Es war ein verregneter Sommernachmittag, anderthalb Jahre nachdem Sabiha bei ihrer Tante eingezogen war. Im Café war es still, der Speiseraum war leer. Die Männer hatten ihre Mittagspause eine Stunde zuvor beendet und waren wieder bei der Arbeit. Die Eingangstür stand offen, ein paar Regentropfen fielen dunkel auf die Dielen, die Tür knarrte im Wind. Houria und Sabiha waren in der Küche, sie backten, hörten Radio und sangen dazu. Auf einmal legte sich der Wind, und der Regen wurde heftiger. Auf der Straße duckten sich die Passanten und legten einen Schritt zu, ein junges Paar lachte, sie und er rückten zusammen, als sie am Caféfenster vorbeiliefen.

Houria hörte auf zu singen und sagte über die Schulter hinweg: »Da ist jemand reingekommen.«

Sabiha warf einen Blick durch den Perlenvorhang. Ein Fremder saß unter dem Fenster rechts von der Tür an jenem Tisch, an dem sie und Houria in ihrer Mittagspause zu essen pflegten. Das Fenster ging direkt auf die Rue des Esclaves. Allem Anschein nach hatte der Fremde schon vor ein paar Minuten Platz genommen. Vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch auf dem Tisch, doch obwohl er es mit beiden Händen umfasste, las er nicht. Er blickte durchs Fenster auf den Schauer, auf die schutzsuchenden Passanten, von denen manche einen Regenschirm aufspannten und andere sich den Mantel über den Kopf zogen. Die nasse Jacke hatte er auf der Lehne des Stuhls gegenüber von ihm abgelegt. Sie bestand aus einem dunkelbraunen Wollstoff mit hellbraunen Lederflicken am Ellbogen. Sabiha fiel auf, dass sich die Flickennähte am rechten Ärmel lösten. Das war das Erste, was sie bewusst an ihm wahrgenommen hatte, und sie würde sich immer daran erinnern. Er schien zu erwarten, dass sich jemand zu ihm setzte. Der Fremde hatte helle Haare und keinen Schnurrbart, er trug Jeans und ein weißes Hemd mit offenem Kragen. Die Füße, die er unter dem Stuhl gekreuzt hatte, steckten in braunen Halbstiefeln mit seitlichen Gummieinsätzen.

Nun betrachteten beide Frauen den Mann. Seine nassen Haare hingen über dem Hemdkragen. Er war hochgewachsen. Ende zwanzig. Saß mit gerundeten Schultern über den Tisch gebeugt. Dann wandte er sich von der Straße ab, lehnte sich zurück und straffte die Schultern, während er den Blick durch den leeren Speiseraum schweifen, über den Perlenvorhang gleiten ließ, mit einem Ausdruck von Ernst, Selbstgenügsamkeit und Zuversicht, als fühlte er sich an diesem unbekannten Ort durchaus wohl. Er griff über den Tisch in seine Jackentasche und zog eine Brille hervor, setzte sie auf und fing an zu lesen.

Houria und Sabiha sahen sich an.

Houria sagte: »Geh und frag ihn, was er möchte.«

Sabiha rückte ein Blech voller Plätzchen beiseite. Das Blech war so heiß, dass sie schleunigst die Hand wegzog und an ihrem Finger lutschte. Auf einmal fehlten ihr die Worte.

»Geh schon!«, ermunterte Houria sie mit einem Grinsen.

Sabiha spähte wieder durch den Vorhang. »Wir haben doch geschlossen«, sagte sie. »Der geht gleich wieder.«

»Chez Dom hat noch nie einen hungrigen Reisenden abgewiesen«, verkündete Houria, als wäre das ein ehernes Prinzip, das seit der Gründung durch ihren geliebten Dom Pakos zur Tradition des Cafés gehörte. »Geh jetzt!« Sie stupste Sabiha mit dem Ellbogen an. »Er wird dich schon nicht beißen.«

Sabiha warf ihr einen Blick zu, dann raffte sie den Vorhang beiseite und trat in den Speiseraum. Da sie Sandalen trug, hörte der Mann gar nicht, wie sie über die Holzdielen auf ihn zuschritt. So blieb sie hinter seiner rechten Schulter stehen und wartete darauf, dass er von seinem Buch aufsah. Draußen peitschte der Regen über die Straße, die inzwischen vollkommen verwaist war. Die Eingangstür musste dringend geschlossen werden. Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

Bei dieser Handbewegung drehte sich der Mann um und blickte zu ihr auf. »Tut mir leid«, sagte er. »Ich habe Sie nicht gesehen.« Sein Französisch war fehlerfrei, aber es hörte sich an, als wären die Wörter so unterschiedlich geformt, dass sie ihm nur nach und nach über die Lippen gingen. Zunächst hatte sie gar nicht begriffen, dass der Fremde tatsächlich Französisch sprach.

Seine grauen Augen erinnerten sie an die Augen von Tolstoi, Andrés Barsoi. Dieser Mann hatte in weite Ferne geblickt und schon allerlei gesehen, dachte Sabiha. »Wir haben geschlossen«, sagte sie. »Wir schließen um zwei.« Sie sprach langsam, damit er ihr folgen konnte. Sie stellte sich vor, er wäre von einer ganz langen Reise zurückgekehrt und erkennte sie und das Café nicht mehr, weil in seiner Erinnerung nur ein schwaches Echo seines früheren Lebens widerhallte. Über dieses Bild musste sie lächeln.

»Die Tür war offen«, sagte er.

»Ich öffne sie nur, um zu lüften, wenn die Männer weg sind.«

»Darf ich hier wenigstens warten, bis der Regen nachlässt?« Er sah ihr unverwandt in die Augen.

»Möchten Sie in der Zwischenzeit etwas essen?«

»Danke«, sagte er. »Eigentlich wollte ich nach Chartres. Aber ich habe den falschen Zug genommen. Bei den Schlachthöfen bin ich ausgestiegen und hierhergelaufen.« Er lachte und hielt sein Buch hoch. »Und dann habe ich gelesen.«

»Wollten Sie Chartres besichtigen oder werden Sie dort wohnen?«, fragte sie.

»Henry Adams«, sagte er und hielt ihr den Buchumschlag unter die Augen. »Man hat mir gesagt, ich soll es lesen, bevor ich hinfahre.«

Sabiha schwieg.

»Ich sehe mal nach, was wir Ihnen anbieten können«, sagte sie schließlich.

»Danke.«

Erst ging Sabiha zur Tür und machte sie zu. Als sie auf dem Weg zur Küche den Speiseraum durchquerte, spürte sie den Blick des Fremden, als teilte er ihre Fantasievorstellung und versuchte, sich daran zu erinnern, wo sie sich einst begegnet waren, bevor er sich auf Reisen begab.

Houria lachte und füllte eine Schale mit dem Rest Harira. Dann stellte sie die Schale und zwei von den frischgebackenen honiggetränkten Briouats auf ein Tablett. »Hier, bring das deinem Freund.«

Worauf Sabiha entgegnete: »Lass den Unsinn! Er ist nicht mein Freund.«

*

Am folgenden Tag kam der Fremde mittags zur Stoßzeit ins Café. Sabiha hatte so viel zu tun, dass sie ihn erst sah, als sie den Tisch unter dem Fenster erreichte.

Er hob den Kopf und lächelte sie an. »Hi. Da bin ich wieder.«

Sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen schoss. »Haben Sie wieder den falschen Zug genommen?«

»Diesmal war es der richtige«, antwortete er. »Was meinen Sie? War das eine gute Idee?«

»Das kann ich nicht sagen.« Doch sie konnte es sehr wohl. »Fahren Sie noch nach Chartres?«

Beide sahen sich an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie beugte sich vor und strich die Tischdecke glatt. »Ich kann Ihnen das Gleiche anbieten wie gestern. Oder Fischbällchen.« Sabiha hielt seinem Blick nicht stand. Während er seine Bestellung aufgab, schaute sie über seinen Kopf hinweg auf die Straße. Gegenüber rauchte der alte Arnoul Fort vor dem Eingang seines Textilgeschäfts eine Zigarette. Als sich ihre Blicke kreuzten, winkte er ihr zu. Sie hob die Hand zum Gruß.

»Ich hätte gern die Fischbällchen, bitte«, sagte der Mann.

Sie wandte sich zum Gehen, um seine Bestellung weiterzugeben.

Er rief ihr nach: »Und könnte ich auch ein bisschen Wein bekommen?«

Sie drehte sich um.

»Bitte«, sagte er.

»Rot oder weiß? Wir schenken jeweils einen halben oder ganzen Liter aus.« Sie zeigte auf den braunen Tonkrug vom Nachbartisch. Die zwei Arbeiter am Tisch folgten ihrem Blick. Beide betrachteten sie den Krug.

»Einen halben Liter, danke. Rot.«

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sämtliche Männer im Speiseraum sie und den Fremden beobachteten.

*

Sie waren im kleinen Wohnzimmer unter der Treppe. Houria bügelte Kittel, Schürzen und Tischdecken. Sabiha schaute fern. Es war eine Woche her, dass sie den Fremden gesehen hatten. Aus heiterem Himmel sagte Sabiha: »Ob er wohl jemals wiederkommen wird?«

»Das frage ich mich auch«, erwiderte Houria.

Die Sängerin auf dem Bildschirm sang mit geschlossenen Augen ins Mikrofon. Sabiha schaute ihr zu. Sie hätte das Thema damit auf sich beruhen lassen können. Es war ja nicht so, dass sie den Fremden wiedersehen wollte, sagte sich Sabiha, sie konnte ihn sich bloß nicht aus dem Kopf schlagen. Wenn sie morgens aufwachte, blieb sie liegen und dachte an ihn. Dabei ging es nicht um romantische Flausen, sie dachte einfach nur an ihn, ohne Grund und Sinn, sehr zu ihrem Ärger. Sah ihn vor sich, wie er am Tisch unter dem Fenster saß und las. Sie wünschte, sie könnte ihn vergessen. »Beim ersten Mal wollte er sich nur vor dem Regen in Sicherheit bringen«, sagte sie laut.

Houria drehte die Schürze um und fuhr mit dem Bügeleisen über die Biesen. »Und beim zweiten Mal wollte er dich wiedersehen.«

Sabiha schnaufte verächtlich und setzte sich aufrecht hin. Sie sah zu ihrer Tante hoch. »Wir zwei haben es doch gut. Was brauchen wir mehr?«

Houria sagte: »Tja, wir zwei«, und bügelte weiter. »Nur wir zwei, sicher, mein Schatz, uns fehlt nichts.«

Sabiha starrte auf den Bildschirm. Sie wünschte, sie hätte das eben nicht gesagt. Es lag schließlich auf der Hand. Aber sie konnte es einfach nicht sein lassen. »Warum kommt er denn nicht mehr, wenn er mich wirklich wiedersehen wollte?« Das war keine Frage. Es war ein Versuch, ihn ein für alle Mal abzuschütteln.

Houria faltete die Schürze, legte sie auf den Stapel mit der gebügelten Wäsche und sah ihre Nichte an.

Sabiha sprang von der Couch. Sie ging in die Küche und setzte den Kessel auf. Dann füllte sie Minzblätter und braunen Würfelzucker in zwei Gläser und wartete darauf, dass das Wasser kochte. In der offenen Hintertür stand Tolstoi und beobachtete sie. Ein graues Geisterwesen im fahlen Licht des Hintergässchens. Sie ging hin, um ihm den Kopf zu tätscheln und eine gute Nacht zu wünschen. Danach machte sie die Tür zu. Sie war wütend. Was für eine Dummheit. Warum konnte sie nicht einfach so glücklich und zufrieden sein wie früher, bevor der Fremde das Café betreten hatte? Es war wirklich zu dumm. Die ganze Angelegenheit. Es war doch nur ein Mann, einer von vielen, die sich jeden Tag auf den Straßen tummeln. Was war an ihm denn so besonders? Sie sah zu, wie allmählich kleine Dampfwirbel aus der Tülle quollen. Der Kessel war alt. So verbeult und innig vertraut wie früher der Kessel ihrer Mutter. Er war ein Fremder, ein Ausländer. Er konnte kaum Französisch. Und er war nur auf der Durchreise. Sie hasste ihn für das Durcheinander, das er verursacht hatte. Der hölzerne Griff am Henkel war schon vor Jahren geborsten und wurde seitdem von säuberlich gewickeltem, inzwischen blankpoliertem Draht zusammengehalten. Sie strich mit den Fingern darüber und spürte die feine Riffelung unter den Kuppen. Das war Doms Werk. War der Fremde am zweiten Tag wirklich nur ihretwegen wiedergekommen? Langsam goss sie das Wasser in die Gläser, atmete den Duft der frischen Minze ein.

Sabiha sehnte sich ebenso sehr danach, den Fremden zu vergessen, wie ihn wiederzusehen. Die Tage im Café kamen ihr ohne ihn leer vor. Als würde nun etwas fehlen, während vor seinem Auftauchen alles stets so gewesen war, wie es sein sollte. Während sie die Gäste bediente, merkte sie, wie sie nach ihm Ausschau hielt, in der Hoffnung, ihn aus der Bahnhofsrichtung die Straße entlangkommen zu sehen. Wie öde und gleichförmig die Tage verliefen, wenn sie nicht durch seinen Besuch belebt wurden. Nun war sie jeden Nachmittag mürrisch und verstimmt, wenn sie und Houria gegen 14 Uhr ihr eigenes Mittagessen einnahmen. Es war einfach nicht fair. Und es hatte keinen Sinn, mit Houria darüber zu sprechen. Sie und Dom hatten ja schon vom Tag ihrer ersten Begegnung an beschlossen, ein Leben lang zusammenzubleiben. Außerdem ging es ihr gar nicht darum. Sie wusste nicht, worum es ihr ging. Sie wollte es nicht wissen. Sie hätte nur gern erlebt, wie er das Café betrat und sie mit seinen schönen ruhigen grauen Augen anlächelte, als wäre zwischen ihnen beiden alles geklärt.

Sie stellte die Gläser mit dem bernsteinfarbenen Tee auf Untertassen und legte jeweils ein Sesamplätzchen dazu, dann trug sie beide Gläser ins Wohnzimmer. Dort vermischte sich die Wärme des Gaskamins mit dem Geruch von Hourias Bügelwäsche. Der Fernseher lief noch. Sie liebte dieses Zuhause, das sie mit ihrer Tante teilte. Sie liebte es so sehr, dass ihr bei dem Gedanken Tränen kamen. Sie wollte keine Veränderung. War sie vielleicht wie Hourias Mutter, Sabihas andere Großmutter, ein unzufriedener Mensch? Hatte sie womöglich diese Eigenschaft von ihr geerbt? Eine erschreckende Vorstellung. Konnte sie überhaupt selbst entscheiden, in welche Richtung sich ihre Persönlichkeit entwickelte? Oder musste sie die Persönlichkeit annehmen, die das Schicksal ihr bestimmt hatte?

Houria wandte sich vom Bügelbrett ab und lächelte, als sie die Tränen in den Augen ihrer Nichte sah. »Keine Sorge. Er kommt wieder.«

Sabiha stellte die Gläser auf den Couchtisch. »Bloß nicht. Hoffentlich lässt er sich nie wieder blicken.« Sie ging zu Houria, fiel ihr um den Hals und brach in Tränen aus. »Ich weiß gar nicht, was mit mir los ist!«

Houria drückte sie an sich und strich ihr über den Kopf. »Wein dich nur aus, mein Schatz. Danach geht es dir besser.«