Wir wohnen hier oder

Ostler im Widerstand

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Kapitalismus macht euch langweilig, hässlich und zu Faschisten!« steht auf dem Plakat. Jemand hat damit das Spielplatzschild überklebt, auf dem aufgeführt ist, wie man sich hier auf dem Kollwitzplatz zu verhalten hat. Aber die Botschaft errreicht ganz offensichtlich niemanden: In Reih und Glied stehen die Tausend-Euro-Buggys am Buddelkasten, die Mütter sind nicht hässlich, sie stecken sich die teure Tellersonnenbrille ins Haar, und die Väter ziehen den Bund ihrer G-Star-Jeans über den Bauchansatz. Kapitalismuskritik sieht wirklich anders aus.

Eine clevere Gymnasiastin zeigt den Flugblattschreibern gleich mal, was sie vom politischen System hält: offenbar eine ganze Menge. Denn direkt unter das Plakat hat sie ihr Angebot gepinnt, gegen Geld auf die Projektkinder hier am Platz aufzupassen. Dafür, dass Kapitalismus faschistoid sein soll, ist ihre Bewerbung als Babysitterin sehr charmant und professionell: »Gern lasse ich meiner Kreativität freien Lauf«, schreibt die Neunzehnjährige, »ich bastele, singe oder erkunde mit meinen Schützlingen die Natur. Dabei lasse ich mir nicht auf der Nase herumtanzen, bin aber für Schabernack zu haben.«

Um den Platz dieser jungen Prenzlauer Bergerin im kapitalistischen System muss man sich wohl keine Sorgen machen. Denn das ist exakt die Sprache, die die neuen Eltern hier verstehen. Maßvoller Spaß – ja, Ausflippen – sicher nicht. Da braucht es Babysitter, die – gerade volljährig – das muttieske Wort »Schabernack« zu ihrem Wortschatz zählen.

Es gibt eine Menge Nachrichten, die sich an Gäste und Zugezogene richten. Verfasst und gesendet werden sie von jenen, denen ihr Viertel längst zu aufgeräumt, zu familiendiktatorisch, zu windschnittig geworden ist. Auf Werbepostern für Yogastudios prangen neuerdings Sticker: »Fuck Yoga!« Die Facebook-Seite vom Hemholtzplatz startet mit der Botschaft: »I‘m not a tourist. I live here.« Und in den dicken Schaufensterscheiben des LPG-Biosupermarktes hat der Glaser erst kürzlich die Einschusslöcher mit rotem Tape markiert. Seit Jahren tauchen im Bezirk zu traditionellen Feiertagen Plakate auf, die die zugezogenen Edel-Eltern recht unverblümt auffordern, sich zu trollen. Es begann an Weihnachten 2006. Damals prangte an Mauern und Trafohäuschen Gelb auf Schwarz folgende Botschaft: »OSTBERLIN WÜNSCHT EINE GUTE HEIMFAHRT!« Dazu hatten die letzten Kapitalismuskritiker vom Prenzlauer Berg die Reiseziele geschrieben, wohin die Edel-Eltern über die Feiertage aufbrechen sollten: »Erlangen 430 Kilometer, Koblenz 580, Stuttgart-Sindelfingen 610 Kilometer.«

Das war nicht gerade nett. Man fragte sich, ob man die Plakate unter Berliner Humor verbuchen sollte, der ja bekanntlich recht wurschtig sein kann, oder unter Fremdenfeindlichkeit. Dass die lokale Presse ausgiebig darüber berichtete, war ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Verdrängung der alteingesessenen Ostberliner durch Zugezogene ein virulentes Thema darstellt. Nach dem Motto: Endlich sagt’s mal einer.

Also ein einmaliger Ausrutscher? Nein, zu Weihnachten 2007 hielten die klassenkämpferischen Kreativen vom Prenzlauer Berg erneut eine Botschaft für ihre westdeutschen Mitbürger bereit. An den Fenstern von Restaurants und Kneipen hingen Zettel folgenden Inhalts: »Liebe Gäste, ihr fahrt alle nach Hause zum Gänsebratenessen, und deshalb machen wir vom 21. bis 26. Dezember zu.« Man hätte meinen können, diese nicht unübliche Ankündigung der örtlichen Gastronomie sei es schon gewesen. Aber nein, unter der Nachricht prangte erneut eine Weihnachtsbotschaft: »OSTBERLIN WÜNSCHT EINEN GUTEN APPETIT. WEIHNACHTEN 2007 – DIE TAGE DER BEFREIUNG

Uijuijui, da war aber was los. Die erneute unfreundliche Aufforderung, das Gelände zwecks Familienzusammenführung in der Heimat zu räumen und den Bezirk wenigstens über die Festtage seinen Ureinwohnern zu überlassen, war der sichere Hinweis darauf, dass da offensichtlich jemand vorhatte, am Thema dranzubleiben. Und möglicherweise handelte es sich dabei ja sogar um mehrere Personen, die hier einen auf aggressive Ostberliner machten?

Man möchte nicht in den so Angesprochenen dringesteckt haben. Den Schwaben und Bayern, den Eingeheirateten und Angeheuerten. Was sollten sie denn machen? Den Umzugswagen rufen und ihren schönen kinderfreundlichen Bezirk verlassen?

Ich fühlte also mit den Neubürgern des Prenzlauer Bergs. Im Sommer drauf zierten frische Botschaften das Straßenbild: »NEUE MAUERN BRAUCHT DAS LAND. MÖRTEL CREW OSTBERLIN!« Zu sehen waren die Hochburgen der Macchiatomütter: der neu eröffnete Biosupermarkt, das angesagte Internetcafé St. Oberholz oder ein Krimskrams-Geschäft namens »Kauf dich glücklich«. Kundige Gestalter hatten die Fenster und Eingänge der fotografierten Häuser und Läden per Photoshop zugemauert. Um ehrlich zu sein, sah das ungefähr so aus wie der Prenzlauer Berg in den Achtzigerjahren. Da gab’s hier gerade mal ein paar Konsum- und HO-Läden sowie zwar gemütliche, aber muffige Kneipen. Und das Bier für 51 Pfennig. Wollten diese Plakatkleber wirklich den Osten zurück, wieder Rosenthaler Kadarka und Berliner Pilsner in düsteren Parterrewohnungen trinken, während das Klo auf halber Treppe wieder mal eingefroren ist und der Braunkohleofen seinen üblen Gestank verbreitet?

Ich verabrede mich mit einem der Plakatisten. Aus gutem Grund möchte er anonym bleiben, die Aktionen sind ja nicht nur Beleidigungen, sondern auch Sachbeschädigungen. Die Vorstellung, wegen einer beklebten Fassade von einem dieser Immobilienheinis aus dem Westen auch noch angezeigt zu werden, schreckt ihn. Es stellt sich heraus, dass dieser Mann keineswegs giftig und humorfrei ist, sondern insgesamt ausgesprochen sympathisch und klug. Er, der hier im Prenzlauer Berg aufgewachsen ist und einen großartigen Ostberliner Dialekt spricht, war zur Wendezeit im vollrebellischen Alter, nämlich achtzehn Jahre alt. Er erlebte damals also nicht nur, dass es plötzlich schönere Schuhe zu kaufen und Milka-Schokolade für alle gab. Sondern auch, wie sein alles in allem geruhsamer Heimatbezirk sich plötzlich mit Menschen füllte, die zwar zuerst in friedlicher, amüsierwilliger Absicht gekommen waren, schließlich aber doch den Ostlern die Wohnungen unter dem Hintern wegkauften, die Straßen mit Papis Saab zuparkten und in den noch wenigen Kneipen und Cafés unbekannte Sachen wie Minestrone, Becks-Bier oder Laugenbrezeln zu etablieren versuchten. Er erlebte, wie sein Abitur plötzlich als zweitklassig galt, wie die Jobs seiner Eltern wegbrachen und Oma und Opa in Frührente geschickt wurden. Aus seiner Kaufhalle ist ein Einkaufsparadies geworden. Aus den verwunschenen Dachböden Lofts, aus Mietern Eigentümer, aus Freiflächen Baulücken, aus Kindern Prestigeprojekte, aus Bäckereien Backshops, aus Erdgeschosswohnungen Agenturen … Und deshalb haben er und seine Freunde sich diese Plakataktionen einfallen lassen. Sollten die Westler ruhig mal mitkriegen, dass sie noch nicht vollends gewonnen hatten.

Im Herbst 2009, zum sechzigsten Gründungstag der Bundesrepublik Deutschland, klebten sie eines, auf dem der jubelnde Fußballer Jürgen Sparwasser zu sehen war. Einst, bei der Weltmeisterschaft 1974, schoss der Mann das legendäre Siegtor der DDR-Auswahl gegen die Fußballnationalmannschaft der BRD. Der Text der Plakatisten lautete: »60 JAHRE BRD UND WIR FEIERN MIT. HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! 35 JAHRE JÜRGEN SPARWASSER!« Das war im Vergleich zu den Vorjahren nett, ja geradezu sportlich fair. Keiner regte sich so richtig auf, niemand hörte die Signale der Ostalgiker, keiner der Angesprochenen machte sich auf den Rückweg Richtung Westen.

Also zogen sie bei ihrer nächsten Aktion die Zügel wieder straffer. Es wurde herbstlicher, die Klamottenläden verkauften schon die ersten Kindermuffs aus Biolammfell, und die Einheitsfeierlichkeiten zum zwanzigsten Mauerfalljubiläum rauschten durch Berlin, als die Plakatisten ihre aktuelle Botschaft klebten: »WIR SIND EIN VOLK! UND IHR SEID EIN ANDERES. OSTBERLIN, 9. NOVEMBER 2009«. Verdammt unhöflich. Und noch immer ein ganzes Stück weit von dem entfernt, was heute an die Wände der eierschalefarbenen sanierten Häuser gesprüht wird. »Tötet Schwaben!« zum Beispiel. Oder »Alle raus zur Kiezmiliz«. Selbst ich als angelernte Brandenburgerin, die Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit kennengelernt hat, finde das unmöglich. Da schwingt ein Ton durch Ostberlins Straßen, der mir ebenso wenig behagt wie jene Raffke-Botschaft an die alten Ostberliner: »Ihr habt die Häuser besetzt – wir besitzen sie!«

Mein Plakatist und seine Freunde sind ruhiger geworden. Sie haben Jobs, sie haben Sorgen, Kinder, erwachsene Leben im kapitalistischen System. Sie haben ja immer noch Ostberlin – auch wenn sie ihren Prenzlauer Berg nun mit anderen Familien teilen müssen. Aber sie haben auch immer noch eine Menge Ideen für neue Plakate.