Im Väterzentrum oder

Pure Entspannung ohne Lätzchengewedel

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Verglichen mit Westdeutschland, ist das doch hier die Insel der Glückseligen«, sagt der Mann über seinen Bezirk. Da hat er zweifellos recht. Er ist einer von drei Vätern, die heute zum Papa-Frühstück ins Väterzentrum gekommen sind, einer Art geschlechtsspezifischer Schutzhütte für Männer.

Hier geht es, man sieht es sofort, ein bisschen weniger ordentlich zu. Auf dem Boden liegen Babymatten, auf denen die Kinder der drei Prenzlauer-Berg-Männer herumpurzeln. Drumherum wurde schon länger nicht mehr gefegt und gewischt. An der Seite steht eine Torwand. Und das Frühstücksbüfett, das auf dem Tisch an der Wand bereitsteht, sieht eher nach Aldi als Bioback aus. Alles in allem eine ziemlich entspannte Angelegenheit: Die Männer quatschen, die Kinder krabbeln ruhig ihre Runden, ab und zu greift mal einer nach der Küchentuchrolle, um Moritz’ oder Mikas Kotze wegzuwischen.

Diese Männer wollen ungestört sein. Wenigstens ab und zu mal für ein paar Stunden. Sie möchten nicht dabei beobachtet werden, Väter zu sein. Und sie wollen den Frauen in ihren Leben, also den Müttern ihrer und aller anderen Kinder auf den Spielplätzen, in den Kitas und Cafés, einfach mal den Raum geben, den sie offenbar brauchen, um sich dort ausgiebig zu profilieren. So jedenfalls begründen die drei ihr Hiersein. »Frauen«, erklärt der eine, »fühlen sich doch irgendwie ständig im Defizit.«

Ein Beispiel? Er erzählt von der Kitareise seiner fünfjährigen Tochter. Als die Kinder nach Tagen wieder heimgekehrt seien, habe er als einziger Mann mit zwanzig Müttern auf den Reisebus gewartet. Als der schließlich mit reichlich Verspätung ums Eck bog, brach ein für ihn völlig irritierender Jubel aus. Wie ein Teenie-Fanclub seien die Mütter dem Bus entgegengerannt, jauchzend die Arme gen Himmel gereckt, die Münder weit aufgerissen. Er hingegen blieb stehen, wo er war. Warum sollte er seiner zweifellos vorhandenen Freude über die Heimkunft der Tochter derart expressiv Ausdruck verleihen? Doch es war der falsche Bus, und die Mütter hatten sich zu früh gefreut. Als sie sich wieder beruhigt hatten, nahm eine der Frauen ihn zur Seite und sagte diesen irgendwie lustigen, aber auch traurigen Satz: »Du hast’s gut, du bist ein Mann und musst nicht kreischen.«

Ja, die hier im Vätercafé müssen nicht kreischen. Sie können sich einfach ganz normal unterhalten über jene Themen, die wohl sämtliche Eltern in diesem Land beschäftigen. Über die Suche nach dem allerbesten Kinderarzt im Stadtbezirk und die passende Kita, über den Schlafmangel und die beliebte Frage, ob und wogegen geimpft werden soll. Alles in allem genau die Themen, die sie mit Müttern oder auch im Pärchentalk besprechen könnten, nicht wahr? Ja schon, sagt einer, die Themen seien dieselben, es sei aber auch mal schön ohne Frauen. Einfach entspannter. Außerdem sei er hier mal nicht der Exot, der tolle Typ, der mit seinem Kind zu Hause bleibt und den die Frauen in den Straßen und auf den Spielplätzen anstaunen wie ein seltenes Tier.

Dass Männer Elternzeit nehmen, ist ja bekanntlich nichts Neues. Zwei Monate beim Neugeborenen bleiben und im Rahmen eines etwas lang geratenen, steuerfinanzierten Urlaubs leckere Aufbaukost kochen und mit der stillenden Mutter fachkundig den Windelinhalt analysieren – wunderbar. Wirklich interessant wird es aber erst, wenn diese Männer tatsächlich beim Kind bleiben, wenn die Mutter arbeiten geht und der Vater die rückwärtigen Dienste versieht. Wenn er also gleichberechtigt alles tut und lässt, was sonst meistens die Frauen leisten: Wadenwickel anlegen, verstopfte Kleinkindnasen putzen, dasselbe Buch dreitausendmal wie neu vorlesen. Trösten und schimpfen, buddeln und malen, kochen und waschen und dabei auch noch gut aussehen. Diese Väter, die das wirklich durchziehen, sind die wahren Helden.

Mein Angetrauter zum Beispiel war so einer, vielleicht sogar einer der Ersten. Er hatte vor achtzehn Jahren einfach Lust, die Sache mit den Kindern zu übernehmen und ein Jahr zu Hause zu bleiben.

Und ich hatte eben keine Lust darauf.

Während ich diesen Satz in die Tastatur hämmere, zuckt mein Finger schon Richtung Löschtaste. Kann ich das wirklich schreiben: Ich hatte keine Lust, mich um die Kinder zu kümmern? Da gehen im Land auf der Stelle die Alarmlampen an, es wird unruhig im Publikum, und die ersten Leser klappen das Buch zu. Denn Frauen, die Kinder kriegen, sollten darüber unbedingt ganz, ganz glücklich sein – und wenn sie sich dessen nicht sicher sind, sollten sie das Projekt Baby doch einfach lassen und es den besseren, den guten und beseelten Müttern überlassen. Die machen das gern: kaum schlafen, wenig Sex haben, im organisatorischen Chaos versinken und eigentlich nicht so recht wissen, was so ein Dreimonatskind gerade mit seinen spitzen Schreien ausdrücken will.

Ich jedenfalls war eine von der anderen Sorte. Ich wollte immer Kinder haben und habe es auch keine Minute bereut, als ich mit unserem ersten Mädchen ein paar Jahre lang allein klarkommen musste. Kinder sind etwas Wunderbares, tatsächlich. Aber sie bringen die zuständigen Erziehungsberechtigten auch an die Grenzen der Belastbarkeit. Glück sieht nun mal irgendwie anders aus, als morgens um drei in der runtergekühlten Wohnung ein Schreikind hin und her zu tragen, nicht wahr?

Um so angenehmer ist es, mit diesen unprätentiösen Männern im Väterladen zu sprechen, die das Kinderhaben als schöne, aber nun auch nicht unbedingt weltstürzende Angelegenheit ansehen. Die sie selbst bleiben, es nicht peinlich finden, über Fußball zu reden, und auch nicht den Wunsch verspüren, bei ihrem Alltag mit der zehn Monate alten Rica beobachtet und bewundert zu werden. Sie wollen sich nicht ständig mit Frauen darüber unterhalten, warum deren Mann zu busy, zu erfolgreich ist, um Elternzeit zu nehmen. Unterton: Mein Mann kann das nicht machen, der ist zu wichtig. Subtext: … und wenn er das nicht wäre, hätte ich mir kein Kind von ihm machen lassen. Das, sagt einer der Väter, sei doch echte Diskriminierung, perfide und herabsetzend.

Was ich hier höre, erinnert mich an meinen Freund Robert, der in den nächsten Monaten mit seiner Tochter zu Hause bleiben wird. Die kleine Frieda ist gerade ein halbes Jahr alt geworden, und Roberts Frau Dana freut sich, wieder arbeiten gehen zu können. Und wer freut sich noch? Robert natürlich, denn der ist dermaßen verliebt in seine Kleine und auch ein bisschen genervt von seinem Job, dass er es gar nicht abwarten kann, zu Hause bleiben zu dürfen. Um die Monate bis zu seiner Elternzeit nicht untätig verstreichen zu lassen, um wenigstens einmal in der Woche etwas Besonderes mit Frieda zu machen, gehen die beiden immer mittwochs zur Massage.

»Väter massieren ihre Babys« heißt diese Veranstaltung im städtischen Geburtshaus, organisiert wird sie von einem Mann namens Bert. Eine Stunde lang, erzählt Robert, treffen sich da sechs Väter, kneten an ihren geliebten Kindern rum und plaudern. Natürlich gibt es eigentlich eine zertifizierte Massagetechnik, das muss in Deutschland so sein. »Aber«, sagt Robert, »das hatten wir alle nach zehn Minuten kapiert, wie das geht. Und jetzt quatschen wir eigentlich die ganze Zeit.« Worüber, frage ich. »Das ist fast schon peinlich«, sagt Robert, »grad vorgestern waren Schlagbohrmaschinen unser Thema. Das ist ja was, worüber ich sonst mit niemandem reden kann und will. Aber da, bei den ganzen Männern und dem duftenden Massageöl an den Fingern, kann ich das. Sonst weiß ich eigentlich nix über die anderen, nicht mal, was sie arbeiten, aber die Marke ihrer Bohrmaschine, die kenne ich. Lustig.« Ein angenehmer Termin ist das, findet er. Und das findet auch Dana, denn sie hat dann endlich mal eine Frieda-Pause, Zeit für sich und ihre Hände, die ausnahmsweise mal einen Kaffee statt der Buggystange oder des Frieda-Pos halten dürfen.

Die anderen Mütter sehen das offenbar nicht so. Sie geben nicht nur ihr Kind, sondern gleich auch noch ihren Mann bei Kursleiter Bert ab und fiebern nur so dem Moment entgegen, endlich wieder die Herrschaft übernehmen zu dürfen. Eigentlich, erzählt Robert, sollen die Mütter weggehen, spazieren, Kaffee trinken, egal. Aber sie hauen einfach nicht ab. Und deshalb musste die Geburtshausverwaltung einen extra Warteraum für misstrauische Mütter einrichten. Da sitzen sie nun mit gespitzten Ohren. Fängt ihr Baby an zu weinen, lassen sie es sich nach nebenan reichen und geben ihm die Brust. Robert nennt sie »die Stillrobben«.

Die drei hier beim Papa-Frühstück mögen Frauen, ihre eigenen daheim natürlich ganz besonders. Dennoch, es ist ein angenehmer Zustand, sich nicht vergleichen zu müssen, zumindest bezogen auf die Kinder – im Job sieht die Sache vermutlich wieder anders aus. »Belastend« findet Ricas Papa vor allem »das Care-Kompetenz-Gerangel auf dem Spielplatz«. Im Gegensatz zu den Vätern, hat er beobachtet, machen sich Frauen gegenseitig Konkurrenz darin, wer die aufmerksamste, die schnellste Krisenfall-Mama ist. »Die Mütter«, sagt er, »wittern ständig Gefahr für ihre Kinder. Mag sein, dass das die Natur so eingerichtet hat, trotzdem nervt das Getue am Klettergerüst, wenn ein Kind mal von der Leiter rutscht. Die sind sofort da, flattern um das Kind herum, trocknen die Tränen und ärgern sich auch noch lautstark, dass sie diese Gefahr nicht vorher gesehen haben. Und was machen wir Väter? Wir lassen das Kind runterfallen, warten ab, ob es sich wirklich wehgetan hat, und zücken nur im Ernstfall das Taschentuch. Bis dahin hat längst eine über den Platz getönt: Hol doch mal einer die Mutter! Lustig. In solchen Situationen hab ich immer das Gefühl, die armen Frauen müssen einer Art Mütterbild entsprechen, die vergleichen sich mit den anderen. Sonst stimmt es für sie nicht.«

Ja, schön ist es im Vätercafé. Erstaunlich angenehm. Denn tatsächlich hatte ich erwartet, hier auf eine Gruppe verbitterte Erzeuger zu treffen, die am gerichtlich festgelegten Besuchstag nichts mit sich und dem Kind anzufangen wissen und deshalb hierherkommen, ich hatte vergrätzte, gedemütigte Verlierertypen erwartet. Vorgefunden habe ich das bislang Ausgeruhteste an Elternschaft, das der Prenzlauer Berg zu bieten hat.

Wir reden noch ein bisschen über absurde 40-Euro-Designermützen und das nervende Kita-Casting ab der zwölften Schwangerschaftswoche, da stelle ich fest, dass alle drei Kinder auf den Schößen ihrer Väter sitzen und ihr Breichen eingelöffelt bekommen. Essenszeit. Einfach so nebenbei, ohne Lätzchengewedel und Warmhaltetaschengefummel, ohne längeren Vortrag darüber, ob die Möhrchen auch bio sind, nehmen hier drei Herren mit ihren Kindern eine Mahlzeit ein. Und wenn sie satt sind, packen sie sie in die Kinderwagen vor der Tür des Vätercafés und gehen nach Hause. So einfach kann das sein? So einfach.