Die Eso-Pause der weiblichen Intelligenz
Ein Baum steht da am Straßenrand. Es ist nicht so einer wie die anderen, die ihre Wurzeln in die Erde strecken, Blätter und Samen tragen, Schatten spenden und im Herbst jede Menge Laub abwerfen. Nein, der Baum am Straßenrand ist ein toter Stamm, in den kundige Hände kleine Fächer gesägt und geschraubt haben, in denen wiederum kleine Flyer stecken. Ich greife mir die dargebotenen Zettel heraus, lese, stutze, grinse. Und trage meine Beute schnell in die Wegwarte.
Ich gebe zu, dass auch ich eine Phase in meinem Leben hatte, die man esoterisch nennen könnte. Wenn man es weniger nett formulieren würde, könnte, ja müsste man gar von einer Zeit geistiger und emotionaler Umnachtung sprechen – einer kleinen Auszeit, einem Power Nap der Intelligenz zugunsten einer an leichten Schwachsinn grenzenden Gläubigkeit an dieses und jenes. Ich weiß auch noch, wann das ungefähr war. Nämlich immer dann, wenn ich ein Kind bekam. Dann war ich plötzlich bereit, neben dem Notwendigen wie Beckenbodengymnastik und Rückenschule allerlei Quatsch auszuprobieren. Bauchtanz zum Beispiel. Körpererfahrung zu Musik – das volle Programm eben. Die schönen Flyer aus dem schönen Mutter-Erde-Baum am Straßenrand preisen genau so etwas an: Klangwelten, Amulettgedöns und Körpererfahrung für Muttis.
Ja, Frauen sind sehr ansprechbar für allerlei Esoterisches. Möglicherweise liegt das daran, dass sie durch das existenzielle Erlebnis der Geburt tatsächlich so etwas wie eine Verletzung, eine Grenzübertretung erfahren haben, die sie anschließend erst mal verknusen müssen. Auf sie wartet dann bereits eine ganze Armada von Heilerinnen, Schamaninnen und Reiki-Meisterinnen, um mit ihren in privaten Kursen teuer erkauften und erlernten Fähigkeiten Geschäfte zu machen. Mein Problem ist dabei nur, dass ich mit dem Abstand der Jahre und meinem sicher ganz, ganz schlechten Karma solche Zettel und Flyer lieben gelernt habe. Weil es so lustig ist, sie zu lesen, weil es prickelt, mich dabei fremdzuschämen und ganz langsam die zu den Texten gehörenden Bilder im Kopf aufsteigen zu lassen.
Seltsame Einladungen dichtet das Eso-Gewerbe für seine Kundinnen. Texte, die inhaltlich einfach nicht auf den Punkt kommen, aus Werbersicht also unmöglich sind – aber wohl gerade deshalb genau jene ansprechen, die ihr Glück im Ungefähren suchen. Beispiel gefällig? Hier eine ellenlange Ein-Satz-Botschaft einer Transformations-Coachin namens Corinna, deren Flyer ich aus jenem gut bestückten Baum am Straßenrand gezupft habe: »Auf Grundlage des Erlernens von Readings und der Kommunikation mit den Erzengeln, Einhorn-Energien und anderen hohen Lichtwesen können immer mehr aufeinander aufbauende Methoden der Medialen Transformationsarbeit dein Leben immer tiefer positiv verändern.«
Verstanden? Nein? Also wenn ich das richtig verstehe, kennt die Frau ein paar wichtige Leute im Energiebereich, die sie einem gern mal vorstellen würde. Man müsste sich lediglich drei Wochenenden Zeit nehmen, um sich von ihr zum »Medialen Transformations-Master Coach« ausbilden zu lassen. Nach Überweisung von 1565 Euro würde man dann von der Dame in die Lage versetzt, »mit lieben Verstorbenen und hohen Lichtwesen« zu kommunizieren, den »DNA-Strang zu aktivieren«, mit »Kristall- und Sternenkindern zu arbeiten« sowie – und das gefiele mir besonders gut – Grundstücke und Wohnungen energetisch zu reinigen. Da wäre bei mir einiges zu erledigen.
Ebenfalls sehr ansprechend ist der Flyer von Sabine, »45 Jahre und Mutter«, deren Kurs »Mutter & Kind in Klang und Bewegung« heißt. Sabine bietet an, in die Klangwelten von Obertoninstrumenten einzutauchen und bei dieser Gelegenheit in uns hineinzulauschen. Und was finden wir da? Da spüren wir »Ruhe, Stille, die sich zur inneren und äußeren Bewegung formen kann, bis hin zu eigenen Tönen«. Was denn für eigene Töne? Ist das ein Pups-Workshop, bei dem es sowohl still ist als auch laut, ruhig und bewegt zugleich? Sabine stellt in Aussicht, »individuell und in der Gruppe« eine Reise anzutreten, auf der sich ab einem bestimmten Streckenkilometer »die Tiefe der Begegnung offenbart und in der Kraft und Harmonie zwischen Mutter und Kind erlebbar wird«.
Ich stelle mir vor, wie ich Sabine zufällig bei einem Geburtstag kennenlerne. »Und, was machst du so?«, würde ich fragen.
»Och«, sagt Sabine und nippt an ihrem Gurkenshake, »ich forsche im Bereich Klang/Töne, Gesang und Heilung. Ich kann das, weil ich sechs Jahre indischen Gesang studiert habe, zusätzlich die Schule der Stimmenthüllung besucht habe und eine Seminararbeit zum Thema Klang und Begegnungen in Beziehungen geschrieben habe. Du zum Beispiel«, würde Sabine sagen und mir dabei mit dem Zeigefinger in die Brust stechen, »du bräuchtest ganz dringend mal einen Kontakt zu deinem kindlichen Selbst, das sehe ich dir an. Komm doch nächste Woche mal bei mir vorbei, bring fünfzig Euro mit und lass mich dir eine tibetische Klangschale auf den Bauch stellen.«
»Ach Sabine«, würde ich antworten, »das ist voll nett von dir, danke schön. Aber mein kindliches Selbst ist gerade auf Klassenfahrt. Vielleicht ein andermal, ja?«
Im Ernst, mein Problem mit diesen ganzen Erkenntnis- und Seelensachen ist, dass wie selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass mit mir irgendetwas nicht in Ordnung sein soll. Dass ich ein falsches Leben führe, wo doch schon der Fingerzeig eines Engels reichen würde, um mir mal die richtige Lebensausfahrt zu zeigen. Die Esotanten und -onkel dieses Landes sorgen dafür, dass ich mich irgendwie daneben finde, auf dass sie mich mit ihren Eurythmien, Massagen, ihrem Kraftgedöns und Heilgefaste in ihre nicht unbedingt lebenstüchtige Ecke hineintherapieren können. Das stört, macht misstrauisch und stellt mich als Frau in eine Ecke, in die ich nicht gehöre.
Männer würden vielleicht eher einen Kettensägenworkshop beim örtlichen Forstamt belegen, sie würden einen Schweißerschein machen oder den Sushi-Kurs in der Volkshochschule absolvieren, als sich für das ganze schöne Geld im Sithar-Takt zu wiegen. Sie würden sich Fertigkeiten aneignen, mit deren Hilfe sie notfalls einen Klafter Brennholz besorgen, Babys Gartenschaukel bauen oder eine große Platte Maki zubereiten könnten, statt bei Aama Bombo aus Nepal »Weisheit und Kraft für die nächsten sieben Generationen« zu erlangen. Frauen dagegen werden aufgefordert, nicht nur selbst zu kommen, sondern auch noch ihr Kind zur Heileurythmie zu schicken, auf dass es im Rahmen der »Orpheus-Beratung« inkarniert werde, das Bettnässen überwinde sowie Ängste, Asthma, Neurodermitis und Schulmüdigkeit in den Griff kriege.
Mich kriegen die nicht mehr. Ja, es gab eine Zeit, da war ich dermaßen durcheinander, dass ein geschäftstüchtiger, cleverer Guru mich leicht hätte fangen können. Ich hätte wohl nicht nur Bauchtanz erlernt, sondern auch gleich noch »das Talent der Seele« entdeckt, mir ein Wurzelamulett gekauft, im Rahmen der Zyklusberatung »einen zärtlichen Umgang mit meinem Menstruationserleben« praktiziert oder im Zuge der »kreativen Leibtherapie nach Frick-Baer« gelernt, dass Geld etwas ist, dessen ich mich unbedingt entledigen sollte, indem ich es diesem oder jenem Therapeuten zustecke. Gott sei Dank hatte ich damals ganz wenig davon. Wäre es anders gewesen, könnte ich mich heute nicht so unschuldig amüsieren über all die bunten Zettel in jenem gebastelten Baum am Straßenrand. Ich wäre eine von denen geworden und meine Kinder verstörte Wesen, deren Familienaufstellungstherapie ich heute ratenweise finanzieren müsste. Und wahrscheinlich auch wollte.