KAPİTEL 69

Bischof Konstantinos strebte im grellen Sonnenlicht mit großen Schritten dem Haus der Theodosia Skleros entgegen. Sie war die einzige Tochter des Nikolaus Skleros, eines der wohlhabendsten der aus dem Exil nach Konstantinopel zurückgekehrten Männer. Alle Angehörigen jener Familie waren der orthodoxen Kirche treu ergeben und verabscheuten mithin alles, was mit Rom und dessen Machtmissbrauch zusammenhing. Verheiratet war Theodosia mit einem Mann aus ihrer weitläufigen Verwandtschaft, der des Bischofs Ansicht nach weder ihrer hohen Intelligenz noch, weit wichtiger, ihrer ausgeprägten Spiritualität würdig war. Da sie sich aber nun einmal für ihn entschieden hatte, behandelte er ihn mit aller Höflichkeit, die dem Gatten einer so außergewöhnlichen Frau zukam.

Bei seinem Eintreffen fand er Theodosia im Gebet. Ihm war bewusst gewesen, dass sie um diese Stunde allein sein und kein Besucher willkommener sein würde als er.

Sie begrüßte ihn mit erfreutem Lächeln, in dem ein Anflug von Überraschung lag, denn gewöhnlich pflegte er seinen Besuch anzukündigen.

»Hochwürdigste Exzellenz«, sagte sie mit warmer Stimme, als sie in den eleganten Raum mit seinen klassischen Wandbildern trat, in den man ihn geführt hatte. Sie sah nicht besonders gut aus, hatte aber einen anmutigen Gang und eine so wohlklingende Stimme, dass es Freude machte, ihr zuzuhören.

»Theodosia …« Er lächelte und merkte, wie sein Ärger allmählich schwand. »Es ist äußerst freundlich von Euch, mich zu empfangen, obwohl ich nicht angefragt habe, ob mein Besuch genehm sei.«

»Das ist er immer«, gab sie zur Antwort. Das klang so aufrichtig, dass er nicht daran zweifeln konnte. So wie sie da im Schatten stand, erinnerte sie ihn an Maria, das einzige Mädchen, das er je geliebt hatte, obwohl sie ihr nicht ähnlich sah. Maria war schön gewesen, jedenfalls hatte er sie so in Erinnerung. Beide waren sie damals noch halbe Kinder gewesen. Seine älteren Brüder waren schon gut aussehende junge Männer gewesen, die lose Reden führten und ihre frisch erwachten Kräfte erprobten, ohne Rücksicht darauf, ob sie jemandem damit schadeten.

Diese Freundschaft hatte kurz nach seiner Kastration begonnen. Es schmerzte ihn nach wie vor körperlich, wenn er nur daran dachte. Damals hatte ihn weniger der Schmerz gequält als das Gefühl der Scham. Zwar hatte der Eingriff durchaus wehgetan, aber die Wunde war rasch verheilt. Er wünschte, dass das auch bei seinem jüngsten Bruder Niphon der Fall gewesen wäre, der gar nicht richtig mitbekommen hatte, was ihm geschah. Dessen Wunde hatte sich entzündet, und nie würde er das weiße Gesicht Niphons vergessen, der auf seinem schweißnassen Laken im Bett gelegen hatte. Konstantinos hatte sich zu ihm gesetzt, seine schlaffe Hand gehalten und unaufhörlich gesprochen, damit der Bruder merkte, dass er keinen Augenblick allein war. Niphon war noch ein Kind gewesen, mit weicher Haut, schmalen Schultern und voller Angst. Als er gestorben war, hatte er so klein ausgesehen, als hätte für ihn nie die Möglichkeit des Heranwachsens bestanden.

Alle hatten um Niphon getrauert, aber niemand so sehr wie er. Maria hatte als Einzige begriffen, wie tief sich dieser Verlust seinem Wesen eingeprägt hatte.

Sie war das schönste Mädchen der ganzen Stadt gewesen. Alle jungen Männer hatten sich um ihre Gunst bemüht, und es sah aus, als habe sie sich für den charmanten Draufgänger Pavlos entschieden, Konstantinos’ ältesten Bruder.

Dann aber hatte sie sich unvermittelt und ohne dass jemand den Grund dafür gewusst hätte, von ihm ab- und Konstantinos zugewandt. Ihre Beziehung war nichts anderes als eine aufrichtige Freundschaft gewesen, bei der es ausschließlich um gegenseitiges Verstehen, das gemeinsame Empfinden von Schönheit und Schmerz und den Austausch von Gedanken gegangen war. Bisweilen hatten sie auch miteinander gelacht.

Mit leisen Worten und einem Lächeln hatte sie ihm anvertraut, dass es ihr Wunsch sei, ins Kloster zu gehen, ihre Familie sie aber gezwungen habe, einen Mann aus einer wohlhabenden Familie zu heiraten, mit der sie in Geschäftsverbindung stand. Danach hatte Konstantinos Maria nie wiedergesehen und auch nicht erfahren, wie es ihr ergangen war.

Sein Leben lang hatte er in ihr nicht nur das Ideal der Weiblichkeit gesehen, sondern auch das von Liebe überhaupt. Während ihm jetzt Theodosia auf ihre ruhige und ernsthafte Weise zulächelte und ihm Honigkuchen und Wein anbot, erkannte er in ihren dunklen Augen etwas von Maria wieder, gleichsam ein Echo des Vertrauens, das diese in ihn gesetzt hatte. Ein innerer Friede breitete sich in ihm aus, und er merkte, wie er neuen Mut fasste, den Kampf mit frischer Kraft und frischem Glauben wieder aufzunehmen.

Mit einem Mal hatte er das nötige Selbstvertrauen, einen ungewöhnlichen Weg zu erproben. Zwar war ihm das wegen der damit verbundenen Gefahr zuwider, doch erkannte er in Theodosias Frömmigkeit und unerschütterlicher Hingabe an den Glauben die Notwendigkeit, jede Waffe zu nutzen, die ihm zu Gebote stand.



Es kam ihm selbst sonderbar vor, dass er anschließend Zoe Chrysaphes aufsuchte. Er gab sich keinen Täuschungen darüber hin, dass sie ihn ausschließlich deshalb empfing, weil sie begierig war zu erfahren, was er von ihr wünschen mochte.

Er hatte vergessen, wie hinreißend sie aussah. Obwohl sie Ende siebzig war, trug sie den Kopf noch hoch und ging mit der Anmut und den geschmeidigen Bewegungen, die ihm so vertraut waren.

Er begrüßte sie zurückhaltend und nahm die ihm angebotenen Erfrischungen an, um ihr zu zeigen, dass er dem Besuch eine gewisse Bedeutung beimaß.

»Sicher seid Ihr Euch, möglicherweise noch mehr als ich, der Gefahr bewusst, in der wir uns befinden«, begann er. »Nach Ansicht des Kaisers steht sie so unmittelbar bevor, dass er die Ikone der Jungfrau, die er bei seinem Einzug im Triumph in die Stadt getragen hat, nach Rom geschickt hat – angeblich, damit sie für den Fall, dass die Stadt erneut in Brand gesetzt werden sollte, in Sicherheit ist. Dem Volk aber hat er nichts davon gesagt, vermutlich, weil er eine Panik befürchtet.«

» Vorsicht ist zu jeder Zeit angeraten«, gab sie zurück, ohne dass auf ihrem Gesicht zu erkennen gewesen wäre, ob sie von dieser Notwendigkeit überzeugt war. »Wir haben viele Feinde.«

»Unser Glaube an Gott hat uns trotz der Stärke unserer Feinde stets bewahrt«, gab er zurück. »Er kann uns aber nur erretten, wenn wir dem Herrn vertrauen. Wir haben in der Heiligen Jungfrau eine Fürsprecherin an Gottes Thron. Weil ich weiß, dass auch Euch das bekannt ist, habe ich Euch aufgesucht, obwohl wir keine Freunde sind und ich Euch, offen gesagt, meist nicht über den Weg traue. Doch was Eure Liebe zu Byzanz und zur heiligen Kirche angeht, an die wir beide glauben, vertraue ich Euch rückhaltlos. «

Sie lächelte leicht belustigt, aber ihre Augen ruhten unverwandt auf ihm, und in ihre Wangen war eine Röte gestiegen, die nicht auf die Kunst der Kosmetik zurückging. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, ihr den Zweck seines Besuchs mitzuteilen.

»Ich vertraue Euch, weil wir gemeinsam für dieselbe Sache kämpfen«, bekräftigte er noch einmal, »und daher sind die mächtigen Familien der Stadt, die aus diesem oder jenem Grund die Union mit Rom unterstützen, auch unsere gemeinsamen Feinde.«

»Was genau wollt Ihr von mir, Ehrwürdigste Exzellenz?«

»Natürlich Informationen. Ihr verfügt über Waffen, die Ihr nicht verwenden könnt, wohl aber ich. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, sie einzusetzen, bevor es zu spät ist.«

»Ist es das nicht bereits?« fragte sie kühl. »Diesen gemeinsamen Zweck, von dem Ihr sprecht, verfolgen wir doch schon seit Jahren.«

»Zu spät wäre es nur, wenn Ihr nicht bereit wäret, mir anzuvertrauen, was ich wissen möchte, weil es gegenwärtig für Euch noch viel wert ist«, gab er zurück. »Bedenkt aber, dass Ihr dieses Wissen nicht ungestraft nutzen könnt, ich hingegen durchaus.«

»Möglich. Allerdings wüsste ich nicht, womit ich das Reich Gottes stärken könnte.« Wieder trat der Ausdruck von Belustigung in ihre Augen. »Aber vielleicht ist es Euch wichtiger, das Reich des Teufels zu schwächen.«

Ein Schauer überlief ihn. »Der Feind meines Feindes ist mein Freund«, erklärte er.

»Von welchem Feind sprecht Ihr jetzt?«, fragte sie.

»Ich kenne nur eine Sache, für die ich eintrete, und das ist die Bewahrung unserer Kirche.«

»Für die wir auch die Stadt bewahren müssen«, ergänzte sie. »Was habt Ihr vor?«

Er sah sie unverwandt an. »Man müsste die großen Familien, die den Zusammenschluss mit Rom unterstützen, dazu bringen, dass sie auf Gott vertrauen, statt sich von ihrem Eigennutz leiten zu lassen. Falls sie nicht bereit sind, das von sich aus zu tun, werde ich sie um ihres Seelenheils willen an einige der Sünden erinnern, von denen ich sie vor Gott lossprechen kann, wenn auch nicht vor den Menschen – und natürlich auch an das, was jeden erwartet, der sich der göttlichen Gnade nicht vergewissert hat.«

»Ziemlich spät«, sagte sie.

»Hättet Ihr mir diese Waffen schon früher in die Hand gegeben, als sich Charles von Anjou noch nicht darangemacht hatte, zum Kreuzzug aufzubrechen?«

»Ich bin nicht sicher, ob ich das jetzt tun werde. Vielleicht möchte ich sie doch lieber selbst einsetzen.«

»Genau wie mir steht Euch die Macht zu Gebote, zu verwunden, Zoe Chrysaphes«, sagte er mit dem Anflug eines Lächelns. »Aber mir ist die Macht gegeben zu heilen, und Euch nicht.« Er nannte drei Namen.

Sie zögerte und sah ihn aufmerksam an, dann schien sie wieder etwas zu belustigen, und schließlich teilte sie ihm mit, was er wissen musste.

Die Dunklen Wasser Des Todes: Roman
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