Auf den Tag genau zwei Wochen nachdem sie Bruno verführt hatte, wachte Sabiha nachts auf, weil sie Blut heraussickern spürte. Sie wusste auf Anhieb, dass es keine Fehlgeburt, sondern ihre Periode war. Der Schock ließ sie ganz starr werden. Ihr Körper hatte sie im Stich gelassen. Das Blut drang durch ihr Nachthemd, tränkte das Laken, spülte ihr die elenden Folgen ihres Scheiterns aus dem Leib. Es kam ihr vor wie ein Hohn. Sie fühlte sich beraubt. Besiegt. Es war alles umsonst gewesen. Sie hatte verloren.

Sie wollte weinen und fluchen und in lautes Geheul ausbrechen, wollte am liebsten etwas Kostbares zerstören, um diesen entsetzlichen Schmerz zu bannen und ihn für immer los zu sein. Sie wünschte sich den Tod. Die barbarischen Götter, denen sie Tür und Tor geöffnet hatte, trieben mit ihr grausame Späße. Für diese Götter war sie nur eine von vielen verzweifelten Frauen. Sie war keine Kriegerin, sondern ein Opfer. Sie hatte keinen Löwen getötet. Mit was für einer lachhaften Arroganz hatte sie sich eingebildet, jene Heldin aus dem Lied ihrer Großmutter zu sein!

John berührte Sabihas Schulter, er hob ihre Haare hoch und küsste ihren Nacken. Seine Lippen fühlten sich warm an. »Zeit zum Aufstehen, Liebling«, mahnte er leise.

In völliger Verzweiflung verkroch sie sich unter die Decke.

»Komm schon, steh auf!« John lachte etwas gezwungen. »Du wirst faul auf deine alten Tage«, neckte er sie.

Sie schob seine Hand weg und vergrub sich noch tiefer. »Heute gehst du mal zum Markt.«

Er versuchte, ihr die Decke vom Gesicht zu ziehen.

»Mir geht es nicht gut! Darf ich nicht ausnahmsweise mal krank sein? Nur dieses eine Mal?«

»Soll ich den Arzt holen?«, fragte er sanft.

»Bitte, John! Lass mich einfach in Ruhe!«

Er streifte sich einen Pullover über den Pyjama und ging nach unten.

Während er allein in der kalten Küche stand, nahm er sich fest vor, mit ihr Geduld zu haben. Er durfte ihr seine Unterstützung nicht versagen. Er zündete ein Streichholz an und fixierte die Flamme, als gelte es, im Dunkeln nach etwas Verborgenem oder Verlorenem zu suchen. Als die Gasflamme brannte, setzte er Milch auf und wärmte sich die Hände über dem Topf. Andrés Katze kam durch die Hintertür und rieb sich an seinen Beinen. Ihr Fell war noch feucht und kalt von der Nacht. Sie miaute, und als er sich bückte, um sie zu streicheln, fing sie an zu schnurren und schmiegte ihren harten kleinen Kopf an seine Hand. Sobald die Milch angewärmt war, goss er etwas davon in eine Untertasse und stellte sie auf dem Boden ab.

John sah zu, wie die Katze die Milch aufleckte. »Was soll ich nur tun?« Nach einer Pause fuhr er fort: »Als Junge hatte ich auch eine Katze.« Seine Katze war achtzehn Jahre alt geworden. Am liebsten hatte sie Tips Schnauze zwischen ihren Pfoten gehalten und sie abgeleckt. Tip genoss das immer mit geschlossenen Augen. Die Katze – sie hatte keinen Namen gehabt – war ein großes Weibchen mit rotem Fell und schläfrigen grünen Augen gewesen. Sie folgte ihm und Tip überall auf der Farm, aber den Bach überquerte sie nie. Während er mit Tip weiterlief, blieb die Katze am Ufer sitzen, wie eine Hausfrau und Mutter, die auf die Heimkehr ihrer Lieben wartet. Wenn er und der Hund abends zurückkamen, saß sie immer noch da. John hatte sie aus einem Wurf wilder Kätzchen gerettet, den sein Vater im Brombeerdickicht am hinteren Ende des Schweinegeheges gefunden hatte. Die anderen Kätzchen hatte sein Vater in einen Zuckersack gesteckt und schwungvoll auf den Amboss im Schuppen niedersausen lassen. Abends schaute John gern von der Veranda aus zu, wenn seine Katze Kaninchen auflauerte, flach im Kikuyugras ausgestreckt, gleich neben dem Brombeerdickicht, in dem sie geboren worden war. Er beobachtete, wie sie sich mit einem hohen Satz auf ein ausgewachsenes Kaninchen stürzte und ihm mit ihren kräftigen Kiefern das Genick brach. Dann brachte sie ihre Beute heim, verhackstückte sie unter dem Ständer des Wasserbehälters und brachte Tip eine Portion auf die Veranda, sie legte ihr das warme Fleisch vor die Schnauze und schob mit der Pfote nach. Als die Katze starb, wickelte John sie in seinen schönsten Pullover und begrub sie unter dem Orangenbaum neben den Viehkoppeln. Er weinte um sie, während Tip ihm zusah. Die Überreste der Katze lagen sicher noch dort. Tips Tod war weniger beschaulich gewesen, und daran wollte John im Moment lieber nicht denken. Es war einfach zu traurig. John dachte nie gern an traurige oder tragische Dinge.

Der Kaffee kochte. Seine Mutter hatte die Hündin wegen ihrer weißen Schwanzspitze Tip genannt. John hingegen hatte seinen Tieren keine Namen gegeben. Das alte Pferd seines Vaters, ein großer schwerfälliger Wallach, hieß Beau. Er furzte gern. Er furzte oft. Wenn Johns Vater Beau beim Ritt das Bachufer hinauf anspornte, gab das Pferd eine Reihe gewaltiger Winde von sich. Sie stanken zum Himmel. Der Gestank hätte einem den Kopf von den Schultern reißen können, wäre man Beau zu dicht gefolgt.

Als John Kaffee und Milch in die Schalen goss, hatte er den Geruch von Beaus Fürzen in der Nase.

Plötzlich fiel ihm die Geschichte ein, die André ihm kürzlich erzählt hatte. Seine Frau Simone war mittlerweile fünfundsechzig und hatte die Wechseljahre längst hinter sich. »Sie hat versucht, mich umzubringen«, sagte André damals. Er saß pfeiferauchend auf dem Dollbord seines Bootes und spähte ins dunkle Wasser. »Ich wollte gerade die Tür hinter ihr schließen, als Simone sie mit einem Ruck wieder aufstieß, die Tür knallte mir gegen die Brust und ich fiel im Flur zu Boden. Da trampelte sie schreiend mit den Füßen auf mir herum. Später, als sie mit den Einkäufen zurückkehrte, fragte sie mich, ob ich zum Abendessen lieber Huhn oder Kalb essen wollte. Ohne ein Wort über ihre Attacke zu verlieren. Und ich traute mich nicht, sie danach zu fragen, weil ich Angst hatte, dass sie dann wieder loslegen würde. Ich war am ganzen Körper mit blauen Flecken übersät. Erst Monate später erklärte sie mir eines Abends, als wir beide vor dem Fernseher saßen: Es hat mich irgendwie überkommen. Mehr hat sie dazu nie gesagt.« André warf John einen Blick zu und fügte munter hinzu: »Hoffen wir mal, dass dir so was mit Sabiha erspart bleibt.« Lachend zog er an seiner Pfeife.

*

Während Sabiha oben im alten Ehebett von Houria und Dom lag und das Blut aus ihr heraussickerte, kam ihr der Begriff besudelt in den Sinn. Alles – dieses Bett, Johns und ihre Liebe, ihre gemeinsamen Erinnerungen, ihr Körper. Alles war besudelt. Johns und ihr Leben. Sie stand auf, holte eine frische Unterhose sowie eine Binde aus der obersten Kommodenschublade, zog beides an und legte sich wieder ins Bett.

Als John ins Zimmer trat, lächelte er sie an und stellte das Tablett mit den dampfenden Kaffeeschalen auf den Nachttisch. Dann setzte er sich an den Bettrand und strich ihr übers Haar. »Du warst noch nie krank«, stellte er fest. Wie zum Segen ließ er die offene Hand auf ihrem Kopf ruhen.

Nach einer Weile stand John auf und trat ans Fenster. Er konnte einen der Kavi-Brüder im Eckladen sehen. Die beiden arbeiteten Tag und Nacht. Irgendwann würden sie als Millionäre nach Indien zurückkehren. Der junge Mann lehnte neben der Registrierkasse am Tresen und las Zeitung. Zwischendurch straffte er die Schultern und blätterte weiter. Er rauchte eine Zigarette, eine offene Colaflasche in Reichweite. Es gab noch keine Kundschaft. Die Straße war verwaist.

»Sollte dir jemals etwas zustoßen«, sagte John, »würde es für das Café das Aus bedeuten.«

Regen hatte eingesetzt. Der Inder neben der Kasse gähnte, richtete sich auf und kratzte sich im Schritt, dann lehnte er sich wieder an, trank einen Schluck Cola aus der Flasche, gähnte noch einmal und blätterte weiter in der Zeitung.

John wandte sich Sabiha zu. Sie hatte zwar die Augen geöffnet, aber sie rührte sich nicht. »Brauchst du vielleicht einen Arzt?«

Halb unter der Decke versteckt, stieß sie hervor: »Würdest du bitte einfach gehen und die Einkäufe erledigen und mich in Ruhe lassen?«

»Trink wenigstens deinen Kaffee, bevor er kalt wird.« John spürte, wie er von Kummer übermannt wurde. »Du musst mir noch eine Liste schreiben.« Er zog sich im Dämmerlicht an, bevor er nach unten ging, um Stift und Papier zu holen.

Als er ins Schlafzimmer zurückkehrte, saß Sabiha aufrecht im Bett, mit angewinkelten Knien, und umfasste mit beiden Händen ihre Kaffeeschale. Sie sah erschöpft und abgespannt aus. Anstatt zu trinken, hielt sie die Schale mit geschlossenen Augen fest, als enthielte sie ein Trankopfer, das Sabiha ihren Göttern darbringen wollte.

John wäre gern bereit gewesen, ein Kind zu adoptieren, aber davon wollte sie partout nichts hören. Sie wollte nur ihr eigenes Kind. Plötzlich kam ihm der Gedanke, dass im ach so vertrauten Ausdruck Wechseljahre eine verborgene Kraft und Bedeutung steckte. Er hatte noch nie darüber nachgedacht, bis André ihm seine Geschichte erzählte. Setzten sie immer so jäh und heftig ein wie bei Simone? Oder gab es vielleicht warnende Vorzeichen? Seltsame Launen, beispielsweise. Grundlose Anfälle blinder Wut.

Ihm stand ein Bild vor Augen: Sabiha in der Ferne, am äußeren Rand eines Weizenfelds, jenseits der hohen reifenden Ähren, einzig ihr Kopf und ihre Schultern waren zu sehen. Sie war allein, in Gedanken versunken. Ihr war nicht bewusst, dass er sie beobachtete. Es war, als betrachtete er ein Gemälde. Die Sonne strahlte, die Wolken waren weit weg, nichts deutete auf einen Umschwung hin. Mein schöner Mann, hatte sie ihn einmal genannt. Damals brauchte er nur ihren Fuß unter dem Tisch eines beliebigen Cafés mit seiner Schuhspitze zu berühren, schon seufzte sie und ergriff seine Hand und flüsterte ihm atemlos zu, er möge ihre Brüste liebkosen. Waren sie inzwischen gezwungen, die Stimme zu erheben, sich gegenseitig anzuschreien, um die wachsende Kluft zu überwinden? Ach, du bist das! John Patterner. Mein Gott, ja, jetzt fällt mir alles wieder ein. Na klar. Der Mann, den ich geheiratet und mit dem ich so viele sinnlose Jahre in diesem dämlichen Café in der Rue des Esclaves verbracht habe. Wie erbärmlich mir das jetzt alles vorkommt. Wie mies und beengt unsere Existenz war. Wie nichtig unser Leben. Wir haben unsere Zeit verschwendet. Sieh uns doch an. Wir waren immer fremd hier, du und ich. Und erst jetzt erkennen wir nach und nach die Wahrheit. Sabihas bitteres Lachen über das absurde Paar, das sie einst waren, ihr körperlicher Ekel, die Art, wie sie ihn zurückwies, ihr gemeinsames Leben preisgab, ihre Erinnerungen in den Wind schlug. Am Ende entpuppte sich alles als wertlos. Fass mich nicht an, John! Ohne sie, ohne die sechzehn Jahre ihres Zusammenlebens wäre er tatsächlich ein Nichts. Hätte er in seinem Leben nichts zustande gebracht.

Während er ein weiteres Mal aus dem Fenster schaute und den jungen Mann im hell erleuchteten Eckladen sah, dachte John, dass Sabihas Wechseljahre sie beide womöglich vernichten würden. Die Wahrheit würde ans Licht kommen und ihnen ihre Nichtswürdigkeit enthüllen.

Er ging wieder zum Bett und setzte sich neben Sabiha. Behutsam legte er ihr seine Hand auf die Wange. Sie fuhr zusammen. »Ich liebe dich«, sagte er. Hatte seine Stimme gerade ängstlich geklungen?

Sie trank einen Schluck Kaffee und atmete tief ein. Ihr Versuch, ihn anzulächeln, scheiterte kläglich. »Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist«, sagte sie. »Wenn ich es wüsste, würde ich es dir sagen.« Nun hatte sie ihm auch noch ins Gesicht gelogen. Konnte sie ihm denn gar nichts ersparen?

Sie sahen sich wortlos an.

Für einen flüchtigen Augenblick wäre es John und Sabiha möglich gewesen, sich gegenseitig um den Hals zu fallen und um Verzeihung zu bitten. Es wäre ihr möglich gewesen, ihm alles zu erzählen, und es wäre ihm möglich gewesen, sie zu verstehen und ihr zu verzeihen. Doch der Augenblick verflog, bevor sie ihn ergreifen konnten, wie der Schatten einer Wolke, die über ein Weizenfeld hinwegeilt.

»Du solltest jetzt los«, sagte Sabiha. Sie legte ihre Hand auf seine. »Sonst wird es zu spät.«

Als er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, dachte sie, dass sie lieber sterben wollte als eine unfruchtbare Ehefrau zu sein. Der Gedanke an den eigenen Tod beruhigte sie. Er war immer gegenwärtig. Er wartete auf sie und könnte jederzeit erfolgen, wenn sie bereit wäre. Bereit wie ihr Vater, der seinen nahenden Tod akzeptiert hatte, ruhig, würdevoll und sogar heiter. War der Wunsch zu sterben etwa weniger berechtigt als der Wunsch zu leben? Wer wollte sich anmaßen, einem anderen den Tod zu versagen? Der Tod ist so heilig wie das Leben, dachte sie. Man sollte ihm mit Ehrfurcht begegnen und ihn freudig willkommen heißen. Das, was man zuletzt akzeptierte, im Stillen, ganz für sich.

Sabiha schlief wieder ein und träumte von ihrer Heimat, vom Wind, der die Stromkabel vor dem Hof zum Klingen brachte, von den Umrissen des alten Amphitheaters, die im Staub dunkel aufragten wie ein Trugbild. Vom Haus ihres Vaters.