KAPİTEL 25
Die beiden Bischöfe Palombara und Vicenze kehrten im Januar 1276 nach Rom zurück. Obwohl die Überfahrt lediglich neunzehn Tage in Anspruch genommen hatte, waren sie froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Beiden war bewusst, dass sich der jeweils andere bemühen würde, dem Papst so schnell wie möglich seine Sicht der Dinge zu berichten.
Als Palombara schließlich zwei Tage später den Audienzsaal betrat, durch dessen Fenster das Licht der blassen Wintersonne hereinfiel, sah er, dass Papst Gregor einen müden Eindruck machte. Nach dem üblichen Begrüßungsritual kam er gleich zur Sache. Vielleicht hatte er auch bereits mit Vicenze gesprochen und Palombara lediglich der Form halber und aus Höflichkeit vor sich geladen.
»Ihr habt gute Arbeit geleistet, Enrico«, sagte er mit Nachdruck. » Wir haben nicht angenommen, dass ein so bedeutendes Unternehmen wie die Vereinigung der ganzen Christenheit ohne Schwierigkeiten vor sich gehen könnte und ohne dass einige besonders Verhärtete dabei ihr Leben einbüßen.«
Diese Worte zeigten Palombara, dass Vicenze bereits dort gewesen war und den Erfolg ihrer Bemühungen in Konstantinopel übertrieben dargestellt hatte.
Mit einem Mal hatte er das Empfinden, dass Gregor eine Last niederdrückte, die zu schwer für ihn war. Tiefe Schatten lagen auf dem Gesicht des Papstes. Er litt offenbar an einem quälenden Husten, den er vergeblich zu unterdrücken versuchte.
»In Konstantinopel lebt eine große Zahl von Menschen, deren Ruf, Ehre oder Macht eng mit ihrer Treue zur orthodoxen Kirche verknüpft sind«, sagte Palombara. »Man kann sich nicht erst auf die göttliche Führung berufen und es sich dann anders überlegen.« Er hätte gern über die Ironie gelächelt, die darin lag, doch er sah in Gregors Augen nicht den geringsten Anflug von Humor, lediglich Unentschlossenheit und dahinter Dunkel. Das ängstigte ihn, war es doch mehr als ein bloßer Hinweis darauf, dass nicht einmal der Papst in der Gewissheit des Glaubens an Gott ruhte, die sicherlich zur wahren Heiligkeit gehörte. Er sah nichts als einen müden Mann vor sich, der nach der besten von vielen möglichen Lösungen suchte, von denen keine vollkommen war.
»Widerstand leisten überwiegend die Mönche und hohe Vertreter der Kirche, deren Amt es nicht mehr geben wird, sobald sich das Machtzentrum nach Rom verlagert hat«, fuhr Palombara fort. »Außerdem die Palasteunuchen, für die in der römischen Kirche kein Platz ist. Sie haben viel zu verlieren und nichts zu gewinnen.«
Der Papst runzelte die Stirn. »Könnten die uns Schwierigkeiten machen? Palastdiener? Kirchenmänner ohne …« Er zuckte leicht die Achseln und hustete erneut. »Ohne die Versuchungen, die des Fleisches Erbteil sind? Eunuchen, denen es aus diesem Grunde versagt ist, wahre Heilige zu werden. Wäre es nicht besser für sie alle, wenn man sie aussterben ließe?«
Vom Verstand her stimmte ihm Palombara zu. Die an diesen Männern vorgenommene Verstümmelung stieß ihn ab und machte ihm, wenn er sie sich in Einzelheiten vorstellte, sogar Angst. Doch bei dem Wort Eunuchen hatte er an Nikephoros gedacht, den weisesten und kultiviertesten Menschen, dem er am Kaiserhof begegnet war. Außerdem an Anastasios, der noch weiblicher als Nikephoros wirkte und der nicht von ferne an einen Mann denken ließ. Dessen Klugheit und noch mehr dessen Begeisterungsfähigkeit hatten Palombara auf eine Weise beeindruckt, die er nicht einfach beiseiteschieben konnte. Obwohl Anastasios seine Männlichkeit eingebüßt hatte, ging von ihm eine so feurige Lebensbejahung aus, wie Palombara ihr noch nie begegnet war. Er hatte diesen Heilkundigen zugleich bemitleidet und beneidet, und der darin liegende Widerspruch verstörte ihn.
»Es ist anstößig und widernatürlich, Eure Heiligkeit«, gab er ihm Recht. »Doch haben diese Priester Verdienste, auch wenn ihre Enthaltsamkeit erzwungen ist. Da sich wohl so gut wie keiner von ihnen selbst für das entschieden haben dürfte, was mit ihnen geschehen ist, kann man ihnen nicht gut Vorwürfe machen …«
Der Gesichtsausdruck des Papstes verhärtete sich. »Wenn ein Kind nicht getauft wird, geht das auch nicht auf seine Entscheidung zurück, Enrico, gleichwohl kann es nicht ins Himmelreich gelangen. Seid vorsichtig mit solch pauschalen Äußerungen, wenn Ihr Euch nicht in Widerspruch zur rechten Lehre bringen wollt.«
Bei diesen Worten überlief es Palombara kalt. »Ich bitte um Vergebung, Eure Heiligkeit«, sagte er zerknirscht. »Ich habe übereilt gesprochen, weil mich die Weisheit einiger der Eunuchen am Hof des Kaisers beeindruckt hat, und ich wollte niemanden von der erlösenden Gnade der Wahrheit ausschließen. Ich fürchte, in Byzanz bleibt uns noch viel zu tun, wenn wir erreichen wollen, dass die Menschen dort etwas anderes empfinden als Angst vor Gewalt von unserer Seite. Sie sind fest überzeugt, dass sie damit rechnen müssen, wenn sie nicht tun, was wir von ihnen erwarten.«
»In der Angst kann der Anfang der Weisheit liegen«, gab der Papst zu bedenken. Er hob den Blick und sah Palombara in die Augen. Dabei erkannte er den Zweifel darin und möglicherweise auch etwas von dessen Unsicherheit.
Palombara nickte zustimmend.
»Es gibt noch andere Dinge, über die wir sprechen müssen«, sagte Papst Gregor mit plötzlich aufflammender Energie. »Der Druck, einen neuen Kreuzzug zu führen, einen ohne das frühere Blutvergießen, wird immer stärker. Ich habe beschlossen, an Kaiser Michael zu schreiben und ihm vorzuschlagen, dass wir uns im nächsten Jahr in Brindisi treffen. Dort kann ich mit ihm sprechen, seine Stärken und das Ausmaß seiner Aufrichtigkeit besser einschätzen und vielleicht sogar einige seiner Befürchtungen zerstreuen.« Er wartete auf Palombaras Reaktion.
»Ein ausgezeichneter Plan, Eure Heiligkeit«, sagte dieser, so begeistert er konnte. »Das wird ihn in seiner Entschlossenheit bestärken, und möglicherweise werdet Ihr ihm aufzeigen können, auf welche Weise sich erreichen lässt, dass die dem alten Glauben anhängenden Bischöfe ihm die Treue halten, wenn er dem Zusammenschluss zustimmt. Er wird Euch ebenso dankbar sein wie das ganze byzantinische Volk. Noch wichtiger als all das ist selbstverständlich, dass diese Vorgehensweise genau richtig ist.«
Papst Gregor lächelte, mit der Antwort offenkundig zufrieden. »Ich freue mich, dass Ihr das so klar seht, Enrico. Andere, fürchte ich, werden das nicht tun.«
Sogleich ging Palombara die Frage durch den Kopf, ob Vicenze Einwände erhoben hatte. Falls ja, war das eher aus mangelndem Einfühlungsvermögen geschehen als aus Kühnheit. Oder hatte er angesichts der Hinfälligkeit des Papstes seine Fahne bereits nach einem anderen Wind gehängt? Konnte es sein, dass er Informationen besaß, über die Palombara nicht verfügte?
»Die anderen werden es im Laufe der Zeit verstehen, Eure Heiligkeit«, sagte Palombara und verachtete sich sogleich wegen seiner Heuchelei.
»Gewiss.« Der Papst kräuselte die Lippen. »Aber es gibt noch viel in die Wege zu leiten.« Er beugte sich ein wenig vor. » Wir brauchen ganz Italien auf unserer Seite, Enrico. Gelder sind aufzubringen, und natürlich müssen Männer, Pferde, Waffen und Kriegsmaschinen beschafft werden. Außerdem Proviant und Schiffe. Ich habe Legaten in alle Hauptstädte Europas entsandt. Die Venezianer werden sich beteiligen, weil es für sie viel zu verdienen gibt, wie immer bei solchen Gelegenheiten. Neapel und der Süden haben keine Möglichkeit, selbst eine Entscheidung zu treffen – um die kümmert sich Charles von Anjou. Was mir Sorge macht, sind die Städte des Reiches sowie jene Umbriens und der Toskana.«
Trotz seines Bemühens, die Flamme übertriebenen Ehrgeizes zu dämpfen, merkte Palombara, wie ihn eine gewisse Erregung erfasste. »Ja, Eure Heiligkeit …«
»Beginnt mit Florenz«, sagte dieser. »Die Stadt ist reich, voll Leben und neuer Gedanken – und uns treu ergeben. Das wird uns zugutekommen, wenn wir es richtig anstellen. Seht zu, dass Ihr feststellt, welche Unterstützung wir von unserer Heimatstadt Arezzo zu erwarten haben. Mir ist klar, das dass schwierig wird, denn sie neigt dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches zu. Aber ich verlasse mich auf Euch, Ihr habt in Byzanz bewiesen, was in Euch steckt.« Er lächelte ein wenig trübselig. »Ich habe verstanden, was Ihr mir über Michael Palaiologos gesagt habt, Enrico, denn ich bin nicht so blind, wie es mir Euer Takt unterstellt. Auch durch das, was Ihr mir verschwiegen habt, ist mir so manches klargeworden. Geht und meldet Euch Mitte Januar wieder.«
Am 10. Januar 1276 kehrte Palombara nach Rom zurück, um dem Papst
Bericht zu erstatten. Während er im grauen Licht des
Spätnachmittags den Platz vor dem Lateranpalast überquerte, fiel
ihm eine sonderbare Stille auf.
Er sah einen ihm bekannten Kardinal mit bedrückter Miene auf sich zukommen.
Das Vorgefühl eines Verlustes erfasste Palombara. »Der Heilige Vater?«
»Ja. Heute«, gab der Kardinal zurück und sah Palombara aufmerksam an, der noch seine Reisekleidung trug. »Ihr kommt zu spät.«
Es gab für Palombara keinen Grund, überrascht zu sein. Papst Gregor war ihm bei seinem letzten Besuch körperlich wie auch geistig angegriffen vorgekommen. Ein Kummer, der auch mit dem möglichen Verlust seines Amtes und der ungewissen Zukunft zu tun hatte, erfasste Palombara. Wieder einmal war alles in Unsicherheit versunken, und er empfand eine große Leere.
»Danke«, sagte er ruhig. »Ich habe es nicht gewusst.« Er bekreuzigte sich. »Möge er in Frieden ruhen.«
Den ganzen regnerischen Tag verbrachte er im Hause und beschäftigte sich mit der Abfassung des Berichts über seinen Aufenthalt in der Toskana, den er dem neuen Papst aushändigen würde, falls dieser ihn haben wollte. Immer wieder schritt er tief in Gedanken versunken unruhig auf und ab und überdachte alles, was zu tun war. Viel stand auf dem Spiel, und er konnte alles gewinnen … und ebenso gut alles verlieren.
In den Jahren, in denen er sein hohes Amt bekleidete, hatte er sich Freunde und Feinde gemacht, von denen der schlimmste Niccolo Vicenze war.
Sofern er einen gewisse Einfluss behalten wollte, würde er in den nächsten Wochen mehr als seine Tüchtigkeit brauchen, nämlich Glück. Er hätte sich auf das Ableben des Papstes einstellen müssen. Vieles hatte darauf hingedeutet: die tiefliegenden Augen, das beständige Husten, seine Schmerzen und seine Erschöpfung.
Palombara blieb am Fenster stehen und sah in den Regen hinaus. Papst Gregor hatte sich mit aller Entschiedenheit für den neuen Kreuzzug eingesetzt. Wie aber würde sich sein Nachfolger dazu stellen?
Er war überrascht, wie sehr Konstantinopel sein Denken beherrschte. Würde der neue Papst die dort lebenden Menschen als Mitchristen achten und die Unterschiede zwischen der Ostkirche und der römischen Kirche zu überbrücken versuchen? Würde er es sich zur Aufgabe machen, die Kirchenspaltung zu überwinden?
An den folgenden Tagen stieg die Spannung. Spekulationen machten
die Runde, doch alles nur insgeheim, denn im Vordergrund standen
die Trauer und die Beisetzungsfeierlichkeiten für Papst Gregor, die
in Arezzo abgehalten wurden. Selbstverständlich war Eile geboten,
doch wollte niemand seinen Ehrgeiz offen zeigen. So gut wie jeder
meinte etwas gänzlich anderes, als er sagte.
Palombara hörte allen aufmerksam zu und überlegte, welche Gruppe er offen unterstützen sollte. Eines Januartages, nur eine Woche nach dem Tod des Papstes, überquerte er in Gedanken den Platz vor dem Lateranpalast, als ein neapolitanischer Priester namens Masari auf ihn zukam und wie selbstverständlich neben ihm herging.
»Eine gefährliche Zeit«, sagte er im Gesprächston, während er darauf achtete, mit seinen prächtigen Schuhen den Pfützen auszuweichen.
Palombara lächelte. »Fürchtet Ihr etwa, das Konklave könnte auf einen anderen Kandidaten verfallen als den von Gott ausersehenen?«, fragte er mit einem Anflug von Spott in der Stimme. Er kannte Masari, aber nicht gut genug, um ihm zu trauen.
»Ich fürchte, dass seine Mitglieder ebenso fehlbar sind wie andere Menschen und ein wenig Nachhilfe brauchen«, gab Masari zur Antwort. Auch in seinen Augen blitzte es spöttisch. »Der Stuhl Petri ist sehr erstrebenswert, und die Verlockung der Macht tötet leider so manche Tugend. Oft genug vor allem die Weisheit.«
»Lasst mich an Eurem Wissen teilhaben, mein Freund«, forderte ihn Palombara auf. »Was würde die Weisheit Eurer Meinung nach gebieten?«
Masari schien zu überlegen. »Gründlichkeit statt Übereilung«, sagte er schließlich, während sie nebeneinander eine Treppe emporstiegen. Der Regen wurde stärker. »Diplomatische Begabung statt ein familiäres Beziehungsgeflecht«, fuhr er fort. »Es kann sich als äußerst hinderlich erweisen, auf die Unterstützung von Angehörigen angewiesen zu sein. Schulden werden gewöhnlich im unpassendsten Augenblick eingetrieben.«
Palombara war unwillkürlich belustigt und interessiert. Er spürte, wie sein Puls rascher schlug. »Aber wie soll man Unterstützung gewinnen, wenn man keine Verpflichtungen in alle Richtungen eingeht? Die Kardinäle geben niemandem ohne Grund ihre Stimme.«
»Bedauerlicherweise nein.« Masari wich rasch einem Wasserguss aus, der aus einer Dachtraufe herunterkam. »Doch zu den besten Gründen gehört möglicherweise die Überzeugung, dass es dem neuen Papst, wer auch immer das sein wird, gelingen könnte, die Christenheit zu einigen, ohne dem falschen Glauben der griechischen Kirche eine einzige unserer Lehren zu opfern, denn das würde Gott zweifellos am meisten missfallen.«
»Ich kenne Gottes Gedanken nicht«, sagte Palombara mit einer gewissen Schärfe in der Stimme.
»Natürlich nicht«, stimmte Masari zu. »Das ist ausschließlich dem Heiligen Vater gegeben. Wir müssen beten, hoffen und nach Weisheit trachten.«
Palombara kam eine flüchtige Erinnerung an den Augenblick, da er in der Hagia Sophia gestanden und ansatzweise erfasst hatte, wie unaufdringlich und feinsinnig die Weisheit der Byzantiner im Vergleich zu jener der römischen Kirche war. Das hing unter anderem damit zusammen, dass sie das weibliche Element nicht ausschloss. Vielleicht war sie dem Geist der Menschen besser angepasst und auch eher offen für Veränderungen.
»Ich hoffe nicht, dass wir lange warten müssen, bis wir sie gefunden haben«, sagte er. »Sonst kommen wir womöglich zeit unseres Lebens nicht zur Wahl eines neuen Papstes.«
»Ihr scherzt, Monsignore«, sagte Masari und ließ seine schwarzen Augen kurz auf Palombaras Gesicht ruhen. Dann wandte er den Blick rasch wieder ab. »Aber ich denke, dass Ihr von Weisheit mehr versteht als die meisten.«
Erneut spürte Palombara eine tiefe Überraschung und das Jagen seines Pulses. Offensichtlich stellte ihn der Mann auf die Probe. Ob er ihn gar mit dieser Herausforderung umwarb?
»Sie bedeutet mir mehr als eine Fülle von Gunsterweisen«, gab er aufrichtig zurück. »Aber ich glaube nicht, dass sie so billig zu erlangen ist.«
»Nur wenig Gutes ist billig, Monsignore«, stimmte Masari zu. »Wir suchen einen Papst, der in ganz besonderer Weise geeignet ist, die christliche Welt zu führen.«
» Wir?« Während Palombara weiter ausschritt, achtete er nicht mehr auf den Wind oder die Pfützen, die sich in den Vertiefungen des Pflasters sammelten, und auch nicht auf Vorüberkommende.
»Männer wie Seine Majestät, der König beider Sizilien und Graf von Anjou«, gab Masari zur Antwort. »Wichtiger aber noch ist in diesem Zusammenhang selbstverständlich, dass er auch römischer Senator ist.«
Palombara wusste genau, was Masari damit meinte: Charles vermochte dank seiner Macht die Entscheidung zu beeinflussen, wer Papst werden sollte. Das Angebot lag verlockend vor ihm. Die ernsthafte Aussicht, Papst zu werden! Jetzt schon? Dafür war er mit seinen nicht einmal fünfzig Jahren vergleichsweise jung. Doch es hatte schon deutlich jüngere Päpste gegeben.
Masari wartete aufmerksam, nicht nur auf Palombaras Worte, sondern auch auf seine sonstigen Reaktionen.
Dieser sagte, was seiner Ansicht nach der Wahrheit entsprach und seiner Überzeugung nach zugleich das war, was Charles von Anjou hören wollte. »Ich bezweifle, dass sich die Christenheit durch etwas anderes einigen lässt als eine Eroberung der alten orthodoxen Patriarchate.« Er hörte seine eigene Stimme wie die eines Fremden. »Ich bin vor kurzem aus Konstantinopel zurückgekehrt und weiß, dass der Widerstand gegen die Union mit Rom in der Stadt und vor allem in ihrer ländlichen Umgebung nach wie vor stark ist.«
Die Tiara war greifbar nahe, näher vielleicht, als er selbst es je ernsthaft für möglich gehalten hatte. Doch welchen Preis würde er Charles von Anjou und allen, die in dessen Schuld standen, dafür zahlen müssen?
Wenn er jetzt zögerte, würde ihn der König nie wieder unterstützen. Jemand, der für den Stuhl Petri zur Wahl stand, durfte nicht zaudern und sich fragen, ob sein Mut ausreichte. Besaß er die Klarheit des Geistes, die es ihm ermöglichte, Gottes Stimme zu verstehen, wenn ihm dieser den Auftrag erteilte, die Welt zu führen, oder ihm sagte, was richtig und was falsch war? War er von solchem inneren Feuer beseelt, dass er die schwere Bürde des Amtes tragen konnte?
Erneut dachte er an den sonderbaren weiblich wirkenden Eunuchen Anastasios und dessen inständige Bitte um die Demut, zu lernen und andere Ansichten als die eigenen zu ertragen.
»Ihr zögert«, sagte Masari. In seinen Augen war bereits zu lesen, dass er im Begriff stand, das Angebot zurückzuziehen.
Palombara ärgerte sich über seine Feigheit und sein Ausweichen. Noch vor einem Jahr hätte er das Angebot unverzüglich angenommen und sich erst danach Gedanken über den Preis und darüber gemacht, ob sein Handeln moralisch gerechtfertigt war.
»Nein«, sagte er. »Mir fehlt der Mut, über ein Rom zu herrschen, das erneut einen Krieg mit Byzanz vom Zaun bricht. Wir würden dabei mehr verlieren, als wir gewinnen können.«
»Sagt Gott Euch das?«, fragte Masari lächelnd.
»Mein gesunder Menschenverstand«, gab ihm Palombara zur Antwort.
Achselzuckend wandte sich Masari mit einem flüchtigen Gruß ab und ging davon.
Die Entscheidung fiel bemerkenswert rasch. Vier Tage später, am 21.
Januar, einem finsteren, windigen Tag, kam Palombaras Diener über
den Hof gerannt, ohne darauf zu achten, dass er bei jedem zweiten
Schritt in eine Pfütze trat. Nach flüchtigem Anklopfen trat er ein,
das Gesicht von Anstrengung gerötet.
»Das Konklave hat sich für Pierre de Tarantaise entschieden, den Kardinal von Ostia«, sagte er atemlos. »Er hat den Namen Innozenz V. angenommen, Monsignore.«
Palombara war wie vor den Kopf geschlagen. Sogleich kam ihm der Gedanke, dass Charles von Anjou diesen Mann von Anfang an unterstützt hatte und es lächerlich gewesen war anzunehmen, Masari habe ihm, Palombara, mehr geboten als eine Möglichkeit zu zeigen, auf welcher Seite er stand. Er war nichts weiter als eine unbedeutende Spielfigur.
»Danke, Filippo«, sagte Palombara, und der Diener zog sich zurück.
Palombara setzte sich an seinen Schreibtisch. Er fror. Seine Gedanken überschlugen sich. Pierre de Tarantaise also, der Dominikaner. Palombara kannte ihn – er hatte ihn beim Konzil von Lyon predigen hören und war danach mit ihm ins Gespräch gekommen.
War es Zufall, dass sich de Tarantaise für den Papstnamen Innozenz V. entschieden hatte, oder verbarg sich eine Absichtserklärung dahinter? Als Enrico Dandolo im Jahre 1204 zu dem Kreuzzug aufgebrochen war, bei dem man Konstantinopel geplündert und niedergebrannt hatte, war Innozenz III. Papst gewesen. Palombara musste sich unbedingt gründlich überlegen, welchen Weg er gehen wollte.
Sein Herz schlug rascher, als er in der päpstlichen Residenz die vertrauten Räume mit den hohen Fenstern betrat, und er stellte sich vorbeugend auf die Möglichkeit eines Scheiterns ein, so, als wäre dann sein Schmerz geringer.
Erst jetzt merkte er, wie sehr es ihn danach drängte, nach Konstantinopel zurückzukehren. Er sehnte sich nach der Vielfalt des Orients, wollte teilhaben an der Fortsetzung dessen, was er von Anfang an miterlebt hatte. Er wollte zumindest einige der orthodoxen Geistlichen überreden, sich zu unterwerfen, damit bewahrt werden konnte, was an ihrem Glauben gut war, und nicht alles in der römischen Umarmung verlorenging. Er wollte ihre abweichende Auffassung von Weisheit näher erkunden, denn sie beunruhigte ihn, war weniger lehrhaft und letzten Endes duldsamer.
Als er schließlich vor den Heiligen Vater geleitet wurde, trat er mit der gebotenen Demut ein. Innozenz war ein nahezu kahlköpfiger Mann, nur wenig älter als er.
Er kniete vor ihm nieder und küsste den Fischerring, wobei er die üblichen Treuebekundungen von sich gab. Vom Papst dazu aufgefordert, erhob er sich wieder.
»Mein Vorgänger Gregor hat mir mitgeteilt, dass er Euch in die Toskana entsandt hat, weil er wissen wollte, welche Unterstützung für den Kreuzzug wir von dort zu erwarten haben«, begann Innozenz. »Selbstverständlich wird dessen Vorbereitung eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, unter Umständen fünf oder sechs Jahre. Wer Erfolg haben will, darf nichts übereilen.«
Palombara stimmte ihm zu und fragte sich, worauf der Papst hinauswollte. Er versuchte in dessen Gesicht zu lesen, doch ihm war nichts zu entnehmen.
»Händigt mir den Bericht über Eure Erkundigungen in der Toskana aus. Anschließend begebt Euch in die anderen Städte Italiens und bestärkt sie darin, unsere Sache zu unterstützen. « Innozenz lächelte. »Es ist möglich, dass ich Euch zu gegebener Zeit auch nach Neapel und vielleicht sogar nach Palermo schicke. Man wird sehen.«
Ein kalter Schauer überlief Palombara. Er würde nicht nach Konstantinopel entsandt werden. Wusste Innozenz etwa, dass Masari ihn angesprochen und er sich, wenn auch nur einen kurzen Augenblick lang, versucht gefühlt hatte? Dann läge eine ganz eigene Ironie darin, wenn er ihn an den Hof des Königs beider Sizilien schickte.
»Ja, Eure Heiligkeit«, sagte er, sehr um einen gleichmütigen Klang seiner Stimme bemüht. »Ich werde Euch den Bericht über die toskanischen Städte morgen bringen und dann aufbrechen, wohin Ihr mich schickt.«
»Danke, Enrico«, sagte Innozenz milde. »Vielleicht solltet Ihr mit Urbino anfangen und danach Ferrara aufsuchen?«
Palombara stimmte zu und erkannte die Macht im Gesicht des Papstes. Ein sonderbares Vorgefühl beschlich ihn. Bedeutete diese Aufgabe den Anfang der Zerstörung von allem, was er bei den vorigen Aufträgen zu erreichen versucht hatte?
Jede Glaubensgewissheit entglitt ihm.