Es war Samstagabend, und die Männer waren gerade mit dem Essen fertig geworden. John eilte von Tisch zu Tisch, räumte das Geschirr ab, servierte Wein und süßen Minztee und bemühte sich, auf die Scherze seiner Gäste einzugehen. Im Speiseraum breiteten sich Gesprächslärm und Zigarettenrauch aus. In der Küche nahm Sabiha ihre Schürze ab, hängte sie an den Haken und ging nach oben. Im Schlafzimmer zog sie Bluse und Hose aus. Nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet, setzte sie sich vor den Spiegel und sah sich forschend an. Statt der Deckenbeleuchtung hatte sie die kleine chinesische Lampe angemacht, die links auf Hourias altem Frisiertisch stand. Der Lampenfuß war aus grüner Bronze gearbeitet, in der Form einer Bambusstaude, und der Schirm bestand aus einer Fülle bernsteinfarbener Glassplitter. Das weiche Licht modellierte Sabihas markante Gesichtszüge, machte sie zu einer geheimnisvollen Schönheit, die sie selbst nicht wiedererkannte.
Gebannt betrachtete Sabiha ihr Ebenbild. Die attraktive Frau im Spiegel mochte im Leben so einiges vollbracht haben, aber das Einzige, was für sie von Bedeutung war, hatte sie nicht erreicht. »Warum?«, fragte sie den Spiegel. »Warum wird meinem Kind die Liebe seiner Mutter vorenthalten?«
Sie sah die kleine Lampe an. Vor über zehn Jahren hatte Sabiha sie im Schaufenster eines Antiquitätenladens bewundert, als sie eines Sonntags mit John am Ufer der Seine spazieren gegangen war. Sie waren Arm in Arm vor der Auslage stehengeblieben, und sie hatte zu ihm gesagt: »Wie schön diese Lampe ist.« Ohne ihr Wissen war er unter der Woche zum Laden zurückgekehrt und hatte eine Anzahlung geleistet. Und dann zahlte er sie Monat für Monat ab, bis Sabiha eines Tages – fast ein Jahr nachdem sie die inzwischen vergessene Lampe im Schaufenster bewundert hatte – vom Einkaufen nach Hause kam und sie auf dem Frisiertisch vorfand, ihr märchenhaft schöner Schirm erstrahlte im bernsteinfarbenen Licht. Fortan setzte sie sich Samstagabend nach dem Essen oft an den Frisiertisch und betrachtete ihre Lampe, ließ den Tag, den sie in der Küche verbracht hatte, ausklingen und bereitete sich innerlich auf die alten Lieder vor.
Sie betrachtete sich erneut. Die Frau, die sie so gut kannte. Die Frau, die sie so gar nicht kannte. Die Fremde im Spiegel. Dieses rätselhafte Wesen. Die anständige Frau. Die kinderlose Frau. Die getreue Ehefrau. Die liebende Ehefrau. Die verlorene Frau. Die besiegte Frau. Die Ehebrecherin.
Lange verharrte sie in der Stille ihres Schlafzimmers vor dem Spiegel, ließ die Hände auf ihren nackten Oberschenkeln ruhen und musterte ihre schönen strengen Züge. Die Stimmen der Männer, die vom Speiseraum nach oben drangen, waren wie aus einer anderen Welt, Johns Klappern in der Küche, die Rufe nach Wein, Kaffee oder Minztee, waren weit weg, unwirklich.
Erst als Nejibs Oud in ihren Ohren erklang – die zarte Melodie einer vertrauten Weise, zunächst verhalten, eine leise Stimme, die den Abend sanft beginnen ließ, von Melancholie getragen und zugleich voller Verheißung, Träume und Erinnerung, der überzeitliche Klang von Sehnsucht und Hoffnung –, erst als sie hörte, wie Nejibs Finger über die Saiten seines wunderbaren Instruments strichen, wurde sie sich der Macht der alten Lieder wieder bewusst. Die Musik von Nejibs antikem Oud und die Liedtexte waren für Sabiha wie ein Rettungsanker.
Eine Träne lief ihr über die Wange, und sie wischte sie rasch weg.
Sabiha zog die Haarnadeln aus ihrem Knoten und ließ sie einzeln in die kleine grüne Schale fallen, die früher ihrer Mutter gehört hatte. Das Einzige, was sie von zu Hause mitgenommen hatte. Nejib spielte nun weniger verhalten, und sie hielt beim Bürsten ab und zu inne, um ihm zu lauschen. Sie dachte an ihren Vater und fragte sich, wie lange er wohl auf sie und das Kind warten würde. Das Kind war noch da. Vielleicht nicht in ihrem Leib, aber in ihrem Geist. Das Kind hatte Bestand. Es war das letzte Zeichen von Unschuld, das ihr geblieben war.
*
Als Sabiha durch den Perlenvorhang in den Speiseraum trat, verstummten die Männer und starrten sie an. Alle außer Nejib. Er beugte sich noch tiefer über sein geliebtes Instrument und zupfte die Saiten so zärtlich, als würde er die Wangen seines schlafenden Sohnes streicheln.
Ohne die Männer anzusehen, ging Sabiha zur Eingangstür und blickte auf die leere Straße hinaus. Sie trug ein knöchellanges Kleid aus schwerem rostbraunem Wollgewebe, mit blauen und goldenen Metallfäden durchwirkt und mit einem hohen Kragen aus schwarzer Seide versehen. Die Haare hatte sie geflochten und eingerollt. Draußen regnete es. Sie sah ein Auto vorbeifahren, an der Ecke bog es rechts ab und verschwand. Ein zweites Auto folgte, dessen Scheinwerfer die dunklen Ladenfenster erhellte, dann war die Straße wieder verwaist. Nur einer der beiden Kavi-Brüder war noch da, lehnte an seinem Verkaufstresen, rauchte eine Zigarette und las Zeitung. Das weiße Ladenlicht wurde von der nassen Straße reflektiert wie ein Blatt aus durchscheinendem Eis. Über seinem kastanienbraunen Turban strahlte das blaue Fernsehlicht. Er hatte ihr mal erzählt, dass sein Name Dichter bedeutete.
Sabiha drehte sich um und begann zu singen.
Da hob Nejib den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Sie lächelte. Er senkte wieder den Kopf, die Saiten verstummten. In der Stille, die Nejib für sie geschaffen hatte, sang sie für ihn ein Lied. Das Lied einer Frau, die ihr trautes Heim und ihre Kinder pries. Es galt ihm, seinem Heimweh, der Erinnerung an seine Frau und der Sehnsucht nach seinen Kindern, die ohne ihn aufwuchsen. Seinen Träumen. Danach spielte er wieder, zunächst so leise, dass man meinte, die Saiten nur im Kopf vibrieren zu hören. Ich werde zurückkehren, hatte er Sabiha eines Abends anvertraut. Wenn ich genug Geld gespart habe, um den Olivenhain und den Bauernhof meines Onkels von seiner Witwe zu kaufen, kehre ich zurück. Sabiha hatte ihn gefragt, wo der Bauernhof lag. Und er hatte seine Erinnerungen wachgerufen und ihr die Sicht vom steinigen Hügel auf dem Land seines Onkels über das Medjerda-Tal beschrieben, der Hof lag seit Urzeiten im Schatten von Ruinen und inmitten von mehrere hundert Jahre alten Olivenbäumen. Nachdem er ihr davon erzählt hatte, dankte er Sabiha für ihre Lieder und dafür, dass sie sich seine Träume angehört hatte. Wenn keine Frau da ist, der wir unsere Träume anvertrauen können, hören wir Männer mit dem Träumen auf und werden verbittert. An dieser Stelle hatte Nejib seinem schweigsamen Gefährten einen Blick zugeworfen. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe es schon erlebt. Ich habe es bei meinem Vater erlebt, nachdem meine Mutter uns verlassen hatte. Mein Vater alterte lange vor der Zeit, nicht körperlich, aber im Geiste. Ich war noch ein Junge, als ich die Flamme in den Augen meines Vaters verlöschen sah, die Flamme, die seine Träume nährte.
Sabiha wusste, was für eine Art Mann Nejibs Gefährte war, und sie konnte nicht verstehen, warum Nejib ihn überhaupt in seiner Nähe duldete. In ihrer Heimat hätte dieser Mann im Dienst der Regierung gestanden und eine Uniform getragen. Ihrem Vater hätte er aber keine Angst gemacht. Auch sie hatte vor ihm keine Angst. Als sie ihn nun ansah, senkte er den Blick und fuhr mit dem Finger am Rand seines Teeglases entlang, unter dem prächtigen Schnurrbart zeichnete sich auf seinen Lippen ein geringschätziges Lächeln ab. Offenbar hatte er erkannt, dass ihr seine Verdorbenheit und Heimtücke nicht entgangen war. Es behagte ihm ganz und gar nicht, ihrem klaren Blick ausgesetzt zu sein, und er konnte ihr nicht in die Augen sehen. Das sagte alles über ihn. Er streckte die Beine unter dem Tisch aus und führte trotzig das Glas an die Lippen. Sie machte ihm Angst. Sie erfüllte ihn mit Abscheu. Sabiha wusste das. Solche Männer konnten auch grundlos hassen. Hass lag in ihrer Natur, wie Liebe und Großherzigkeit in der Natur anderer Männer lag.
Beim Singen bedachte Sabiha die Männer reihum mit Blicken, sie sang die Lieder ihrer Großmutter für jeden einzelnen von ihnen, und sie sang für sich selbst. Als John aus der Küche kam und es sich mit einer Zigarette und einem Glas Rotwein am Tresen bequem machte, lächelte sie ihm zu. Sie sang auch für ihn. Und als sich im Lauf des Abends dank der Lieder ihre Ängste lösten, wurde Sabiha klar, dass sie Bruno ein weiteres Mal aufsuchen musste. Sie würde nachts die Wüste durcheilen, wie eine Falkenmutter im Sternenlicht über den kalten weißen Sand hinwegjagen, eine beherzte Mutter, und sie würde alle Hindernisse überwinden, die zwischen ihr und ihrem Kind standen. Sie durfte nicht aufgeben. Der neu erwachte Kampfgeist verlieh auch ihrer Stimme Kraft, und die Männer waren fasziniert von ihrer Schönheit und Ausstrahlung und von der Macht ihrer Lieder.
Jetzt war Sabiha voller Zuversicht, dass sie es schaffen würde. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war, würde sie Bruno ein zweites Mal aufsuchen und verführen. Dieses Mal würde sie sich der Lust uneingeschränkt hingeben und sein Samen würde sie befruchten und sie würde ihr Kind bekommen. Sie lachte vor Freude und sang, und die Männer waren entzückt und zugleich tief bewegt.