John saß aufrecht im Bett und lauschte ihren Schritten, als sie die Treppe hinunterging. Die Tür hörte er nicht zufallen. Er wartete ein paar Sekunden, unsicher, ob sie gegangen war oder nicht, dann rief er ihren Namen, erhielt aber keine Antwort. Im Haus herrschte jetzt vollkommene Stille, die Stille der Leere. Er stopfte sich beide Kissen hinter den Rücken, trank einen Schluck Kaffee und schlug sein Buch auf. Er liebte diese friedliche Morgenstunde. Wenn Sabiha freitags zum Markt aufbrach, blieb er meistens im Bett liegen, um noch ein bisschen zu lesen. An jenem Morgen starrte er auf das offene Buch und dachte an Sabihas gequälten Gesichtsausdruck, als sie ihm zum Abschied den Handkuss zuwarf, so, als müsste sie ihn für immer verlassen. Die Vorstellung schnürte ihm die Kehle zu.
Nachdem er sich angezogen hatte, riss er die Vorhänge auf und blieb am Fenster stehen. Die quellenden Wolken waren noch von der Morgenröte getönt. Die ersten Kunden gingen im Eckladen der Kavi-Brüder ein und aus. Dort draußen verlief alles wie gewohnt. Er trug die Kaffeeschale nach unten, stellte sie in der Spüle ab und ging in den Speiseraum. Er hob die Post auf, die vor der Eingangstür lag, dann trat er auf die Straße und warf einen Blick in beide Richtungen. André kehrte gerade von seinem Morgenspaziergang mit Tolstoi zurück. Der große, zottelige Hund schritt wie in Zeitlupe neben ihm einher, die grauen Augen in eine unbestimmte Ferne gerichtet, wo seine Urahnen ihre blutigen Taten verrichteten, diese sibirischen Steppenhunde, die einst im Schnee Wölfe gerissen hatten. John winkte André zu, bevor er wieder hineinging. Die Post legte er auf die Arbeitsplatte in der Küche, ging ins Bad und zog sein Hemd aus. Beim Rasieren hörte er, wie die Angestellten der Reinigung am Ende der Gasse zur Arbeit erschienen.
Nach dem Frühstück trug er die Post ins Wohnzimmer. Er machte das Licht an. Hier war es besonders still, hing der Vorabend noch in der Luft. Das umgedrehte Fass in der Ecke, auf dem der Fernseher thronte, war mit einem roten Tuch umwickelt wie die Hüfte einer Frau. Gegenüber stand Hourias und Doms alte grüne zweisitzige Couch. Dahinter gab es einen kleinen quadratischen Holztisch und einen Lehnstuhl. In der Ecke neben dem Tisch türmten sich seine Bücher, die er auf dem Flohmarkt erstanden hatte.
John legte die Post auf den Tisch, neben den Stapel unbezahlter Rechnungen, und setzte sich auf den Stuhl. Nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte, sah er die Umschläge durch. Ein Brief von seiner Mutter war dabei, auf dem sein Name in vertrauter Handschrift und australische Briefmarken prangten. Er zog zwei eng beschriebene Seiten aus dem Umschlag. Dazu gab es auch eine Postkarte, ein Bild der neuen Straßenbrücke in Moruya. Nachdenklich betrachtete er das Foto, zog an seiner Zigarette und erinnerte sich an die Gerüstpfeiler der alten Holzbrücke, an das Rumpeln des Fords, wenn er mit seinem Vater auf dem Weg in die Stadt darüberfuhr. Die Holzbrücke war bei einer Jahrhundertflut fortgespült worden, und die Stadt hatte mehr als zwei Jahre ohne Brücke auskommen müssen. Die Handschrift seiner Mutter war so akkurat wie eh und je. Offenbar war mit ihren Augen alles in Ordnung.
Mein liebster Sohn,
Deinem Vater und mir geht es unverändert gut. Letzte Woche hat ihm der Arzt ein bisschen Sauerstoff verabreicht, das war’s auch schon. Du brauchst Dir also keine Sorgen zu machen. Er lässt Dir liebe Grüße ausrichten. Habe ich Dir eigentlich schon erzählt, dass Onkel Martin gestorben ist? Das stand vermutlich in meinem letzten Brief. Martin war anderthalb Jahre jünger als ich. Kein Wunder, dass mich das nachdenklich stimmt. Tja, wir sind alle in des Schöpfers Hand. Martin hat immer nach Dir gefragt. Er hat Großes von Dir erwartet. Die Beerdigung war sehr schön. Es waren an die zweihundert Gäste da. Ich wusste gar nicht, dass er so viele Freunde hatte. Wir haben ihn natürlich einäschern lassen. Unser Mann in Paris, so hat er Dich genannt.
Wir warten immer noch auf Regen. Aunty Esme hat mir gesagt, dass der Chinaman’s Hole zum allerersten Mal ausgetrocknet ist. Ich weiß noch, wie Du und Kathy und Eure Freunde Euch bis spätabends dort getummelt habt. Ihr hattet immer so viel Spaß. Ich fand es toll, wenn Ihr Euch im Sommer dort alle getroffen habt. Und da fällt mir ein, was ich Dich fragen wollte, auch wenn ich Dich auf keinen Fall unter Druck setzen möchte: Habt Ihr inzwischen vielleicht einen Besuch hier eingeplant? Ich weiß, ich stelle immer die gleiche Frage. Eines schönen Tages werdet Ihr uns einfach überraschen. Manchmal sehe ich Dich im Geiste durch die Tür kommen, und dann macht mein Herz einen solchen Sprung! Kathy denkt tatsächlich ans Heiraten. Kannst Du Dir das vorstellen? Sie haben uns im August besucht, während ihrer Ferienreise. Auf Tour gehen, hat er das genannt. Er ist Engländer. Sie haben mal hier übernachtet und mal dort, in diesen schicken kleinen Pensionen, die an der ganzen Küste wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Ich frage mich, ob es genug Gäste für alle gibt. Du würdest hier inzwischen nichts wiedererkennen. Er ist ganz reizend, aber ich bin mir nicht sicher, ob er unserer Kath standhalten kann, wenn sie einmal richtig loslegt. Wenn Du mich fragst, ist er eine Spur zu nett. Kath bräuchte einen Mann mit stärkerer Persönlichkeit. Dad lässt Dir liebe Grüße ausrichten. Ich habe ihm gesagt, dass ich es schon getan habe, aber er meint, dann soll ich es eben wieder tun. Er ist immer noch der Alte. Er würde Dich so furchtbar gern wiedersehen. Und ich auch, mein Schatz, das weißt Du. Heute ist ein herrlicher Tag. Jeden Morgen kommt ein Paar Rosellasittiche zum Vogelhäuschen geflogen, das ich in den Aprikosenbaum gehängt habe. Hier haben wir nur diesen einen Baum. Wenn man bedenkt, wie viele Bäume wir früher hatten!
Alles Gute, mein lieber Junge,
Mum
PS: Bitte richte Deiner Frau liebe Grüße aus.
John faltete den Brief wieder zusammen und steckte ihn in den Umschlag zurück.
Die ganzen Sommerferien über war er mit seinem Kumpel Gibbo, Kathy und ihren Freunden im Chinaman’s geschwommen. Er sah die Kasuarinen vor sich, die sie am Ufer vom Haus abschirmten, und den Strand aus glatten Flusskieseln. Wie sie bis Mitternacht dort herumtollten. Loretta, die ihm erlaubte, im Mondlicht die Innenseite ihrer Schenkel mit den Fingern zu erkunden, ihre Haut war so kühl und feucht und herrlich zart. Die zarteste Haut, die er jemals berührt hatte. Er konnte Chinaman’s förmlich riechen, den säuerlichen Geruch fauliger Blätter, den das strudelnde Wasser auf ihrer Haut hinterließ. Unvorstellbar, dass die Bucht jetzt ausgetrocknet war. Wo waren dann die grünen Wasseragamen und schwarzen Aale geblieben? Er empfand eine tiefe Trauer darüber, dass seine alte Heimat nicht mehr so war wie in seiner Kindheit, und er sehnte sich danach, sie wiederzuentdecken, den Fluss und das Buschland zu riechen und die Freunde von früher unverändert vorzufinden, die ihn auslachten, weil er so schüchtern war, und lautstark nach ihm riefen. Er fragte sich, was aus Gibbo und Loretta und all den anderen geworden war. Irgendwo mussten sie ja stecken.
Als er die Rechnungen alle durchgesehen hatte, ging er in die Küche und fing an zu putzen. Alles sollte blitzsauber sein, wenn sie nach Hause kam.