Sabiha war ihrer Großmutter noch enger verbunden gewesen als ihrer Mutter. Und so hegte sie nicht den geringsten Zweifel, als die sterbende Großmutter ihr zuflüsterte: »Ich werde immer bei dir sein.« Diese letzten Worte bedeuteten Sabiha sehr viel. In ihnen steckte ein Versprechen, das für sie heilig war, das Versprechen, dass ihre Großmutter ihr bei Bedarf die Kraft verleihen würde, wirklich schwierige Situationen zu meistern. Sabiha war nie allein, sie hatte stets das Gefühl, von ihrer Großmutter und ihrer ungeborenen Tochter umgeben zu sein. Sobald sie das Baby bekommen hatte, wollte sie es ihrem geliebten Vater in die Arme legen.
Nie würde sie sich mit einem Leben ohne ihr Kind abfinden, im Gegensatz zu Houria. Ihre alte Eintracht war dahin. Sie liebte ihre Tante nach wie vor, mehr, als sie in Worte hätte fassen können, aber ihr Verhältnis hatte sich verändert. Ihr Leben war nicht mehr so einfach wie früher, als Sabiha noch nicht mit John verheiratet war.
Mit ihrem Vater und ihrer kleinen Tochter unter dem Granatapfelbaum im Hof zu sitzen, sie alle drei beisammen – das war der schöne Traum, der Sabiha auf Schritt und Tritt begleitete. Das war ihr ganzer Trost. Sie war sich sicher, dass ihr Traum eines Tages Wirklichkeit werden würde. Ohne diesen Trost wäre ihr das Leben unerträglich geworden. Ihr den Traum zu nehmen hieße, ihr alles zu nehmen. John ahnte nicht, wie grausam seine Forderung war, dass sie mit ihm nach Australien gehen sollte, denn dafür müsste sie ihren Traum aufgeben. Es fiel ihr schwer, ihm das begreiflich zu machen. Sie hatte es schon öfter versucht, aber dann hörte sich ihr Wunsch so kleinlich und kindisch an im Vergleich zu den Tatsachen, die ihr Leben bestimmten.
Sabiha bemerkte, dass Wind und Regen nachgelassen hatten und die Passanten nicht mehr allzu getrieben wirkten. Inzwischen brannte auch Licht im Untergeschoss von Arnoul Forts Haus. Wahrscheinlich war er in der Küche und bereitete das Frühstück für seine Frau zu.
»Liebst du ihn noch?«, fragte Houria.
Sabiha schreckte aus ihrem Tagtraum auf und verstand nicht gleich, wen Houria meinte. »Meinen Vater?«
»Um Himmels willen, John!«
»Natürlich liebe ich ihn noch. Das weißt du doch. Was soll die Frage?«
»John ist ein guter Mann. Er hat alles darangesetzt, dich glücklich zu machen. Er betet dich an. Einen solchen Mann findest du nie wieder.« Houria hatte offenbar keine Lust mehr, das Gespräch fortzusetzen. Sie stand auf und nahm die leeren Kaffeeschalen vom Tisch. »Ich mach mich mal an die Arbeit«, sagte sie, warf Sabiha noch einen Blick zu und kehrte in die Küche zurück.
Houria hatte recht. Sabiha stimmte ihr in jedem Punkt zu. Es würde für sie nie einen anderen geben als John. Es gab aber Dinge, die Houria einfach nicht verstehen konnte. Ihre Frage – »Liebst du ihn noch?« – erinnerte Sabiha unerklärlicherweise an den Tag, als John sie zum Eiffelturm mitgenommen hatte. Das war noch in der Anfangszeit ihrer Beziehung, als sie fast jeden Sonntag ausschwärmten, um die berühmten Pariser Sehenswürdigkeiten zu besichtigen. An diesem Tag wirkte er so entschlossen, so erpicht darauf, die Führung zu übernehmen. Erst im Nachhinein wurde ihr klar, dass er damals alles sehen wollte, bevor sie nach Australien gingen. Doch dann kaufte er die falschen Tickets, so dass sie nur zur ersten Plattform zugelassen wurden. Sie hatte über seine Bestürzung gelacht, ihn in den Arm genommen und verkündet, die Aussicht sei so oder so wunderbar, sie würden ein anderes Mal wiederkommen und dann gleich zur Spitze hinaufsteigen. »Keine Sorge«, hatte sie zu ihm gesagt, »der Turm läuft uns nicht weg. Und es wird ihn auch niemand abreißen.« Aber sie hatten den Eiffelturm nie wieder in Angriff genommen.
Später, als Houria zu Arnoul Fort hinübergegangen und Sabiha im Haus allein war, ließ sie sich ein Bad ein. Sie riss sich die Kleider vom Leib und streckte sich im dampfenden Wasser aus. Dabei fiel ihr der Tag ein, an dem sie und John das zweite Mal in Chartres gewesen waren. Das Wetter war schön, als der Zug morgens in Paris losfuhr. Wie beim ersten Mal hatte John ihr Picknick in seinem alten Rucksack dabei. Sie waren beide bester Stimmung und freuten sich darauf, Chartres wiederzusehen. Als sie den Zug verließen, hatte das Wetter umgeschlagen, es war grau und kühl, und als sie vom Bahnhof zur Kathedrale hinaufstiegen, fing es an zu regnen. An diesem Tag war Chartres alles andere als einladend, die Straßen waren praktisch verwaist, sie hatten die Stadt ganz anders in Erinnerung gehabt. Zur Aufmunterung schlug sie ihm vor, zum Fluss zu gehen und nach »ihrer« Trauerweide Ausschau zu halten. Doch sie mussten dann feststellen, dass der Baum vor nicht allzu langer Zeit gefällt worden war. Sabiha erinnerte sich an den Schock, den der Anblick des weißen, feucht glänzenden Stumpfs in ihr ausgelöst hatte. Das war bestimmt ein unheilvolles Vorzeichen.
Sie ließ wieder heißes Wasser ein und wusch sich die Haare, dachte an Houria, die Arnoul und seiner Frau bei eisigem Regen ein Tablett mit zwei warmen Mahlzeiten gebracht hatte. Nicht aus Mildtätigkeit. Jahrelang hatte sich Houria bei Arnoul mit Stoff für die Café-Tischdecken und ihre Küchenschürzen versorgt. Die Baumwolle, die er seit Urzeiten auf Lager hatte, war von einer hervorragenden Qualität, die man heutzutage lange suchen musste. Inzwischen war Houria mit Arnoul und seiner Frau befreundet. Oft saß sie bei ihr am Bett und erzählte ihr den neuesten Klatsch. Und bei jedem Besuch brachte sie ihnen Gebäck oder warme Gerichte. »Ich möchte ein neues Rezept an euch ausprobieren«, erklärte sie gern. »Ihr seid beide so wählerisch. Wenn es euch schmeckt, werden die Männer es lieben.« Sie hatte versucht, den alten Arnoul mittags ins Café zu locken, aber er hatte das Chez Dom noch nie betreten – im Gegensatz zu André, ihrem Vermieter, der sich nicht lange bitten ließ. Er kam oft und aß mit den Arbeitern zu Mittag, ebenso oft schneite er außerhalb der Geschäftszeiten herein, setzte sich mit John an einen Tisch, trank Cognac oder Kaffee und rauchte eine Zigarette. Aber er bestand immer darauf zu bezahlen, das Geld schob er ganz altmodisch unter den Teller oder das Glas. Und bevor er ging, steckte er stets den Kopf durch den Perlenvorhang und wünschte Houria und Sabiha einen guten Tag.
Meistens fand André auch einen Anlass, sich über die mangelnde Instandhaltung des Cafés zu beschweren. Erst am Tag zuvor, als John ihm seinen Cognac servierte, hatte André einen Farbsplitter von der Fensterbank geklaubt.
»Ich weiß«, sagte John. »Im Frühjahr streiche ich sie neu.«
»Wenn die Witterung erste Schäden anrichtet, ist es zu spät, John, vergiss es«, murrte André. Als würde sein Gebäude zu Staub zerfallen, wenn John der Fensterbank nicht sofort einen neuen Anstrich verpasste.
Nach dem Baden ging Sabiha nach oben, setzte sich an Hourias Frisiertisch und bürstete sich die Haare. Danach zog sie eine frische Bluse an und ging in die Küche hinunter. Es dauerte nicht lange, bis sie den Lieferwagen die Gasse entlangkommen hörte. Jetzt, da sie ihren Plan in die Tat umsetzen wollte, wurde sie ein bisschen nervös. Noch nie hatte sie Hourias Liebeskünste bei John angewandt. Dazu war sie zu schüchtern gewesen. Außerdem hatte sie es nie nötig gehabt. John und sie erfanden rasch ihre eigene Sprache der Liebe. Beim Sex hatte sie noch nie die Initiative ergriffen, obwohl Houria ihr dazu geraten hatte. Es ergab sich immer von allein. Als sie in die Gasse trat, stürmte Tolstoi aus Andrés Hintertür und gesellte sich zu ihr. Es war einer dieser Tage, an denen es einfach nicht hell werden wollte. John hatte das Vorderlicht angelassen. Als er sich aus dem Wagen herausgewunden hatte, ging sie auf ihn zu, legte ihm die Arme um den Hals und küsste ihn auf den Mund. »Ich liebe dich«, sagte sie, dann nahm sie seine Hand und führte ihn durch die Küche und über die Treppe zu ihrer Kammer. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, sagte sie: »Ich möchte mit dir schlafen.«
Danach hielten sie sich umschlungen. Sabiha dachte, er wäre eingeschlafen, und stützte sich auf den Ellbogen, um ihn im schwachen trüben Licht zu betrachten, das hinter ihr durch das schmale Fenster drang. Er schlug die Augen auf und erwiderte ihren Blick, bevor er sie noch fester an sich drückte.
Sie riss sich von ihm los, mit Tränen in den Augen. »Versprichst du mir eins, Liebling? Bitte versprich mir, dass du nie wieder von mir verlangen wirst, nach Australien zu gehen, bevor mein Vater unser Kind gesehen hat.«
John runzelte die Stirn. Er konnte es nicht ertragen, sie weinen zu sehen. Genauso wenig, wie er den Gedanken ertragen konnte, dass ihr erstes Kind um jeden Preis Sabihas Vater vorgestellt werden musste. »Hör auf zu weinen, bitte. Ich verspreche es dir ja«, sagte er. Eine Diskussion hatte offenkundig keinen Sinn. Er fragte sich, wie lange er dieses Versprechen würde halten müssen. Und wenn sie überhaupt kein Kind bekämen? Was wäre dann? Er fragte sich, ob er es jemals wieder nach Australien schaffen würde.