KAPİTEL 96
Zoe lebte nicht mehr, und nachdem auch Bischof Konstantinos und Palombara den Tod gefunden hatten, war Annas Kummer noch größer geworden. Die Angst in der Stadt nahm zu, während ihre Bewohner voll Bangnis auf weitere Nachrichten über die unmittelbar bevorstehende Invasion warteten.
Die Menschen hamsterten Lebensmittel und Waffen. Wer nahe der Stadtmauer lebte, lagerte Pech ein, um es anzuzünden und über dem Feind auszugießen, wenn er kam. Jeden Tag flohen mehr Bewohner, ein beständiger Strom solcher, die über die nötigen Mittel verfügten und wussten, wo sie unterkommen würden. Zurück blieben die Armen, die Alten und die Kranken – wie immer.
Fischer fuhren nach wie vor zum Fang aus, hielten sich aber dicht unter der Küste, kehrten vor Anbruch der Dunkelheit zurück, zogen die Boote an Land und stellten Wachen gegen Diebe auf.
Anna fuhr fort, Kranke zu behandeln, und stellte dabei fest, dass es immer mehr Verletzungen gab, weil die Menschen vor Angst und Unaufmerksamkeit ungeschickt wurden, wegen ihrer ständigen Anspannung und ihrer Furcht, von neuen Katastrophen zu erfahren, zu wenig Schlaf bekamen.
Zwar konnte sie körperliche Leiden behandeln, besaß aber kein Mittel gegen das, was allen bevorstand. Die große Bedrohung ließ sich nur dadurch ignorieren, dass sie sich beständig um die kleinen Pflichten kümmerte, die sie zu erfüllen hatte.
Jetzt gab es nur noch wenige Menschen, die ihr nahestanden. Nikephoros würde ebenso lange bleiben wie der Kaiser. Für beide war es undenkbar, dass sie die Stadt verließen.
Zu Leo sagte sie eines Abends nach dem Essen, das aus Fisch und Gemüse bestand: »Wenn die Kreuzfahrerflotte einläuft, ist es zu spät. Für Ioustinianos haben wir alles getan, was wir konnten. Ich würde mich wohler fühlen, wenn ich wüsste, dass du in Sicherheit bist. Ich kann mich um mich selbst kümmern.«
Leo legte seine Gabel hin und sah sie vorwurfsvoll an. »Erwartet Ihr das von mir?«, fragte er.
Sie sah auf ihren Teller. »Ich mache mir Sorgen um dich, Leo. Ich möchte, dass du in Sicherheit bist. Ich hätte ein entsetzlich schlechtes Gewissen, wenn du leiden müsstest, weil ich dich hergebracht habe.«
»Ich bin freiwillig mit Euch gekommen«, gab er schnell zurück.
Sie hob den Blick und sah ihn an. »Nun, dann würde ich tiefen Kummer empfinden, falls dir etwas zustieße.«
»Und was ist mit Simonis?«, fragte er. Sie kam nach wie vor zwei oder drei Mal die Woche, wenn sie wusste, dass Anna nicht im Hause war. Man hätte glauben können, dass sie die Straße im Auge behielt und wartete, bis Anna fortging.
Anna erkannte Mitgefühl und Besorgnis auf Leos Zügen und schämte sich, dass sie nicht schon früher an seine Einsamkeit gedacht hatte. Er und Simonis hatten ihr gesamtes Erwachsenenleben hindurch im selben Haus gelebt und gearbeitet. Sicherlich fehlte ihm Simonis, und er hatte Angst um sie.
»Entschuldigung«, sagte Anna. »Wenn es zu einer Invasion kommt … sollte sie … sollte sie bei uns sein. Frag sie bitte, ob sie nicht zurückkommen will, es sei denn …« Sie hielt inne.
»Es sei denn?«, fragte er.
»Es sei denn, dass sie dort, wo sie sich jetzt befindet, in größerer Sicherheit ist«, beendete Anna den Satz.
Er schüttelte den Kopf. »In Sicherheit ist man bei den eigenen Leuten. Wer alt ist, stirbt besser zusammen mit seinen Angehörigen, als dass er sich davonmacht und unter Fremden lebt.«
Drei Tage später kam Simonis zurück.
Anna nutzte eine kleine Atempause bei der Versorgung ihrer
Patienten zu einem erneuten Besuch der Hagia Sophia. Dabei ging es
ihr weniger um die Messfeier als darum, die unvergleichliche
Schönheit des Baus auf sich wirken zu lassen, solange noch eine
Gelegenheit dazu bestand.
Während sie bedächtig die Goldmosaiken betrachtete, die Madonnen von einzigartiger Schönheit mit ihren schräg geschnittenen Augen und die düster wirkenden Gestalten Christi und seiner Jünger, dachte sie an Zoe und empfand einen Kummer, dessen Tiefe sie erstaunte. Ohne diese Frau fehlte Byzanz etwas, ohne sie war das Leben grauer geworden.
»Ihr könnt Euch wohl nicht recht entscheiden, ob Ihr auf die Männerseite oder auf die Frauengalerie gehört, Anastasios?«
Sie fuhr herum und sah Helena, die nur wenige Fuß von ihr entfernt stand. Sie trug eine prächtige dunkelrote Tunika und eine nahezu purpurfarbene goldgesäumte Dalmatika. Niemand, der nicht dem regierenden Kaiserhaus angehörte, würde es wagen, Kleidungsstücke zu tragen, die sich dieser Farbe so sehr annäherten.
Anna wollte eine scharfe Antwort geben, doch der Anblick des Mannes hinter Helena erstickte diese Absicht im Keim. Sie kannte sein Gesicht, auch wenn sie ihn mindestens zwei Jahre lang nicht gesehen hatte. Es war Esaias, außer Dimitrios der einzige der am Mordkomplott beteiligten Männer, dem nie ein Haar gekrümmt worden war.
Was wollte dieser in dunkle Rottöne gekleidete Mann hier mit Helena in der Hagia Sophia – und warum trug sie eine Farbe, die der dem Kaiser vorbehaltenen in herausfordernder Weise ähnlich sah? Helena Komnena, Zoes Tochter, die der Kaiser gezeugt hatte. Sie hatte Dimitrios nicht geheiratet. Wenn der kaiserliche Name alles war, was sie von ihm wollte, wäre das jetzt ohnehin sinnlos, denn in wenigen Wochen würde sich Charles von Anjou des Thrones bemächtigt haben und könnte jeden beliebigen Mann seiner Wahl daraufsetzen.
Nikephoros hatte angenommen, dass er dafür seinen Schwiegersohn ausersehen hatte – aber sicher war das nicht. Hegte der Franzose womöglich andere Absichten, wollte er den Ehrgeiz seiner Tochter zügeln, einen zuverlässigen Stellvertreter belohnen und sich zugleich von einem ihm nicht wohlgesinnten Volk eine Art Frieden erkaufen, indem er sich für eine Überläuferin entschied, eine Herrscherin aus dem Hause Palaiologos? Das wäre in der Tat ein durchtriebener Schachzug!
Auf keinen Fall durfte Helena in ihren Augen erkennen, was sie dachte. Sie musste rasch etwas sagen, was nicht zu höflich klang, weil sie sonst wissen würde, dass sich dahinter eine unausgesprochene Wahrheit versteckte.
»Ich habe gerade an Eure Mutter gedacht«, sagte Anna mit dem Anflug eines Lächelns. »Und daran, wie ich gesehen habe, dass Giuliano Dandolo die Grabplatte seines Urgroßvaters säuberte. Diese eine Rache ist ihr nicht gelungen. «
Helenas Gesicht verhärtete sich. »Reine Zeitverschwendung«, sagte sie kalt. »Sie war eine alte Frau, die in der Vergangenheit lebte. Ich lebe für die Zukunft, und im Unterschied zu ihr habe ich eine Zukunft. Aber was ist mit Euch? Für Euch ist hier bald kein Platz mehr. Ich weiß nicht, welche Verblendung Euch überhaupt hergeführt hat.«
Normalerweise hätte sich Anna davon tief getroffen gefühlt, doch ihre Gedanken überschlugen sich, weil sie fieberhaft überlegte, was Esaias und Helena zusammengeführt haben mochte. Sie erinnerte sich an seine Rolle bei der Verschwörung: Er hatte den jungen Andronikos mit der Absicht umgarnt, ihn ebenfalls zu töten.
Sofern Helena ein Bündnis mit Charles von Anjou plante, wie auch immer das aussehen mochte, war dann Esaias der Bote, der die Nachrichten zwischen den beiden überbrachte? Helena wäre nie so töricht, etwas, was ihr schaden konnte, schriftlich zu formulieren, und auf keinen Fall würde sie selbst solche Reisen unternehmen. Ganz davon abgesehen, hätte sie keinem der Männer vertraut, die mit Zoe in Verbindung gestanden hatten.
Helena wartete auf eine Antwort.
»Das ist jetzt ohnehin vorbei«, sagte Anna mit ruhiger Stimme.
Helena hob den Kopf ein wenig höher und schritt davon. Esaias folgte ihr.
Anna trat mit langsamen Schritten in eine der kleinen Seitenkapellen und senkte dort den Kopf. Ihre Gedanken waren fast wie ein Gebet.
Sie hob den Blick zu dem von einer Myriade winziger Goldsplitter umgebenen düsteren Gesicht der Muttergottes über ihr. Wenn sie Kaiser Michael etwas sagen konnte, was er nicht wusste, etwas, wovon er überzeugt war, dass es noch wichtig war, ließe sich vielleicht doch noch erreichen, dass er Ioustinianos begnadigte. Bei den Mönchen des Klosters auf dem Sinai mochte ein Brief des Kaisers nach wie vor Gesetzeskraft haben.
Welche Art von Beweis würde er haben wollen, damit er ihr glaubte? War er in diesen finsteren Zeiten möglicherweise eher zu einem letzten Gnadenakt bereit? Eventuell konnte es ihr doch gelingen.
Sie schloss die Augen. Heilige Maria, Muttergottes, vergib mir, dass ich voreilig aufgegeben habe. Vielleicht kannst du die Stadt nicht retten, dafür hätten wir selbst sorgen müssen. Aber hilf mir, Ioustinianos zu befreien … bitte.
Sie hob den Blick zu dem schönen Gesicht mit den kräftigen Zügen. »Ich weiß nicht, ob wir deine Hilfe verdienen, aber wir brauchen sie.« Dann wandte sie sich um und eilte rasch und lautlos Helena nach, damit sie Esaias nach dem Ende der Messe folgen konnte. Sie musste so viel wie möglich über ihn in Erfahrung bringen.
Während sie mit Leo und Simonis ein frühes Abendessen einnahm,
berichtete sie den beiden, was sie vermutete, weil sie auf ihre
Hilfe angewiesen war.
»Was soll ich tun?«, fragte Leo verwirrt.
»Ich muss wissen, ob Esaias Reisen unternommen hat«, gab sie zurück. »Ich kann nicht sagen, wohin, aber ich habe eine gewisse Vorstellung. Wenn sich ermitteln ließe, welche Schiffe er benutzt hat …«
»Ich werde herausbekommen, wann er fort war«, unterbrach Simonis sie.
Beide wandten sich ihr überrascht zu.
»Diener wissen solche Dinge«, sagte sie. »Das fällt doch auf, wenn jemand eine Reise unternimmt: Proviant und Kleidungsstücke werden zusammengepackt, vielleicht wird sogar ein Teil des Hauses geschlossen. Bei der Rückkehr hat er möglicherweise wertvolle Gegenstände für sich selbst, seinen Haushalt oder neue Kleidungsstücke mitgebracht. Seine Diener wissen bestimmt, wo er war. Einer von ihnen wird ihn ohnehin begleitet haben. Und auf jeden Fall wissen sie, wie lange er fort war.«
Leo sah Anna an. »Und was tun wir, wenn wir das wissen? «, fragte er finster. Seine Augen waren betrübt.
»Wir sagen es dem Kaiser«, gab sie zurück.
»Und er lässt Helena hinrichten«, sagte Simonis tief befriedigt.
»Eher lässt er sie insgeheim umbringen«, sagte Leo, bevor er sich Anna zuwandte. »Aber nicht, bevor sie ihm alles gesagt hat, was sie über Euch weiß – auch, dass Ihr eine Frau seid und ihn über Jahre hinweg getäuscht habt. Ihr habt ihn behandelt. Ihr werdet nicht ungestraft davonkommen – es kann Euch das Leben kosten. Wollt Ihr wirklich Ioustinianos’ Freiheit um den Preis Eurer eigenen erkaufen? « Seine Stimme war kaum hörbar. »Ich weiß nicht, ob ich bereit bin, Euch dabei zu helfen.«
Simonis blinzelte, sah zögernd Anna und dann Leo an. »Ich auch nicht«, sagte sie schließlich.
»Wollt Ihr nicht Helenas Plan vereiteln, wenn es um das geht, was ich vermute?«, fragte Anna. Als sie keine Antwort bekam, versuchte sie es erneut. »Wenn die Stadt erobert wird, kommen wir möglicherweise ohnehin um. Versucht es bitte für mich festzustellen.«
»Ihr müsst weiterleben!«, sagte Simonis zornig und unter Tränen. »Ihr seid Arzt. Denkt doch an all die Mühe, die sich Euer Vater gemacht hat, um Euch seine Kunst zu lehren.«
»Stellt es fest, damit ich es nicht selbst tun muss«, sagte Anna.
»Befehlt Ihr mir das?«, fragte Simonis.
»Würde das einen Unterschied machen? Falls ja, dann befehle ich es.«
Einige Tage später wusste Anna genug, um mit Sicherheit sagen zu
können, dass Esaias in Helenas Auftrag in Palermo und Neapel
gewesen war und Helena überzeugt war, die
Zusage des Königs beider Sizilien zu besitzen, dass sie als
Gemahlin des Kaisers, den er auf den Thron setzen würde, über
Byzanz herrschen sollte. Wegen ihrer Zugehörigkeit zu den
Kaiserfamilien Komnenos und Palaiologos wäre diese Thronfolge in
den Augen der Byzantiner rechtmäßig. Sie wäre Kaiserin – etwas, was
Zoe nie hätte erreichen können.
Anna suchte den Kaiserpalast auf, um mit Nikephoros zu sprechen. Sie stieg die Stufen empor und trat durch das riesige Tor ein. Die Waräger-Wachen kannten sie gut und verstellten ihr den Weg nicht. Wie oft noch würde sie ihn gehen können? War es womöglich an diesem Abend, an dem sich jenseits des Bosporus die Dunkelheit über Asien senkte, während die Reste von Sonnenlicht auf dem Wasser glitzerten, das letzte Mal?
Sie teilte Nikephoros’ Diener mit, dass sie dringend mit seinem Herrn sprechen müsse.
Da auch dieser sie von früheren Besuchen kannte, stellte er keine Fragen. Zehn Minuten später befand sie sich allein mit seinem Herrn in dessen Privatgemach. Der Raum sah noch genauso aus wie bei ihrem ersten Besuch, nur Nikephoros hatte sich verändert. Er wirkte stark gealtert und erschöpft. Unter seinen Augen lagen tiefe Ringe, und blau standen die Venen an seinen Händen hervor.
»Seid Ihr gekommen, Euch zu verabschieden?«, fragte er ohne den geringsten Versuch zu lächeln. »Ihr wisst, dass Ihr jederzeit gehen könnt. Ich bleibe beim Kaiser. Niemand außer Gott kann die Wunden heilen, die man uns zufügen wird. Ich würde mich freuen, wenn Ihr in Sicherheit wäret. Dieses Bewusstsein könntet Ihr mir zum Geschenk machen.«
»Vielleicht wird es ein Abschied.« Es fiel ihr schwerer, als sie gedacht hatte, und nur mit Mühe gelang es ihr, das Zittern in ihrer Stimme zu beherrschen. »Aber nicht deshalb bin ich gekommen, sondern weil ich Dinge über Helena Komnena in Erfahrung gebracht habe, die Ihr unbedingt wissen müsst.«
Er zuckte kaum wahrnehmbar zusammen. »Ist das jetzt noch wichtig?«
»Unbedingt. Ich habe Beweise dafür, dass sie mit Charles von Anjou in Verbindung steht und mit ihm Übereinkünfte getroffen hat.«
Nikephoros war verblüfft. »Was hätte sie ihm denn anzubieten? «
»Eine gewisse Legitimität. Eine Gemahlin aus dem Hause Palaiologos für die Kreatur, die er als kaiserliche Marionette auf den Thron von Byzanz zu setzen beliebt.«
»Keine von Michaels Töchtern würde ihrem Vater auf diese Weise in den Rücken fallen«, gab Nikephoros sogleich zurück.
»Eine eheliche Tochter sicher nicht – wohl aber eine uneheliche. «
In seinen ungläubig geweiteten Augen war aufdämmerndes Entsetzen zu erkennen. »Seid Ihr Eurer Sache sicher?«, stieß er hervor.
»Ganz und gar. Irene Vatatzes hat es mir gesagt. Sie hat es von Grigorios erfahren. Ihm hatte Zoe es gesagt. Genau genommen ist es aber unerheblich. Entscheidend ist, dass Helena es glaubt und Charles von Anjou sich dem womöglich anschließen wird.«
»Auf welche Weise halten die beiden Verbindung miteinander? Mit Briefen? Habt Ihr die?«
»So töricht würde sie nie sein. Unter vier Augen gesprochene Worte, ein Siegelring, ein Medaillon, Dinge, deren Bedeutung nur der versteht, der davon weiß. Der Vermittler all dessen war Esaias Glabas. Er gehörte zum Kreis der durch meinen Bruder Ioustinianos verhinderten Verschwörung zur Ermordung des Kaisers und ist als Einziger noch am Leben, wenn man von Dimitrios Vatatzes absieht, für den Helena anscheinend keine weitere Verwendung hatte.«
»Und seid Ihr gekommen, das dem Kaiser zu berichten?«
Ihre Hände verkrampften sich, ihre Muskeln schmerzten, ihr Atem ging schwer. »Ich hätte gern eine Gegenleistung dafür, denn Helena wird mich dem Kaiser verraten, und er wird mir nicht verzeihen, dass ich ihn hintergangen habe.«
Nikephoros biss sich auf die Lippe. Auf seinen Zügen lag Betrübnis. »Das stimmt. Was wollt Ihr, Anna? Die Freiheit für Euren Bruder?«
»Ja. Ein Begnadigungsschreiben des Kaisers würde das immer noch bewirken. Bitte.«
Nikephoros lächelte. »Das müsste möglich sein, aber Ihr dürft ihm in Bezug auf nichts die Unwahrheit sagen. Für dergleichen ist es jetzt zu spät. Ihr müsst ihm gestehen, dass Ihr eine Frau seid und ihn in der Absicht getäuscht habt, hinter die Wahrheit zu kommen und Ioustinianos’ Schuldlosigkeit zu beweisen.«
Sie merkte, wie alles in ihr kalt wurde. Es kam ihr vor, als bekomme sie nicht genug Luft. »Das kann ich nicht. Damit würde klar, dass ich auch Euch getäuscht habe, und das würde er Euch nie vergeben, denn Ihr hättet ihn davon in Kenntnis setzen müssen, woraufhin er mich hätte einkerkern lassen.«
»Ihr habt Recht – das hätte ich tun müssen«, stimmte er zu. »Aber ich glaube nicht, dass er uns jetzt hinrichten lässt. Es geht dem Ende zu, und ich diene ihm seit meiner Kindheit. Wir sind Freunde, soweit das überhaupt möglich ist. Ich nehme nicht an, dass er es sich leisten kann, sich in den letzten wenigen Monaten vor dem Untergang seines Reiches von einem Freund abzuwenden.«
»Dann … dann ist es wohl am besten, wenn wir es gleich tun«, sagte sie mit gebrochener Stimme.
Er sah sie eine Weile aufmerksam an und griff, als sie den Blick nicht abwandte, nach einer kleinen mit Goldemail verzierten Glocke.
Nahezu sogleich erschien einer der Waräger. Nikephoros gab ihm unter Todesandrohung den Auftrag, unverzüglich Helena Komnena vor den Kaiser zu bringen. Der Mann erbleichte und eilte davon, den Befehl auszuführen.
Mit den Worten »Wir haben viel zu besprechen, bevor Helena kommt«, führte Nikephoros Anna durch die vertrauten Gänge mit den beschädigten Standbildern. Sie merkte, dass sie am ganzen Leibe zitterte. Den Tränen nahe, überlegte sie, dass all das bald erneut zerstört würde und Männer dort herumtrampeln würden, die keinen Sinn für die Schönheit hatten und sich nicht im Geringsten vorzustellen vermochten, welche Erhabenheit des Geistes und des Herzens einst an diesem Ort geherrscht hatte.
Nur allzu bald erreichten sie den Audienzsaal des Kaisers. Nikephoros trat vor ihr ein, kam dann zurück und geleitete sie vor den Herrscher.
Sie verbeugte sich tief und vermied es, ihn anzusehen, bis er es ihr gebot. Sie erstarrte bis ins Mark, als sie den Blick hob und einen Greis vor sich sah. Dabei war Michael Palaiologos noch keine sechzig Jahre alt. Auf seinem Gesicht lag der Ausdruck eines Menschen, dessen Tage gezählt sind.
»Was gibt es, Anastasios?«, fragte er und musterte sie bedächtig. »Es scheint, Ihr seid gekommen, mir etwas zu sagen, was ich noch nicht weiß?«
»Ich bin nicht sicher, Majestät.« Sie zitterte am ganzen Leibe, und ihre Worte kamen ebenso unsicher, wie ihr Atem ging.
Nikephoros sprang ihr bei. »Majestät, Anastasios hat von einem Verrat erfahren, von dem wir nicht wissen, ob Ihr ihn zulassen oder verhindern wollt. Ohnehin ist nicht sicher, ob etwas daraus würde.«
»Um was für einen Verrat geht es, Anastasios? Glaubt Ihr, dass das jetzt noch von Bedeutung sein könnte?«
»Ja, Majestät.« Ihre Stimme zitterte, sie fror. »Helena Komnena hat Botschaften mit Charles von Anjou ausgetauscht. «
»Ach? Und was hat sie ihm mitgeteilt? Auf welche Weise er am besten in unsere Stadt einfällt? Wie er ihre Mauern zerstören kann, damit die Kreuzfahrer des Papstes noch einmal im Namen Christi mit Feuer und Schwert über uns herfallen können?«
»Nein, Majestät. Es geht um den neuen Kaiser, den er einsetzen will, wenn er die Stadt eingenommen und Euch sowie all jene getötet hat, die dem Reich und der Kirche treu ergeben sind. Ihm will er eine Gemahlin beigeben, deren Zugehörigkeit zu zwei kaiserlichen Häusern wie auch deren Erbe dafür sorgen, dass das Volk diesem Mann gehorcht. «
Michael beugte sich leicht in seinem Thronsessel vor, wobei die weißen Fäden in Haar und Bart im Licht der Öllampen schimmerten. »Was sagt Ihr da, Anastasios? Gebt gut acht, wen Ihr beschuldigt. Noch ist die Stadt nicht gefallen. Es mag schon sein, dass es bis dahin nur noch wenige Tage oder gar Stunden dauert, aber einstweilen bin ich in Byzanz nach wie vor Herr über Leben und Tod.«
Sie zitterte von Kopf bis Fuß. »Das ist mir bekannt, Majestät. Helena ist Witwe des Bessarion Komnenos und … außerdem Eure uneheliche Tochter von Zoe Chrysaphes. Das hat sie erst nach Irene Vatatzes’ Tod erfahren. Ihre Mutter hat es ihr nie gesagt.«
Der Kaiser blieb so lange reglos sitzen, dass sie zu fürchten begann, er habe einen Schlaganfall erlitten. »Woher wisst Ihr das, Anastasios?«, fragte er schließlich.
»Irene hat es mir auf dem Sterbebett gesagt«, flüsterte sie. »Sie wollte, dass Helena es erfuhr, um sich auf diese Weise an Zoe zu rächen, die Grigorios statt ihrer liebte.«
»Das klingt glaubhaft«, sagte er. »Und warum teilt Ihr mir das jetzt mit, unmittelbar vor dem Untergang?«
»Ich wusste nichts von Helenas Plan. Als ich sie aber kürzlich in der Hagia Sophia in einer nahezu purpurfarbenen Dalmatika gesehen habe, habe ich angefangen, nach Beweisen zu suchen.« Sie schluckte. »Die habe ich jetzt. Darf ich Eure Majestät um eine letzte Gnade bitten, solange Ihr sie noch gewähren könnt? Ihr habt selbst gesagt, dass Ihr die Macht über Leben und Tod in Händen haltet. Bitte gebt mir einen Brief, in dem Ihr meinen Bruder Ioustinianos Laskaris begnadigt, der wegen des Mordes an Bessarion Komnenos im Dornbuschkloster auf dem Sinai gefangen ist.«
»Er befindet sich dort, weil er an der Verschwörung zu meinem Sturz beteiligt war«, korrigierte Michael sie.
»Sie ist aber doch deshalb fehlgeschlagen, weil er Bessarion getötet hat, als ihm klarwurde, dass er die Mitverschwörer auf andere Weise nicht von ihrem Plan abbringen konnte«, hielt sie dagegen. Sie hatte nicht mehr viel zu verlieren.
Er spreizte seine Finger ein wenig. »Ioustinianos ist also Euer Bruder. Warum nennt Ihr Euch Zarides? Findet Ihr den Namen Laskaris zu gefährlich? Oder schämt Ihr Euch seiner?«
Während sie ihn ansah, wurde ihr bewusst, dass er ihr keinesfalls verzeihen würde. »Es ist nicht seine Schuld«, flüsterte sie. »Er hat nichts davon gewusst.«
»Wovon?« Er wartete. In wenigen Tagen konnten sie alle tot sein, dann wäre es zu spät. Sie dachte an Giuliano, den sie nie wiedersehen würde. Vielleicht war das auch gut so. Er würde ihr ebenso wenig verzeihen wie der Kaiser.
»Ich bin ein guter Arzt, Majestät, aber kein Eunuch«, sagte sie mit belegter Stimme.
Er begriff nicht.
»Ich bin eine Frau – mein Mann hieß Zarides. Auf die Welt gekommen bin ich als Anna Laskaris und habe den Namen nur mit großem Bedauern aufgegeben.« Sie spürte, wie ihr heiße Tränen in die Augen stiegen und ihre Kehle so eng wurde, dass das Atemholen sie schmerzte.
Im großen Saal war es so still, dass man das leise Geräusch hörte, mit dem einer der Waräger am anderen Ende des Saales vorsichtig von einem Fuß auf den anderen trat.
Michael lehnte sich zurück und sah Anna lange an. Dann begann er mit einem Mal haltlos zu lachen und konnte überhaupt nicht wieder aufhören.
Anna traute ihren Augen und Ohren nicht.
Dann stimmten die Waräger am Ende des Saals gehorsam in das Lachen ein, und Nikephoros lachte mit einer Erleichterung, die an Hysterie grenzte.
Mit Tränen in den Augen begann auch Anna zu lachen, doch es klang eher wie ein Schluchzen. Sie tat es nur, weil ihr keine Wahl blieb. Wenn der Kaiser lachte, hatten alle anderen Anwesenden pflichtschuldigst mitzulachen.
Ebenso plötzlich, wie er zu lachen begonnen hatte, hörte er wieder auf. Er richtete den Blick auf Nikephoros. »Und das hast du gewusst?«
Der Angesprochene errötete tief. »Nicht von Anfang an, Majestät. Als ich es erfuhr, wusste ich bereits, dass sie Euch nicht schaden würde. Ich habe ihr sogar mehr getraut als jedem anderen Arzt, sowohl wegen ihrer beachtlichen Fähigkeiten als auch wegen ihrer Treue zu Euch, auf die ich mich voll und ganz verlassen konnte.«
»Hm«, sagte Michael. »Du hast großes Glück, dass ich mich in dieser Galgenhumor-Stimmung befinde, sonst würde ich das nicht so lustig finden.«
»Danke, Majestät.«
»Warum hast du es überhaupt zugegeben, Nikephoros, und die Gefahr auf dich genommen, meinen Zorn zu erregen? Wenn du es für dich behalten hättest, hätte ich es bestimmt nicht erfahren.«
»Helena Komnena kennt die Zusammenhänge, Majestät. Gewiss wird sie nicht zögern, Euch das Geheimnis um den Eunuchen Anastasios zu offenbaren, um sich dafür zu rächen, dass er Euch ihren Plan verraten hat.«
»Ich verstehe.« Er lehnte sich wieder in seinem Thronsessel zurück. »Natürlich wird sie das tun.«
Er wandte sich erneut Anna zu. Der Blick seiner schwarzen Augen wirkte fasziniert. »Bestimmt seht Ihr als Frau gut aus. Ich kann mir vorstellen, dass Helena Euch hasst. Zoe konnte Euch gut leiden. Hat sie gewusst, dass Ihr eine Frau seid?«
»Ja, Majestät.«
»Das erklärt so manches, was mir eigenartig erschien. Wie byzantinisch das alles ist …« Seine Stimme brach vor Rührung, und seine Worte erstarben.
Anna senkte den Blick. Ihn jetzt anzusehen, wäre ungehörig gewesen. Reglos blieb sie so stehen, weil er sie noch nicht entlassen hatte.
Vor der Tür ertönten Geräusche, dann öffnete sie sich. Zwei Waräger brachten Helena herein. Wie in der Hagia Sophia trug sie eine nahezu purpurfarbene Dalmatika.
»Sie soll vortreten«, gebot Kaiser Michael.
Die Waräger führten sie vor den Thron, wobei sie sie fast schleppen mussten. Helenas Gesicht war gerötet, ihre kunstvolle Frisur hatte sich halb aufgelöst. Vermutlich hatte sie sich gegen ihre Festnahme gewehrt. Dies eine Mal lag in ihrer Wut ein Nachhall von Zoes Souveränität.
Einer der Waräger öffnete die Faust und ließ einen Ring, ein Medaillon und ein kleines Kästchen in den Schoß des Kaisers fallen.
Die aufgesetzte Gelassenheit wich aus Helenas Gesicht.
»Die Beweise für deinen Pakt mit Charles von Anjou«, sagte der Kaiser beherrscht.
Ihr Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. »Glaubt Ihr etwa dieser – Betrügerin da?« Sie wies mit dem Kopf zu Anna hin. Man sah ihr an, dass sie sich am liebsten losgerissen und auf sie gestürzt hätte. »Habt Ihr gewusst, dass Euer Arzt eine Frau ist, Majestät? Eine Frau wie ich, die sich schamlos an Eurem Körper zu schaffen gemacht hat? Und ihr glaubt Ihr mehr als mir?«
Der Kaiser musterte Anna von Kopf bis Fuß. »Bist du sicher, dass sie eine Frau ist?«, fragte er. Seine Stimme klang, als sei er neugierig.
Mit einem bösen Lachen stieß Helena hervor: »Natürlich. Reißt ihr die Tunika herunter, dann werdet Ihr es sehen.«
»Seit wann weißt du das?«, fragte er.
»Seit Jahren!«
»Und trotzdem hast du es mir nie gesagt? Warum nicht, Helena Palaiologa?«
Zu spät begriff sie ihren Fehler. Sie sah mit wilden Blicken um sich, wie ein Tier, das Blut und Tod wittert.
Er fuhr fort: »Sie heißt Anna Laskaris. Das heißt, sie hat kaiserliches Blut, wie du – oder ich. Sie hat es mir selbst gesagt. Aber sie ist ein glänzender Arzt, und das habe ich von ihr erwartet. Das – und Treue.«
Helena holte Luft, als ob sie etwas sagen wollte, begriff dann aber, dass sie damit nichts ändern würde, und atmete wieder aus.
Kaiser Michael machte eine rasche, kaum sichtbare Handbewegung, woraufhin sich die Waräger abwandten und Helena mit sich zogen. Sie ließ sich ein wenig zu Boden sinken, als könne sie sich nicht mehr recht auf den Beinen halten.
»Ich habe Zoe nie getraut«, sagte der Kaiser. In seiner Stimme lag leises Bedauern. »Aber ich konnte sie gut leiden. Sie war eine großartige Frau, voll Feuer und Leidenschaft, und sie hatte eine Art Ehrgefühl.« Er wandte sich zu Anna. »Ihr bekommt Euren Brief. Ihr solltet Euch beeilen, solange mein Wort noch gilt. Wenn die Stadt erst einmal gefallen ist, gibt möglicherweise niemand mehr etwas darauf. « Er lächelte trübselig. »Aber Helena hat Freunde. Es dürfte sich für Euch empfehlen, den Palast als Frau zu verlassen, damit diese Freunde den Eindruck gewinnen, dass sowohl Ihr als auch Helena hergekommen seid – und keiner von Euch beiden wieder hinausgelangt ist.«
Es dauerte eine Weile, bis Anna ihrer Stimme einigermaßen mächtig war. »Ja, Majestät«, sagte sie, bemüht, sie nicht zittern zu lassen. »Danke.«
Nikephoros führte sie am Ellbogen rückwärts aus der Gegenwart des Kaisers.
Sobald sie in einem Korridor hinter dem Audienzsaal allein waren, fragte sie ihn: » Wird man Helena einkerkern? Was geschieht mit ihr, wenn die Stadt … fällt?«
»Die Waräger werden ihr das Genick brechen«, teilte er ihr mit. »Jetzt, da die Flotte des Feindes so nah ist, wird sich niemand darum kümmern. Kommt. Ich beschaffe Euch Frauenkleider und schreibe den Brief, während Ihr Euch umkleidet, damit der Kaiser ihn unterschreiben kann. Dann müsst Ihr gleich aufbrechen.« Er lächelte. »Ihr werdet mir fehlen.«
Sie berührte seine Hand. »Ihr mir auch. Ich habe niemanden, mit dem ich so sprechen kann, wie wir miteinander gesprochen haben.« Dann sah sie beiseite, weil sie fürchtete, in ihrer Einsamkeit ein zu laut hallendes Echo der seinen zu erkennen.
Es war ein sternklarer Sommerabend. Nikephoros begleitete sie zum
Kai. Da um diese späte Stunde keine Fährboote mehr verkehrten,
sollte eine kaiserliche Barke sie über das Goldene Horn nach Galata
bringen. Es war das letzte Mal, dass sie ihren Fuß auf den Boden
von Konstantinopel setzen würde. Sie war froh, dass es dunkel war,
so dass Nikephoros ihre Bekümmernis nicht erkennen konnte, ihre
Liebe zu allem, was jetzt zu Ende ging und demnächst zerstört
würde.
»Ihr dürft nicht zurückkommen«, mahnte er. »Ich werde Euren Dienern eine Mitteilung schicken. Helenas Freunde und Verbündete, Esaias und andere, von denen wir nichts wissen, vielleicht Dimitrios, werden Euer Haus nicht aus den Augen lassen, und deshalb empfehle ich, lasst Eure Diener noch einige Tage dortbleiben. In einer Hinsicht ist Helena wie ihre Mutter: ob Sieg oder Niederlage, Verzweiflung oder Triumph, sie hatte immer ihre Rache im Auge. Bei Euch ist das anders, und das hat Zoe für Schwäche gehalten. Es hat dafür gesorgt, dass Ihr nicht ganz und gar wart wie sie.«
Überrascht fragte sie: »Wie sie?«
»Sie hat in Euch ihre eigene leidenschaftliche Liebe zum Leben erkannt, in ihren Augen allerdings durch die Fähigkeit zu verzeihen geschwächt. Ich denke aber, sie hat zum Schluss begriffen, dass das in Wahrheit Eure Stärke ist. Sie macht Euch zu einem vollständigen Menschen, wie sie es nicht war.«
Das Bewusstsein, dieses Lob nicht verdient zu haben, bedrückte Anna. Sicherlich hatte sie vieles verziehen, Wichtiges und Unwichtiges. Aber die schlimmsten Kränkungen, die so sehr schmerzten, dass an Heilung nicht zu denken war, hatte sie nie verziehen. Ihrem Mann Eustathios hatte sie nicht vergeben, hatte ihren Abscheu verborgen, das Schuldbewusstsein, das sie empfunden hatte, weil sie ihn nicht lieben und ihm kein Kind schenken konnte, das schlechte Gewissen wegen der Begierde, die in ihr gebrannt hatte und nicht erwidert worden war. Stets hatte sie ihm die Schuld an der entsetzlichen Auseinandersetzung gegeben, die in Wahrheit sie selbst zwischen ihnen heraufbeschworen hatte. An die damit verbundene Schmach erinnerte sie sich sogar noch mehr als an die Schmerzen und das Blut.
Machte sie ihm Vorwürfe, weil er zugelassen hatte, dass all das, die Enttäuschung, die hilflose Wut, das Gefühl der Ausweglosigkeit und der Niederlage, zur Gewalttätigkeit geführt hatte? Oder ging ihr Schuldgefühl darauf zurück, dass sie mehr oder weniger gewünscht hatte, er werde sich auf dieses Niveau begeben?
Ja, er hatte sich ihr gegenüber brutal verhalten, aber die schwere Last, die er auf seine Seele geladen hatte, konnte sie ihm jetzt nicht mehr abnehmen. Die Gelegenheit dazu war vorbei, und sie hatte sie nicht genutzt. Auch dafür war sie auf Vergebung angewiesen.
Sie versuchte sich in Erinnerung zu rufen, was an ihm gut gewesen war. Das fiel ihr schwer, bis sie darüber nachdachte, womit sie ihn verletzt hatte. Daraufhin empfand sie tiefes Mitgefühl, vermengt mit dem Bewusstsein, dass sie ihn hätte weniger abweisend behandeln sollen. Wenn sie ihm beigestanden hätte, statt wegen ihrer eigenen Verletzungen wild um sich zu schlagen, hätte er vielleicht das Gute in sich selbst entdeckt.
Ihr fiel ein, wie fabelhaft er mit Tieren hatte umgehen können, wie er mit seinen Pferden gesprochen und ganze Nächte bei ihnen gewacht hatte, wenn sie verletzt oder krank waren. Sie erinnerte sich an seine überschäumende Freude, wenn ein Fohlen zur Welt kam, und wie er dann die Stute gelobt und liebevoll getätschelt hatte. Sie merkte, wie in ihr erneut Tränen des Bedauerns darüber aufstiegen, dass ihm all das wegen ihrer Selbstsucht nach und nach entzogen worden war.
Sie ließ ihrer Wut auf sich selbst freien Lauf und senkte in der Dunkelheit den Kopf.
Es tut mir leid. Sie sagte sich das demütig und mit Nachdruck in Gedanken vor. Bitte verzeih mir, Gott. Hilf mir, innerlich vollständig zu werden, damit ich anderen die Gnade entgegenbringen kann, auf die ich selbst so verzweifelt angewiesen bin.
Allmählich spürte sie, wie die Last leichter wurde und die Absolution sich wie eine Umarmung um sie legte, alle alten Qualen linderte und hinwegspülte. Der Schmerz schwand, und eine angenehme Wärme füllte ihre innere Leere.
Sie und Nikephoros hatten jetzt das Ufer erreicht. Die Barke lag bereit und stieß bei jedem Wellenschlag sacht gegen die Stufen. Es war Zeit für den Abschied.
Es gab nichts mehr zu sagen. Sie trug wieder Frauenkleidung, zum ersten Mal seit rund zehn Jahren, wenn man von jenem Tag in Jerusalem absah, an dem sie sich von Giuliano verabschiedet hatte. Sie küsste Nikephoros auf die Wange. Nachdem er sie einen kurzen Augenblick lang fest an sich gedrückt hatte, entzog sie sich ihm und ging die Stufen hinab zur Barke.
Im Morgengrauen erreichte sie das ihr inzwischen wohlvertraute Haus
Avram Schachars. Zwar war es viel zu früh, als dass sie annehmen
durfte, jemand könne auf sein, doch wagte sie nicht, auf der
staubigen Straße zu warten. Das war für eine unbegleitete Frau
gefährlicher als für einen Eunuchen. Obwohl jetzt alle Bandagen und
Polster abgenommen waren und ihr Körperumriss deutlich Brüste und
Hüften zeigte, musste sie sich selbst immer wieder daran erinnern,
dass sich ihr Aussehen grundlegend verändert hatte. Unter dem
leichten Schleier, den zu tragen für eine Frau ein Gebot des
Anstands war, war ihr leuchtend kastanienfarbenes Haar zu
sehen.
Die Hitze war schon um diese frühe Stunde drückend und würde noch schlimmer werden, wenn die Sonne herauskam.
Sie klopfte an und wartete. Nach einer Weile klopfte sie erneut, und fast im selben Augenblick öffnete Schachar mit verschlafenen Augen.
»Ja?« Er musterte sie von Kopf bis Fuß, so freundlich wie immer. »Ist bei Euch jemand krank?«, erkundigte er sich. »Dann solltet Ihr besser hereinkommen.« Er tat einen Schritt zurück und öffnete ihr die Tür weit.
Sie folgte ihm in seine Kräuterkammer und bemühte sich, leise aufzutreten, um niemanden im Hause aufzuwecken.
Er zündete eine Kerze an und sah sie erneut aufmerksam an, als sei ihm bewusst, dass er sie kennen müsse, ohne dass ihm ihr Name einfiel, was ihm offensichtlich peinlich war.
»Anna Zarides«, sagte sie leise.
Verblüfft weiteten sich seine Augen, als er begriff, wer sie war. »Was ist geschehen? Was kann ich für Euch tun?«
»Ich habe vom Kaiser die Begnadigung für meinen Bruder erwirkt«, sagte sie. »Ich muss zum Sinai, bevor Konstantinopel fällt, damit ich ihn aus dem Kloster, in dem er eingekerkert ist, herausholen kann, solange dort das Wort unseres Kaisers noch etwas gilt. Könnt Ihr mir helfen? Ich muss unbedingt meinen Dienern Leo und Simonis eine Mitteilung zukommen lassen, damit sie mit so viel Geld herkommen, wie ich aufbringen kann. Ich wage nicht, in die Stadt zurückzukehren, und weiß nicht, wie ich ihnen die Mitteilung zukommen lassen soll.«
Er nickte bedächtig und lächelte.
»Auch muss ich zusehen, dass für sie gesorgt wird. Leo kann mich begleiten, aber Simonis soll nach Nikaia zurückkehren. «
»Natürlich«, sagte er leise. »Natürlich. Darum kümmere ich mich. Zuerst aber müsst Ihr essen und ein wenig ruhen.«