Die Privatschulmutter oder
Simon weiß nicht, dass das Geld kostet

Es ist laut in diesem französischen Café und sehr gemütlich, wir beide verstehen uns auf Anhieb gut. Die Privatschulmutter ist Journalistin, wir hatten uns auf einer Geburtstagsparty kennengelernt. Als sie hörte, worüber ich schreibe, wollte sie sich gern mit mir treffen. Weil sie, wie sie sagt, sehr gute Gründe hat, ihren Sohn auf eine teure Privatschule zu schicken. Wir bestellen Café au lait, Quiche und Salat, und dann erzählt sie.

Seit unserer Trennung vor sechs Jahren sind mein Mann und ich bessere Eltern geworden, komisch oder? Wir kriegen das inzwischen richtig gut hin mit unserem Kind. Dass Simon eine Privatschule besuchen soll, haben wir natürlich gemeinsam entschieden. Das war schließlich auch eine finanzielle Frage, 300 Euro kostet die Schule pro Monat – noch. In der fünften wird das Schulgeld erhöht, und später noch einmal in der siebenten Klasse. Dann werden wir Simon vermutlich rausnehmen müssen. Jeden Monat so viel Geld wie Miete für meine Wohnung zu zahlen, das kann ich mir irgendwann nicht mehr leisten, und das, obwohl das Schulgeld einkommensabhängig gestaffelt ist, ich also im Vergleich zu anderen Familien wenig bezahle.

Simon ist jetzt in der dritten Klasse, er geht sehr gern in diese Schule. Ich weiß, was da für Vorurteile kursieren. Reiche-Leute-Kinder werden in diesen Privatschulen in eine Art Bildungshochsicherheitstrakt gesteckt, damit sie unter sich bleiben können; am Ende kommen Egomonster raus, die nichts wissen von Armut, Umwelt- und Globalisierungsthemen, aber dafür drei Sprachen sprechen und Sozialversager sind. Um das mal klarzustellen: Ich bin nicht reich, aber ich habe sehr gute Gründe gehabt, mich für diese Schule zu entscheiden: Simons Zweisprachigkeit und – das vor allem – die Ganztagsbetreuung.

Als wir noch zusammen waren, haben mein Mann und ich mit Simon in den USA gelebt, wir haben als Projektberater für eine Non-profit-Organisation gearbeitet. Simon hat von Geburt an Englisch und Deutsch gesprochen. Aber irgendwann haben wir uns eben getrennt, und als wir nach Deutschland zurückgekommen sind, haben wir eine bilinguale Ganztagsschule gesucht. Wir wollten, dass Simon weiter Englisch sprechen kann und dass wir beide arbeiten können. So etwas gibt es in Deutschland aber nur, wenn man dafür bezahlt. Das ist absurd.

So gut wie Simons sollten eigentlich alle Schulen organisiert sein, jedes, wirklich jedes Kind müsste in so eine Schule, so einen Hort gehen können. Das wäre gerecht. Aber so ist es eben nicht, und deshalb war ich sehr froh, als Simon dort einen Platz bekommen hat. In den 300 Euro ist alles enthalten: der Unterricht, die Bücher und Schulmaterialien, das Essen und das Nachmittagsprogramm. Um acht öffnet die Morgenbetreuung, um neun geht der Unterricht los, um halb drei endet er, danach beginnt das Nachmittagsprogramm, das geht bis achtzehn Uhr. Es wird so vieles angeboten: Sport, Musik, Sprachen … ja, auch Mandarin. Hab ich schon gehört, dass darüber Witze gemacht werden, aber das gibt’s tatsächlich.

Simon spielt Fußball und trainiert Judo, außerdem ist er in der Koch-Arbeitsgemeinschaft und beim Werken, also Basteln und Bauen. Ich weiß, das ist ’ne Menge, aber es macht ihm Spaß, und ich bin so froh, dass die das da anbieten. Ich bin nämlich alles andere als eine Hockey Mom, die sich nichts Schöneres denken kann, als ihr Kind ständig herumzufahren. Ich habe einen Sohn, den ich liebe, und einen Job, der mir Spaß macht, und dank der gut organisierten Schule kriege ich beides hin. Neulich habe ich ihn abgeholt, da hatten sie in der Koch-AG noch was übrig und haben mich eingeladen. Es gab Soufflé und Chocolat. Na, dachte ich, ein Rührei mit Schnittlauch hätte es wohl auch getan – aber dann haben sie mir die Schokolade kredenzt, und die war spitzenmäßig mit Vanille und Zimt und Sahne und so weiter. Einfach großartig! So etwas ist doch toll, oder?

Natürlich gibt es auch einiges, was mich nervt, ganz gewaltig sogar. Eine Sache ist die exzessive Kommunikation seitens der Schule. Du lieber Himmel, was ich da jeden Tag an Mails und Anrufen bekomme! Und dann geht es meist nur um Kleinigkeiten: dass eine Unterrichtsstunde von einem anderen Lehrer gegeben wird oder dass Fußball heute ausfällt. Gut möglich, dass andere Eltern ständig über solche Sachen informiert werden wollen, aber mir stockt jedes Mal das Herz, wenn ich auf dem Handydisplay die Schulnummer sehe. Ich denke dann, Simon ist was passiert, und dabei ist gar nichts.

Eine andere Sache ist, dass man nicht ausscheren darf, wenn man erst mal drin ist. Die Kinder dürfen zum Beispiel kein eigenes Spielzeug mitbringen – es gibt ja ausreichend Spielzeug für alle. Das kann für einen Fünfjährigen ganz schön hart sein, wenn er seinen Teddy rausrücken muss, weil alle gleich sein, sich untereinander nicht vergleichen sollen. Es ist auch verboten, iPhones mitzubringen. Ja, »iPhones«, so stand das in der E-Mail an die Eltern – als gebe es keine anderen Handymarken als diese. Oder die Schulkleidung. Die Schule hat bestimmte Farben, in denen die Kinder kommen sollen: Blau, Rot und Grau. Man kann die Kleidung über die Schule bestellen, aber ich kaufe bei H&M Poloshirts, Pullover und Kapuzenshirts und bügele dann das Schullogo auf.

Kürzlich war Sportfest, da rief mich Simon unter Tränen an und schluchzte: »Hol mich ab, ich darf nicht mitmachen. Du hast mir eine grüne Hose eingepackt, Mama!« Ich sagte ihm, dass er selbstverständlich mitmachen darf und dass er mir jetzt bitte mal seine Lehrerin ans Telefon holen soll. Da war ich echt sauer. Das ist so eine blöde Art, über die Kinder mit den Eltern zu kommunizieren, uns ein schlechtes Gewissen zu machen.

So funktioniert das auch mit der schulinternen Verbotsliste für die Pausensnacks. Anfangs habe ich Simon morgens eingepackt, was der Kühlschrank eben so hergibt. Aber dann haben alle Eltern eine E-Mail bekommen, in der stand, was gar nicht geht. Süßes und Ungesundes natürlich, denn wenn die Kinder in der Schule lernen, wie man sich richtig ernährt, und dann zieht so ein Simon seinen Schokoriegel aus der Tasche, ist das kontraproduktiv. Das sehe ich ein. Aber neulich hat eine Lehrerin ihm gesagt, sein Joghurt mit Himbeermousse sei nicht in Ordnung, das sei Industriefutter, und wenn er ein kluger Junge sei, würde er das überhaupt nie essen – das könne er auch mal der Mama sagen. So etwas finde ich unmöglich, weil da auf Kosten der Kinder die Eltern kritisiert werden, an die man sich aber nicht rantraut. Es stört mich vor allem, weil man durch hunderte kleine Verbote hunderte kleine Klugscheißer heranzieht, die ihre Umwelt gern darüber in Kenntnis setzen, dass Rauchen tödlich ist oder Industriewurst krank macht. Das nervt einfach.

Das wirklich Tolle an der Privatschule sind das gute pädagogische Konzept und die Möglichkeit für Eltern wie mich, sich mit Geld freizukaufen von diesen ganzen zeitraubenden Elternengagements. Also Kuchen backen, Feste dekorieren, Martinsumzüge organisieren – das sind alles Sachen, zu denen ich gern hinkomme und die ich genieße, für deren Vorbereitung ich aber echt keine Zeit habe. Dafür gibt es hier ausreichend Vollzeitmütter, die sich freuen, etwas zu tun zu haben, und im Porsche Cayenne die Bioplätzchen für den Kuchenbasar rankarren. Diesen Frauen bin ich wirklich dankbar.

Simon hat mittlerweile begriffen, dass er auf eine besondere Schule geht, er weiß aber nicht, dass sie Geld kostet. Anfangs hat er zu Fremden gern gesagt: »Du, ich bin auf ’ner englischen Schule!« Das hat sich aber gegeben. Inzwischen hat er sich darauf verlegt, anderer Leute Englisch zu korrigieren oder sich, etwa bei meiner sechzigjährigen Mutter, über ihre Aussprache oder Grammatik lustig zu machen. Na, da hab ich ihm aber Bescheid gegeben!

Wir, also mein Mann und ich, erfüllen das Klischee von den typischen Privatschuleltern eher nicht. Mein Mann kommt aus einer Bauernfamilie im Emsland, wir haben beide in der Entwicklungshilfe gearbeitet, und Simon sieht, wie viele Menschen wir auf der ganzen Welt kennen, wie offen wir sind. Wir wollen vermeiden, dass er sich selbst so einen blöden elitären Touch verpasst.

Inzwischen rede ich auch schon mal über Geld mit ihm. Seit Anfang dieses Jahres zum Beispiel liegt zu Hause ein Fluch auf meinen elektrischen Geräten: Erst ging mein Rechner kaputt, dann die Spülmaschine, schließlich der Staubsauger und die Waschmaschine. Zuerst habe ich den Rechner reparieren lassen, damit verdiene ich ja das Geld, habe ich Simon erklärt. Dann habe ich eine gebrauchte Waschmaschine gekauft – ich bin so lange Jahre meines Lebens in Waschsalons gegangen, das ertrage ich einfach nicht mehr. Nun haben wir einen Besen statt des Staubsaugers. Und die Spülmaschine? Da weiß Simon jetzt genau Bescheid. Er macht das sehr gut mit dem Abwasch.

Es ist Mittag, alle Tische um uns herum sind von frühstückenden Hostelhorden belegt. Wir zahlen, und ich begleite sie noch bis zu ihrem Haus. Sie weist auf die Fenster ihrer Wohnung: dort oben, tolle Lage, guter Blick. Aber jetzt muss sie arbeiten, einen Artikel schreiben. Um die Miete zahlen zu können und Simons Schule.