Es war Dienstag, kurz vor Morgenanbruch, dünnes kaltes Licht säumte die Vorhänge. Sie lag hellwach neben John, wartete auf den Sonnenaufgang und fragte sich, ob Bruno wie üblich das Bestellte abliefern und zum Mittagessen bleiben oder das Chez Dom meiden würde. Sie hatte ihn seit Freitag nicht mehr gesehen, und ihr graute vor der nächsten Begegnung. Andererseits wollte sie ihn treffen. Aber nicht in der realen Welt, sondern an einem Traumort, wo sie und Bruno niemandem Rechenschaft schuldig wären. Doch wo sollte das sein? Falls Bruno sich heute tatsächlich im Speiseraum an seinen Stammplatz setzte und wie immer gegen Nejib und dessen grimmigen Gefährten stichelte … Daran wollte sie gar nicht denken. Und wenn er mit einer Kiste Grosse Lisse in die Küche käme, wie sollte sie ihm da in die Augen sehen?
Sabiha konnte keinen klaren Gedanken fassen. Hoffentlich würde es Bruno vor lauter Scham nicht wagen, hier aufzutauchen. Vielleicht schämte er sich ja so sehr für das, was sie getan hatten, dass er sich nie wieder blicken lassen würde. Und sie wäre die Einzige, die den Grund dafür wüsste. Ob sie und John von nun an in Frieden weiterleben könnten, zusammen mit dem Kind? Ohne dass das Kind und er irgendwann Verdacht schöpften? Wie in diesen Romanen, die John immerzu verschlang. Aber sie konnte sich das Bild des knienden, weinenden Brunos nicht aus dem Kopf schlagen. Das verhieß ganz gewiss nichts Gutes. Dass so ein großer, kräftiger Kerl auf die Knie sank. Dieses Bild ließ sie einfach nicht los. Sie kam nicht zur Besinnung. Seit Freitag war sie außer sich, erkannte sich nicht wieder, suchte verzweifelt nach etwas, das ihr Halt bieten konnte.
John schnappte nach Luft und gab ein kehliges Geräusch von sich. Sie drehte den Kopf, um ihn im fahlen Licht zu betrachten. Wie sie sein Profil liebte, seine schöne markante Nase, beides war so tröstlich und vertraut. John war ihr Mann. Als sie damals in Chartres eng umschlungen am Flussufer lagen, hatte er ihr zugeflüstert: Du und ich, Liebling, sind wie die Flügel beim Schmetterling. Dieses Bild hatte sie als Symbol ihrer dauerhaften Liebe im Herzen bewahrt. Sie hatte rasch erkannt, dass John einfühlsam und romantisch war. Er war ihr altmodisch vorgekommen. Aber sie hatte niemals wirklich begriffen, was er sich vom Leben versprach, und sich oft vorgestellt, er würde sein wahres Leben in der geheimnisvollen Welt seiner Bücher führen, so schüchtern und verträumt wie er war. Auf diese Weise schirmte er sich von der gewöhnlichen Welt betrügerischer Weinlieferanten und Metzger ab. Von Männern, deren Sprache er niemals beherrschen würde, egal in welcher Sprache er es versuchte.
Sie drehte sich wieder um und schloss die Augen. Hatte sie Johns zartes Bild von den Schmetterlingsflügeln zerstört? Sie wusste nicht, ob sie das denkbar Schlimmste oder denkbar Beste getan hatte. Es strengte sie furchtbar an, darüber nachzudenken. Sie hatte niemanden, dem sie sich anvertrauen konnte. Niemanden, dem sie beichten konnte. Sie fühlte sich damit allein gelassen. Wer außer Bruno würde verstehen, was sie gerade durchmachte? Er wäre aber nicht Manns genug, ihr geduldig zuzuhören und zur Besinnung zu verhelfen. Dieser weinende Weichling!
Sie schlug die Augen wieder auf. Im dunklen Laderaum hatte sie ihn gar nicht gesehen, sondern nur seine Hände auf ihren nackten Schenkeln gespürt. Trotz ihrer Vorsätze, trotz aller Umstände hatte seine Berührung sie zutiefst erregt. Als sie sich vereinten, hatte sie das Gefühl gehabt, eine Blinde zu sein. Als würde Blindheit die verbotene Lust noch steigern. Eine aufregende Vorstellung. Lust war dafür nicht das richtige Wort, das wusste sie. Es gab ein anderes, stärkeres Wort. Die Blinde und der Fremde. Am liebsten hätte sie das laut gesagt – um es zu hören und zu verstehen. Dieses Gefühl, als die Blinde das starke Glied des Fremden in sich aufnimmt, ist so mächtig und so zärtlich, es bereitet Schmerz und höchste Lust, eine unsagbare Lust, und wie sie ihn mit ihren kräftigen Händen hält, wie sie sich an ihn klammert, mit ihm eins wird! Sabiha entfuhr ein leises Schluchzen.
Bestimmt hatten die alten Götter sie jetzt in ihrer Gewalt. Würde sie sich jemals befreien können? Würde sie jemals ihren Seelenfrieden wiederfinden?
Sie stand auf und schlüpfte in Pantoffeln und Bademantel. Ihr Hals war trocken, er brannte. John wälzte sich herum und murmelte etwas in sein Kissen. Sie warf ihm von der Tür aus noch einen Blick zu, dann ging sie nach unten. In der Küche streckte sie den Kopf unter den Wasserhahn und trank gierig das kalte Wasser, das ihr am Hals entlang in den Ausschnitt rann, zwischen die Brüste, kühlen Fingern gleich. Danach stellte sie das Milchtöpfchen auf den Herd. John durfte auf keinen Fall Verdacht schöpfen. Er durfte es niemals erfahren. Er war zu sanft, zu vertrauensvoll, zu nachgiebig, um gegen die Verzweiflung anzukämpfen. John hatte etwas hoffnungslos Unschuldiges an sich, eine ungeheure Verletzlichkeit. Das hatte sie von Anfang an erkannt. An diesem ersten Tag, als er im Café Zuflucht vor dem Regen gesucht und von seinem Buch zu ihr aufgesehen hatte, war sein Blick ganz offen gewesen. Noch nie zuvor hatte ein Mann sie auf diese Weise angesehen. Diese vollkommene Arglosigkeit hatte Sabiha auf Anhieb angezogen, und sie wollte unbedingt mit ihm zusammen sein, im schützenden Bannkreis seiner männlichen Unschuld. Es gab viele verschiedene Arten von Unschuld, das wusste sie, und bei John handelte es sich um jene Unschuld, die von jedem das Beste erhofft. Das hatte sie an diesem ersten Tag gespürt, und sie hatte ihm sofort vertraut.
Sabiha goss Kaffee und Milch in die Schalen und trug sie nach oben. Auf der drittletzten Stufe geriet sie ins Stolpern. Kochend heißer Kaffee verbrühte ihr die Hände, und sie schrie vor Schmerz auf.