und hielt ihn auf Armeslänge von sich, um ihn zu bewundern. Sie neigte sich vor, küßte ihn sanft und sprach immer wieder mit einer sanften, leicht schnurrenden Stimme zu ihm.

Sie gaben ein hübsches Bild ab, das kleine, dunkelhaarige Kind auf den Knien seiner zierlichen, ebenso dunkelhaarigen Mutter. Servilia war eine Schönheit, gesegnet mit einer üppigen Figur und einem jener kleinen, spitzen Gesichter, die hinter ihren reglosen Lippen und stark geschminkten, mit Lidschatten belegten Augen unzählige kleine Geheimnisse zu verbergen scheinen. Das Kind aber besaß nur die Schönheit eines Säuglings, in Wahrheit war es eher unscheinbar und träge, genau das, was die Leute »ein braves Kind« nannten. Er schrie kaum und bereitete auch sonst kaum Umstände.

So fand Brutus sie vor, als er von dem Besuch beim jungen Marius zurückkehrte. Er hörte sich Servilias mit kühler Stimme vorgetragenen Bericht über die nachlässige Waschfrau und ihre Bestrafung kommentarlos an. Da er es niemals gewagt hätte, in Servilias häusliches Walten und Schalten einzugreifen — seit seiner Heirat mit ihr wurde sein Haushalt besser als je zuvor geführt —, verfügte er auch keine Änderung der von ihr verhängten Strafe und verlor dem Verwalter gegenüber kein Wort über die schneebedeckte Figur, die an einem Kreuz im Garten hing.

»Caesar! Caesar, wo bist du?«

Stirnrunzelnd, eine Schreibfeder in der einen, eine Papierrolle in der anderen Hand, trat Caesar, der lediglich eine dünne Tunika trug, aus dem Arbeitszimmer seines Vaters. Die Stimme seiner Mutter hatte ihn aus seinen Gedanken aufgeschreckt.

Seiner Mutter, die sich in viele Lagen eines feinen, selbstgesponnenen Wollstoffes eingewickelt hatte, war sein körperliches Wohlergehen wichtiger als seine geistige Tätigkeit. »Es ist bitter kalt, und du läufst in einer dünnen Tunika herum«, schalt sie ihn. »Nicht einmal Schuhe trägst du. Caesar, du weißt ganz genau, daß dein Horoskop dir für dieses Alter eine schwere Krankheit prophezeit hat. Warum versuchst du Fortuna? Um zu verhindern, daß mögliche Gefahren auch wirklich eintreten, läßt man ja bei der Geburt ein Horoskop erstellen. Sei ein braver Junge!«

Ihre Sorge war nicht vorgetäuscht, und so schenkte er ihr jenes Lächeln, für das er bereits berühmt war, eine Art wortlose Entschuldigung, die seinem Stolz keinen Abbruch tat.

»Was gibt’s?« fragte er. Er hatte sich bereits damit abgefunden, daß er seine Arbeit unterbrechen mußte, denn seine Mutter hatte sich zum Ausgehen angezogen.

»Wir sind zu Tante Julia bestellt worden.«

»Zu dieser Tageszeit? Bei diesem Wetter?«

»Ich bin froh, daß du das Wetter bemerkt hast. Nicht daß es dich dazu bewegt hätte, dich entsprechend zu kleiden, aber immerhin.. .«

»Ich habe eine Kohlepfanne in meinem Zimmer stehen, Mater. Zwei sogar, um genau zu sein.«

»Dann geh zurück in die Wärme und zieh dich um. Hier, wo der Wind durch den Lichtschacht zieht, ist es bitter kalt.« Bevor er sich zum Gehen wandte, fügte sie noch hinzu: »Und hole Lucius Decumius. Wir sollen alle kommen!«

Damit meinte sie seine beiden Schwestern. Caesar war überrascht, es mußte sich um eine wichtige Familienkonferenz handeln. Fast war er versucht, ihr zu erwidern, daß er keinen Lucius Decumius brauche, daß auch hundert Frauen unter seinem Schutz sicher wären, doch im letzten Moment nahm er sich zurück. Er würde sich sowieso nicht durchsetzen können, warum sich also groß bemühen? Aurelia hatte immer eine genaue Vorstellung davon, wie etwas getan werden sollte.

Eingehüllt in den Staat des Jupiterpriesters, trat er eine Weile später wieder aus seinem Zimmer. Bei solchem Wetter trug er unter dem Priestermantel, den er anstelle einer Toga umgelegt hatte, drei Tuniken, Wollhosen, die bis unter die Knie reichten, und über den Füßen, die in einem Paar unförmiger Stiefel steckten, ein paai dicke Socken. Der Priestermantel war aus zwei kreisförmigen Lagen eines grauen Stoffes genäht, in deren Mitte ein Loch geschnitten war, durch das er seinen Kopf stecken konnte. Der Mantel war abwechselnd mit scharlachroten und purpurfarbenen Stoffbändern geschmückt und reichte bis an seine Knie hinunter. Immerhin, dachte er in dem Versuch, dem verhaßten Gewand wenigstens eine gute Seite abzugewinnen, brauchte er selbst in einem Schneesturm, wie er gerade draußen tobte, keine Handschuhe überzuziehen. Auf dem Kopf trug er den apex, einen engsitzenden Helm aus Elfenbein, an dessen Spitze eine dicke, aus Wolle gefertigte Scheibe steckte.

Seit Caesar offiziell zu einem Mann geworden war, hatte er sich an die Gebote gehalten, die das Amt des Jupiterpriesters mit sich brachte. Er hatte seine Kriegsübungen auf dem Marsfeld aufgegeben, achtete darauf, kein Metall zu berühren, trug keine Knoten oder Schnallen, grüßte keinen Hund, sein Schuhwerk wurde nur aus der Haut von Tieren gefertigt, die bei einem Unfall ums Leben gekommen waren, und er aß nur Dinge, die ihm als Jupiterpriester erlaubt waren. Daß er keinen Bart trug, lag daran, daß er ein bronzenes Rasiermesser benutzte; daß er Schuhe tragen konnte, wenn seine priesterlichen Holzschuhe unangemessen waren, verdankte er seinem Erfindungsreichtum. Er hatte sich Schuhe ausge- tüftelt, die gut saßen, aber dennoch ohne die Bänder und Senkel auskamen, mit denen sie üblicherweise um Wade und Knöchel gebunden wurden.

Nicht einmal seine Mutter wußte, wie sehr er sein Priesterdasein haßte. Als er mit fünfzehneinhalb Jahren zum Mann wurde und sich ohne Murren den inhaltsleeren Gebräuchen des Jupiterpriesteramts unterwarf, hatte Aurelia sich von einer schweren Last befreit gefühlt. Caesars anfängliche Aufsässigkeit hatte nicht angehalten. Wie hätte sie die wahren Gründe hinter seinem plötzlichen Gehorsam erahnen sollen? Er war Römer bis in sein Inneres, und das bedeutete, daß er nicht nur übermäßig abergläubisch war, sondern sich auch den Sitten seines Landes bis zum Letzten verpflichtet fühlte. Er mußte gehorchen, denn wenn er ungehorsam war, wie sollte er dann jemals Fortunas Gunst gewinnen? Sie würde nicht länger über seine Unternehmungen wachen, das Glück wäre ihm niemals hold. Denn trotz der lebenslangen Verdammung zum Priesterdasein vertraute er immer noch darauf, daß Fortuna ihn befreien werde. Aber nur, wenn er Jupiter Optimus Maximus so gut, wie es ihm möglich war, diente.

Sein Gehorsam war also keineswegs gleichbedeutend mit einer Aussöhnung, wie Aurelia annahm. Im Gegenteil, Caesars Haß auf das Priesteramt wuchs mit jedem Tag. Und er haßte es um so mehr, als es unter dem Gesetz keinen Ausweg geben konnte. Dem alten Fuchs Gaius Marius war es gelungen, ihn für sein ganzes Leben anzuketten.

Caesar war siebzehn und würde erst in sieben weiteren Monaten achtzehn werden, aber er sah älter aus, und er gab sich wie ein Konsular, der bereits als Zensor gedient hatte. Dabei kamen ihm seine Größe, seine breiten Schultern und seine gut ausgebildeten Muskeln zustatten. Da sein Vater seit nunmehr zweieinhalb Jahren tot war, war ihm verhältnismäßig früh die Rolle des pater familias zugefallen, und er trug sie inzwischen ganz selbstverständlich. Er sah noch ebenso auffallend gut aus wie als Jüngling, obgleich seine Züge männlicher geworden waren. Seine Nase vor allem war, den Göttern sei Dank, länger geworden, hatte sich zu einem wahrhaftigen, mit einem Höcker versehenen römischen Organ ausgebildet und ihn vor einer ebenmäßigen Schönheit bewahrt, die für einen Mann, der sich so sehr danach sehnte, alles zu sein, was einen Mann ausmachte — Soldat, Staatsmann und Liebhaber der Frauen ohne den Verdacht, auch ein Liebhaber der Männer zu sein —, eine große Belastung gewesen wäre.

Caesars Familie, ausstaffiert für einen langen Fußmarsch durch eisiges Wetter, hatte sich im Empfangszimmer versammelt. Einzig Cinnilla durfte mit ihren elf Jahren noch nicht an diesen seltenen Zusammenkünften der ganzen Familie teilnehmen. Doch da stand sie, die kleinste, einzige dunkelhaarige Angehörige des Haushalts. Als Caesar den Raum betrat, suchten ihre blauschwarzen Augen wie immer sein Antlitz. Caesar betete sie an. Er ging zu ihr hin, umarmte sie und drückte ihr einen Kuß auf ihre weiche, rosige Wange. Seine Augen waren geschlossen, er wollte sich durch nichts von dem erlesenen Duft ablenken lassen, der von einem reinlichen, frisch von seiner Mutter gepuderten Kind ausging.

»Mußt du wieder als einzige zurückbleiben?« fragte er und küßte sie nochmals auf die Wange.

»Warte ab, eines Tages werde ich schon groß genug sein«, antwortete sie und lächelte ihn an, wobei sich in ihren Wangen Grübchen bildeten.

»Und ob du das sein wirst! Und dann wirst du noch wichtiger sein als Mater, denn du wirst die Herrin des Hauses sein.« Er streichelte sie über ihr dichtes schwarzes Haar und blinzelte dann Aurelia zu.

»Ich werde niemals Herrin dieses Hauses sein«, erklärte sie ernsthaft. »Ich werde Jupiterpriesterin sein und Herrin in einem Staatshaus.«

»Stimmt«, antwortete Caesar unbekümmert. »Wie konnte ich das nur vergessen?«

Und schon war er draußen und kämpfte sich durch das dichte Schneetreiben an den von Aurelia vermieteten Ladenräumen vorbei bis zu dem dreieckigen Gebäude, das wie eine gewöhnliche Taverne wirkte. Hier hatte die Kreuzwegbruderschaft ihren Sitz, die sich um die Wohlfahrt und das geistige Leben des Kreuzweges vor ihren Türen kümmerte, insbesondere aber um den turmartigen Schrein der Laren und den großen Brunnen, an dem sich jetzt unzählige Eiszapfen gebildet hatten. Ja, es war ein außergewöhnlich kalter Winter.

Lucius Decumius saß wie gewohnt hinter seinem Tisch in der hinteren linken Ecke des weitläufigen, sehr reinlichen Raumes. Seine Haare waren grau geworden, aber sein Gesicht war noch unberührt von Falten. Erst vor kurzem hatte er seine beiden Söhne in die Vereinigung aufgenommen und versuchte jetzt, ihnen die vielfältigen Aktivitäten der Bruderschaft nahezubringen. Sie saßen zu seinen Seiten wie die Löwen, die stets die Statuen der Großen Mutter flankierten — massig, mit gelbbrauner, dichter Mähne, stechend gelben Augen und eingezogenen Klauen. Nicht daß Lucius Decumius der Großen Mutter ähnlich sah, er war ein schmächtiger, unscheinbar aussehender Mann; seine Söhne aber schlugen ihrer Mutter nach, einer riesenhaften Keltin aus dem Ager Gallicus. Wer Lucius Decumius nicht näher kannte, hätte niemals vermutet, was für Eigenschaften in ihm schlummerten; er war mutig, überaus spitzfindig, treu ergeben, sehr intelligent — und ziemlich verdorben.

Die Gesichter der drei Decumii leuchteten auf, als Caesar eintrat, aber nur Lucius Decumius erhob sich. Er schob sich zwischen den Tischen und Bänken hindurch und stellte sich, kaum daß er vor Caesar stand, auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuß auf die Lippen zu drücken, in dem mehr Zuneigung lag, als er seinen eigenen Söhnen entgegenbrachte. Es war der Kuß eines Vaters, obwohl er dem, dem er ihn auf die Lippen drückte, nur mit dem Sehnen seines großen Herzens verbunden war.

»Mein Junge!« rief er aus und ergriff Caesars Hand.

»Tag, Vater«, antwortete Caesar lächelnd, ergriff Lucius Decumius’ Hand und legte sie an seine kalte Wange.

»Hast du das Haus eines toten Mannes gefegt?« fragte Lucius Decumius in Anspielung auf Caesars priesterliche Amtstracht. »Ein Scheißwetter zum Sterben. Nimm einen Schluck Wein zum Aufwärmen.«

Caesar zog eine Grimasse. Er hatte, allen Bemühungen von Lucius Decumius und seinen Brüdern zum Trotz, keine besondere Vorliebe für Wein entwickelt. »Keine Zeit, Vater. Ich will mir nur ein paar deiner Brüder ausleihen. Ich muß meine Mutter und meine Schwestern zum Haus des Gaius Marius bringen, und natürlich trauen sie mir nicht zu, das allein bewerkstelligen zu können.«

»Eine kluge Frau, deine Mutter«, sagte Lucius Decumius und lächelte schadenfroh. Er nickte seinen beiden Söhnen zu, die sich sofort erhoben und herbeieilten. »Werft euch was über, Burschen. Wir bringen die Frauen zum Haus des Gaius Marius.«

Die beiden Jungen waren nicht im geringsten eifersüchtig angesichts der eindeutigen Vorliebe ihres Vaters für Gaius Julius Caesar. Sie nickten nur und versetzten Caesar einen freundschaftlichen Klaps auf den Rücken, bevor sie sich davonmachten, ihre wärmsten Gewänder hervorzuholen.

»Bleib du hier, Vater«, sagte Caesar. »Draußen ist es eisig kalt.«

Aber das sah Lucius Decumius nicht ähnlich, und er ließ sich von seinen Söhnen so sorgsam einpacken, wie es wohl eine besorgte Mutter mit ihrem Säugling getan hätte. »Wo ist dieser Dummkopf von Burgundus?« rief er, als sie in das Schneetreiben hinaustraten.

»Burgundus?« Caesar lachte. »Der ist im Moment zu nichts zu gebrauchen. Mater hat ihn mit Cardixa nach Bovillae geschickt. Cardixa mag spät mit dem Kinderkriegen angefangen haben, aber seit sie Burgundus erobert hat, hat sie Jahr für Jahr einen Riesensäugling in die Welt gesetzt. Das wird jetzt die Nummer vier sein, aber das weißt du ja alles.«

»Nun, so wird es dir, wenn du einmal Konsul bist, niemals an Leibwächtern mangeln.«

Ein Schauer durchlief Caesars Körper. »Jch werde niemals Konsul werden«, entgegnete er barsch. Dann zog er seine Schultern hoch und versuchte, freundlich zu sein. »Meine Mutter sagt, sie komme sich vor, als füttere sie eine Familie von Titanen. Ihr Götter, was die verschlingen!«

»Aber es sind gute Leute.«

»Ja, das sind sie.«

Inzwischen standen sie vor der Tür zu Aurelias Wohnung und versammelten die Frauen um sich. Die meisten adligen Frauen hätten sich, zumal bei solch einem Wetter, wohl für eine Sänfte entschieden, nicht so aber die weiblichen Angehörigen der Julier. Sie gingen zu Fuß, wobei ihnen die Söhne von Lucius Decumius die Fauces Suburae hinunter vorauseilten und einen Weg durch den sich immer höher anhäufenden Schnee bahnten.

Das Forum Romanum lag völlig verlassen da. Es herrschte eine eigenartige Stimmung auf dem Platz; die sonst so farbenprächtigen Säulen, Wände, Dächer und Statuen standen im reinsten Marmorweiß da, versunken in einen tiefen und traumlosen Schlaf. Auf dem Gesicht der monumentalen Statue des Gaius Marius neben der Rostra hatte sich über den buschigen Augenbrauen Schnee angesammelt und milderte den stechenden Ausdruck seiner dunklen Augen.

Sie mühten sich den Bankiershügel hinauf, durch die Porta Fontinalis hindurch bis vor die Tür von Gaius Marius’ Haus. Da das Peristyl sich im rückwärtigen Teil des Anwesens befand, betraten sie direkt das Empfangszimmer, wo sie, mit Ausnahme von Caesar, der seine Amtstracht anbehalten mußte, ihre Obergewänder ablegten. Strophantes, der Verwalter, nahm Lucius Decumius und seine Söhne beiseite und verköstigte sie mit ausgesuchten Speisen und Weinen, während Caesar und die Frauen sich in das Atrium begaben.

Wäre das Wetter nicht so unnatürlich kalt gewesen, dann wären sie wohl hier geblieben, denn die Zeit des Abendessens war bereits vorüber. Aber die rechteckige Öffnung des compluvium im Dach wirkte wie ein Luftstrudel, und auf dem Wasser des darunterliegenden Beckens glitzerten die Schneeflocken kurz auf, bevor sie schmolzen.

Der junge Marius begrüßte sie und führte sie in das Speisezimmer, wo es, wie er sagte, wärmer sei. Er sah gut aus, ja strahlte geradezu vor Glück, stellte Caesar fest. Marius war ebensogroß wie er, sein Vetter ersten Grades, dabei aber von massiverer Statur, mit blondem Haar und grauen Augen, gutaussehend und beeindruckend. Vom Äußeren her viel anziehender als sein Vater, ging ihm doch jenes gewisse Etwas ab, das Gaius Marius in den Rang eines der unsterblichen Römer erhoben hatte. Es würde noch viele Generationen dauern, bis nicht mehr jedes Schulkind von den Errungenschaften des Gaius Marius hören würde. Ein solches Schicksal war seinem Sohn, dem jungen Marius, nicht vorherbestimmt.

Caesar haßte es, hierherzukommen. Zuviel war in diesem Haus geschehen. Während andere Jungen in seinem Alter auf dem Marsfeld gespielt hatten, hatte er sich jeden Tag hier melden, den alten, langsam genesenden Gaius Marius pflegen und ihm Gesellschaft leisten müssen. Und obgleich er nach Gaius Marius’ Tod jeden Winkel des Hauses mit seinem geheiligten Besen gefegt hatte, hing dessen böser Geist immer noch in der Luft. Zumindest empfand er das so. Einst hatte er Gaius Marius geliebt und bewundert, doch dann hatte dieser ihn zum Jupiterpriester ernannt und so auf einen Schlag verhindert, daß Caesar jemals zum Rivalen werden konnte. Kein Eisen, keine Waffen, niemals dem Tod ins Angesicht blicken—keine Soldatenkarriere für den Jupiterpriester. Eine automatische Mitgliedschaft im Senat, aber ohne das Recht, sich zur Wahl für ein Amt aufstellen zu lassen — keine politische Karriere für den Jupiterpriester. Es war Caesars Schicksal, geehrt zu werden, ohne die Ehre verdient zu haben, bejubelt zu werden, ohne den Jubel zu verdienen. Der Jupiterpriester war ein Geschöpf des Staates, gehörte dem Staat, wurde von ihm gefüttert und bezahlt, war ein Gefangener des mos maiorum, der überlieferten Praktiken von Sitte und Tradition.

Aber Caesars düstere Stimmung war in dem Moment wie weggeblasen, als er seine Tante Julia erblickte, die Schwester seines Vaters, die Witwe des Gaius Marius und, abgesehen von seiner Mutter, die Person auf der Welt, die er am innigsten liebte. Ja, würde man Liebe als das plötzliche Aufwallen eines Gefühls bezeichnen, dann liebte er sie sogar mehr als seine Mutter. Mit seiner Mutter war er mehr geistig verbunden: Sie verehrte ihn, stritt sich mit ihm, kritisierte ihn und war seine vertraute Gefährtin. Tante Julia aber schloß ihn in ihre Arme, küßte ihn auf die Lippen, strahlte ihn mit ihren weichen grauen Augen an, in denen nie auch nur die geringste Spur einer Anklage lag. Ein Leben ohne die beiden Frauen konnte Caesar sich nicht vorstellen.

Julia und Aurelia nahmen auf derselben Liege Platz, was ihnen etwas Unbehagen bereitete, da die herrschenden Gebräuche es den Frauen verboten, sich auf Liegen bequem auszustrecken. So saßen sie auf der Liegefläche, während ihre Füße in der Luft baumelten und ihr Rücken keine Lehne zum Halt fand.

»Kannst du den Frauen nicht Stühle zum Sitzen bringen lassen?« wandte sich Caesar an den jungen Marius, während er seiner Mutter und seiner Tante Kissen unterschob.

»Danke, Vetter. Jetzt, mit den Kissen, wird es schon gehen«, warf Julia, wie immer um Frieden bemüht, ein. »Ich glaube kaum, daß es hier im Haus Stühle für uns alle gibt. Schließlich ist das eine Konferenz der Frauen.«

Damit hatte sie unbestreitbar recht, mußte Caesar zugestehen, denn das männliche Element der Familie beschränkte sich auf Caesar und den jungen Marius, beide die einzigen Söhne von Vätern, die schon seit einiger Zeit tot waren.

Rom hätte das Schauspiel, Julia und Aurelia, zwei der schönsten Frauen der Stadt, nebeneinander sitzen zu sehen, unendlich genossen. Beide Frauen waren schlank und hochgewachsen, aber Julia war die angeborene Graziosität ihrer Familie zugefallen, während Aurelias Bewegungen eher knapp und unelegant ausfielen. Die eine, Julia, besaß weiches blondgewelltes Haar und weit offene, graue Augen; die andere, Aurelia, hatte glattes braunes Haar, dunkle Wimpern und tiefliegende Augen, von denen viele ehemalige Freier behaupteten, sie seien purpurfarben, und das Profil einer griechischen Göttin. Kein Wunder also, daß sie in ihrer Jugend oft mit der schönen Helena verglichen worden war.

Julia war fünfundvierzig Jahre alt, Aurelia vierzig. Beide waren unter sehr unglücklichen, wenn auch sehr unterschiedlichen Umständen zu Witwen geworden. Gaius Marius war an seinem dritten und schwersten Schlaganfall gestorben, aber nicht ohne zuvor noch eine Orgie des Mordens zu inszenieren, die Rom nicht so schnell vergessen würde. Alle seine Feinde — und auch einige seiner Freunde — mußten ihr Leben lassen, und auf der Rostra staken die Köpfe so dicht wie Nadeln auf einem Nadelkissen. Mit dieser Last mußte Julia leben.

Aurelias Ehemann hatte Cinna auch nach dem Tod des Marius noch die Treue gehalten, wie es sich für einen Mann gehörte, dessen Sohn mit Cinnas jüngerer Tochter verheiratet war. Er war für Cinna nach Etruria gezogen, um Truppen auszuheben. Eines schönen Sommermorgens kniete er sich in Pisa nieder, seinen Schuh zuzubinden, und fiel tot um. Der Befund der Obduktion lautete auf ein geplatztes Blutgefäß im Kopf; ohne daß ein Mitglied seiner Familie anwesend war, wurde er auf einem Scheiterhaufen eingeäschert. Die Asche wurde an seine Frau nach Rom geschickt, die noch nicht einmal wußte, daß ihr Ehemann tot war, bis Cinnas Bote mit der Begräbnisurne vor ihr stand. Was in dieser Zeit in ihr vorging, wußte niemand, nicht einmal ihr Sohn, der einen Monat vor seinem fünfzehnten Geburtstag zum Familienoberhaupt ernannt wurde. Niemand hat sie auch nur eine Träne vergießen sehen; und ihr Gesichtsausdruck hatte sich kein bißchen verändert. So war sie, Aurelia, zugeknöpft bis obenhin; ihr schien die Arbeit als Besitzerin eines umtriebigen Mietshauses mehr zu bedeuten als jedes lebende Wesen, von ihrem Sohn einmal abgesehen.

Der junge Marius besaß keine Geschwister, aber Caesar hatte zwei ältere Schwestern. Beide sahen ihrer Tante Julia sehr ähnlich, aber kaum ihrer Mutter Aurelia, deren Züge sich dafür um so mehr in Caesars Gesicht widerspiegelten.

Julia Major, genannt Lia, war zwar erst einundzwanzig Jahre alt, aber wer genau hinsah, konnte in ihrem Blick einen leichten Kummer erkennen. Und das nicht ohne Grund. Ihr erster Ehemann, ein Habenichts von einem Patrizier namens Lucius Pinarius, war ihre große Liebe gewesen, und so hatte man ihr, wenn auch zögerlich, erlaubt, ihn zu ehelichen. Kaum ein Jahr später erblickte ein Sohn das Licht der Welt, doch kurz darauf starb Lucius Pinarius unter mysteriösen Umständen. Eine Fehde unter Kumpanen wurde allgemein dahinter vermutet, aber ein Beweis dafür ließ sich nicht erbringen. So war die neunzehnjährige Lia Witwe geworden und lebte in solch ärmlichen Umständen, daß sie wieder unter das Dach ihrer Mutter zurückkehren mußte. Doch in der Zwischenzeit war die Rolle des pater familias auf Caesar übergegangen, und sie mußte entdecken, daß ihr jüngerer Bruder nicht annähernd so weichherzig oder beeinflußbar war, wie es ihr Vater gewesen war. Daß sie wieder heiraten mußte, verstand sich von selbst, aber diesmal hatte es ein Mann nach Caesars Geschmack zu sein.

»Sonst suchst du dir doch nur wieder irgendeinen Schwachkopf aus«, hatte er ihr mitleidlos vorgehalten.

Wie Caesar es angestellt hatte, Quintus Pedius, einen trägen und aufrechten campanischen Ritter aus guter, wenn auch nicht adliger Familie, aufzutreiben, wußte niemand so recht. Einige vermuteten, er habe die Sache gemeinsam mit Lucius Decumius ausgeheckt, der zwar nur ein kleiner Halunke aus der vierten Klasse war, aber über erstaunliche Kontakte verfügte. Jedenfalls kam er eines Tages mit Quintus Pedius nach Hause und verlobte seine älteste Schwester mit ihm. Zwar konnte man Quintus nicht gerade gutaussehend nennen, aber dafür war er kolossal reich und fast bis zur Peinlichkeit dankbar dafür, eine junge und schöne Frau aus den höchsten Kreisen der patrizischen Nobilität ehelichen zu dürfen. Lia hatte ihrem fünfzehnjährigen Bruder einen Blick zugeworfen, einmal leer geschluckt und sich gefügt. Selbst in diesem Alter verfügte Caesar über die Fähigkeit, seinem Gesicht und seinen Augen einen Ausdruck zu verleihen, der jeden Widerspruch bereits im Keim erstickte.

Glücklicherweise entwickelte sich die Ehe gut. Lucius Pinarius mochte jung, gutaussehend und draufgängerisch gewesen sein, aber als Ehemann hatte er versagt. Lia entdeckte, daß es viele Vorteile hatte, die Frau eines reichen Mannes zu sein, auch wenn er doppelt so alt war wie sie, und mit der Zeit fing sie sogar an, ihren uninspirierenden zweiten Mann sehr zu schätzen. Sie schenkte ihm einen Sohn und ging so sehr in ihrem luxuriösen Leben auf den Gütern ihres Mannes vor Teanum Sidicinum auf, daß sie, als Scipio Asiagenus und Sulla in der Nachbarschaft ihre Lager aufschlugen, sich schlichtweg geweigert hatte, zu ihrer Mutter zurückzukehren, die, wie sie nur zu gut wußte, ihr angenehmes Leben ihren spartanischen Idealen unterstellen würde. Natürlich führte das nur dazu, daß Aurelia (nach einem Überraschungsbesuch bei Sulla, über den sie kaum mehr sagte, als daß er stattgefunden hatte) höchstpersönlich bei ihr auftauchte und sie nach Rom holte. Allerdings ohne ihre Söhne; Quintus Pedius hatte es vorgezogen, sie bei sich in Teanum zu behalten.

Julia Minor, die von allen Ju-ju genannt wurde, war Anfang des Jahres verheiratet worden, nicht lange nach ihrem achtzehnten Geburtstag. Um zu verhindern, daß sie einem nicht standesgemäßen Freier das Jawort gab, bestand Caesar darauf, die Auswahl zu treffen. Ju-ju wehrte sich heftig gegen seine selbstherrliche Übernahme einer Sache, die in die Hand zu nehmen sie sich selbst durchaus zutraute. Natürlich behielt Caesar die Oberhand und kam mit einem weiteren unglaublich vermögenden Freier heim. Er stammte aus einer alten Senatorenfamilie, im Senat war er Hinterbänkler und durchaus damit zufrieden. Er kam aus Aricia, nicht weit von Caesars Landgut bei Bovillae an der Via Appia, war also Latiner und somit über Quintus Pedius erhaben, der nur Campaner war. Nachdem Ju-ju Marcus Atius Balbus gesehen hatte, heiratete sie ihn ohne Murren. Und sie konnte sich nicht beklagen; Balbus war siebenunddreißig Jahre alt, sah aber für sein fortgeschrittenes Alter überraschend gut aus.

Da Marcus Atius Balbus im Senat saß, unterhielt er neben seinem weitläufigen Landsitz in Aricia ein domus in Rom. Ju-ju freute sich, es besser erwischt zu haben als ihre Schwester, konnte sie doch wenigstens mehr oder weniger ständig in Rom leben. Seit einiger Zeit trug Ju-ju ein Kind unter ihrem Herzen, aber das hielt Aurelia nicht davon ab, sie an diesem Nachmittag den ganzen Weg bis zu Gaius Marius’ Haus zu Fuß zurücklegen zu lassen.

»Schwangeren Frauen tut es nicht gut, wenn sie verhätschelt werden«, hatte Aurelia erklärt. »Das ist auch der Grund dafür, daß so viele von ihnen bei der Geburt sterben.«

»Ich dachte, du hättest gesagt, sie würden sterben, weil sie sich ausschließlich von Bohnen ernährten«, hielt ihr Ju-ju entgegen.

»Daran auch. Pythagoräische Ärzte sind eine Landplage.«

Noch eine Frau war da, auch wenn sie keine Blutsbande mit den anderen verbanden, keine engen zumindest: die Frau des jungen Marius. Als Tochter des Scaevola Pontifex Maximus wurde sie Mucia Tertia genannt, um sie von ihren beiden berühmten Basen, den Töchtern von Scaevola dem Auguren, zu unterscheiden.

Obwohl Mucia Tertia nicht besonders schön war, hatte sie schon viele Männer um den Schlaf gebracht. Ihre blaßgrünen Augen standen unnatürlich weit auseinander und wurden von dichten schwarzen Wimpern eingefaßt, die nach außen hin länger wurden — ein Phänomen, das den Abstand zwischen ihren Augen noch zu vergrößern schien. Sie hätte es zwar nie zugegeben, aber sie selbst war es, die ihre Wimpern an den inneren Augenwinkeln mit einer winzigen Elfenbeinschere aus Ägypten kürzer trimmte. Mucia Tertia war sich ihrer ungewöhnlichen Anziehungskraft bewußt. Selbst ihre lange, gerade Nase gereichte ihr aus irgendeinem Grund nicht zum Nachteil, und ihr breiter Mund entsprach bei weitem nicht dem römischen Schönheitsideal. Wenn sie lächelte, präsentierte sie ein Gebiß, das aus Hunderten von makellos weißen Zähnen zu bestehen schien. Dabei hatte sie volle und sinnliche Lippen, und ihre cremefarbene Haut paßte hervorragend zu ihrem dunkelroten Haar.

Auch Caesar konnte sich ihrem Zauber nicht entziehen. Mit seinen siebzehneinhalb Jahren war er in sexuellen Dingen schon sehr erfahren, hatte doch jedes weibliche Wesen in der Subura danach gestrebt, diesen hübschen jungen Mann in die Wonnen der Liebe einzuweihen. Nur wenige hatten sich von Caesars Eigenart, darauf zu bestehen, daß sie gebadet und sauber waren, abschrek- ken lassen. Schnell hatte sich herumgesprochen, daß Caesar über mächtige Waffen verfügte und über das Wissen, sie bestmöglich einzusetzen.

Mucia Tertia interessierte Caesar vor allem wegen ihrer geheimnisvollen Aura. Denn so sehr er sich auch bemühte, sie war der einzige Mensch, auf dessen Grund er nicht sehen konnte. Sie lächelte oft und entblößte dabei stets ihre weißen Zähne, aber niemals widerspiegelte sich das Lächeln in ihren außergewöhnlichen Augen, und niemals deutete sie mit irgendeiner Geste oder einem Zeichen an, was sie wirklich empfand.

Seit vier Jahren war sie mit dem jungen Marius verheiratet, und keiner von beiden hatte seither eine sonderlich große Leidenschaft für den anderen an den Tag gelegt. Ihre Unterhaltungen verliefen in einem angenehmen Plauderton, blieben aber stets förmlich. Niemals tauschten sie diese Blicke voll geheimen Verstehens aus, wie das die meisten anderen Paare taten, und keiner von beiden streckte jemals die Hand aus, den anderen zu berühren, nicht einmal dann, wenn sie allein waren. Ihre Ehe war kinderlos, und falls ihre Vereinigung wirklich ohne jedes Gefühl war, dann schien zumindest der junge Marius nicht darunter zu leiden: Er war ein stadtbekannter Schürzenjäger. Was aber ging in Mucia Tertia vor, der noch nie jemand indiskretes Verhalten, geschweige denn Ehebruch nachgesagt hatte? War sie glücklich? Liebte sie den jungen Marius? Oder haßte sie ihn? Unmöglich, das zu sagen — und doch, Caesar spürte, daß Mucia Tertia zutiefst unglücklich war.

Inzwischen hatten sich alle niedergelassen, und aller Augen ruhten auf dem jungen Marius, der es sich auf einem Stuhl bequem gemacht hatte. Caesar, bemüht, sich nicht zurücksetzen zu lassen, hatte sich ebenfalls einen Stuhl geholt, sich aber nicht an die Seite des jungen Marius in der Mitte des Bogens gesetzt, den die drei Liegen formten, sondern schräg hinter seine Mutter. So konnte er zwar nicht die Gesichter der ihm wichtigsten Frauen sehen, dafür aber den jungen Marius, Mucia Tertia und den Verwalter Strophantes im Auge behalten. Strophantes war gebeten worden, der Versammlung beizuwohnen, hatte es aber, entgegen der Einladung des jungen Marius, sich zu setzen, vorgezogen, an der Tür stehen zu bleiben.

Marius fuhr sich — ein an ihm ungewohntes Zeichen der Nervosität — mit der Zunge über die Lippen. Dann fing er an zu sprechen. »Heute am frühen Nachmittag habe ich Besuch von Gnaeus Papirius Carbo und Marcus Junius Brutus erhalten.«

»Ein sonderbares Paar«, warf Caesar ein, der darauf aus war, Marius ein wenig aus dem Konzept zu bringen.

Der junge Marius bestrafte ihn mit einem wütenden Blick, ließ sich aber nicht beirren. Immerhin, dachte Caesar, ein Anfang.

Doch was sein Vetter dann sagte, durchkreuzte seine Absichten. »Sie haben mich gefragt, ob ich mich zusammen mit Gnaeus Carbo um das Amt des Konsuls bewerben würde. Ich habe ihnen zugesagt.«

Der Aufruhr war allgemein. Auf den Gesichtern seiner Schwestern konnte Caesar bares Erstaunen erkennen, der Rücken seiner Tante zuckte wie in einem Krampf zusammen, und in Mucia Tertias bemerkenswerte Augen trat ein sehr bestimmter, gleichwohl undeutbarer Ausdruck.

»Aber mein Sohn, du sitzt noch nicht einmal im Senat«, rief Julia aus.

»Doch, ab morgen. Perperna nimmt mich in die Listen auf.«

»Du bist noch nicht einmal Quästor gewesen, geschweige denn Prätor.«

»Der Senat ist bereit, mir die üblichen Voraussetzungen zu erlassen.«

»Aber du hast weder die nötige Erfahrung noch das Wissen«, beharrte Julia, und ihre Stimme klang verzweifelt.

»Mein Vater war siebenfacher Konsul, ich bin inmitten von Konsularen aufgewachsen, und Carbo könnt ihr kaum unerfahren nennen.«

»Warum hast du uns herbestellt?« fragte Aurelia.

Der junge Marius blickte seine Tante ernst an. »Um diese Angelegenheit mit euch zu besprechen natürlich«, antwortete er ein wenig verdutzt.

»Unsinn!« erwiderte Aurelia barsch. »Du hast dich nicht nur bereits entschieden, du hast Carbo längst zugesagt, dich an seiner Seite zur Wahl aufstellen zu lassen. Mir scheint, du hast uns in diesem frostigen Wetter nur hierherbestellt, um uns eine Nachricht zu präsentieren, die wir fast ebenso schnell auf der Straße aufgeschnappt hätten.«

»Das ist nicht richtig, Tante Aurelia.«

»Natürlich ist es so!« fuhr sie ihn an.

Mit hochrotem Kopf wandte sich der junge Marius wieder seiner Mutter zu und streckte ihr flehentlich seine Hand entgegen. »Mama, es ist wirklich nicht so. Ja, ich habe Carbo zugesagt, mich aufstellen zu lassen, aber. . . aber ich hatte immer die Absicht, mir anzuhören, was meine Familie dazu zu sagen hat. Wirklich! Ich kann mich immer noch anders entscheiden.«

»Ha! Du und dich anders entscheiden!« fuhr Aurelia dazwischen.

»Sei ruhig, Aurelia.« Julias Finger umklammerten Aurelias Handgelenk. »Ich will keinen Streit in diesem Raum.«

»Du hast vollkommen recht, Tante Julia, ein Streit ist das letzte, was wir jetzt brauchen könnten«, ergriff Caesar das Wort und zwängte sich zwischen seine Mutter und seine Tante. »Warum hast du ja gesagt?« Caesar sah seinen Vetter mit einem bohrenden Blick an.

»Etwas mehr Vertrauen in meine Intelligenz hätte ich mir von dir doch erhofft, Caesar.« Marius ließ sich von Caesars Frage nicht aufs Glatteis führen. »Ich habe aus demselben Grund ja gesagt, aus dem auch du ja sagen würdest, müßtest du nicht Priestermütze und Mantel tragen.«

»Ich verstehe zwar, warum du annimmst, ich hätte ebenfalls ja gesagt, aber tatsächlich hätte ich Carbos Ansinnen abgelehnt. In suo anno ist der richtige Zeitpunkt.«

»Außerdem verstößt es gegen das Gesetz«, warf Mucia Tertia unvermittelt ein.

»Nein«, antwortete Caesar, bevor sein Vetter etwas erwidern konnte. »Es verstößt zwar gegen die Sitten und sogar gegen die lex Villia annalis, aber ungesetzlich ist es nicht. Das wäre es nur, wenn dein Ehemann das Amt gegen den erklärten Willen des Senats und des Volkes von Rom annähme. Der Senat und das Volk haben die Macht, die lex Villia außer Kraft zu setzen. Und genau das wird auch geschehen. Der Senat und das Volk werden die notwendigen Erlasse verabschieden. Der einzige, der dieses Vorgehen als ungesetzlich verdammen wird, wird Sulla sein.«

Eine ungute Stille breitete sich aus.

»Das ist das Schlimmste daran«, ließ sich schließlich Julia mit verzagter Stimme hören. »Du stellst dich gegen Sulla.«

»Ich hätte mich so oder so gegen Sulla stellen müssen, Mama«, entgegnete der junge Marius.

»Aber nicht als der inaugurierte Repräsentant des Senats und des Volkes von Rom. Konsul zu werden heißt, die letztendliche Verantwortung zu übernehmen, heißt, Roms Truppen ins Feld zu führen.« Eine Träne rollte über Julias Wange. »Auf dich wird sich Sullas Denken konzentrieren, und Sulla ist der gewaltigste aller Männer. Ich kenne ihn nicht so gut wie deine Tante Aurelia, Gaius, aber ich kenne ihn. Ich habe ihn sogar gemocht, in den Tagen, in denen er sich um deinen Vater gekümmert hat. Sulla hat all die kleinen Ungereimtheiten, die sich immer um deinen Vater herum zu ereignen schienen, zurechtgerückt. Er ist geduldiger und aufmerksamer, als es dein Vater war, und ein Mann von beträchtlichem Ehrgefühl. Aber eine sehr wichtige Eigenschaft hatte dein Vater mit Lucius Cornelius gemein. Wenn alle anderen Mittel versagen, seien es nun Gesetze oder die Unterstützung der Massen, sind — oder sollte ich besser sagen waren? — beide bereit, alles, und zwar wirklich alles zu tun, um ihre Ziele zu erreichen. Aus diesem Grund sind beide gegen Rom marschiert. Und aus demselben Grund wird Lucius Cornelius, wenn Rom dich wirklich zum Konsul wählt, wieder gegen Rom marschieren. Deine Wahl zum Konsul ist für ihn das Zeichen, daß Rom bis zum bitteren Ende kämpfen will, daß eine friedliche Lösung ausgeschlossen ist.« Sie seufzte und wischte sich eine Träne von der Wange. »Wegen Sulla will ich, daß du dich anders besinnst. Wenn du alt genug wärst und über ausreichend Erfahrung verfügtest, könntest du vielleicht sogar siegen. Aber du bist weder das eine, noch hast du das andere. Du kannst nicht gewinnen. Und ich werde meinen einzigen Sohn verlieren.«

Julias Bittrede war geprägt von Vernunft und Reife — Eigenschaften, die dem jungen Marius abgingen; und so hatten sich seine Züge, während er ihrer aus dem tiefsten Inneren kommenden Rede lauschte, immer mehr verhärtet. Nun setzte er zu einer Antwort an.

»Nun, Mater«, kam ihm Caesar zuvor, »wie Tante Julia schon gesagt hat, du kennst Sulla am besten von uns allen. Was denkst du?«

Wenig brachte Aurelia aus der Fassung, und sie hatte nach wie vor nicht die Absicht, ihnen Einzelheiten von ihrer letzten Begegnung mit Sulla zu berichten, von jenem tragischen, schrecklichen Zusammentreffen in seinem Lager. »Du hast recht, ich kenne Sulla gut. Ich habe ihn, wie ihr alle wißt, vor nicht allzu langer Zeit getroffen. In den alten Tagen war ich die erste, die er sah, wenn er in die Stadt zurückkam, und die letzte, wenn er wieder ging. Dazwischen habe ich Sulla, und das ist typisch für ihn, fast nie gesehen. In seinem Herzen ist er ein Schauspieler, er kann ohne das Drama nicht leben. Ja, er weiß, wie man eine im Grunde harmlose Situation bis zum Äußersten mit Spannung auflädt. Deswegen hat er auch seine Besuche so gelegt, hat meine Rolle in seinem Leben mit mehr Farbigkeit, mehr Bedeutung ausgestattet. Statt eines gewöhnlichen Besuchs bei einer Dame, mit der er über Nebensächlichkeiten plauderte, verlieh er jedem seiner Besuche die Aura eines Abschieds oder einer Wiedervereinigung.«

Caesar lächelte seine Mutter an, dann sagte er sanft: »Du hast meine Frage nicht beantwortet, Mater.«

»Das habe ich auch gar nicht vor«, setzte sie ihm bestimmt entgegen. Statt dessen fixierte sie den jungen Marius. »Du mußt dir darüber im klaren sein, daß Sulla dich, wenn du ihm als Konsul entgegentrittst, ebenfalls mit Bedeutung ausstatten wird. Dein Alter und der Name deines Vaters werden Sulla dazu dienen, das Drama seines Kampfes um die Macht in Rom noch etwas dramatischer auszugestalten. Denk an deine Mutter, Neffe. Um ihrer willen laß die Finger von dieser Idee! Wenn du gegen Sulla kämpfen mußt, dann als einer von vielen Militärtribunen.«

»Was denkst du?« wandte sich der junge Marius an Caesar.

»Ich sage, tue es. Werde Konsul vor deinem Jahr.«

»Lia?«

Lia richtete ihren gequälten Blick auf Julia und sagte: »Bitte, tu es nicht, Vetter.«

»Ju-ju?«

»Ich stimme meiner Schwester zu.«

»Frau?«

»Du mußt mit deinem Glück gehen.«

»Strophantes?«

Der alte Verwalter seufzte vernehmlich und sagte: »Domine, tu es nicht.«

Der junge Marius hatte einen Arm um die Stuhllehne geschlungen und nickte bedächtig. Die Bewegung übertrug sich auf seinen Oberkörper, der sanft vor- und zurückschwang. Er schürzte die Lippen, blies die Luft durch seine Nasenlöcher und sagte: »Genau, wie ich es erwartet habe. Der weibliche Teil meiner Verwandtschaft und mein Verwalter flehen mich an, mich nicht vor meiner Zeit und über das, was mir zukommt, zu erheben und dadurch meine Person in Gefahr zu bringen. Meine Tante scheint auch zu sagen, daß ich meinen Ruf aufs Spiel setzen werde, während meine Frau es Fortuna in den Schoß legt — bin ich einer von Fortunas Günstlingen? Nur mein Vetter sagt, ich solle es wagen.«

Er erhob sich, seine Erscheinung beherrschte den Raum. »Ich werde das Wort, das ich Gnaeus Papirius Carbo und Marcus Junius Brutus gegeben habe, nicht zurücknehmen. Falls Marcus Perperna meiner Ernennung zum Senator und der Senat den notwendigen Erlassen zustimmen, werde ich meine Kandidatur um das Amt des Konsuls bekanntgeben.«

»Du hast uns immer noch nicht gesagt, warum du es tust«, sagte Aurelia.

»Ich dachte, das sei klar. Rom ist in einer verzweifelten Lage, Carbo kann keinen geeigneten Mitkonsul finden. An wen also wendet er sich? An mich, den Sohn des Gaius Marius. Rom liebt mich! Rom braucht mich! Das ist der Grund.«

Nur die ältesten und vertrautesten Gefolgsmänner hätten den Mut aufgebracht, das zu sagen, was Strophantes jetzt sagte. Der Verwalter ergriff das Wort nicht nur für die verzweifelte Mutter, sondern auch für den toten Vater. »Es ist dein Vater, den Rom liebt, domine. Rom wendet sich deines Vaters wegen an dich. Rom kennt dich nicht, Rom weiß nur, daß du der Sohn des Mannes bist, der die Stadt vor den Germanen gerettet hat, der die ersten Siege gegen die Italiker errang und siebenfacher Konsul war. Wenn du zum Konsul gewählt wirst, dann nicht, weil du du selbst bist, sondern weil du der Sohn deines Vaters bist.«

Der junge Marius liebte Strophantes, und Strophantes wußte das auch. Deshalb reagierte er sehr zurückhaltend auf dessen Worte. Er kniff lediglich seine Lippen zusammen und sagte: »Ich weiß. Aber es liegt in meiner Hand, Rom zu zeigen, daß der junge Marius seinem hochgeehrten alten Vater in nichts nachsteht.«

Caesar sah zu Boden und schwieg. Warum, fragte er sich, hatte der verrückte Greis den Mantel und die Mütze des Jupiterpriesters nicht seinem Sohn verpaßt? Ich könnte es tun. Aber der junge Marius? Niemals!

Gegen Ende Dezember versammelten sich die Wähler in ihren Zenturien auf dem Marsfeld. Der junge Marius wurde zum ersten Konsul gewählt, Gnaeus Papirius Carbo zum zweiten Konsul. Die Tatsache, daß der junge Marius weit mehr Stimmen auf sich vereinigte als Carbo, verdeutlichte Roms Verzweiflung, die Ängste und Sorgen, welche die Stadt plagten. Viele, die ihre Stimme dem jungen Marius gegeben hatten, waren auch zutiefst davon überzeugt, daß er wenigstens einen Teil der Anlagen seines Vaters geerbt hatte, daß unter ihm ein Sieg gegen Sulla wieder in den Bereich des Möglichen rückte.

In einer Hinsicht trug das Wahlergebnis überreiche Früchte: Die jungen Männer strömten, vor allem in Etruria und Umbria, zuhauf zu den Waffen. Die Söhne und Enkel von Gaius Marius’ Klienten schlossen sich frohgemut und zuversichtlich den Legionen seines Sohnes an. Und als der junge Marius die riesigen Ländereien seines Vaters aufsuchte, wurde er als Retter gepriesen und von den Menschen bejubelt.

Rom legte sein Festtagsgewand an, der Inauguration seiner neuen Konsuln am ersten Tag des neuen Jahres beizuwohnen. Und Rom wurde nicht enttäuscht. Der junge Marius trug während den Zeremonien eine strahlende Glückseligkeit zur Schau, mit der er die Herzen all derer, die ihn erblickten, eroberte; großartig, wie er aussah! Er lächelte, winkte und grüßte bekannte Gesichter in der Masse. Und da jedermann wußte, wo seine Mutter stand (zu Füßen der riesenhaften Statue ihres verblichenen Ehemannes neben der Rostra), wurden auch alle Zeugen, wie der frischgebackene erste Konsul seinen Platz in der Prozession verließ, zu seiner Mutter eilte und ihr Hände und Lippen küßte — und seinen Vater mit einer Geste der Tapferkeit ehrte.

Vielleicht, dachte Carbo zynisch, war es das, was das Volk in dieser Stunde brauchte: die Macht der Jugend. Wie lange war es her, daß die Massen einem neugewählten Konsul am Tag seiner Inauguration so vorbehaltlos zugejubelt hatten? Geben die Götter, daß Rom dereinst diesen Kuhhandel von Wahl nicht wird bereuen müssen. Bisher hatte sich der junge Marius sehr anmaßend aufgeführt; er schien es als gegeben hinzunehmen, daß ihm alles von selbst in den Schoß fallen werde, daß er nicht dafür arbeiten müsse, daß die Schlachten der Zukunft schon geschlagen und gewonnen seien.

Die Omen waren nicht gut, obgleich den neuen Konsuln bei ihrer Nachtwache auf dem Kapitol nichts Unziemliches zu Gesicht gekommen war. Was düster über allem hing, war eine Lücke, eine Lücke von solchem Ausmaß, daß keiner sie übersehen oder ignorieren konnte. Dort, wo sich der mächtige Tempel des Jupiter Optimus Maximus seit fünfhundert Jahren auf dem höchsten Punkt des Kapitols erhoben hatte, lag nur noch ein Haufen verkohlter Schutt. Am sechsten Tag des Quintilis des eben erst zu Ende gegangenen Jahres war im Innern der Heimstatt des Großen Gottes ein Feuer ausgebrochen und hatte sieben Tage lang gewütet. Nichts war übriggeblieben, gar nichts. Der Tempel war so alt gewesen, daß er, abgesehen von dem Podium, ganz aus Holz erbaut worden war. Die massiven Säulentrommeln der schlichten dorischen Säulen waren ebenso aus Holz gewesen wie die Wände, das Sparrenwerk und die Innenverkleidung. Allein die schiere Größe und Massigkeit des Tempels, die seltenen und kostbaren Farben, die hervorragenden Wandmalereien und die überreichen Goldverzierungen hatten das Bauwerk in den Rang einer angemessenen Heimstatt für Jupiter den Besten und Größten, der ausschließlich an diesem Ort lebte, erhoben.

Nachdem sich die Asche genügend abgekühlt hatte, konnten die Priester die Unglücksstätte in Augenschein nehmen. Nun jagte eine Schreckensnachricht die andere. Von der gigantischen Terrakottastatue Jupiters, die der etruskische Bildhauer Vulca unter König Tarquinius’ Regentschaft in Rom erschaffen hatte, war nicht eine Spur übriggeblieben. Auch die Elfenbeinstatuen von Juno, der Gemahlin des Jupiter, und ihrer Tochter Minerva waren ein Raub der Flammen geworden; dasselbe galt für die Abbilder der in dem Tempel untergeschlüpften Untermieter, des Grenzgottes Terminus und Juventas, der Göttin der Jugend, die sich geweigert hatte, ihren Platz zu verlassen, als König Tarquinius mit dem Bau der Heimstatt für Jupiter Optimus Maximus begonnen hatte. Gesetzestafeln und uralte Aufzeichnungen waren verbrannt, ebenso wie die Sibyllinischen Bücher und zahllose andere prophetische Zeugnisse, die Rom in Krisenzeiten zur Orientierung gedient hatten. Unzählbar auch die aus Gold und Silber gefertigten Schätze, die in den Flammen geschmolzen waren, selbst die massivgoldene Statue der Victoria, die ihr Hieron aus Syrakus nach der Schlacht am Trasimenersee gewidmet hatte, und die massivbronzene, mit Gold belegte Abbildung der Victoria auf einer biga, einem zweispännigen Pferdewagen. Die zu absurden Klumpen zusammengeschmolzenen Metalle wurden zwar aus dem Schutt herausgesucht und von Schmieden wieder aufbereitet. Doch die daraus gefertigten Barren konnten kein Ersatz sein für die unsterblichen Namen der ursprünglichen Bildhauer — Praxiteles und Myron, Strongylion und Polykletes, Skopas und Lysippus. Kunst und Geschichte hatten sich in demselben Flammenmeer aufgelöst wie die irdische Heimstatt des Jupiter Optimus Maximus.

Einige benachbarte Tempel waren ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen worden, insbesondere der Tempel der Ops, der geheimnisvollen, gesichts- und leiblosen Wächterin über Roms öffentliche Wohlfahrt. So groß war das Ausmaß der Zerstörung, daß ihr Tempel neu auf gebaut und geweiht werden mußte. Auch der Tempel der Fides Publica war stark beschädigt; die Hitze des nebenan wütenden Feuers hatte die Verträge und Pakte, die an den Innenwänden des Tempels aufgehängt waren, ebenso verkohlen lassen wie die Leinenwickel, die um die rechte Hand einer uralten Statue gewunden waren, von der man dachte, sie stelle die Fides Publica dar. Ein weiteres Bauwerk hatte unter dem Feuer gelitten; doch da es erst vor kurzer Zeit errichtet worden war und überwiegend aus Marmor bestand, war zu seiner Wiederherstellung wenig mehr als ein neuer Anstrich vonnöten. Es handelte sich dabei um den Tempel, den Gaius Marius zu Ehren des Honos und der Virtus hatte errichten lassen und in dem seine Kriegstrophäen, militärischen Auszeichnungen und Geschenke an Rom verwahrt wurden. Was das Volk Roms am meisten beunruhigte, war die Tatsache, welche Götter am stärksten von dem Brand in Mitleidenschaft gezogen wurden: Jupiter Optimus Maximus war Roms wichtigster Gott; Ops war für das öffentliche Wohl der Stadt zuständig; Fides Publica kümmerte sich um die guten Beziehungen zwischen den Römern und ihren Göttern; auf Honos und Virtus schließlich stützte sich der Ruhm des römischen Kriegshandwerks. So wurde jeder Römer von derselben Frage geplagt: War das Feuer ein Omen dafür, daß die Tage von Roms Aufstieg vorüber waren? War das Feuer ein Omen für das bevorstehende Ende?

Die Konsuln, die an diesem Neujahrstag ihr Amt antraten, waren die ersten, die nicht in der Heimstatt Jupiters des Besten und Größten geweiht wurden. Zu Füßen des alten, geschwärzten Steinpodiums, auf dem der Tempel geruht hatte, wurde unter einem Baldachin ein behelfsmäßiger Schrein errichtet, auf dem die neuen Konsuln ihre Opfer darbrachten und ihren Amtseid schworen.

Caesar, dessen blondes Haar unter dem Elfenbeinhelm verborgen war und dessen Körper in dem schweren, engen Priestermantel steckte, wohnte den Riten in seiner offiziellen Funktion bei, obgleich ihm keine aktive Rolle zukam; die Zeremonien wurden von dem obersten Priester der Republik, dem Pontifex Maximus Quintus Mucius Scaevola durchgeführt, dem Schwiegervater des jungen Marius.

Für Caesar war das Ganze doppelt schmerzlich. Zum einen hatte die Zerstörung des Großen Tempels ihn, den Jupiterpriester, seiner religiösen Heimstatt beraubt, zum anderen war ihm deutlich bewußt, daß er in seiner purpurgesäumten Toga niemals Konsul werden konnte. Doch hatte er gelernt, mit seinen Schmerzen umzugehen, besaß er genügend Selbstbeherrschung, die Zeremonien in aufrechter Haltung und ohne jede Gefühlsregung durchzustehen.

Die Zusammenkunft des Senats und das anschließende Fest waren von dem Schrein in die Curia Hostilia verlegt worden, den Sitz des Senats und vorschriftsgemäß geweihten Tempel. Obwohl Caesar vom Alter her der Zutritt in das Innere der Curia Hostilia untersagt war, war er als Jupiterpriester automatisch auch Mitglied des Senats. So verwehrte ihm niemand den Zutritt, und er folgte regungslos den kurzen, formellen Handlungen, die der junge Marius als erstgewählter Konsul recht ordentlich vollzog. Die Statthalter, die in zwölf Monaten ihr Amt antreten würden, wurden per Losentscheid aus den diesjährigen Prätoren und den beiden Konsuln ausgewählt, der Tag des Festes des Jupiter Latiaris auf dem Albanerberg wurde festgesetzt, ebenso der Zeitpunkt der anderen beweglichen Festtage öffentlicher und religiöser Natur.

Im Anschluß an die Zeremonien wurden auserlesene Speisen in rauhen Mengen aufgetischt. Da Caesar als Jupiterpriester davon nur wenig essen durfte, suchte er sich einen unauffälligen Platz und lauschte den Unterhaltungen, die an sein Ohr drangen, während die Senatoren sich zu ihren bevorzugten Liegen begaben. Einigen war von ihrer Stellung her vorgeschrieben, wo sie Platz zu nehmen hatten, etwa jenen, die ein Friedensrichter-, ein Priesteroder ein Augurenamt innehatten. Die meisten Senatoren aber konnten ihre Plätze frei wählen und sich an den Köstlichkeiten laben, die aus dem unerschöpflichen Reichtum des jungen Marius quollen.

Die Reihen waren dünn besetzt, kaum hundert Männer befanden sich in der Versammlungshalle. Viele Senatoren waren zu Sulla geflohen, und auch von denen, die der Inauguration der Konsuln beigewohnt hatten, standen bei weitem nicht alle auf Seiten der Konsuln oder stimmten ihren Plänen zu. Quintus Lutatius Catulus etwa war sicherlich kein Gefolgsmann Carbos; sein Vater, Catulus Caesar, war ein unversöhnlicher Feind des Marius gewesen und bei Gaius Marius’ Blutbad umgekommen; und sein Sohn war aus demselben Holz geschnitzt, wenn auch nicht so begabt oder so gebildet wie sein Vater. Bestimmt, sinnierte Caesar, lag das an der Verdünnung des julischen Blutes durch die Mutter, einer Domitia Ahenobarbi. Ihre Familie war zwar berühmt, aber ganz bestimmt nicht der Intelligenz ihrer Mitglieder wegen. Caesar mochte Catulus nicht, ein Vorurteil, das von dessen Aussehen herrührte; er war dünn, untersetzt und hatte von seiner Mutter das rote Haar und ihre Sommersprossen geerbt. Catulus war mit der Schwester des Mannes verheiratet, der sich neben ihm auf derselben Liege ausgestreckt hatte. Dieser Mann wiederum, Quintus Hortensius, war mit Catulus’ Schwester Lutatia verheiratet. Hortensius, noch Anfang Dreißig, war unter Cinnas und Carbos Herrschaft zum führenden Advokaten Roms aufgestiegen und wurde von manchen sogar als der klügste Rechtsgelehrte in der Geschichte Roms gepriesen. Hortensius war ein gutaussehender Mann, dessen sinnliche Unterlippe seine Vorliebe für die kleinen Annehmlichkeiten des Lebens verriet — und sein auf Caesar ruhender Blick seine Vorliebe für schöne junge Männer. Caesar, erfahren im Umgang mit solchen Blicken, machte jeden weiterführenden Gedanken, der sich in Hortensius’ Geist vielleicht formen mochte, zunichte, indem er eine unmögliche Grimasse schnitt und mit den Augen schielte. Hortensius errötete und wandte sich schnell wieder zu Catulus um.

Just in diesem Augenblick kam ein Diener zu Caesar und teilte ihm mit, daß sein Vetter ihn zu sehen wünsche. Caesar erhob sich von der untersten Sitzreihe, auf der er sich niedergelassen hatte, und schlurfte in seinen an den Fersen offenen Holzschuhen auf die andere Seite der Halle, wo der junge Marius und Carbo lagen. Er küßte seinen Vetter auf die Wange und setzte sich auf die Kante des kurulischen Podiums hinter der Liege.

»Ißt du nichts?« fragte der junge Marius und schob sich ein Stück Fisch in den Mund.

»Es gibt nicht viel, das ich essen darf.«

»Stimmt, hab’s vergessen«, schmatzte der junge Marius mit vollem Mund. Er schluckte den Fisch hinunter und deutete auf die riesige Platte, die auf dem Tisch vor ihm stand. »Aber davon kannst du essen, soviel du willst.«

Caesar betrachtete den teilweise zerlegten Fisch ohne jeden Enthusiasmus; es war ein Barsch aus dem Tiber. »Ich danke dir«, sagte er, »aber ich konnte noch nie eine Tugend darin erkennen, Scheiße zu essen.«

Diese Bemerkung ließ den jungen Marius vor Belustigung glucksen, hielt ihn aber nicht davon ab, sich weiter an dem Fleisch einer Kreatur zu laben, die sich von den Exkrementen ernährte, die aus Roms Kanalisation in den Tiber strömten. Carbos Magen war, wie Caesar amüsiert feststellte, weniger robust. Carbos Hand, die sich eben noch nach dem Barsch ausgestreckt hatte, zuckte zurück und griff statt dessen nach einem gerösteten Hühnchen.

Natürlich fiel Caesar da, wo er jetzt stand, viel mehr auf. Aber das hatte auch seine guten Seiten, denn auch er konnte jetzt mehr sehen. Und während er mit dem jungen Marius scherzte, blickten seine Augen in die Runde. Mochte Rom mit der Wahl eines sechsundzwanzigjährigen ersten Konsuls glücklich sein, etliche der den Festlichkeiten beiwohnenden Männer waren es offensichtlich ganz und gar nicht. Das galt vor allem für Carbos Günstlinge, für Brutus Damasippus, Carrinas, Marcus Fannius, Censorinus, Publius Burrienus, Publius Albinovanus den Lucaner... Natürlich gab es auch einige, die sehr zufrieden aussahen, Marcus Marius Gratidianus etwa oder auch Scaevola Pontifex Maximus. Doch diese beiden waren verwandt mit dem jungen Marius und hatten sozusagen ein ureigenes Interesse daran, dem neuen ersten Konsul alles Gute zu wünschen.

Da tauchte der jüngere Marcus Junius Brutus am Ende von Carbos Liege auf und wurde, wie Caesar auffiel, von dem in solchen Dingen sonst eher zurückhaltenden Carbo mit ungewöhnlicher Heftigkeit begrüßt. Daraufhin entschloß sich der junge Marius, nach geselligerem Umgang zu suchen, und überließ Brutus seinen Platz, der Caesar im Vorbeigehen zunickte, ihn aber ansonsten kaum beachtete. Das war das Beste an seiner Position als Jupiterpriester: Weil er politisch bedeutungslos war, kümmerte er niemanden, und Carbo und Brutus sprachen völlig offen.

»Wir können uns zu einem gelungenen Schachzug gratulieren«, sagte Brutus und griff mit seinen Fingern nach dem Barsch.

»Hhmm.« Carbo warf das Hühnchen mit einem Ausdruck des Widerwillens weg und langte nach Brot.

»Du könntest dich ruhig etwas begeisterter zeigen.«

»Worüber? Über den jungen Marius? Er ist so hohl wie ein ausgeblasenes Ei, Brutus. Ich habe ihn in dem vergangenen Monat oft genug erlebt, das kannst du mir glauben. Er wird zwar den Januar über die fasces halten, aber an mir wird die ganze Arbeit hängenbleiben.«

»Und? Hast du etwas anderes erwartet?«

»Ach, ich weiß nicht...« Carbo zuckte mit den Schultern und warf das Brot weg; Caesars Bemerkung über den Verzehr von Scheiße hatte ihm den Appetit verdorben. »Vielleicht hatte ich gehofft, daß er doch noch so etwas wie Vernunft entwickeln würde. Immerhin ist er Marius’ Sohn, und seine Mutter ist eine Julierin. Das müßte doch einiges wert sein.«

»Ist es aber nicht, oder wie soll ich dich verstehen?«

»Nicht das verrotzte Taschentuch deiner Großmutter! Das Beste, was ich über ihn sagen kann, ist, daß er nützlicher Zierat ist. Mit ihm an der Seite sehen wir sehr schmuck aus, und er zieht uns scharenweise neue Soldaten an Land.«

»Vielleicht liegt ihm das Kriegshandwerk mehr«, sagte Brutus und wischte seine Hände an einem Leinentüchlein ab, das ihm ein Sklave reichte.

»Vielleicht. Ich vermute aber eher das Gegenteil. An deinen Ratschlag werde ich mich halten, da kannst du Gift darauf nehmen.«

»Welchen Ratschlag?«

»Ihm nicht gleich die besten Soldaten zu geben.«

»Oh!« Brutus warf das Leinentüchlein hinter sich, ohne darauf zu achten, ob es dem stumm neben Caesar stehenden Diener gelang, es aufzufangen. »Ist Quintus Sertorius nicht hier? Ich hatte gehofft, ihn wenigstens bei dieser Gelegenheit in Rom anzutreffen. Immerhin ist er der Vetter unseres neuen ersten Konsuls.«

Carbo lachte, aber es klang nicht glücklich. »Sertorius, mein lieber Brutus, hat unserer Sache den Rücken gekehrt. Er hat Sinuessa seinem Schicksal überlassen und sich nach Telamon davongemacht. Dort hat er aus den etrurischen Klienten des Gaius Marius eine Legion aufgestellt und ist mit den Winterwinden nach Tarraco gesegelt. Mit anderen Worten, er hat sein Amt als Statthalter des diesseitigen Spanien sehr früh angetreten. Ohne Zweifel baut er darauf, daß es noch vor Ablauf seiner Amtsperiode hier zu einer Entscheidung kommt.«

»Dieser Hasenfuß!« rief Brutus aufgebracht aus.

Carbo stieß einen obszönen Laut aus. »Nein, Sertorius doch nicht. Ich würde ihn eher als eigenartig bezeichnen. Hast du jemals bemerkt, daß er keine Freunde hat? Und keine Frau? Und — dafür sollten wir alle den Göttern dankbar sein — auch nicht Gaius Marius’ Ehrgeiz. Wenn er den besäße, Brutus, dann wäre er jetzt erster Konsul.«

»Ich für meinen Teil bedauere, daß er uns im Stich gelassen hat. Mit ihm hätten wir den Sieg schon so gut wie sicher in der Tasche gehabt. Abgesehen von seinen militärischen Talenten weiß er nämlich auch, wie Sulla kämpft.«

Statt zu antworten, würgte Carbo und hielt sich den Bauch. »Ich glaube, ich werde mich zurückziehen und ein Brechmittel nehmen. Die Speisen, die unser Frischling hat auffahren lassen, bekommen meinem Magen nicht.«

Brutus half ihm von der Liege auf und führte ihn zu der auf der anderen Seite des Podiums mit Wandschirmen abgetrennten Ecke der Halle, wo mehrere Diener damit zugange waren, ein ganzes Arsenal von Töpfen und Schüsseln für diejenigen bereitzuhalten, die ein gewisses Bedürfnis verspürten.

Caesar sandte Carbo einen verächtlichen Blick hinterher und entschied, daß er die wichtigste Unterhaltung auf diesem Inaugurationsfest bereits miterlebt hatte. Mit einer raschen Bewegung schlüpfte er aus seinen Holzschuhen, hob sie auf und stahl sich leise davon.

Lucius Decumius hatte in einem geschützten Winkel des Vestibüls der Curia Hostilia gewartet und stand an Caesars Seite, kaum daß er aus der Halle geschritten kam. In seinen Armen hielt er eine Kollektion dem Wetter angemessener Kleidungsstücke — robuste Stiefel, einen Überwurf mit Kapuze, Socken und ein Paar wollener, knielanger Hosen. Caesar entledigte sich seiner priesterlichen Aufmachung. Er hielt Lucius Decumius seine Priestermütze, den Mantel und seine Holzschuhe hin, der sie an eine hinter ihm stehende riesenhafte Gestalt weiterreichte, die alles in einen ledernen Zugbeutel stopfte.

»Was? Schon zurück aus Bovillae, Burgundus?« rief Caesar, der vor Kälte nach Luft schnappte, während er versuchte, einen seiner senkellosen Schuhe überzuziehen.

»Ja, Caesar.«

»Wie geht es dir? Alles in Ordnung mit Cardixa?«

»Ich bin Vater eines weiteren Sohnes.«

»Ich habe es dir doch gesagt, Pavo mein Pfau!« kicherte Lucius Decumius. »Bis du Konsul bist, hat er eine ganze Leibwache für dich großgezogen.«

»Ich werde niemals Konsul werden«, sagte Caesar und sah auf das nur verschwommen sichtbare Ende der Basilica Aemilia hinaus. Er schluckte vor Schmerz.

»Unsinn! Natürlich wirst du Konsul werden«, sagte Lucius Decumius und nahm Caesars Gesicht in seine behandschuhten Hände. »Hör auf, solch düsteren Gedanken nachzuhängen! Es gibt nichts auf dieser Welt, das dich aufhalten kann, wenn du dich erst einmal für etwas entschieden hast. Hast du mich verstanden?« Er ließ seine Hände sinken und gab dann Burgundus ein ungeduldiges Zeichen. »Los, mach schon, du germanischer Klotz! Bahne dem Meister einen Weg.«

Der Winter blieb weiterhin kalt, und er schien nie mehr enden zu wollen. Unter dem Pontifex Maximus Scaevola hatten sich die Jahreszeiten nach einigen Jahren wieder an den Kalender gehalten. Wie auch Metellus Delmaticus hatte Scaevola auf die Übereinstimmung der Jahreszeiten mit dem Kalender geachtet. Aber der Pontifex Maximus zwischen ihnen, Gnaeus Domitius Ahenobarbus, hatte zugelassen, daß der Kalender, der zehn Tage kürzer war als das Sonnenjahr, ungezügelt vorangaloppiert war. Ahenobarbus hatte verkündet, er halte nicht viel von affektierten griechischen Traditionen.

Im März endlich setzte Tauwetter ein, und ganz Italien atmete auf. Die Legionen wachten aus ihrer Winterruhe auf und regten sich wieder. Anfang März zog Gaius Norbanus trotz des immer noch tiefen Schnees mit sechs seiner acht Legionen aus Capua aus, um sich in Ariminum Carbo anzuschließen. Seine Armee passierte Sulla, der es vorzog, nicht zu reagieren. Trotz der widrigen Umstände kam Norbanus auf der Via Latina und der Via Flaminia rasch voran und erreichte nach kurzer Zeit Ariminum. Mit seiner Ankunft schwoll die Zahl der unter Carbo stehenden Legionen auf dreißig an. Zusammen mit den mehreren Tausend Mann Reiterei bedeutete dies eine enorme Last für Roms Schatzamt — und für den Ager Gallicus. Aber noch vor seinem Abmarsch hatte Carbo die drängende Frage gelöst, wo die Mittel, mit denen er seine riesige Armee unter Waffen halten konnte, herkommen sollten.

Vielleicht hatte ihn die Erinnerung an das geschmolzene Gold und Silber aus dem ausgebrannten Tempel des Jupiter Optimus Maximus, das in Barrenform in der Schatzkammer lagerte, inspiriert. Schließlich war Carbo es gewesen, der damals befohlen hatte, die Barren zu beschlagnahmen und an ihrer Stelle einen Schuldschein des Wortlauts zu hinterlassen, daß Rom seinem Großen Gott soundsoviele Talente Gold und soundsoviele Talente Silber schuldete. Jedenfalls beschlossen Carbo und der junge Marius, die vielen reichen Tempel Roms zur Ader zu lassen und sich ihr Vermögen zu »leihen«. Da das Religionswesen Teil des Staatswesens war und vom Staat verwaltet wurde, verstieß Carbos Vorgehen, obgleich gotteslästerlich und noch nie zuvor praktiziert, gegen keine bestehenden Gesetze. Und so wurde aus den Schatzkammern der Tempel Roms eine mit Münzen gefüllte Kiste nach der anderen geschleppt. Kisten, in die der eine Sesterz geflossen war, der bei jeder Geburt eines römischen Kindes der Juno Lucina geopfert wurde; der eine Denar, der anläßlich der Mann- werdung eines römischen Knaben der Juventas dargeboten wurde; die vielen Denare, die Merkur von Händlern gespendet wurden, wenn sie ihre Lorbeerzweige in seinem heiligen Brunnen netzten; die Sesterzen, die erfolgreiche Prostituierte der Venus Erucina gaben — die Einkünfte aus diesen und vielen anderen Opfern wurden darauf verwendet, Carbos Feldzug zu finanzieren. Auch ungemünztes Gold und Silber und aus Edelmetallen gefertigte Geschenke an die Götter der Tempel wurden teilweise eingeschmolzen.

Der stammelnde Prätor Quintus Antonius Balbus erhielt die Aufgabe, neue Münzen zu prägen und die alten aus dem Verkehr zu ziehen. Egal, wie viele Römer Carbos Vorgehen für ein Sakrileg halten mochten, der Ertrag war schwindelerregend hoch gewesen und hatte es Carbo erlaubt, dem jungen Marius die Befehlsgewalt über Rom und den Feldzug im Süden zu übertragen und ruhigen Gewissens nach Ariminum weiterzuziehen.

Ohne es zu wissen, teilten Sulla und Carbo eine Überzeugung. Beide hatten gelobt, Italien in diesem Krieg nicht zu verwüsten. Jeder Bissen Nahrung für die Soldaten und jedes Fuder Heu für die Tiere, die an den Kämpfen beteiligt waren, wurde bezahlt, und ihre Armeen waren angewiesen worden, so wenig Land wie nur möglich niederzutrampeln. Der Bundesgenossenkrieg hatte das Land an den Rand des Untergangs gebracht, und Sulla und Carbo wußten, daß das Land einen weiteren, ähnlich geführten Krieg nicht überstehen würde.

Beiden war auch bewußt, daß der Krieg zwischen ihnen in den Augen der einfachen Menschen keinen edlen Zweck verfolgte und auch nicht wegen unterschiedlicher Überzeugungen geführt wurde, wie das noch im Bundesgenossenkrieg der Fall gewesen war. Damals hatten die italischen Völker in ihrem Unabhängigkeitsdrang gegen Rom gekämpft, das wiederum die aufständischen Völker in seiner Abhängigkeit hatte halten wollen. Worum aber ging es bei dem jetzigen Konflikt wirklich? Doch nur darum, ob der Herrscher über Rom am Ende Sulla oder Carbo heißen würde. Sie mochten den Leuten vorgaukeln, was sie wollten, keiner von beiden konnte diese Tatsache vertuschen und das römische und italische Volk an der Nase herumführen. Es war deshalb nicht möglich und ratsam, dem Land allzu große Bürden aufzulasten oder die Prosperität der römischen und italischen Gemeinschaften zu vermindern.

Sulla borgte sich die nötigen Mittel von seinen Soldaten, und Carbo, dem diese Möglichkeit nicht offenstand, belieh die Götter. Und wie ein dunkler Schatten lastete ein Gedanke auf beiden Männern: Wie sollten sie, wenn der Krieg erst einmal vorüber war, diese Schulden jemals begleichen?