John brachte Sabiha den Morgenkaffee und einen süßen Keks. Dann setzte er sich auf den Bettrand und nippte selbst an seinem heißen Milchkaffee. Im Schlafzimmer war es kalt, und für eine Unterhaltung war es zu früh. Wie Geschwister saßen sie da, wärmten sich die Hände an ihren dampfenden Schalen und starrten gedankenverloren vor sich hin. Sie spürte, bald wäre es so weit. In der Stille wurde die Ahnung zur Gewissheit. Sie wartete darauf, dass das hier zu Ende ging.
Er stand auf, sammelte die leeren Schalen ein und wischte sich die Krümel vom Hemd. »Es ist doch nur für eine Woche«, sagte er. »Im Handumdrehen bist du wieder da.« Ihren Hinflug nach Tunis hatte er für Montag gebucht. Das Datum des Rückflugs hatte er vorsichtshalber offen gelassen.
Nachdem John zum Markt aufgebrochen war, stand Sabiha auf, zog sich an und nahm ihr Tagwerk in Angriff. Freitags bereitete sie immer das Gebäck fürs Wochenende zu. In der Küche schmiegte sich Andrés Katze an ihr Bein. Ihr Fell war so kalt, dass Sabiha das Bein wegzog, was die Katze mit unzufriedenem Miauen kommentierte. Danach goss sie Smen in die Pfanne und stellte die Gasflamme klein.
Heute wäre ihre Periode fällig gewesen. Aber sie blieb aus. Sabihas Brüste waren immer noch empfindlich und prall von den verborgenen Vorgängen in ihrem Körper. An den Armen hatte sie eine Gänsehaut. Sie drehte sich um und ließ für die Katze ein Stück Keks auf den Boden fallen. »Minette! Ich bin schwanger!«, flüsterte sie. Da! Sie hatte ihr Geheimnis ausgeplaudert!
Die Katze beschnüffelte den Keks, schob ihn mit der Schnauze verächtlich beiseite und schaute mit einem enttäuschten Maunzen zu Sabiha auf. Sie konnte Minettes Abneigung spüren. Eine Aasfressergottheit! Sie tat die Mandeln und Smen in die Küchenmaschine. Ihre Großmutter hätte ihr alles erklärt. Wenn du erst dein Kindlein im Arm hältst, wird dir alles verziehen werden.
Der Gedanke an ihre Großmutter beruhigte Sabiha.
Wie könnte man ein kleines Kind jemals als Sünde ansehen? Eine Mutter mit ihrem Kind! Oder als Beweis eines Fehltritts? Nein, ihre Großmutter wäre nicht in Panik geraten, sondern hätte geduldig auf die Antwort gewartet, in der Gewissheit, dass sie nicht ausbleiben würde. Es steht geschrieben, mein liebes Kind. Wenn die Berberfrauen die Schnellstraße nach Tunis überquerten, trieben sie ihre Kamele niemals zur Eile an, sie ignorierten die Schnellstraße, denn sie folgten einem älteren Weg, einem Weg, der nur für diejenigen sichtbar war, die ihre Erinnerungen teilten. Ein heiliger Weg, der ewig bestehen würde, selbst wenn noch so viele neue Straßen gebaut wurden.
Sie fügte zwei große Handvoll Datteln zu den Mandeln hinzu sowie getrocknete Feigen. Danach goss sie Orangenblütenwasser in die Küchenmaschine, schaltete sie ein und sah zu, wie die Mischung zu einer sämigen Paste wurde.
*
Am Abend schauten Sabiha und John fern. Sie saß auf der grünen Couch und er im großen braunen Sessel. Es war draußen so kalt, dass sie den Gaskamin angemacht hatten. Im Fernsehen lief ein Film über den Krieg. Sie verfolgte das Geschehen nur halb. Der Duft von frischem Gebäck hing noch in der Luft. Als sie kurz vor der Mittagszeit zum Lebensmittelladen gegangen war, um Milch zu holen, wurde sie von einer Frau in der Schlange angestarrt. Ihre Blicke trafen sich, die Frau lächelte Sabiha an und neigte den Kopf in Richtung Bauch. Woher hatte die Frau es gewusst? Sabiha war sich vor den Augen der Fremden nackt vorgekommen und hatte beschämt den Kopf gesenkt. Würden auch andere Mütter sie auf den ersten Blick als eine der ihren erkennen? Gab es vielleicht Zeichen, die sie nicht kannte?
Sie hörte John seufzen und drehte sich um. In der stickigen Luft war er wohl eingedöst; mit geschlossenen Augen versank er im tiefen Sessel, das Kinn war ihm auf die Brust gesackt. Sabiha konnte erkennen, wie er als alter Mann aussehen würde. Vielleicht war er bereits ein alter Mann. Mit unerwarteter Zärtlichkeit sehnte sie sich danach, ihm wieder so nah zu sein wie früher, als sie miteinander eins waren, eine unzertrennliche Einheit bildeten. Sie stand auf, um den Fernseher auszuschalten, und setzte sich dann wieder hin.
John öffnete die Augen. Er richtete sich schwerfällig im Sessel auf.
»Ich habe geträumt«, sagte er. »Habe ich dabei gesprochen?«
»Du hast nur einen kleinen Seufzer von dir gegeben.«
»Wir waren zusammen im Buschland. Es war ein hügeliges, offenes Gelände.« John blinzelte in Richtung Gaskamin, während er sich seinen Traum wieder in Erinnerung rief. »Die Sonne strahlte, am Himmel zogen weiße Bauschwölkchen vorbei.« Er sah sie an. »Du warst mit mir in Australien. An keinem bestimmten Ort. Einfach nur in meiner Heimat. Es war ein Wettkampf. Wir mussten über diese rot-weiß gestreiften Hürden springen, wie das Pferd auf der Landwirtschaftsmesse, das ich als Kind gesehen habe. Das ging ganz leicht. Wir haben uns immer voller Zuversicht angelächelt, während wir über die Hürden segelten.« Mühsam stemmte er sich hoch. »Gott, dieser Sessel verschlingt einen ja mit Haut und Haaren.«
Am liebsten hätte sie zu ihm gesagt: Ich bin schwanger, Liebling. Sie wollte sagen: Die Welt hat sich verändert. Ein Feuerball ist in unser Haus eingeschlagen und hat uns vernichtet. Mein geliebter John, mein wunderbarer Mann, mein stiller Australier, über sechzehn Jahre haben wir treu zueinander gestanden, doch heute Abend stehen wir vor den Trümmern unseres Lebens. Sie wollte sagen: Ich habe dich betrogen und auch Ich liebe dich. Die Worte drängten inmitten der Stille aus ihr heraus. Nichts würde sie davon abhalten, sie auszusprechen. Keine Macht der Welt konnte sie davon abhalten …
John trat auf sie zu, um ihr die Hand zu reichen. Sabiha ergriff sie, und er half ihr auf.
Sie standen einander gegenüber. Ganz behutsam, als hätte er bisher noch nie gewagt, sie zu berühren, schloss er sie in die Arme und küsste sie auf den Mund. Danach trat er einen Schritt zurück und sah ihr in die Augen. Er sagte kein Wort. Wusste er Bescheid?
Sabiha hatte eine Vision. Da waren sie beide in der unkontrollierbaren Zukunft. Sie saß an seinem Bett. Er war alt; das kleine Mädchen in ihrem Bauch war in jener Zukunft bereits zur jungen Frau herangewachsen und sah ihnen von der Zimmertür aus zu. Und er, John Patterner, der innig geliebte Vater der jungen Frau, lag im Sterben. In ihrer Vision hielt Sabiha seine Hand, und er schaute zu ihr hoch.
Und dann sagte sie leise zu ihm: »Deine Tochter, Liebster, ist nicht deine Tochter.«
Lächelnd drückte er ihre Hand. »Das habe ich doch schon immer gewusst.«
Wie einfach es schien, in einer strahlenden fernen Zukunft die Wahrheit zu sagen und Vergebung zu erlangen.
Doch jetzt, in der dräuenden Gegenwart, sagte sie nur: »Ich liebe dich, John Patterner.«
Er wischte ihr die Tränen weg, lächelte sie an und antwortete: »Ich liebe dich auch.«
»Es tut mir so leid«, sagte sie.
Er legte ihr den Arm um die Schulter und führte sie aus dem Zimmer. »Du bist müde. Du hättest längst ins Bett gehen sollen. Dir muss gar nichts leidtun, mein Schatz, und mir auch nicht. Wir haben richtig gehandelt.«