Am Freitag suchte sie Bruno nicht wie versprochen an seinem Marktstand auf. Sabiha ging gar nicht zum Markt, um ihm nicht versehentlich in die Arme zu laufen. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, ihm und seinem Schmerz gegenüberzustehen oder vom Widerstreit ihrer eigenen Gefühle überwältigt zu werden. Ohnehin war sie sehr angespannt und tat nachts kaum ein Auge zu. Als es wieder Dienstag wurde, hielt sie den Atem an, doch Brunos Tomatenlieferung blieb aus. Beim Mittagessen brachte sie keinen Bissen herunter und schob ihren Teller beiseite.
John fragte sie sanft, ob alles in Ordnung sei.
Sabiha ärgerte sich über seine Frage. Sie schloss die Augen, als die Wut in ihr hochschoss.
Er sah sie forschend an. »Ich habe mich auf dem Markt umgehört.«
Sie schlug die Augen wieder auf. »Weswegen?«
»Bruno ist vorzeitig nach Hause gegangen. Vielleicht hat er auch seine Runde gedreht. Niemand konnte mir sagen, was mit ihm los ist.« John trank einen Schluck Wein. »Es ist allen ein Rätsel. Aber wie du schon sagtest: Bruno ist nicht der einzige Tomatenhändler, den wir kennen.« Er lächelte, doch sie gab ihm keine Antwort.
*
Am Sonntagnachmittag war das Wetter kühl und feucht. John wollte mit André angeln gehen. Er küsste Sabiha auf die Wange und trat durch den Perlenvorhang. Sie folgte ihm mit den Augen, während er den Speiseraum durchquerte. Unter dem blauen Parka trug er einen dicken braunen Rollkragenpulli, als versuchte er so auszusehen wie ein richtiger Meeresfischer.
Kaum hatte John die Eingangstür erreicht, drehte er sich um und winkte ihr zum Abschied. Sabiha hatte das Gefühl, dass ihr der Schädel platzte. Sie brüllte: »Mit mir ist alles in Ordnung. Mit dir stimmt etwas nicht!«
John trat auf die Straße und zog die Tür hinter sich zu.
Hatte er sie eigentlich gehört? Hatte er nur so getan, als hätte er sie nicht gehört? Am liebsten wäre sie ihm hinterhergerannt und hätte ihn zu einer Reaktion gezwungen, hätte ihm ins Gesicht gebrüllt: Mit dir stimmt etwas nicht, John!
Sie blieb im Durchgang stehen, bis ihr Zittern aufgehört hatte. Sie war froh, ihn angeschrien zu haben. Es konnte nicht schaden, die Wahrheit einmal auszusprechen. Mit ihm stimmte ja wirklich etwas nicht. Verzweifelt blickte sie sich im verwaisten Speiseraum um. Sie hatte John betrogen. Sie konnte nicht offen mit ihm sprechen. Sie war ganz auf sich zurückgeworfen. Sie hatte sich selbst isoliert. Vor Anspannung wurde ihr übel.
*
Am Abend lag sie unruhig neben ihm im Bett, während er wie üblich las. Seit Monaten schon schien er über dem gleichen Buch zu hängen, eine alte Schwarte mit rotem Einband. Etwa jede Minute blätterte er eine Seite um. Das Blättergeräusch reizte bei Sabiha einen offenbar besonders empfindlichen Nerv. Lauernd lag sie da, zählte die Sekunden, wartete darauf, dass er die nächste Seite umblätterte. Es war nicht zu ertragen. Um ihre schreckliche Anspannung zu lösen, drehte sie sich zu ihm und fragte: »Warum hast du nicht reagiert, als ich dich heute Morgen angeschrien habe?«
Auch jetzt dauerte es eine Minute, bis er von seinem Buch aufsah und nachdenklich sagte: »Ich war mir nicht sicher, ob ich dich richtig verstanden hatte.« Er lächelte. »Vermutlich hast du recht, Liebling. Mit mir stimmt wohl etwas nicht.« Lachend nahm er seine Lektüre wieder auf.
Sie drehte sich zur Wand.
Später, als er das Buch zuklappte und ihren Nacken küsste und ihr zärtlich gute Nacht wünschte, fiel es ihr schwer zu antworten. Was konnte diesen Mann überhaupt aus der Ruhe bringen? Und legte sie es tatsächlich darauf an? Wollte sie vielleicht einen Streit vom Zaun brechen, als Vorwand, um ihm in einem Anfall rasender Wut alles zu beichten? Leichter Schweiß bildete sich auf ihrer Haut, und Sabiha fröstelte. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie ihn und sich ins Unglück stürzen. Aber sie konnte eben keinen klaren Gedanken fassen. Sie hatte keine Vorstellung davon, wie es weitergehen sollte. Vor lauter Sorge und Angst pochte ihr das Blut in den Ohren. Im Versuch, sich zu entspannen, atmete sie ganz langsam ein und aus. Neben ihr war bereits Johns leises Schnarchen zu hören. Wie konnte er nur so blind sein und so sorglos?
Sollten andere Frauen von meiner Geschichte erfahren, werden sie mich verurteilen, dachte sie. Abgesehen von ihrer Großmutter und den Urahninnen. Die würden sie bestimmt nicht verurteilen. Sie würden sie in ihre Mitte aufnehmen und den Anklägerinnen trotzen und sie beschützen. Die Berberfrauen waren schon immer stolz und selbstbewusst gewesen und hatten den Männern Respekt eingeflößt. Bis zum heutigen Tage verweigerten sie den Schleier, denn sie zogen es vor, ihrem Gegenüber unverhüllt ins Angesicht zu schauen. Diesen Widerstandsgeist habe ich geerbt, dachte Sabiha. Er liegt mir im Blut. John hat kein Fünkchen dieses Geists. Sein Blut ist kühl und ruhig. Meines kocht.
Sie war nicht die erste Frau, die sich zu einem anderen Mann begeben hatte, um ein Kind zu empfangen. Wäre ihre Großmutter noch am Leben gewesen, hätte sie Sabiha viele Ehefrauen nennen können, die still und leise diese heikle Lösung gewählt hatten. Plötzlich fragte sie sich, ob es für eine Befruchtung unabdingbar war, dass die Frau mit dem anderen Mann Lust empfand. Was hätte ihre Großmutter wohl dazu gesagt?
John schnarchte zufrieden weiter, als wäre zwischen ihnen alles in bester Ordnung. Sie streckte den Arm aus und nahm sein Buch vom Nachttisch. Der Titel lautete Benvenuto Cellini. Mein Leben. Der Umschlag war fleckig und gewellt. John hatte das Buch auf dem Flohmarkt gekauft, den man auf dem Gelände eingerichtet hatte, auf dem früher Pferde geschlachtet wurden. Wozu las er das? Wer sonst las diese vergessenen Bücher? John sprach nie über das, was er gelesen hatte. Er bewegte sich im Schlaf, und sie sah ihn an. Er war ihr in bedingungsloser Treue verbunden. Sie konnte sich auf seine Liebe verlassen, seine Lauterkeit, seine Bescheidenheit und Zurückhaltung, und natürlich auf seine so unerschöpfliche wie unerträgliche Geduld und Nachsicht. Nachsicht mit ihr, mit dem Leben, sogar mit dem Weinhändler. Sabiha konnte sich John gut als Lehrer vorstellen, wie er heiter-gelassen mit ungezogenen Kindern umging, wartete, bis sich alle beruhigt hatten und ihn erwartungsvoll ansahen. Bei seinen Schülern dürfte er beliebt gewesen sein. Er nahm sie ernst. Behandelte sie gut. Diesen Fremden, ihren Mann, neben sich schlafen zu sehen, stimmte sie traurig. Furchtbar traurig. Sie legte das Buch vorsichtig auf seinen Nachttisch zurück, stand auf und ging nach unten.
In der Küche öffnete sie die Hintertür und blickte auf die verlassene Gasse hinaus. Über den Dächern schwebte der gelbe Schein der geheimnisumwitterten Großstadt. In all den Jahren in Vaugirard hatten sie Paris niemals richtig kennengelernt. Das Paris, in dem sie lebte, hatte nichts mit dem Paris zu tun, von dem die meisten Menschen träumten. Jene schöne romantische Metropole hätte von ihr aus gesehen auch am anderen Ende der Welt liegen können.
In einem dunklen Winkel der Gasse lauerte Andrés Katze Mäusen auf. Sie fühlte sich von Sabiha sichtlich gestört.
Sabiha erschrak vor der übermächtigen Versuchung, John alles zu erzählen. Sie ging wieder hinein, schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Wäre sie gläubig gewesen, hätte sie ein Gebet gesprochen, für sie alle. Ihre Familie hatte der Religion abgeschworen. Mit Stolz. Geblieben waren nur ein paar Reste des Götterglaubens, der vom Volk ihrer Großmutter überliefert wurde. Ihr Vater hatte sich darüber lustig gemacht, aber liebevoll, niemals auf eine derbe Art, stets mit einem Lächeln, mit stillschweigendem Respekt. Sabiha war schon immer gespalten gewesen, hin- und hergerissen zwischen den Überzeugungen ihres Vaters und dem Glauben ihrer Großmutter. Es war ihr Schicksal, sich über die Konventionen hinwegzusetzen, um ihr Kind zu bekommen. Rückblickend wurde ihr klar, dass sie zu keinem Zeitpunkt eine andere Wahl gehabt hatte. Sie legte beide Hände auf ihren Bauch und flüsterte: »Mein Baby!« Tränen liefen ihr über die Wangen. »Hab keine Angst. Ich bin jetzt bei dir, mein Schatz.«