Ein bitterkalter Januarmorgen, zweieinhalb Jahre nachdem Sabiha und John den Tag in Chartres verbracht hatten. Sabiha hielt ihm gerade die Hintertür des Cafés auf. Draußen war es noch dunkel, nur das Küchenlicht drang in das Gässchen. Eine Böe fuhr durch die schmale Straße, so eisig, dass Sabiha unwillkürlich zurückwich und beinah die Tür losgelassen hätte.
John beugte sich hinunter und gab ihr im Vorbeigehen einen Kuss auf die Wange. Um den Wind zu übertönen, rief er laut: »Bis nachher, Schatz.« Als er in die Gasse trat, peitschte Eisregen gegen sein Gesicht und er senkte den Kopf. Den Mantelkragen hatte er hochgeschlagen, außerdem trug er einen grünen Wollschal um den Hals und eine schwarze Mütze, deren Zipfel im Licht aufglänzte wie ein wachsames Auge. John war unrasiert, er sah älter aus, ein Mann mit Sorgen und Pflichten, die ihn zu dieser Zeit stark belasteten. Er duckte sich und rannte zum Lieferwagen auf der anderen Seite, die letzte Portion der Tagesbestellung auf einem Tablett vor sich hertragend. Das weiße Tuch, mit dem es bedeckt war, flatterte im Wind, nur an zwei Ecken von seinen Daumen gehalten.
Sabiha sah ihm zu, als er sich bemühte, das Tablett in die Holzlaufschienen zu stecken, die er hinten im Lieferwagen eingebaut hatte. Die Laufschienen waren nicht perfekt rechtwinklig, so dass man bei jedem Tablett ein bisschen rütteln und schieben musste, bis es hineinpasste. John versprach ständig, die Schienen auszubauen und neu einzupassen. Aber er tat es nie. Es stellte sich heraus, dass seine Schreinerkünste eher bescheiden als berühmt waren. Er zimmerte hastig etwas zusammen und befand es dann für ausreichend. Die Arbeit lag ihm nicht am Herzen. Sie war für ihn kein Bestandteil eines Lebenswerks, sondern reine Übergangslösung. Nachdem er die Ladetüren geschlossen hatte, drehte er sich um und winkte ihr, dann stieg er vorne ein. Die Kabine war zu eng für seine lange Gestalt, so dass er sich krümmen musste.
Derart im Führerhäuschen zusammengekauert, wirkte John wie in einer Taucherglocke, die ihn bald in einsame Tiefen versenken würde. Hätte seine Mutter ihn in diesem Moment sehen können, wäre sie in Lachen ausgebrochen, ein liebevolles, wohlwollendes, belustigtes und zugleich schmerzliches Lachen, weil ihr Junge sich zu diesem albernen Schlaks entwickelt hatte. »Sieh dich doch an, John!«, hätte sie ihm zugerufen, wie sie es früher so oft getan hatte. »Sieh dich an!« Und das tat er dann auch, weil es ihm leichter fiel, sich mit den Augen seiner Mutter zu betrachten als mit seinen eigenen – und auch er musste über diesen Mann lachen, über den Mann, der er inzwischen war. Der nicht nur seiner Mutter Rätsel aufgab, sondern auch sich selbst. Seine Mutter hatte sich damals in ihm wiedererkannt und ihn zum Reisen ermutigt, sie dachte, es würde ihm guttun: »Mach schon, sieh dir die Welt an, sonst ergeht es dir wie deinem Vater und du bleibst ein Leben lang im Hinterland hängen.« Wenn er sie so reden hörte, grinste sein Vater. Er liebte die Farm. Er war mit seinem Leben zufrieden und hatte keinerlei Sehnsucht nach der großen weiten Welt. Jim Patterner genügten dreißig Zuchttiere und ein kräftiger Bulle, ihm genügten die Kürbisse und Tomaten, die er auf den schmalen Äckern der Ebene anbaute. Die beiden waren immer zusammen glücklich gewesen, hatten sich bloß zum Spaß gezankt, weil Meinungsverschiedenheiten in ihren Augen jeder echten Freundschaft zuträglich waren. Sie hätte nur zu gern die Welt bereist. Sie war diejenige, die kistenweise alte Ausgaben des National Geographic aus dem Heilsarmeeladen in Moruya anschleppte. Als John in Melbourne unterrichtete, hatte sie ihm Ausschnitte geschickt, Bilder von Gletschern in Patagonien und vogelfressenden Spinnen im brasilianischen Regenwald, damit wollte sie ihren Sohn ermutigen, sich in exotische Gefilde zu begeben. »Na endlich!«, rief sie begeistert, als er an Weihnachten nach Hause kam und ihnen erzählte, dass er nach Schottland fahren wollte. Glasgow war zwar nicht Patagonien, aber immerhin ein Anfang. »Um mich und deinen Vater brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Wir kommen schon klar.«
An diesem Morgen zündete sich John eine Zigarette an, bevor er losfuhr, um die Ware auszuliefern. Dann schaltete er den vorderen Scheinwerfer an und fixierte den flackernden Strahl fahlen gelben Lichts, das schwarze Kopfsteinpflaster glänzte, der Regen schlug gegen den Strahl. Das Ganze war schön und für ihn immer noch fremd, es gefiel ihm so sehr, dass es wehtat, und er wollte es ewig im Gedächtnis bewahren. Es hatte zweifellos etwas Erhabenes, nie würde es für ihn Wirklichkeit werden, selbst wenn er für immer hierbliebe. Es gelang ihm einfach nicht, in diese Wirklichkeit einzutreten. Sie entzog sich ihm, gewährte ihm keinen Zugang. Meistens war es für ihn Freude genug, seiner Frau und ihrer Tante im Chez Dom auszuhelfen, die Fertigkeiten anzuwenden, die er als Kind auf der Farm erworben hatte, manchmal stellte er sogar fest, dass diese tägliche Routine ihn zutiefst beruhigte, aber es brachte ihn nicht weiter. Er kam nicht mehr zum Lesen, verpasste die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Pädagogik, versäumte alles, was sich sonst in der Welt abspielte. Während er dieses Jahr dreißig wurde, stand in seiner Heimat bereits die nächste Generation in den Startlöchern. Er verspürte wachsende Isolation, Entfremdung, Ziellosigkeit. Das machte ihm manchmal Angst. Seine alte Wirklichkeit wartete auf ihn, seine Freunde machten ohne ihn weiter. Wie lange konnte das noch gut gehen? In Paris würde er nie Wurzeln schlagen. Er würde immer ein Durchreisender bleiben. Ein Zufallsgast. Ein Mann, der eines Tages in den falschen Zug gestiegen war und sich verliebt hatte. Das Chez Dom war ihm ans Herz gewachsen, genau wie Houria, und er liebte seine Frau, aber Paris und das Café waren nicht sein Leben. Er hatte oft den Eindruck, in die Geschichte eines anderen geraten zu sein. Immer wieder rief er sich in Erinnerung, dass er nur ein Leben hatte. Ein einziges Leben, John Patterner. Lass es dir um Gottes willen nicht durch die Finger rinnen. Hourias Vermieter André schien ihm der Einzige zu sein, der für seine missliche Lage Verständnis hatte, und wenn sie abends auf dessen Boot zusammensaßen und in der Seine angelten, wagte er es ab und zu, dem älteren Mann sein Herz auszuschütten. Und dass André selbst das Gefühl hatte, er hätte sich sein Leben durch die Finger rinnen lassen, trug vielleicht zur Sympathie zwischen beiden Männern bei.
John drehte sich mühsam um, drückte dabei seine Mütze gegen das Dach und linste zur Caféhintertür. Dort im Licht stand Sabiha, in ihre Strickjacke eingemummelt, und wartete darauf, dass er losfuhr, um ihm zum Abschied zu winken. Wenn sie ihn doch nur nach Australien begleiten könnte, dann wäre sein Leben perfekt. Oder so gut wie perfekt. Denn das Kinderproblem wäre damit noch nicht gelöst. Wie Sabiha wollte er ebenfalls gern Kinder, aber im Gegensatz zu ihr blieb er entspannt, im Vertrauen darauf, dass es mit der Zeit schon klappen würde. Wenn John sich ihre Kinder vorstellte – was häufiger vorkam, als Sabiha glauben wollte –, sah er sie immer im Hof der Schule herumrennen, an der er vor seiner Europareise unterrichtet hatte. Er konnte sich ihre Kinder nicht an einer Pariser Schule vorstellen. Er wusste nicht, wie Schulen in Paris aussahen. Er wusste nicht, wie der Alltag von Kindern in Paris verlief. Er kannte weder ihre Spiele noch ihren Slang oder ihre Geheimzeichen. Er hatte noch nie eine Schule in Paris betreten. Er wollte nicht, dass seine Kinder in dem Glauben heranwuchsen, sie wären Franzosen. Er hatte nichts gegen Frankreich. Auch nichts gegen Franzosen, aber er wollte seinen Kindern nicht die Erfahrung versagen, als Australier groß zu werden. Seine Kinder sollten so werden wie er. Wenn sie in Paris aufwüchsen, würden sie die Liebe ihres Vaters zu Australien nicht verstehen. Jedes Mal, wenn er versuchte, es Sabiha zu erklären, regte sie sich auf. Inzwischen konnten sie das Thema gar nicht mehr anschneiden, ohne dass einer von ihnen sich aufregte. Für Sabiha ging es nicht um Kinder an sich, es ging um ein einziges Kind, eine Tochter. »Warum nicht auch einen Sohn?«, fragte er sie. John war das Geschlecht egal, solange es sich um gesunde, glückliche australische Kinder handelte, die im Sonnenschein heranwuchsen, wie er früher. Er wollte sie zur Farm bringen, sie sollten seine Mutter und seinen Vater kennenund lieben lernen, und ebenso sein Land. Er träumte davon, ihnen die besten Angelstellen am Fluss zu zeigen, die besten Badestellen. Dort, wo er und Kathy in ihrer Kindheit geschwommen waren. Wenn seine Kinder in Frankreich aufwüchsen, wären er und seine Heimat ihnen fremd. Diesen Gedanken konnte er nicht ertragen.
In ihrem letzten Brief hatte seine Mutter die Frage gestellt, die ihr unter den Nägeln brannte, seit er sie an jenem bewussten Tag angerufen und ihr durch den Hörer zugebrüllt hatte: »Ich habe eben geheiratet!«
»Oh, Liebling, wie schön! Wie heißt sie denn? Sie muss ja ein echter Schatz sein, wenn sie sich auf dich einlässt. Gib ihr von uns beiden einen Kuss.«
Und nun, fast zwei Jahre später, hatte sie sich endlich dazu überwunden, ihm die große Frage zu stellen: Gibt es schon erste Anzeichen für Nachwuchs? Dein Vater und ich können es kaum erwarten, Oma und Opa zu werden. Ich glaube nicht, dass deine Schwester jemals einen Mann kennenlernen wird, der ihren Ansprüchen gerecht werden kann, was meinst du? Und so bist du unsere einzige Hoffnung. Na, wie fühlt sich das an? Das ist eine blöde Frage, und ich sollte sie dir nicht stellen. Aber wir denken oft daran. Schließlich werden wir alle nicht jünger. Dein Vater möchte eine Anzahlung auf eine Wohnung in Moruya leisten, aber mir sagt der Gedanke gar nicht zu. Es kommt mir so vor, als würden wir unsere eigene Beerdigung planen. Wir hatten eines unserer besten Jahre, seit du weggegangen bist. Im Fluss gibt es wieder Forellen, und jeden Abend fahren die Aalfänger mit ihren Lichtern vorbei und treiben die Hunde zum Wahnsinn. Es wird mir sehr schwerfallen, von hier wegzugehen, wenn die Zeit gekommen ist. Ich staune über deinen Vater. Er ist realistischer als ich. Du und ich waren schon immer die Träumer in der Familie, mein Schatz. Ich hoffe, du träumst immer noch. Ich tue es jedenfalls. Ich dummes Huhn.
John fragte sich, ob es ihnen wirklich so gut ging, wie seine Mutter ihn glauben machen wollte. Die Vorstellung, dass seine Eltern ihr Leben in einer Altenwohnanlage in Moruya beschließen würden, während die Farm in fremde Hände überging, deprimierte ihn.
Er schaltete in den ersten Gang und ließ die Kupplung kommen. Es gab einen hohen Kreischton, dann fuhr der Lieferwagen ruckartig an. Der Zigarettenrauch vermischte sich mit dem Duft des warmen Gebäcks auf der Ladefläche. Er warf der wartenden Sabiha einen letzten flüchtigen Blick zu, die Hand zum Gruß erhoben. Schon war er weg.