Olga und Anton oder
Wenn das Kind besonders ist

Wir sind in der Mittagszeit verabredet. Olga und Anton kommen vom Arzt, jetzt müsste der Kleine schlafen. Macht er aber nicht. Erst einmal beißt er mir kräftig in die Wange, dann protestiert er erfolgreich gegen das Hinlegen. Nun sitzt Anton neben uns in seinem Hochstuhl und hört seiner Mama zu.

Es ist ja so. Die Mütter hier in Deutschland, die würden ja nicht mal auf ihre eigene Mutter hören! Die sind so selbstbewusst, dass schon der kleinste Hinweis sie kränkt. Wenn es zum Beispiel kühl ist und ihr kleiner Junge eigentlich eine Mütze bräuchte, dann sag ich schon mal was. Dann gucken die aber zurück, dass mir angst und bange wird: Misch dich nicht ein!, blitzen ihre Augen. So ist das im Prenzlauer Berg, das musste ich erst lernen.

Bei Anton ist das was ganz anderes, den finden sie gut. Anton hat das Down-Syndrom. Er wird nun bald zwei, lacht ganz viel, sitzt schon gut mit Unterstützung, und irgendwann kann er bestimmt auch laufen. Alle Downies lernen das. Wenn die anderen Mütter hier im Prenzlauer Berg merken, dass Anton ein besonderes Kind ist, reagieren sie interessiert und höflich. Klar, das ist ja auch cool, mal Verständnis zeigen zu können, verstehst du? Das fühlt sich für sie gut an, wenn sie sehen: Diese Mutter hat ein behindertes Kind, und ich zeige jetzt mal ganz offensiv, wie locker und tolerant ich damit umgehe. Ich will diese Haltung nicht allen unterstellen, doch leider ist solch eine unehrliche Freundlichkeit keine Seltenheit.

Das können Frauen wunderbar: in die Kinderwagen reinlinsen. Ich sehe ja ihre Reaktionen: Erst gucken sie mich an, dann schauen sie in den Wagen, dann sehen sie Antons Gesicht, seine Mandelaugen. Und schließlich gucken sie wie zur Überprüfung noch mal zu mir. Ich sag dann: »Mein Kind hat das Down-Syndrom«, und da werden sie immer besonders nett.

Anders ist das oftmals mit den Älteren. Ich sitze zum Beispiel auf einer Parkbank in der Sonne, neben mir den Kinderwagen, Anton schläft. Dann setzen sie sich dazu und sprechen mich an: »Na, was ist es denn, wie alt ist er denn, schönes Wetter heute« – so etwas in der Art. Und dann meldet sich Anton aus dem Wagen und stößt sein kleines Brüllen aus, wie ich das immer nenne. Das klingt anders als das typische Babyquaken, ist eher so ein lustiges Röhren. »Was hat er denn?«, fragen dann die Alten ganz irritiert. Und ich sage: »Ach, ihm fehlt im Prinzip nichts, er hat nur das Down-Syndrom.« Damit können die gar nicht umgehen. Die wissen einfach nicht, was sie tun sollen, vielleicht, weil sie das nicht kennen, solche Kinder waren ja früher nicht zu sehen in der Öffentlichkeit, und jetzt gibt es sie. Sie stehen schließlich auf, wünschen noch einen guten Tag, und dann gehen sie.

Ich bin vor zehn Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen, um hier zu studieren. Ich war jung, einundzwanzig. Zuerst habe ich in Marzahn gewohnt, aber dann bin ich bald in den Prenzlauer Berg umgezogen. Das war toll, eine ganz andere Welt als die, die ich von zu Hause kannte. So viel Freiheit, unglaublich. Die Leute tranken um elf Uhr vormittags in der Sonne Kaffee, ich fragte mich, wovon sie leben, wie sie das bezahlen. Und ich wunderte mich über ihre schlechte Kleidung, das Abgerissene, bis ich verstand, dass auch das Ausdruck ihrer Individualität war, dass sie das extra so wollten. Zuerst fand ich das alles großartig, das war so ganz anders, als ich es von zu Hause kannte. Aber sehr bald habe ich begriffen: Diese Menschen brauchen Hilfe, denen ist ihr innerer Kern abhandengekommen. Es ist ja so: Je einfacher du bist, desto fester ist dein innerer Kern. Bildung, Status, Geld sind toll, aber sie bringen den Menschen eben auch in die Situation, über sich und das Leben nachdenken zu können. Und das, was sie da finden, destabilisiert sie.

Einmal war meine Mutter zu Besuch und brachte mir ihren abgelegten Wintermantel mit. Der war überhaupt nicht mehr modern, eigentlich auch zu kurz und hatte so einen seltsamen Kunstfellbesatz. Aber er war warm und für mich ein Stück Heimat zum Anziehen. Einfach wunderbar! Als ich in diesem Mantel die Straßen entlangging, sah ich, wie die Leute guckten. Was bist du denn für eine, fragten ihre Augen, du gehörst doch nicht hierher, so wie du aussiehst. Da dachte ich: Ihr seid alle nicht frei, überhaupt nicht.

Der Prenzlauer-Berg-Kult existiert für mich heute nicht mehr. Das ist alles nicht mehr wichtig für mein Leben. Ich habe inzwischen zwei Kinder, bin mit einem tollen Mann verheiratet und habe zurzeit wirklich genug mit Antons Therapien zu tun. Im letzten Winter waren beide Kinder unentwegt krank, sie husteten und husteten, wir haben alle kaum geschlafen, das Inhaliergerät war quasi im Dauerbetrieb. Da hab ich schon drüber nachgedacht, aufs Land zu ziehen, wo die Luft besser ist. Aber wir können eigentlich gar nicht wegziehen. Die Miete ist nicht so hoch, wir kriegen Wohngeld. Nur zehn Minuten von unserer Wohnung entfernt ist die Ergotherapie, gegenüber ein Schwimmbad, der Bezirk zahlt uns eine Einzelfallhelferin für Anton, und bis vor Kurzem hat sogar noch unser Hausarzt hier im ersten Stock seine Praxis gehabt. Das ist alles ideal. Also bleiben wir.

»Prenzlauerberg-mäßig«, wenn ich das über jemanden oder etwas sage, dann meine ich es inzwischen eher nicht als Lob. Der Bezirk hat sich sehr verändert. Wenn ich durch die Straßen gehe und die Geschäfte sehe, in denen so viel Kram verkauft wird, den kein Mensch braucht, ärgert mich das. Die ganzen teuren Kindersachen, das französische Brot, die Designerlampen – ich frag mich, wer kauft in diesen Läden ein? Neulich war ich abends im Kino mit einer Studienfreundin, wir wollten danach noch was trinken gehen. Und als wir vor meiner Lieblingskneipe standen, war da plötzlich ein Sushi-Restaurant drin. Ungefähr das zwanzigste in der Gegend. Diese ganzen kleinen, vertrauten, manchmal auch ein bisschen unordentlichen Dinge verschwinden. Und wenn so etwas verschwindet, verschwinden auch die Leute.

Meine Freunde von damals sind fast alle weggegangen aus dem Prenzlauer Berg. Ich bin noch hier. Aber ich spüre die Veränderungen, ich vertraue meinen Gefühlen, weißt du? Und ich fühle eine Clique, die meinen Mantel nicht mag. Das stößt mich ab. Aber so, wie es jetzt hier läuft, kann es nicht bleiben. Die Menschen werden bald müde sein. So zu leben, so zu konsumieren und alles für sich zu beanspruchen – das ist ja auch wahnsinnig anstrengend. Das hält man nicht auf Dauer durch. Weißt du, ich komme aus Russland, aus einer Gemeinschaft, einem Dorf, in dem jeder mitverantwortlich für den anderen war. Das hier ist keine Gemeinschaft, das ist eine Gesellschaft. Sie ist viel freier und individueller, ja. Aber der Mensch braucht die Gemeinschaft. Sonst kann er nicht glücklich werden.

Irgendwann zwischendurch hat Olga Anton ins Schlafzimmer getragen und ihn hingelegt. Sie hat für ihn laute klassische Musik angestellt, Anton hört nicht gut. Beim Gehen schaue ich noch einmal zu ihm ins Bettchen neben der offenen Balkontür. Da liegt er und schläft – die Mütze, die Olga ihm aufgesetzt hat, sitzt schief.