Am Dienstag um kurz nach zwölf kam Bruno wie üblich durch die Hintertür herein und setzte die Kiste Tomaten ab, die Sabiha und John bestellt hatten. Grußlos ging er an ihnen vorbei in den Speiseraum. Sabiha und John spähten durch den Perlenvorhang: Bruno setzte sich an seinen Stammplatz und wartete auf sein Essen. Sie musste an einen kleinen Jungen denken, der sich ganz brav verhält. Keinen Ärger machen. Schön lieb sein. Unsichtbar bleiben. So saß er da, stumm und reglos, den Blick auf seine Hände gerichtet, die er im Schoß gefaltet hatte, ohne auf Nejib und dessen Gefährten zu achten. Der gute Bruno.

John brachte ihm das Essen, und Bruno sagte: »Danke, John.«

John erwiderte: »Gern geschehen, Bruno. Guten Appetit.«

Sobald er fertig gegessen hatte, verschwand er wieder, ohne wie sonst noch ein bisschen zu verweilen.

In der Küche sagte John zu Sabiha: »Was immer sein Problem war, er scheint damit fertigzuwerden.«

Sie war sich da nicht so sicher. Wo versteckte sich der andere Bruno? Der verlorene Mann?

Am folgenden Freitag ging sie zwar zum Markt, aber sie mied Brunos Bereich. Am Dienstag darauf kam er wieder ins Café. Als braver kleiner Junge. Ohne ein Wort zu sagen. Sabiha hätte ihn gern gefragt, was er sich von diesem Benehmen erhoffte. Wie lange würde er das wohl durchhalten? Es konnte nicht von Dauer sein, es war zu unecht. Wäre er doch nur der echte Mann gewesen, für den sie ihn gehalten hatte, ein ganz gewöhnlicher Mann ohne Anstand und Moral, und nicht so ein Unschuldslamm. Wartete er etwa auf ein Zeichen von ihr? Wartete er darauf, dass sie ihm sagte, was zu tun war? Oder wartete er auf ein Zeichen vom Leben, seinem Leben? Seinem Gott? Wartete er auf Eingebung? Sie hatte eine schreckliche Ahnung, dass er seine lächerliche Pose plötzlich aufgeben und in Gewalt ausbrechen würde. Seine Schönheit führte dazu, dass sie ihn nun grotesk fand. Ein Gott, der sich als braver kleiner Junge ausgab. Er hatte jede Würde verloren. Wenn sie daran dachte, wie ihr letztes Treffen mit Bruno verlaufen war, schämte sie sich abgrundtief. Ihr Kind, sollte es denn jemals das Licht der Welt erblicken, konnte auf keinen Fall etwas mit dieser Freitagsepisode in Brunos Lieferwagen zu tun haben.

*

Sabiha war gerade beim Einkaufen, als John ans Telefon ging. Es war ihre Schwester Zahira. Sie rief von der Telefonzelle vor dem Postamt in El Djem an, wie sie ihm erklärte. John konnte sie kaum verstehen. Die Leitung war nicht besonders gut, und sie sprach so leise und mit einem so starken Akzent, dass er sie mehrmals bitten musste, das Gesagte zu wiederholen.

»Sprich bitte lauter!« Er hatte das Gefühl, einem Kind Anweisungen zu geben.

Zahira sprach aber nicht lauter. Sie wiederholte ihre Botschaft einfach im gleichen Flüsterton. Schließlich bat er sie, später nochmal anzurufen, wenn Sabiha zu Hause war.

Als Sabiha nach Hause kam, begrüßte John sie mit den Worten: »Deine Schwester hat angerufen. Ich konnte leider gar nichts verstehen.«

Sabiha hängte ihren Mantel auf und band sich die Schürze um. Durch die offene Hintertür beobachtete Andrés Katze neugierig, was in der Küche vor sich ging. Tolstoi stand weiter weg und sah auf die Gasse hinaus.

Den ganzen Tag lauschte Sabiha auf das Telefon, aber ihre Schwester rief nicht wieder an. Abends blieb sie länger wach, stand bei ausgeschaltetem Licht im leeren Speiseraum und sah mit verschränkten Armen auf die Straße hinaus. Im Eckladen der Kavi-Brüder herrschte ein reges Kommen und Gehen. Das Viertel veränderte sich von Grund auf. Houria würde ihre Straße nicht wiedererkennen. Die indischen Brüder waren offenbar die Einzigen, die sich in dieser neuen Welt auskannten. Die Geschäfte von André und Arnoul waren zu Museen ohne Besucher erstarrt, in denen die alten Zeiten konserviert wurden. Es gab nichts Französisches mehr.

Sie drehte sich um und starrte das Wandtelefon hinter dem Tresen an, als könnte sie es dadurch zum Klingeln bringen. Es war stumm, als hätte man die Leitung gekappt. Sabiha war drauf und dran, das zu überprüfen.

Um elf gab sie auf. Nachdem sie sich im Badezimmer gewaschen hatte, ging sie nach oben. Falls ihr Vater gestorben wäre, hätte John das trotz allem sicher mitbekommen oder Zahira hätte sich nochmal gemeldet. Es konnte sich also nicht um seinen Tod drehen, überlegte Sabiha. Vermutlich hatte sich sein Zustand aber dramatisch verschlimmert. Es musste schon etwas Wichtiges sein, wenn ihre Schwester sich ganz allein auf den Weg zum Postamt begeben hatte, um sie anzurufen. Vielleicht hatte Zahira am Morgen nach dem Aufstehen entdeckt, dass es ihrem Vater auf einmal viel schlechter ging. Oder hatte er sie möglicherweise gebeten, Sabiha in seinem Namen anzurufen? Die Vorstellung, dass ihr Vater sie sehen wollte, wühlte sie zutiefst auf, und sie gab einen erstickten kleinen Schrei von sich. Sie wollte aber nicht weinen, noch nicht. Zu einem unbekannten Gott betete sie, dass sie diesmal schwanger sein möge. Die Begegnung war fast zwei Wochen her, doch es gab noch keinerlei Anzeichen. Nichts. Manchmal glaubte sie wirklich, sie würde sich umbringen, sollte ihre Periode wieder einsetzen. Sie hielt die Spannung kaum aus. Ihr Körper war stumm. Unverändert. Leer. Am liebsten hätte sie gebrüllt: Gebt mir mein Baby!

Es hätte so viel einfacher sein können, wenn Bruno ein ganz gewöhnlicher zynischer Mann gewesen wäre. Was glaubte er eigentlich? Worauf wartete er? Ich sehe es kommen. Was meinte er damit? Ihre Großmutter war ihr keine Hilfe. Sie war verschwunden. In der Stille verschwunden. Wie leer und sinnlos es war, Tag für Tag, Nacht für Nacht vergeblich auf ein Zeichen zu warten.

Sie kam sich vor wie eine alte Frau, als sie die Stufen hinaufging. Zwischendurch blieb sie stehen, stützte sich mit einer Hand am Geländer, schloss die Augen und nahm ihren ganzen Mut zusammen, um John gegenüberzutreten. Sie hatte das Gefühl, dass er Bescheid wusste.

Er lag im Bett. Las im Schein der Nachttischlampe ein neues Buch. Benvenuto lag immer noch neben ihm, als brächte es John nicht übers Herz, sich von seinem alten Freund zu trennen. Sabiha zog sich aus. Sie brauchte nicht den Kopf zu heben, um zu wissen, dass er sie beobachtete, und mied sorgsam seinen Blick. Andernfalls müsste sie ihn wohl oder übel anlächeln, und dann würde er mit ihr schlafen wollen, wenn sie sich ins Bett legte. Schon der Gedanke war ihr zuwider. Nur sie konnte erkennen, wie zerrüttet ihre Beziehung war, und zwar durch ihre Schuld. Sie würde es ihm niemals erzählen. Er durfte niemals erfahren, was sie getan hatte. Sie zog sich das Nachthemd über und schlüpfte ins Bett.

»Gute Nacht, Liebling.« Sabiha bemühte sich, eine Spur von Zärtlichkeit und Wärme in ihre Stimme zu legen. Dann schloss sie die Augen.

John beugte sich über sie und legte seine Hand auf ihren Hüftknochen. »Ich liebe dich«, sagte er leise.

»Ich liebe dich auch.« Bruno hatte recht. Sie würde niemals zu sich zurückfinden. Ihr altes Ich war in diesem Irrgarten verlorengegangen.

John ließ die Hand auf ihrer Hüfte liegen, massierte sie leicht mit Daumen und Zeigefinger.

Sabiha hielt die Augen geschlossen. Er sollte ihr auf keinen Fall Fragen stellen. Wenn er sie jetzt fragte, wäre sie nicht in der Lage, sich eine Lüge einfallen zu lassen, das wusste sie. Erst schwor sie sich, ihm niemals ein Sterbenswörtchen zu verraten, und dann war sie auf einmal bereit, ihm alles zu erzählen. Sie konnte sich auf nichts mehr verlassen, hatte keinen festen Grund mehr unter den Füßen. Sie war völlig durcheinander. John zu belügen erschien ihr plötzlich noch viel schlimmer, als ihn mit Bruno zu betrügen. Wie konnte man einen Menschen belügen, den man liebte? Der einem vertraute? Was für eine Niedertracht! Vor Beklemmung konnte sie kaum atmen.

Sie spürte das Gewicht seiner Hand durch die Decke hindurch. Irgendwann ließ er sie mit einem letzten Tätscheln los, und Sabiha hörte ihn eine Seite umblättern. Er räusperte sich. Das tat er immer, wenn zwischen ihnen peinliches Schweigen herrschte. Es beruhigte ihn, stellte die Überzeugung wieder her, dass alles in Ordnung oder zumindest auf dem besten Weg war. Das immerhin wusste sie mit Gewissheit. Er würde von ihr keine Erklärung fordern. Er würde es ihr überlassen, den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem er sich ihr wieder ganz und gar nähern durfte. Und was würde sie tun, wenn er nicht länger warten wollte? Wenn er sie zwang, ihm ins Gesicht zu sehen, und ihr mitteilte, dass er ihr unerklärliches Verhalten nicht länger dulden werde? Aber das würde niemals passieren. Er würde sich so rücksichtsvoll zeigen wie immer und ihr nur dann Fragen stellen, wenn sie es zuließ. Bei John war sie in Sicherheit. John würde sich gedulden. Darauf konnte sie sich verlassen. Doch für wie lange würde er sich gedulden? Für ein Jahr? Für immer? Ja, es war durchaus möglich, dass John sich für immer gedulden würde. Dass es ihm lieber wäre, ahnungslos zu sterben, als ihr auf irgendeine Weise wehzutun. Zwar schliefen sie nach wie vor im selben Bett, aber sie hatte ihn im Stich gelassen.

Als es unter ihr plötzlich laut knackte, fuhr sie zusammen.

»Das ist doch nur die Treppe, Liebling. Du kannst ganz beruhigt schlafen.«

Irgendwo jaulte eine Katze kurz auf.

Draußen auf der Straße war es totenstill.

Sabiha lauschte angestrengt. Kein Laut war zu hören. Als hätten sich alle aus dem Viertel geschlichen und sie und John allein zurückgelassen, weil sie die Warnung nicht gehört hatten: Zu bleiben wäre der sichere Tod. Wenn sie jetzt einschliefe, würde sie Alpträume bekommen, sie lauerten schon, das fühlte sie. Ihr fiel ein, wie sie sich als Kind manchmal dazu gezwungen hatte, sich wach zu halten, für den Fall, dass nachts eine Bestie käme und sie entführte. Die Bestie war gekommen. Ihr war nicht mehr zu helfen. Sie hatte Angst vor dem braven Bruno.

»Weinst du etwa, mein Schatz?«, fragte John sanft.

»Nein«, schniefte sie.

Nach einer Minute blätterte er die nächste Seite um.