In dieser Nacht setzte ein eisiger Winterregen ein, der den ganzen Samstag über andauerte. Im Radio war zu hören, dass der Regen sich in Schnee verwandeln würde und es auf den Straßen gefährlich glatt zu werden drohte. Als die Gäste nach und nach zum Abendessen eintrafen, lagen die Graupelschauer bereits in der Luft. John stand hinter dem Tresen, um Brot in die Körbe und Wein in die Krüge zu füllen. Er sah die Männer, die er alle mit Namen kannte, einzeln und in Gruppen das Café betreten, sie trugen einen feuchten Geruch herein und zogen sich als Erstes die Kapuzen vom Kopf, bevor sie Johns Gruß erwiderten und sich an ihre Stammplätze setzten.

Um acht waren die meisten Tische vollständig besetzt, und John eilte geschäftig zwischen Speiseraum und Küche hin und her, um allen das Essen zu servieren. Das große Fenster beschlug immer mehr, die Stimmen wurden lauter, im vollen Café war es warm und gemütlich, die frostige Witterung vergessen.

Als das Essen vorbei war und John das Geschirr und Besteck komplett abgeräumt hatte, trat Sabiha durch den Perlenvorhang. Sie trug ein dunkelviolettes Gewand, hatte die Haare hochgesteckt und ein Halsband angelegt, das aus den alten Silbermünzen ihrer Großmutter gefertigt war. Nejib strich bereits über die Saiten seines Ouds, betörende Klänge drangen durch den Zigarettennebel und das Stimmengewirr, während sein Gefährte wie immer stumm neben ihm saß.

John fiel erneut auf, dass keiner der Männer Sabiha direkt ansah, und er freute sich wieder einmal über die Höflichkeit der Arbeiter und die respektvolle Atmosphäre, die an diesem gastfreundlichen Ort herrschte. Die Samstagabende im Chez Dom gaben ihm in dieser vertrauten Runde selbst das Gefühl, hier heimisch zu sein, ein Gefühl, das er vermissen würde. Er musste an den Tag zurückdenken, an dem er versehentlich hierhergeraten war und gehört hatte, wie Sabiha und ihre Tante hinter dem Perlenvorhang sangen. An manchen Abenden konnte er wieder einen Hauch dieses exotischen Zaubers spüren, der ihre erste Begegnung geprägt hatte. Dank der Güte und Großzügigkeit von Houria und ihrer schönen Nichte hatte er Zugang zu ihrer Welt erhalten und an ihrem Leben teilhaben dürfen. Das Gefühl, hier Gast zu sein, hatte ihn nie ganz losgelassen. Und dafür war er dankbar. Er hatte es nie für selbstverständlich gehalten. John lächelte noch über diese Erinnerungen, als er bemerkte, wie Nejibs Gefährte ihn anblickte. Der Mann sah schnell wieder weg, in Richtung Tür.

Verblüfft stellte John fest, dass Sabiha die Männerrunde fixierte. Allem Anschein nach wartete sie auf deren volle Aufmerksamkeit. Er fragte sich, was sie wohl vorhatte. Sonst fing sie einfach an zu singen, und die Männer verstummten sogleich. An diesem Abend herrschte unter ihnen eine gewisse Unruhe. Und Sabiha stand neben der Eingangstür, die zum Schutz gegen die nächtliche Kälte geschlossen war, und wartete wortlos darauf, dass Ruhe einkehrte. Als die Männer das endlich begriffen, wurde es schlagartig still, Nejib ließ sogar von seinem Oud ab. Man hörte nur noch den Regen gegen die Fensterscheiben prasseln.

»Guten Abend euch allen«, sagte Sabiha auf Französisch, betont förmlich, als wäre sie nicht die Köchin, die ihnen zuvor das Essen bereitet hatte, oder die Sängerin, die gleich für sie singen würde, sondern eine Fremde, die ihnen aus ganz anderen Gründen gegenübertrat. Die Männer sahen sie alle gebannt an, ohne einen Laut von sich zu geben.

»Mein Vater liegt im Sterben«, fuhr sie fort.

Ein paar Männer rutschten unbehaglich auf ihren Stühlen herum, andere bekundeten flüsternd ihr Beileid.

»Am Montag reise ich in die Heimat nach El Djem, um von meinem Vater Abschied zu nehmen. Und so werde ich nächsten Samstag nicht für euch singen, und ich werde unter der Woche auch nicht für euch kochen.« Sie hielt inne und sah die Männer reihum an. Nun milderte ein Lächeln ihre Züge. »Meine gute Freundin Sonja – ihre wunderbaren Gewürze kennt ihr ja – wird die Küche übernehmen. Aber sie wird nicht für euch singen.« Allgemeines Gelächter. »Sonja kocht sogar noch besser als ich.« Ungläubiges Gemurmel. »Dafür singe ich besser. Ich möchte euch um etwas bitten, liebe Freunde des Chez Dom: Lauft uns nicht weg, während ich verreist bin.« Die Männer tuschelten erregt miteinander, sie sagten, es sei völlig undenkbar, dass sie dem Café jemals fernbleiben würden! »Sonja und John werden euch bestens versorgen, solange ich fort bin.« Nach diesen Worten gab Sabiha Nejib ein Zeichen, und er begann zu spielen.

John betrachtete Sabiha, als sie sich Nejib zuwandte. Die beiden tauschten einen Blick, dann fing sie an zu singen. Sängerin und Musiker befanden sich in perfektem Einklang, inspirierten sich gegenseitig zu immer neuen Höhenflügen. John wusste, dass er zu diesem Teil ihres Herzens niemals Zugang erhalten würde. Er spürte eine leise Anwandlung von Neid, weil Nejib dies nicht verwehrt war. So etwas konnte man nicht lernen. Es war angeboren. Mit einer solchen Gabe wurde man groß, so wie er mit dem Buschland groß geworden war und jedes Geräusch und jeden Geruch seiner Heimat von Kindesbeinen an kannte. Es konnte durch nichts ersetzt werden. Und man konnte es nur mit jemandem teilen, der selbst damit aufgewachsen war.

Nun sahen die Männer Sabiha direkt an, denn ihr Gesang hatte die Wirkung eines Schleiers, er verhüllte die Frau. Sie rauchten Zigaretten und tranken Wein oder Minztee, während Sabihas sehnsuchtsvolle Lieder sie in die Heimat zurückversetzten, in ihre Familien und auf die heiligen Steinäcker ihrer Vorväter.

Plötzlich flog die Eingangstür auf, traf Sabiha mit solcher Wucht an der Schulter, dass sie herumwirbelte, und krachte dann gegen die Wand. Farbsplitter lösten sich, die Glasscheibe vibrierte, ein Schwall eisige Luft drang in den Raum und Regen spritzte auf den Boden.

Ein Mann sprang vom Tisch neben der Tür auf.

Bruno torkelte ins Café. Schwankend blieb er stehen und blickte wild um sich, wie ein gejagtes Tier, das vor seinen Peinigern flieht und nach einem Ausweg sucht. Er war triefend nass. Stierend sah er sich um, als versuchte er, seine Jäger ausfindig zu machen.

Nejib gab dem Mann an der Tür ein Zeichen, und er setzte sich wieder hin.

John stellte den Weinkrug, den er gerade aufgefüllt hatte, behutsam auf den Tresen. Dann trat er auf Bruno zu und packte ihn am Arm.

Da erwachte der Italiener aus seiner Trance, er schleuderte John brutal von sich und ging zu dem Tisch, an dem er mittags immer zu essen pflegte. Auf ein weiteres Zeichen von Nejib hin standen die beiden Männer, die bereits dort saßen, auf und suchten sich einen anderen Platz.

Inzwischen hatte John sein Gleichgewicht wiedergefunden. Er sah sich im Speiseraum um, wachsam, aber ruhig, im Vertrauen darauf, dass er die Situation schon meistern würde. Ihm fiel auf, dass Nejibs Gefährte so gelangweilt und verächtlich wie immer dreinsah, und er hatte plötzlich das Gefühl, dass Brunos gewaltsamer Auftritt ihn keineswegs überraschte, weil er anscheinend damit gerechnet hatte. Noch nie hatte man den Italiener betrunken erlebt, noch nie hatte man ihn an einem Samstagabend im Chez Dom gesehen.

Nachdem die beiden Araber seinen Tisch verlassen hatten, packte Bruno seinen Stuhl an der Lehne. Der Stuhl kippte nach hinten und er taumelte zurück, ohne die Lehne loszulassen, dann sprang er wieder vor, wobei ihm der Stuhl seitlich wegrutschte. Irgendwie gelang es ihm, den Stuhl auf zwei Beinen hinter sich zu stellen und sich darauf niederzulassen, ohne dabei hinzufallen. Jemand lachte. Bruno saß vollkommen reglos da, das Gewicht gefährlich an den Stuhlrand vorgelagert, das Kinn auf der Brust, als hätte ihn die Anstrengung restlos erschöpft. Dann kippte er langsam nach hinten, so dass auch die beiden anderen Stuhlbeine auf dem Boden zu stehen kamen, und schaute Sabiha an.

Sie hatte inzwischen die Tür geschlossen und war mit dem Rücken dazu stehengeblieben.

Bruno spreizte seine großen Hände auf dem Tisch, als wollte er gleich aufstehen und auf sie zugehen, oder als wollte er ein Urteil verkünden.

In der Stille hörte man nur das leichte Aufsetzen des bauchigen Ouds, als Nejib sein geliebtes Instrument überaus vorsichtig auf dem Dielenboden abstellte. Ein paar Männer drehten sich nach ihm um und blickten dann schnell wieder zu Bruno. Der Italiener hatte sich ruckartig umgewandt, als er Nejibs Bewegung wahrnahm, und starrte ihn an.

John sah, wie Nejibs Gefährte seinen Stuhl ein wenig nach links verrückte, so dass seine Knie nicht gegen den Tisch stoßen würden, sollte er unvermittelt aufstehen. Nun saß der Mann Bruno direkt gegenüber. John nahm sich vor, ihn im Auge zu behalten und auf alles gefasst zu sein. Erstaunt stellte er fest, dass er keineswegs nervös war, sondern einen kühlen Kopf bewahrte. Sein Vorsatz war schlicht und klar: Er wollte Bruno beschützen. Er würde auf ihn aufpassen. Betrunkene machten ihm keine Angst.

Bruno zeigte mit der rechten Hand auf Nejib. »Jetzt singst du also für diesen schwarzen stronzo!«, rief er voller Verachtung. Er drehte sich um und blickte Sabiha an. »Für dieses schwarze Stück Scheiße!«

»Tu das nicht, Bruno! Ich bitte dich, tu das nicht«, beschwor ihn Sabiha sanft.

John sah sie an. Sie hatte die Hände unterm Kinn verschränkt, als würde sie beten. Er gab Sabiha mit Gesten zu verstehen, dass sie sich heraushalten sollte, aber sie sah es nicht oder wollte es nicht sehen.

Bruno starrte wieder Nejib an. »Steh auf!«, brüllte er. »Steh auf, du schwarzes Schwein!«

John konnte an Nejibs Augen ablesen, dass er keine Angst hatte.

Nejibs Gefährte stand als Erster auf und stellte sich neben den Tisch. Nach anfänglichem Sträuben stand auch Nejib auf, jedoch ohne sich von der Stelle zu rühren.

Bruno rückte von seinem Tisch ab und sprang so heftig auf, dass sein Stuhl krachend zu Boden fiel. Torkelnd trat er in die Lücke zwischen seinem und Nejibs Tisch. Nun standen sich der Italiener und Nejibs Gefährte mit nur knapp zwei Metern Abstand gegenüber. Im Vergleich zu Brunos mächtiger Boxerstatur wirkte der andere schmächtig. Wie sollte der kleinere Mann es mit diesem Kraftprotz aufnehmen? Das konnte kein fairer Wettkampf werden.

Der Regen prasselte immer lauter gegen die Glasscheiben, eine Windbö rüttelte an der Eingangstür, als Nejibs Gefährte auf Bruno zuging. Dabei wirkte er ganz entspannt, er schien dieser Begegnung keine größere Bedeutung beizumessen. Alle Anwesenden schwiegen und staunten über die Kühnheit des schmächtigen Mannes. Sie konnten den Blick nicht von ihm abwenden. Als er schließlich vor Bruno stehenblieb, legte er ihm den linken Arm um die Schulter und streckte ihm den Kopf entgegen, als wollte er den Italiener umarmen und ihn auf die Wange küssen.

Eigentlich hatte John vorgehabt, dazwischenzutreten, aber nun war er ungeheuer erleichtert und froh, dass er sich nicht eingemischt hatte. Er hielt das, was sich gerade vor seinen Augen abspielte, für eine großzügige Versöhnungsgeste von Nejibs Gefährten.

Dessen argloses, freundliches Auftreten verblüffte Bruno derart, dass er sich nicht wehrte.

Im nächsten Moment zuckte Bruno zusammen und gab ein seltsames Röcheln von sich.

Nejibs Gefährte zog den Arm zurück und ging zur Tür. Dann verließ er das Café und schloss die Tür hinter sich.

Bruno wich das Blut aus dem Gesicht. Er sank auf die Knie. Man hätte fast meinen können, dass er beten wollte, doch dann fiel er kopfüber hin und blieb am Boden liegen.

Sabiha rührte sich als Erste. »Bruno!« Mit diesem Schrei rannte sie zu ihm, kniete sich hin und versuchte, ihn umzudrehen. »Bruno!«, wiederholte sie, diesmal flehentlich.

Erst dann wurde John bewusst, dass die Gäste geflohen waren. Der letzte hatte die Eingangstür nicht richtig geschlossen, sie schwang hin und her und ließ eisige feuchte Luft eindringen. Nejib war als Einziger geblieben.

»Nejib, um Himmels willen! Wer ist dieser Mann?«, fragte John.

Nejib betrachtete Bruno und Sabiha. Mit unendlich trauriger Stimme antwortete er: »Mein Bruder.«

*

Bei der Autopsie sollte sich herausstellen, dass das Messer, das Nejibs Bruder in der rechten Hand versteckt hielt, Brunos Bauchaorta sauber durchtrennt hatte. Der Tod erfolgte binnen weniger Sekunden. Genau wie einstmals bei Dom Pakos.