Soeben vom Präsidium zurückgekehrt, stand John noch mit Schal und im alten braunen Mantel am Schlafzimmerfenster. Auf der Straße war es wieder still, das Blaulicht der Polizeiautos und des Krankenwagens war schon seit Stunden verschwunden, genau wie die Polizistenhorde, die im Café eingefallen war. Doch John hatte sie noch lebhaft vor Augen. Er wandte sich Sabiha zu. Sie saß in ihrem hellen Nachthemd am Bettrand, mit bloßen Füßen, die alte blaue Decke um die Schultern drapiert. Sie sah aus, als hätte man sie aus dem Meer gerettet und ihr dann mitgeteilt, dass ihre Lieben ertrunken waren.

»Was hast du ihnen erzählt?«, fragte sie.

»Sie wollten nur wissen, was passiert ist. Nach meiner Meinung haben sie nicht gefragt. Ich habe ihnen einfach erzählt, was ich gesehen habe.«

Sabiha schwieg. Nach einer langen Pause fuhr John fort: »Die meiste Zeit habe ich wartend im Flur verbracht.«

Kaltes blaues Morgenlicht zog am Pariser Himmel herauf, als hätte jemand heimlich einen Brunnendeckel gelüpft.

Sie hatten beide nicht geschlafen.

»Man weiß nie, was in so einem Polizistenkopf vorgeht«, sagte er. »Ich hatte das Gefühl, dass sie mich verdächtigen, Bruno getötet zu haben. Sie verdächtigen jeden. Sie werden vermutlich Nejib in Gewahrsam behalten, bis sie seinen Bruder finden.«

Darauf folgte wieder eine lange Pause.

»Ich hätte ihn retten können. Ich stand einfach nur da und habe zugesehen. Nicht zu fassen, dass ich nichts unternommen habe«, sagte er schließlich.

Brunos Tod hatte alles verändert. Sabiha verkündete: »Ich bin eine Verbrecherin.«

John sah sie entsetzt an. »Wie kannst du so etwas sagen? Das darfst du nicht. Nicht einmal im Scherz. Dich trifft nicht die geringste Schuld. Du bist bloß erschöpft. Wir sind beide erschöpft. Wie kommst du nur darauf, so etwas zu sagen?«

Er wandte sich wieder dem Fenster zu. Unten schleifte und ruckelte die Straßenreinigungsmaschine am Bordstein entlang. Er musste an ein verwundetes Pferd denken, das den Weg nach Hause sucht, ein Gespenst aus der Zeit der Abbattoirs, das auf die grünen Felder zurückkehren will. Inzwischen befand sich anstelle der ehemaligen Schlachthöfe von Vaugirard, die er bei seiner Ankunft in Paris noch erlebt hatte, ein Park. Anstelle der Schlachtbank würde ein Pferd nun grüne Wiesen vorfinden.

Als John hinter sich ein ersticktes Geräusch hörte, wirbelte er herum. Sabiha saß vornübergebeugt und hatte den Kopf in den Händen vergraben. Er setzte sich zu ihr und nahm sie in die Arme. Während er sie tröstend an sich drückte, flackerte das gelbe Licht der Reinigungsmaschine an der Decke auf.

»Als Nejibs Bruder den Arm um Bruno legte, dachte ich, er wollte mit ihm Frieden schließen. Und dann habe ich eine oder zwei Sekunden nicht mehr richtig aufgepasst. Ich dachte, ich hätte dem Mann unrecht getan. Ich habe Bruno im Stich gelassen, anstatt ihm beizustehen. Ich hatte es doch kommen sehen und habe nichts dagegen unternommen. Die beiden müssen sich abgrundtief gehasst haben«, sagte John.

»Ich bin schwanger. Von Bruno«, sagte Sabiha.

Er lehnte sich zurück, um sie anzusehen.

»Bruno war in mich verliebt«, erklärte sie.

»Schwanger?« Er schüttelte sie leicht. »Du kannst nicht schwanger sein.«

Ihre dunklen Augen blickten ihn ernst an. »Ich bekomme Brunos Kind.«

Mit einer wegwerfenden Geste stand er auf. »Was soll das? Was heißt schwanger? Du kannst doch gar nicht schwanger sein.« Er tat zwei Schritte auf das Fenster zu und drehte sich jäh wieder um. »Warum tust du das?«, fragte er. »Was soll das?«

Sie hielt seinem Blick stand.

»Mein Gott«, sagte er leise. »Es stimmt also.« Er lachte hohl. »Und ich dachte, du machst gerade die Wechseljahre durch.« Er sah sie ungläubig an. »Du bist schwanger? Du bekommst ein Baby? Gott! Brunos Baby.« Er drehte sich um die eigene Achse, kramte in seiner Manteltasche nach einer zerdrückten Zigarettenschachtel und betrachtete sie stirnrunzelnd. Das Licht, das hinter ihm am Himmel aufzog, warf plötzlich einen Lichtkranz auf sein schütter werdendes Haar. Er nahm eine Zigarette aus der Schachtel, ohne sie anzuzünden. Stattdessen knöpfte er fahrig seinen Mantel auf und warf ihn auf den Boden.

»Ich halte es nicht aus, wenn du mich hasst«, sagte sie hilflos.

»Ich hasse dich doch nicht. Und ich werde jetzt ganz bestimmt nicht damit anfangen.« Er suchte in den Hosentaschen nach Streichhölzern, fand keine und gab es auf. »Ich versuche nur, mir darauf einen Reim zu machen. Hast du Bruno geliebt? Hat er dich geliebt? Seit wann bist du schwanger? Glaubst du, dass er deswegen besoffen hier aufgekreuzt ist?« Ratlos, verzweifelt warf er die Arme hoch. »Du und Bruno! Ich kann es einfach nicht glauben. Wo denn? Wann? Ihr wart doch immer so förmlich zueinander. Er war dir gegenüber immer so höflich und respektvoll.« John runzelte die Stirn. »Das war es also! Brunos Stimmungstief, deine unberechenbaren Launen, dieses ganze Theater … Aber was hat das mit Nejib und seinem Bruder zu tun? Was spielen sie dabei für eine Rolle?« Er brach ab und sah sie betroffen an. »Wenn du dich auch mit Nejib heimlich getroffen hast, werde ich dich doch hassen. Sag mir, dass du es nicht getan hast. Hast du dich mit ihm getroffen?«

»Natürlich nicht«, antwortete sie.

»Was heißt hier natürlich? Für mich ist das alles andere als natürlich, wenn man bedenkt, was passiert ist. Wo stehen wir eigentlich? Du und ich? Was ist mit uns? Bruno, der hier regelmäßig ein und aus geht und auf einmal wegbleibt und dann plötzlich wieder hereinplatzt. Dieser ganze Unsinn. Und dein unerklärliches Benehmen.« Er sah sie vorwurfsvoll an. »Ich kann es immer noch nicht glauben. Du! Du hast es tatsächlich getan?« John ging zum Frisiertisch, um ein Streichholzbriefchen von der Glasplatte zu nehmen, und zündete endlich seine Zigarette an. Nach einem tiefen Zug blies er den Rauch in die Luft.

»Du hast mir vertraut«, sagte sie leise.

»Ich vertraue dir immer noch.« Er lachte. »Du teilst mir mit, dass du eine Affäre hattest, und ich teile dir mit, dass ich dir vertraue.«

»Es war keine Affäre.« Sabiha krümmte sich unter ihrer Decke, als hätte sie Schmerzen oder wäre soeben mit einem Stock geschlagen worden. Im fahlen Licht wirkte ihr Gesicht aschgrau, als sie zu ihm aufsah, und ihre dicken schwarzen Haare waren völlig zerzaust. »Ich wollte doch bloß mein Kind!«

John war im Grunde recht ruhig. Seltsam ruhig. Aber nicht nach außen hin. Er glaubte, Gefühle in Aufruhr demonstrieren zu müssen. Dabei war er zu seinem eigenen Befremden nicht einmal richtig überrascht. Das war das Merkwürdigste an der ganzen Sache. Als hätte er es schon die ganze Zeit gewusst. Eigentlich hätte er toben und rasen und wild um sich schlagen müssen. In Notfällen bewahrte er jedoch die Ruhe, das war schon immer so gewesen. Auch vor dem Mord war er ruhig geblieben. Obwohl er damit gerechnet hatte, dass Bruno und Nejibs Bruder sich in die Haare geraten würden, war er vollkommen gelassen geblieben. Er glaubte, alles unter Kontrolle zu haben. Herr der Lage zu sein. Aber er war nur Herr seiner selbst gewesen. Und das hatte nichts bewirkt. Seine Ruhe zeigte keine Wirkung.

Sabiha saß da wie ein Häuflein Elend, auf Gedeih und Verderb seiner Gnade ausgeliefert, als rechnete sie damit, dass er sie und das Baby auf die Straße jagen würde.

Mit sanfter Stimme sagte er: »Du meinst das Kind, von dem du seit je träumst, nicht wahr? Ich weiß davon. Seit dem ersten Tag. Als wir in Chartres am Flussufer lagen. Damals hast du mir von deinem Kind erzählt. Das wäre gar nicht nötig gewesen. Ich habe es gespürt. Ich wusste es schon damals. Ich habe die Wärme gespürt, die du diesem Kind entgegenbringst. Noch heute erinnere ich mich daran. Eine ganz besondere Wärme, die ich bis dahin bei keiner anderen Frau erlebt hatte. Ich weiß noch, wie du dich mit deinem warmen Körper an mich geschmiegt hast. Damals habe ich dich nicht nur als meine Geliebte vor Augen gehabt, sondern auch als Mutter.« Lächelnd zog er an der Zigarette. »Ich weiß, dass du nie die Hoffnung aufgegeben hast, dieses Kind doch noch zu bekommen. Allen Fehlschlägen zum Trotz. Ich weiß das. Du musst mir nichts erklären.« Er setzte sich wieder zu ihr und schloss sie in die Arme. »Das ist dein Kind, mein Herz. Es gehört dir.« Leise fügte er hinzu: »Bruno.«

Sie weinte.

Lange saßen sie schweigend da, Sabiha weinte lautlos, John wiegte sie zärtlich. »Wenn es ein Mädchen wird, nennen wir sie Houria«, sagte er schließlich.

Sabiha schluchzte erstickt auf.

Aus lauter Müdigkeit wurde ihm schwarz vor Augen. Er versuchte, sich die Einzelheiten wieder in Erinnerung zu rufen. Was hatte er der Polizei erzählt? Ein friedlicher Samstagabend im Café, Sabiha singt ihre Lieder, Nejib begleitet sie auf dem Oud, die Gäste lauschen still und andächtig und verzückt. Und dann, von einem Moment auf den anderen, ist das Café leer und Bruno liegt tot auf dem Boden. Als die Polizisten ihn befragten, wurde John zusehends verwirrter und verwickelte sich in Widersprüche. Er hatte das Gefühl gehabt, dass sie ihm nicht glaubten, und das brachte ihn gegen sie auf. Sie hatten ihn argwöhnisch und grob behandelt und stundenlang warten lassen, hatten ihn immer wieder aus dem Zimmer geschickt und später wieder hereingerufen. Die ständigen Wartezeiten im Flur und die immer neuen Befragungen hatten ihn restlos erschöpft.

»Wir sollten ein bisschen schlafen«, sagte er, schlug die Tagesdecke zurück, zog Sabiha die blaue Decke von den Schultern und half ihr, sich ins Bett zu legen. Dann gab er ihr einen Kuss.

Sabiha sah zu ihm auf.

Er legte ihr seinen Finger auf die Lippen. »Sei still. Ich geh jetzt auch ins Bett. Es ist nun mal passiert. Und wir müssen dringend ein bisschen schlafen.« Er zog die Vorhänge zu, um das Tageslicht auszublenden. »Das Café ist erledigt«, sagte er. »Von den Männern kommt garantiert keiner zurück. Ich weiß ja nicht mal, ob die Polizei uns erlauben wird, es wieder zu öffnen. Ich war nicht gerade sehr entgegenkommend. Darum werden wir Sonja am Montag auch nicht brauchen. Ich sollte sie lieber anrufen. Was ist heute für ein Tag?« Er überlegte angestrengt. »Sonntag. Ich rufe sie nachher zu Hause an. Kaum zu fassen, dass Bruno tot ist. Ich kann es einfach nicht glauben.« John dachte an Angela und die elf Kinder und an das, was sie in dieser Nacht durchmachen mussten.

Er zog sich aus und schlüpfte zu Sabiha ins Bett. Er drückte sie an sich. »Wenn du aus El Djem zurückkommst, fahren wir zu mir nach Australien. Hier bleibt uns nichts mehr. Wir werden wieder bei null anfangen.« Mit einem Kuss fuhr er fort: »Keine Sorge, Bruno vergessen wir nicht. Wir werden ihn auf die eine oder andere Weise in Erinnerung behalten.«

Draußen schlug eine Autotür zu, dann startete ein Motor. Die Straße wachte allmählich auf. Man hörte das traurige Jaulen, mit dem Tolstoi den neuen Tag begrüßte – ein Tier, das aus seinen Träumen aufwacht und feststellen muss, dass es ganz allein in der verschneiten Steppe seiner Ahnen zurückgeblieben ist.

»Ich habe dir auch ein paar Dinge verheimlicht«, nahm John den Faden wieder auf. »Natürlich nichts Vergleichbares, ich kann diese Dinge nicht einmal richtig benennen. Es geht wohl um mich. Meine Wünsche, meine Ziele. Vielleicht werde ich alles klarer sehen, wenn wir in Australien sind. Ich denke, Selbsterkenntnis fällt einem zu Hause leichter.« Trotz seiner Erschöpfung war ihm nicht mehr nach Schlafen zumute. Nach sechzehn Jahren in Frankreich würde er nach Australien zurückkehren, ohne irgendetwas erreicht zu haben. Was hatte er getan? Seine Gedanken rasten.

»Was gibt es Sinnloseres als Männer, die sich schlagen?«, überlegte er laut. »Für die Polizei ist das alltäglich.« Er hielt inne, horchte auf die Straßengeräusche. »Ich wollte gern Vater sein«, fuhr er fort. Er war sicher, dass es ihm nichts ausmachen würde, das Kind nicht selbst gezeugt zu haben, er würde eben zum Vater des Kindes werden. Er würde für beide sorgen, für Sabiha und das Kind. Und er würde einen Weg finden, Brunos Andenken in Ehren zu halten, ihrem Kind zuliebe. Das musste unbedingt sein. Eines Tages würde er dem Kind von seinem wirklichen Vater erzählen. John drückte Sabiha an sich, spürte die Wärme ihres Körpers und dachte an das winzige Wesen, das in ihr heranwuchs, vollkommen unwissend und unschuldig. Was für ein Anfang! So winzig klein. Ein neues Leben. Sein eigenes hatte er bisher vergeudet.

Während er langsam in den Schlaf driftete, kamen ihm wieder Bilder dieser furchtbaren Nacht in den Sinn, André und Simone, die mit ihrer Tochter verstört auf der nassen Straße standen, vom Blaulicht der Polizeiautos angestrahlt, wie Flüchtlinge, die man aus ihrem Heim vertrieben hatte. Der alte Arnoul Fort, die Kavi-Brüder und ihre Kunden umringten sie und starrten stumm auf die Szenerie, mit funkelnden Augen im wirbelnden, regendurchdrungenen Licht. Die unheimliche Stille, die bei aller Hektik herrschte, weit und breit kein Araber in Sicht. Die Absurdität des Ganzen.

Sabihas unwillkürlich zuckendes Bein riss ihn wieder halb aus dem Schlaf. Wie gern hätte er die Uhr zurückgedreht, um Bruno doch noch zu retten. Er stellte sich vor, wie er Nejibs Bruder seelenruhig das Messer aus der Hand nahm und ihn bat, das Chez Dom zu verlassen. Dann hätte wieder Frieden geherrscht. Sabiha hätte ihre Lieder zu Ende gesungen, Bruno wäre allmählich nüchtern geworden und hätte sich bei allen entschuldigt … Sabiha schlief tief und fest. Er würde einen Vorschuss auf seine Kreditkarte benötigen, um die Tickets nach Australien bezahlen zu können … In seinem Traum war Tolstois Geheul ein rasender Zug, der unerbittlich auf John zuhielt und ihn mit seinem unsteten Licht blendete. Es gelang ihm nicht, sich vom Gleis zu bewegen, und der Zug schoss ihm aus der Finsternis entgegen. Keuchend fuhr er aus dem Schlaf. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Plötzlich weinte er. Er konnte gar nicht mehr aufhören. Er weinte um alles.