Als ich gestern Abend nach meiner Paradiso-Sitzung mit John heimkehrte, freute ich mich darauf, in aller Ruhe noch ein Glas zu trinken. Ich brauchte ein wenig Zeit für mich, um das zu verarbeiten, was John mir erzählt hatte. Er hatte mich überrascht. Er hatte mich schockiert, und ich wusste nicht so recht, wie ich damit umgehen sollte.
Als ich in die Küche kam, traf ich Clare und ihren neuen Liebsten an, die sich gerade einen Drink genehmigten. Eine seiner scheußlichen CDs lief bei voller Lautstärke. Clare lehnte mit einem Glas Wein in der Hand am Herd. Sie war rot im Gesicht und etwas zerzaust, als hätte sie schon ein paar Gläser intus. Kein erfreulicher Anblick. Ihr Kerl, Kappen-Robin, saß wie üblich am Tisch, den Stuhl nach außen gerückt und mit dem Kopf auf der Tischplatte, das Kinn ruhte auf dem linken Arm – und natürlich hatte er das Ding auf dem Kopf. Er stierte eine Dose Foster’s Lager an, die er am Ende seines ausgestreckten rechten Arms mit den Fingern umschlossen hielt. Stubby lag unter dem Tisch, den Kopf ebenfalls auf den Pfoten, wie es für ihn typisch war. Ob der Kappenträger den Hund nachäffte? Gehörte das zum Repertoire eines Stand-up-Komikers? Für ein Stehaufmännchen schien er mir ziemlich viel Sitzfleisch zu haben.
Ich hielt mich an Clare und stellte mich zu ihr an den Herd. Es ging auch gar nicht anders. Der Kappenträger hatte sich über den ganzen Tisch ausgebreitet. Auf meine Begrüßung reagierte Clare mit »Hi Dad«, als wollte sie wie ein junges Mädchen klingen. Normalerweise sagen wir nie Hi. Vom Kappenträger vernahm ich keinen Mucks, allerdings hat mein Gehör im Alter nachgelassen und die Musik war extrem laut, vielleicht habe ich seinen Gruß schlichtweg überhört. Ich will ihm nicht unrecht tun. Es gibt nichts Widerwärtigeres als Vorurteile. Habe ich nicht mein halbes Leben damit zugebracht, dagegen anzuschreiben? Tatsächlich habe ich das Thema in meinen Büchern über Jahrzehnte aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Ich schenkte mir ein Glas Wein ein und trank es im Stehen, den Blick auf Kappen-Robin gerichtet, der ihn lächelnd erwiderte, ohne den Kopf vom Tisch zu heben.
Ich erhob mein Glas und brüllte ihm zu: »Cheers!«
Clare kreischte »Cheers, Dad!« und lächelte mich bittend an.
Kappen-Robin spähte unter seinem abgewetzten Schirm hervor und schrie: »Und womit haben Sie früher Ihre Brötchen verdient, Ken?« Das Schreien fiel ihm offensichtlich leicht. Dort, wo er mit seinen Kumpels wohnte, musste man vermutlich immer schreien, weil sie alle lauten Rap hörten oder was immer das sein soll. Ich kenne mich damit einfach nicht aus. Dafür kenne ich mich mit den Streichquartetten von Schostakowitsch aus. Insbesondere mit dem Streichquartett Nr. 6. Das ist meine Welt.
Ich sah zu Clare. Hatte sie ihm etwa nicht voller Stolz erzählt, dass ihr Vater ein berühmter Schriftsteller war? Das machte mich traurig. Aber warum sollte sie das auch tun? Ihr fiel mein Kummer auf, und sie drehte die Musik leiser. Was spielte das alles noch für eine Rolle? »Früher habe ich geschrieben«, antwortete ich. »Vor meinem Ruhestand.«
»Was denn geschrieben? Bücher?«
Er blinzelte mich unverwandt an, allem Anschein nach fasziniert vom ungewöhnlichen Blickwinkel, aus dem er mein Gesicht betrachtete.
»Romane«, sagte ich kurz angebunden.
»Fiktive Romane?«
»Genau.«
»Vielleicht lese ich mal einen«, sagte er und musterte gebannt das Bier in seiner Hand, als hätte er noch nie zuvor eine Dose Foster’s Lager gesehen.
Ich glaube nicht, dass er jemals ein Buch aufschlagen wird. Und ich kann mir erst recht nicht vorstellen, dass er eines meiner Bücher liest. Selbst die blühendste Fantasie hat ihre Grenzen. Er lebt in einer literaturlosen Welt. Clare ist ja selbst alles andere als eine Leseratte. Ich glaube, sie hat eines meiner Bücher gelesen, als sie noch auf der Highschool war. Und das war es auch schon. Womöglich hat sie selbst dieses eine Buch nicht zu Ende gelesen. Ich weiß noch, dass sie es eine Ewigkeit in der Schultasche mit sich herumgeschleppt hat. Ab und zu hat sie das Buch vor meinen Augen hochgehalten und mir ein aufmunterndes Lächeln geschenkt.
»Hawthorn hat gewonnen, Dad«, sagte Clare.
Kappen-Robin setzte sich auf und erhob seine Bierdose. »Wir haben Collingwood plattgemacht! Und ich war live dabei, Ken!« Er trank und setzte die Bierdose wieder auf dem Tisch ab. »Jetzt sind wir auf den dritten Platz aufgerückt.«
Allmählich wurde mir klar, dass er eine Antwort von mir erwartete. »Ist ja toll, Robin. Hawthorn ist spitze! Auf die Hawks!« Ich beugte mich vor und schlug mit meinem Glas gegen seine Dose. »Hawks vor, noch ein Tor!«
Die beiden geben mir das Gefühl, ich sei stumpfsinnig und könne mich nicht ausdrücken. In ihrer Gegenwart kommt mir mein Sprachvermögen abhanden, und dann hangele ich mich von Wort zu Wort, während sie meine Unbeholfenheit, meine Verletzlichkeit, meine sinn- und zusammenhanglosen Bemerkungen, meinen völligen Mangel an Coolness und Szenewissen ungerührt zur Kenntnis nehmen. Sie erwarten es nicht anders. Das ist das Verstörende. Wenn ich mit John zusammen bin, fühle ich mich jung und voller Zuversicht. Ich fühle mich wie früher. Als ich alles Mögliche in Angriff nehmen konnte. Die Führung innehatte. Für diese beiden bin ich ein alter Mann, und das geben sie mir auf jede erdenkliche Weise zu verstehen, ohne es einmal aussprechen zu müssen. Buchstäblichkeit, das Gegenteil von Kunst, ist nicht erforderlich. Sie tun es, ohne nachzudenken.
*
Mittwochabend kommen sie alle zum Abendessen. Ich weiß, das müsste ich mir nicht antun. Aber ich möchte mir den durch und durch egoistischen Wunsch erfüllen, Sabiha an unserem alten Esstisch sitzen zu sehen, eine schöne tragische Prinzessin aus exotischen Gefilden, die einen unserer antiken Kristallbecher in der Hand hält, während der Rotwein im Kerzenlicht schimmert wie Ochsenblut. Ich möchte sie posieren lassen wie ein Porträtmaler, wie Max Ernst es für Die Einkleidung der Braut mit seinem Modell getan hat. Was für ein Gemälde! Höchst erotisch und rein zugleich. Ich wüsste gern, was Sabiha davon halten würde. Es hängt in Venedig. Allein das ist ein Grund, dorthin zu fahren. Das letzte Mal, dass wir im Esszimmer ein Abendessen veranstaltet haben, war Jahre vor Maries Tod. Damals haben wir mit solchen geselligen Runden aufgehört. Wie stumpfsinnig ist es wohl, dass ich Sabiha auf diese Weise erleben möchte? Ist es charakteristisch für einen alten Mann? Das ist etwas, das ich meiner Tochter niemals anvertrauen werde. Manches behält man ausschließlich für sich.
Mittwoch ist anscheinend der einzige Abend, den Sabiha erübrigen kann. Das verunsichert mich. Allerdings gibt es so vieles, das mich heutzutage verunsichert. Mein Leben hat keinen Fluss mehr, das ist das Problem. Die Frage ist eher, was mich denn nicht verunsichert. Ich bin unschlüssig, ob ich sie am Mittwoch ganz leger in der Küche empfangen soll, mit kleinen Häppchen und einem Dutzend Bierdosen, oder soll ich im Esszimmer die großen Geschütze auffahren, um ihnen die Ehre zu erweisen? Mein Traumbild kann ich nur im Esszimmer verwirklichen. Clare hat mir nicht angeboten, zu kochen. Und ich habe sie nicht darum gebeten. Kappen-Robin wird wohl da sein, mit dem Kopf auf dem Tisch. Ich habe Clare gefragt: »Warum kann er bei Tisch nicht aufrecht sitzen wie alle anderen?« Und sie hat nur »Dad!« gesagt. Daraufhin habe ich das Thema fallen lassen. Seine Beine füllen unter dem Tisch allen verfügbaren Raum aus, während seine Arme die ganze Tischplatte in Beschlag nehmen. Ihm fällt gar nicht auf, dass auf dem Tisch Dinge stehen, die er leicht umwerfen könnte. Wie mag es erst im Bett sein? Wahrscheinlich kauert Clare ganz klein in einer Ecke. Wenn er hier ist, habe ich immer Angst, ihn anzurempeln, wenn ich mich dazusetze.
Und er ist ständig hier. Ich habe das Gefühl, dass er bei uns eingezogen ist. Ganz sicher bin ich mir nicht. Ich habe Clare gefragt, bin aus ihrer Antwort aber nicht schlau geworden. Ich verstehe die beiden nicht. Wir gehören nicht mehr derselben Welt an. Venedig ruft. Es macht keinen Spaß mehr hier. Hat es nie gemacht. Von mir aus können sie das Haus haben. Was soll ich in meinem Alter schließlich mit einem Haus?
Es liegt aber beileibe nicht nur an Kappen-Robin. Und es hat keinen Sinn, ihm die Schuld zu geben. Seine Unhöflichkeit ist ja nicht beabsichtigt. Er ist nicht aggressiv. Und er scheint meiner Tochter aufrichtig zugetan zu sein. Mir ist des Öfteren aufgefallen, dass sein Ausdruck zärtlicher wird, wenn er sie ansieht. Ist das nun Liebe oder nicht? Aus dem Gedächtnis würde ich sagen, das ist Liebe. Ich sollte mich glücklich schätzen. Ich habe ihn nie mehr als zwei Dosen Bier trinken sehen, und er nimmt offenbar keine Drogen. Wobei ich das nicht mit Sicherheit ausschließen kann. Aber Clare muss so oder so ihr eigenes Leben führen, ob in meinem Haus oder anderswo. Und sie kann das Bett teilen, mit wem sie will. An diesen Aspekt will ich gar nicht erst denken. Nein, es liegt nicht an ihm. Das Ganze greift viel tiefer als das.
Ich entschied mich, mit der Geschichte von John und Sabiha anzufangen, als wir uns neulich im Paradiso trafen. Ja, ich hatte beschlossen, für einen allerletzten Wurf aus dem Ruhestand zu treten. Das wird wohl niemanden überraschen. Zwar hatte ich mich ernsthaft zur Ruhe setzen wollen, aber diese Geschichte kam mir vor wie ein Geschenk der Götter – wie sollte ich es ablehnen? Ein Geschenk von Sabihas alten Göttern. Die der verspielten Sorte. Warum nahm ich es also nicht endlich an? Dafür hatte ich keinerlei befriedigende Antwort gefunden. Mehr noch, ich wusste ganz genau, dass ich es bis ans Ende meiner Tage bereuen würde, wenn ich mir ihre Geschichte entgehen ließe, ohne es wenigstens einmal zu versuchen. Und so setzte ich mich vor ein paar Tagen abends an meinen Schreibtisch und verbrachte mehrere Stunden mit der Lektüre meiner gesammelten Notizen, um zu sehen, was sich möglicherweise daraus ergab. Es war alles da. Von A bis Z.
*
Es war an einem herrlichen Melbourner Herbsttag. Der Herbst ist hier die schönste Jahreszeit. Die drückende Sommerhitze ist weg und die Sonne erwärmt die Luft gerade so, dass man bequem auf eine Jacke oder einen Pullover verzichten kann, es ist windstill, höchstens eine oder zwei unschuldige weiße Wolken ziehen vorbei. Das muss man erlebt haben. An solchen Tagen sind die Menschen glücklich. Man wird von Unbekannten gegrüßt. Sogar die jungen Frauen lächeln mich an. Und niemand hat es eilig. An solchen Tagen stehen chinesische Studenten in der Tram auf und bieten mir ihren Platz an.
John und ich saßen nach dem Mittagessen auf dem Bürgersteig vor dem Paradiso. Alle Tische waren besetzt. Um uns herum wurde in mindestens drei Sprachen angeregt geplaudert und gelacht. John erzählte mir, er habe Australien bei seiner Rückkehr nicht wiedererkannt, es habe sich so vieles verändert, aber anders, als er erwartet hätte. Lachend sagte er: »Als wir hierherzogen, fühlte sich Sabiha in Carlton heimischer als ich.« Ab und zu segelte ein großes welkes Blatt aus der Platane über uns herab, und eine der jungen Frauen vom Nebentisch schnappte lachend danach. Als ich ihr dabei zusah, fiel mir ein, wie ich der kleinen Clare früher erzählt hatte, dass unsere Wünsche wahr werden, wenn wir ein fallendes Blatt erhaschen. Gemeinsam rannten wir über die Eichenwiese im Botanischen Garten, jagten fallenden Blättern nach, während Marie von der Picknickdecke aus zusah oder mit dem Block auf den Knien zeichnete. Marie verwandelte ihre Welt immer in Zeichnungen. Nie spielte sie mit uns, aber sie sah es gern, wenn Clare und ich uns austobten. Es war eine magische Zeit für uns drei. Clare war damals etwa im Alter der kleinen Houria. Ein kleines Mädchen voller Vertrauen und Zuversicht. Es brach mir fast das Herz, wenn ich sie über die Wiese rennen sah, mit dürren Beinchen, die an Uhrzeiger erinnerten. Wenn ich heute Kinder so rennen sehe, bleibe ich mit einem Kloß im Hals stehen. Eigentlich macht es mir nichts aus, alt zu sein oder noch älter zu werden, aber angesichts der Schönheit dieser Kinder bedaure ich, dass mein Leben bald vorbei sein wird, für immer. Es ist ein eher nüchternes Bedauern, es bringt mich nicht zum Weinen, aber es ist echt.
Ich dachte, John wäre mit seiner Geschichte fertig. Er hatte mich bei Sabiha und Brunos Sohn in der Küche zurückgelassen, ein ergreifendes Bild, das Chez Dom war geschlossen, ein trauriger, verlassener Ort, den es nicht länger geben sollte. Der junge Mann tat sein Bestes, um das Andenken seines ermordeten Vaters in Würde zu bewahren, allen Umständen zum Trotz. Danach konnte meines Erachtens nicht mehr viel kommen. Es gab noch ein paar Fragen, die ich ihm stellen wollte, beispielsweise, ob Nejibs Bruder jemals erwischt wurde, aber das hatte in meinen Augen noch Zeit.
Wir saßen schweigend da. Ich lauschte dem Gespräch am Nebentisch, das auf Spanisch geführt wurde. Lorcas Sprache! Es war eine Freude, sie zu hören. Ich dachte nicht mehr über mich nach. John und ich erwarteten voneinander nichts Bestimmtes, so dass zwischen uns eine ganz entspannte Stille herrschte. Ich dachte, an diesem Tag, in dieser Angelegenheit wäre das letzte Wort schon gefallen. Ringsum ging das Leben weiter, und ich hatte eine neue Geschichte zu schreiben.
Dann bemerkte ich, dass John mich unverwandt ansah, mit einem Lächeln in den Augen. Er sagte: »Ich möchte dir danken, Ken.«
»Oh, keine Ursache«, erwiderte ich. »Der Dank gebührt dir.«
»Ich möchte dir aber danken. Du ahnst nicht, was du für mich getan hast. Nach sechzehn Jahren in Frankreich bin ich mit leeren Händen zurückgekommen. Ich hatte nichts erreicht, gar nichts. Als hätte ich jedes Talent vergeudet, das ich früher einmal vielleicht besaß, jeden Ehrgeiz verloren. Mich plagten Schuldgefühle, weil es mir nicht gelungen war, etwas aus meinem Leben zu machen. Kaum waren wir in Australien, beging ich den Fehler, mit Sabiha nach Moruya zu ziehen. Ich war überzeugt, dass ich in Melbourne nichts finden würde. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass die Schulbehörde von Victoria mich nach so langer Abwesenheit einstellen würde, und so habe ich es nicht einmal versucht. Ich ging nach Moruya zurück, um meine Eltern zu sehen. Mum war schon im fortgeschrittenen Alzheimer-Stadium und konnte sich nie merken, wer Sabiha eigentlich war. Aber sie schien sie trotzdem zu mögen. Sabiha ging es lange schlecht, weil sie um Bruno trauerte. Im ersten Jahr dachte ich, sie würde es niemals verwinden. Ich frage mich, ob sie es ohne Houria geschafft hätte. Sie wird ihn bestimmt nie vergessen, aber inzwischen kann sie mit dem Verlust umgehen. Wir sprechen nicht darüber. Was sie seinetwegen empfindet, behält sie für sich. In Moruya haben wir fünf ziemlich harte Jahre verbracht. Bis ich vom Lehrermangel in Melbourne hörte. Den Rest kennst du.«
John verstummte wieder, und ich dachte, jetzt hätte ich wirklich alles gehört. Ich wollte ihn gerade fragen, ob Sabiha wusste, dass er mir ihre Geschichte erzählt hatte, als er mich ansah und sagte: »Als du die ersten Male samstags in der Backstube aufgetaucht bist und ich dich später in der Bibliothek traf, wusste ich nicht, wer du bist. Dann habe ich mir tagsüber eine Wiederholung der Book Show angesehen und dabei erfahren, dass du Schriftsteller bist. Ich hatte deinen Namen schon mal gehört, aber noch keines deiner Bücher gelesen. Und als ich an diesem Samstag im Schwimmbad neben dir stand, an der seichten Beckenstelle, dachte ich mir, das ist ein Zeichen. Danach habe ich dich auf einen Kaffee eingeladen, erinnerst du dich?«
»Der Chlorwasser-Kaffee«, sagte ich. »Ja, ich erinnere mich.«
»Ich wollte die Bekanntschaft mit dir nutzen.«
»Wie meinst du das?«, fragte ich, obwohl ich es zu wissen glaubte. Sein Bedürfnis, sich das Vergangene von der Seele zu reden, um mit seinem Leben voranzukommen, war offenkundig gewesen.
»Ich glaubte nicht so recht, dass unsere Geschichte jemanden interessieren könnte. Aber ich hatte nichts anderes. Mehr hatte ich nach sechzehn Jahren in Paris und fünf vergeudeten Jahren in Moruya nicht im Gepäck. Darum wollte ich unsere Geschichte an dir ausprobieren. Du hast es ja selbst gesagt, du warst mein idealer Zuhörer. Und dein Interesse hat mich ermutigt, die Geschichte zu Papier zu bringen. Nach jedem Treffen schreibe ich zu Hause noch stundenlang auf, was ich dir erzählt habe.« Er wartete meine Antwort ab.
Ich schwieg.
»Ich bin dafür immer bis zwei, drei Uhr morgens aufgeblieben. Wenn man einmal begonnen hat, ergibt sich alles andere wie von selbst, nicht wahr? Inzwischen habe ich fast eine komplette erste Fassung beisammen.«
»Das ist gut«, sagte ich. »Möchte nicht jeder mal seine Lebensgeschichte festhalten?«
»Ich bin zum Schriftsteller geworden, Ken.«
Er meinte es offensichtlich ernst.
»Jetzt ergibt mein Leben einen Sinn. Dafür möchte ich dir danken.«
»Ich habe doch bloß zugehört«, sagte ich.
»Unsere Geschichte stand schon in meinem Herzen geschrieben. Was mir fehlte, war der Mut, sie zu Papier zu bringen. Und du hast mir Mut gemacht.«
Das hörte sich recht feierlich an. Ich sagte so etwas wie: »Das sind ja tolle Neuigkeiten, John. Viel Erfolg!« Und dann schüttelte ich ihm die Hand.
»Ich bitte dich nicht, ein gutes Wort für mich einzulegen, damit ich es veröffentlichen kann. Darum werde ich mich schon selbst kümmern. Es ist noch nicht fertig. Ich möchte es dir widmen.« John grinste. »Ich hoffe, das ist dir nicht unangenehm?«
Es würde mir schmeicheln, sagte ich.
»Ich nehme an, du steckst selbst mitten in einem Projekt?«, fragte er.
»Ich habe ein Konzept für ein neues Buch.«
»Ist es schon richtig ausgearbeitet?«
»So ziemlich.«
»Ich stehe dir gern zur Verfügung, wenn du darüber reden möchtest. Ich bin vielleicht nicht der ideale Zuhörer, aber du kannst es ja mal mit mir versuchen.«
»Ich weiß das Angebot zu schätzen«, sagte ich, »aber im Moment möchte ich lieber nicht darüber reden, sei mir nicht böse.« Ich sah ihm in die Augen. »Aus Erfahrung weiß ich, dass man eine Geschichte gerade dann verliert, wenn man sie erzählt.«
Er lachte nervös. »Ich habe meine Geschichte gerade dadurch gefunden.«
Insgeheim dachte ich: Das werden wir ja sehen, aber ich sprach es nicht aus.
Wir schwiegen noch eine Weile, und dann sagte er: »Jetzt weißt du praktisch alles, was es über mich zu wissen gibt, und ich weiß praktisch nichts über dich.«
»Da gibt es nicht viel zu wissen. Mein Leben steckt in meinen Büchern«, antwortete ich und ging hinein ins Café, um unsere Getränke zu bezahlen.