Am selben Nachmittag suchte ich die Backstube auf, wartete, bis ich an die Reihe kam, und genoss den Anblick von Sabiha, die ihre Kunden bediente. Ich sehe so gern, wie sie sich bewegt, erfreue mich an ihrer ruhigen, zurückhaltenden Art, ihrer Anmut, während ich um ihre geheime Stärke weiß, ihre versteckte Tragödie, ihre Ausdauer und ihren Mut, es sogar mit einem Löwen aufzunehmen. Sie ist meine Heldin. Ich liebe sie, tief im Verborgenen. Von jeher habe ich nur über Gestalten schreiben können, die ich liebe. Ich kann noch so sehr von Zweifeln zerfressen sein – sobald ich aus ihrem Laden komme, weiß ich wieder genau, welches Ziel ich verfolgen möchte und warum.

Sabiha bediente gerade eine Kundin, als sie sich plötzlich umdrehte und aus dem Fenster schaute. Die Frau und ich folgten ihrem Blick. Um diese Zeit herrscht immer viel Verkehr, und ich sah nichts anderes als die übliche Auto- und Lastwagenschlange hinter einem Bus. Von den Motorhauben stieg Hitzedunst auf. Die Kundin zeigte keinen Ärger über die Verzögerung, sondern betrachtete den Verkehr und die Passanten im Nachmittagslicht, als teilte sie Sabihas Interesse an diesem Schauspiel. Das war eines der wunderbaren Merkmale von Sabiha und ihrem Laden, die Entschleunigung, der stille Respekt, mit dem man den anderen hier begegnete.

Rücksichtslose Menschen, Menschen, die es eilig hatten, rastlose junge Frauen in schwarzen Kostümen, die ihren nagelneuen Audi in zweiter Reihe geparkt hatten, waren noch keine fünf Minuten im Laden und entdeckten bereits die Vorzüge der Gelassenheit und Freundlichkeit. Dafür liebte ich Sabiha. Ich würde ihre Geschichte aufschreiben und ich würde weiterhin ihr Freund und Verehrer sein sowie der Freund ihres Mannes und ihrer bildhübschen Tochter, eine Miniaturausgabe der Mutter. Mein Teil von Carlton war nun dank Sabiha und ihrer Backstube so viel verheißungsvoller als zu Zeiten der verwaisten Reinigung und des trostlosen Supermarktes. Dank Sabiha fühlte ich mich in Carlton wieder heimisch. Ich hatte gar nicht mehr das Bedürfnis, nach Venedig zurückzukehren, um an einem Sommernachmittag zu verscheiden wie Aschenbach in seinem Liegestuhl. Nun war das Paris des Chez Dom mein Traum, meine Inspiration, und das würde ich ein oder zwei Jahre lang ausleben. Venedig konnte warten.

Die Autoschlange bewegte sich weiter, und als der Bus vorbeigefahren war, erblickte ich John und Houria, die am Straßenrand auf freie Bahn warteten, um auf unsere Seite überzuwechseln. Ich habe mich nie übertriebener Nostalgie hingegeben, aber ich dachte unwillkürlich daran, wie ich Clare damals immer von der Grundschule abgeholt hatte. Das war ein halbes Leben her, ein höchst passender Anlass für Nostalgie. Mich bewegte jedoch etwas anderes, nicht die Sehnsucht, die guten alten Zeiten mit meiner Tochter noch einmal zu erleben, sondern die Freude, dass diese Dinge nach wie vor existierten. Ich hatte schon manches Mal verzweifelt ausrufen wollen, dass sich alles verändert hat und alles Schöne verschwunden ist. Aber das ist das Vorurteil der alten Leute, man muss dagegenhalten. Die Wahrheit ist, falls ich mir kurz erlauben darf, von Wahrheit zu sprechen, dass das Beste und das Schlimmste, das Ursprüngliche, was uns Menschen ausmacht, unverändert geblieben ist, ich meine damit das Gute und das Böse.

Houria sah ihren Vater forschend an, offensichtlich stellte sie ihm gerade eine Frage, die sie sehr beschäftigte. Der blau-gelbe Schulranzen hüpfte auf ihrem Rücken auf und ab, während sie eifrig auf ihn einsprach. John hörte ihr aufmerksam zu. Er beugte sich vor und nahm sie hoch. Für ihr Alter war sie groß, und als er sie an sich drückte, erschwerte seine sperrige Tasche die Sache noch. Mit Houria auf dem Arm spähte er in beide Richtungen, bereit, loszustürzen, sobald sich eine Lücke im Verkehr auftat. Während ich dies mit ansah, erwachte die alte Angst wieder, die ich im Zusammenhang mit Kindern und breiten, stark befahrenen Straßen stets verspürt hatte. Ich drehte mich weg und betrachtete stattdessen Sabiha.

Sie lachte über eine Bemerkung der Kundin und wählte mit ihrer Konditorzange die Gebäckstücke aus, mit der gleichen Sorgfalt, die sie an den Tag gelegt hatte, als ich zum ersten Mal in ihren Laden kam. In der freien Hand hielt sie die Papiertüte und achtete darauf, beim Befüllen die Gebäckkruste nicht zu beschädigen.

Als ich erneut einen Blick aus dem Fenster warf, hatten es John und Houria bis zur Verkehrsinsel in der Mitte geschafft. Er setzte die Kleine ab, nahm ihre Hand und wartete auf die nächste Gelegenheit, während die Autos an ihnen vorbeirauschten. Der Verkehr ließ bereits nach, so dass sie die Straße schon bald überqueren konnten. Houria machte keine Schritte, sondern Sprünge. Sie wollte sehen, wie weit sie jeweils springen konnte, hielt dabei die Hand ihres Vaters fest umklammert, während er sie anfeuerte und ihr zusätzlichen Schwung verlieh, indem er sie bei jedem Sprung leicht anhob.

»Und von diesen hätte ich gern auch ein paar«, sagte die Kundin. Sie zeigte auf die pyramidenförmig gestapelten, honiggetränkten Briouats auf dem Regal hinter Sabiha. »Wie spricht man das noch mal aus? Sie wirken immer so verlockend. Ich wollte sie schon seit Ewigkeiten mal probieren.«

Sabiha wählte die zwei obersten Briouats aus und steckte sie nacheinander mit der Zange in eine neue Tüte, die sie neben die erste Gebäcktüte stellte. »Hier, zum Kosten. Die gebe ich Ihnen gratis mit.«

»Das ist aber nett, danke«, sagte die Kundin. »Mein Mann wird sich bestimmt daraufstürzen. Wenn ich zugucken darf, ist das schon viel.«

Während ich Sabiha beobachtete, fragte ich mich, ob die Nacht, in der Bruno ermordet wurde, immer noch in ihrer Erinnerung aufblitzte, wenn sie schlaflos neben John im Bett lag. Ob sie sich immer wieder die Einzelheiten vor Augen führte? Die Schrecken dieser Nacht erneut durchlebte? Ob sie weiterhin Schuldgefühle plagten, weil sie das Leben dieses Mannes zerrüttet hatte? John war zwar der Ansicht, dass sie sich damit abgefunden hatte, aber keiner von uns ist in der Lage, die Träume oder Ängste, die nachts aufkommen, zu beherrschen. Als ich sie so lächeln und mit ihrer Kundin plaudern sah, konnte ich mir kaum vorstellen, dass Sabiha von Reue gequält wurde. Doch dann fiel mir der Tag ein, an dem ich sie zuerst gesehen und in ihren Augen Spuren einer abgründigen vergangenen Traurigkeit entdeckt hatte, deren Anlass ich zu gern in Erfahrung bringen wollte. Nun kannte ich ihre Geschichte; aber eine Geschichte zu kennen ist eine Sache, sie zu schreiben eine ganz andere. Wie sollte ich den fragilen Verflechtungen gerecht werden, die ihrer Geschichte Gewicht und Tiefe und Schönheit verliehen, wie sollte ich das zur Sprache bringen, was sich unserer Betrachtung am leichtesten entzieht?

Sabiha drehte sich um und sah mir in die Augen, als hätte sie die Frage vernommen, die ich mir in Gedanken stellte. »Hallo, Ken«, begrüßte sie mich lächelnd. Ich hörte, wie John und Houria hinter mir den Laden betraten, Hourias helle Stimme klang aufgeregt, offenbar hatte sie allen etwas Wichtiges zu verkünden. Ich überlegte, wessen Idee es wohl gewesen war, den Laden so zu nennen: Figlia Fiorentino.

»Ich werde Mittwoch für uns kochen«, sagte Sabiha. »Etwas, das du und Clare noch nie gegessen habt.« Sie lachte.

»Das kommt nicht in Frage«, sagte ich. »Ihr seid doch meine Gäste.«

»Etwas Tunesisches. Eine Überraschung.« Sie sah mich verschmitzt an. »Wir kochen immer für unsere Freunde, Ken. Das ist schließlich unser Metier. Du und Clare stellt uns euer schönes, gastfreundliches Haus zur Verfügung. Wir kümmern uns um alles andere.« Zögernd hielt sie inne. Ihr lag noch etwas anderes auf dem Herzen. »Du bist jetzt Teil unserer Geschichte«, sagte sie dann.

Ich war gerührt. Doch bevor ich reagieren konnte, zupfte Houria an meinem Ärmel und rief immer wieder laut: »Ken! Ken! Ken!« Ich ging in die Hocke und fragte sie: »Was ist denn, mein Schatz?«

Sie hielt mir ein Blatt Papier entgegen. Eine Kinderzeichnung.

»Ich habe einen Preis bekommen, für meine Zeichnung von Mum!«, antwortete Houria atemlos. Sie ließ mir kaum Zeit, einen Blick auf das Bild zu werfen, sondern riss es mir wieder aus der Hand und rannte hinter den Tresen, um es ihrer Mutter zu zeigen. »Mum! Guck mal! Dafür habe ich einen Preis bekommen!« Sabiha hob sie hoch und drückte sie an sich, aber Houria sträubte sich und schrie: »Guck dir mein Bild an, Mum!«

Als Sabiha schwanger wurde, war sie so alt wie Clare. Ich fragte mich, ob Clare vielleicht doch noch ein Kind bekommen würde. Anders als Sabiha hatte sie nie dieses überwältigende Bedürfnis gehabt, Mutter zu werden. Ich sah zu, wie Houria pausenlos auf Sabiha einsprach, um die Interpretationsversuche ihrer Mutter zu korrigieren. »Nein, das ist deine Nase, kein Auge!«

Sabiha wurde oft von italienischen Kunden gefragt, warum sie ihren Laden so genannt hatte, obwohl sie und ihr Mann doch keine Italiener waren, und dann antwortete sie immer, Signor Fiorentino habe ihnen etwas sehr Kostbares geschenkt, für das sie ihm niemals genug danken könnten. Was diese Kostbarkeit genau war, die sie von Signor Fiorentino erhalten hatten, erzählte sie natürlich keinem.

John und ich begrüßten einander. Er hievte seine Tasche hoch. »Englischaufsätze«, erklärte er. »Vielleicht brauche ich mich bald nicht mehr damit herumzuschlagen.«

»An deiner Stelle würde ich meinen Beruf noch nicht aufgeben, John«, sagte ich.