Am falschen Ende der Schönhauser
Es ist ein lauer Montagabend, ich befinde mich am falschen Ende des Prenzlauer Bergs. Hier, wo die Schönhauser Allee gen Norden kippt, ist die Welt noch normal. Also so normal wie überall dort, wo ein Gemisch aus vielen und vielem das Straßenbild dominiert: Männer, Frauen, Kinder, Alte, Junge, Arme, Reiche, Migranten, Penner, Zeigefrauen und Checkerjungs. Es gibt normale Geschäfte wie Bäcker und Fleischer, Zeitungskioske und Pfennigläden. Dazwischen findet man Sportbars, Wettbüros, verrauchte Kneipen und Discounter. Das hier ist auch der Prenzlauer Berg, aber er ist nicht aufgeräumt.
Tina wohnt Parterre. Als sie mir die Tür ihrer Zweizimmerwohnung öffnet, schlägt mir jene ziegelige Kälte entgegen, die solch klamme Erdgeschossbutzen wohl nie verlieren. Es ist acht Uhr abends, Tina ist gerade erst von der Arbeit nach Hause gekommen. Ihre fünf Jahre alte Tochter ist auf Kitareise und braucht deshalb heute keine Gutenachtgeschichte. Darum passt es auch so gut mit uns beiden. Wir wollen uns darüber unterhalten, wie es ist, alleinerziehend und finanziell klamm zu leben in einem Stadtbezirk, in dem Familie das erstrebenswerte Ideal zu sein scheint, das so gern präsentiert und zum Maßstab gemacht wird.
Natürlich ist dieses Mutter-Vater-Kind-Ideal so unsinnig wie jedes Klischee. Ein Viertel der Familien im Prenzlauer Berg werden von Alleinerziehenden gemanagt, jedenfalls ist das die Statistik. Aber Tina ist wirklich eine Frau, die allein ist mit Kind. Die keinen Mann hat, keinen alimentierenden Vater oder Eltern mit Geld. Die alles selber macht. Und trotzdem höre ich kein Wort des Jammerns von ihr. Im Gegenteil, wir haben einen lustigen Abend, voller bösartigem Tratsch.
Tina ist viel rumgekommen. Sie stammt aus Niedersachsen, hat als Reiseverkehrsfrau tatsächlich die ganze Welt gesehen und überall gefeiert, lange hat sie in England und Frankreich gelebt. Sie war vierzig, als sie schwanger wurde, und bekam das Kind. Dass der Vater, ein Franzose, längst nicht mehr mit von der Partie ist, ist ihr recht: Sonst hätte sie sich gleich auch noch um den kümmern müssen, nee! Kurz nach der Geburt, vor fünf Jahren, zog Tina nach Berlin. Ohne Wohnung, ohne Job, aber mit Kind. Dass die deutschen Ämter es ihr, der Frau aus dem Ausland, mit ausgefeiltem Antragshorror schwer gemacht haben, würde sie so nicht formulieren, Tina sagt: »Ich dachte: Hallo?! Liebe Leute, wir sind hier in Europa!«
Mittlerweile hat sich alles eingepegelt, sie hat eine halbe Stelle in einem Reisebüro, sie hat eine kleine, kalte Wohnung und ein wunderbares Kind. Und sie hat sich hier in der Ecke ihren eigenen Kreis gesucht. Denn das ist ihr – zurück in Deutschland, im Prenzlauer Berg – gleich aufgefallen: dass es hier eine Art »familiären Gruppenzwang« gibt, eine ausgestellte Lebensweise, in der offensiv gezeigt wird, dass und wie man alles richtig macht. Und zwar so massiv, wie sie das nirgends auf der Welt bisher erlebt hat. »Richtig angezogen sein, das Richtige essen, richtig stillen – das ist definitiv nichts für mich«, sagt sie.
Neulich hat Tina an einer Ladentür ein Buggy-Verbotsschild entdeckt. Zufahrtsverbot im Kinderbezirk? Über so etwas lacht sie, denn sie fühlt sich damit nicht gemeint. Im Gegenteil, sie lästert über die Frauen, die mit den Tausend-Euro-Karren durch den Prenzlauer ziehen: »Die schieben ja kein Kind, die schieben da ’nen Goldbarren.« Und Goldbarren besitzt sie nicht. Wir knacken uns zwei Bierchen, und aus dem Nachbarhaus kommt Tinas Freundin Lydia herüber. »Du schreibst ein Buch? Frag mich! Ich komm von hier.«
Die lautstarke Frau mit den großflächigen Tattoos ist als Kind mit ihren Eltern ausgereist, vor sechs Jahren ist sie zurückgekommen in den Prenzlauer Berg. Sie ist jetzt dreißig, hat zwei Kinder von zwei Männern und fühlt sich sauwohl am falschen Ende der Schönhauser. Hier wird noch berlinert, das ist für sie wichtig. Lydia ist Erzieherin, mit einer Freundin hat sie eine Kita für Kleinkinder eröffnet. Um vier Uhr schließen sie, da hat sie rechtzeitig Feierabend, um ihre dreijährige Tochter abholen zu können, ihr Sohn ist schon neun und geht allein vom Hort nach Hause. Alles geht, wenn man will.
Lydia und Tina sagen, dass sie zu spät hierher gezogen sind. Zu spät, weil die Party, die hier im Prenzlauer Berg mal abgegangen ist, längst vorbei ist. »Hier konnte man früher abstürzen«, schimpft Tina, »heute haben die Leute alle einen Stock im Arsch. Ab zehn ist hier Schicht, nix mehr los. Haben die keinen Bock mehr auszugehen, oder was?« Traurig für Berlin, finden die beiden das. Sogar im Prater, dem riesigen alten Biergarten, wird jetzt früher die Musik runtergedreht – überall Leute, die sich beschweren! Tina und Lydia vermuten, da jammern genau jene, die hier noch vor zehn Jahren gröhlend durch die Straßen gezogen sind, Bier und Kippe in der Hand – dit is Berlin! Heute haben sie Kinder und wichtige Jobs und finden deshalb, dass es mal genug ist mit dem ganzen Lärm in der Stadt.
Lydia und Tina machen das jetzt anders. Wenn sie ausgehen, schettern sie rüber nach Mitte – »Mitteschnitten schubsen«. Dort sind noch Reste von Nachtleben vorhanden, wenn auch sehr touristisch. Die Leute, die da leben, sind tatsächlich ein bisschen anders gestrickt: reicher, stylisher und vielleicht wegen der Weltläufigkeit auch ein bisschen toleranter. Ach, Berlin! Man darf gar nicht drüber nachdenken, dass zwischen dem einstigen Ausgehbezirk Prenzlauer Berg und dem rudimentär noch vorhandenen in Mitte gerade mal zweitausend Meter liegen. So klein und verkiezt ist diese Stadt.
Tina und Lydia jedenfalls gehen jetzt einfach runter nach Mitte, sie gehen in einen Club oder auf eine Ausstellungseröffnung und praktizieren eine schöne Sitte, die Tina aus den englischen Pubs mitgebracht hat: die Cocktailrunde. Sie trinken ein Bier, kurven anschließend los durch den Laden und trinken herrenlose Gläser aus. Das macht Spaß und spart. Anschließend stellen sie sich an die Theke und beobachten, wie die anderen Gäste in ihr leeres Glas schauen. Spitzenwitz! finden sie.
Es muss halt ein bisschen krachen. Denn ansonsten sind ihre Leben ja ziemlich durchorganisiert. Die Jobs, die Kinder, die Männer. Auf die Frage, was sie glücklich macht, sagt Lydia: »Trash-TV, Big Brother gucken, kostet nix und entspannt mich komplett.« Ich schreibe das mit und finde Lydia unglaublich cool.
Sie kriegen alles hin, ganz einfach. Ohne Masterplan, ohne Karriereknick, einfach mit Freude am Leben. Ist es tatsächlich so einfach? »Du musst schon deinen Arsch bewegen, Netzwerke knüpfen. Und dich fernhalten von den Kollwitzplatztussis – die machen nur Druck«, sagt Tina. Die beiden haben sich bei einer Krabbelgruppe für Babys Alleinerziehender kennengelernt. Sie sind da hingegangen, obwohl sie dachten: Was für ein Gesabbel wird das da werden, die werden nur über Kinder quatschen. Aus der Zweckgemeinschaft von vor fünf Jahren ist inzwischen ein eingeschworener Klub geworden, dem noch viele andere Frauen angehören. Einer, in dem nicht die Prenzlauer-Berg-Gesetze herrschen. Einer, dessen Mitglieder gar nicht erst bis zum Kollwitzplatz vorstoßen.
Sie treffen sich nachmittags hier, am falschen Ende des Prenzlauer Bergs, nach der Kita auf dem Spielplatz. Sie quatschen, sind vernetzt. Und sie trinken Bierchen in der Nachmittagssonne. Sie sind bewusst anders als jene Macchiatomütter, von denen sie finden, dass die zwar ganz sympathisch aussehen, aber einander nur argwöhnisch beäugen und dabei ihre Kaffeebecher nervös in den Händen drehen. »Stempelkärtchen-Mütter« nennt Lydia sie wegen der Rabattmarken, die sie für den Macchiato kriegen. Sie tun ihr leid. Und dann rauchen wir zusammen eine Tüte und lassen diesen witzigen und ehrlichen Abend ganz entspannt ausklingen.