KAPİTEL 22
Anna hörte und sah sich weiterhin gut um, aber es lief immer wieder auf dasselbe hinaus: Wenn sie die Zusammenhänge verstehen wollte, musste sie unbedingt mehr über die Menschen erfahren, die Bessarion in den letzten Jahren umgeben hatten. Vielleicht, überlegte sie, könnten ihr die Frauen seiner Bekanntschaft mehr über ihn sagen. Selbstverständlich verschwieg sie, worum es ihr wirklich ging, als sie Zoe aufsuchte, um ihr neue Heilkräuter zu empfehlen, und sie dabei wie beiläufig bat, ihr bei der Erweiterung ihrer Praxis behilflich zu sein.
Eine Woche darauf ließ Zoe sie rufen. Diesmal wurde sie in einen anderen Raum als sonst geführt. Er war neutral eingerichtet und wirkte weniger privat. Nichts darin schien einen Hinweis auf Zoes Wesen zu enthalten, so, als empfange sie dort Menschen, die sie auf Distanz halten wollte.
Auch Helena war anwesend. Ihr Haar schimmerte wie schwarze Seide, und ganz offensichtlich trug sie keine Trauer mehr, denn sie hatte ein mit Edelsteinen besetztes weinrotes Gewand angelegt. Sie musterte Anna mit frostigem Blick.
Außer Zoe und ihr war noch eine weitere Frau im Raum, älter und von herrischem Wesen. Äußerlich unterschied sie sich in jeder Hinsicht von Zoe, denn sie war ziemlich klein und unansehnlich, um nicht zu sagen hässlich, und das nicht nur wegen ihrer übermäßig breiten Nase. Ihre aufwendig bestickte blaugrüne Dalmatika vermochte ihre Flachbrüstigkeit ebenso wenig zu verbergen wie ihre breiten und knochigen Schultern, die fast wie die eines Mannes waren. Ihre hellen Augen verrieten ein hohes Maß an Klugheit, und ihr Mund war fein geschnitten, aber ohne jeden Anflug von Sinnlichkeit.
Das Lächeln, mit dem diese Frau, die Zoe als Irene Vatatzes vorstellte, Anna begrüßte, ließ sie einen flüchtigen Augenblick lang hübsch erscheinen.
Irene war mit einem hochgewachsenen Mann von etwa dreißig Jahren gekommen, der mit seinem passablen Aussehen einen scharfen Kontrast zu ihr bildete, und so hörte Anna überrascht, dass es sich um ihren Sohn Dimitrios handelte. Nach dem höflichen Austausch von Belanglosigkeiten kam Zoe auf ihre Brandverletzung zu sprechen und berichtete, wie Anna sie geheilt habe. Sie hob ihre Tunika leicht an und ließ Irene einen Blick auf ihre Beine werfen, damit diese sich selbst überzeugen konnte – nicht die Spur einer Narbe war zu sehen. Während sie das tat, warf sie Helena einen belustigten Blick zu, den Anna unschwer zu deuten vermochte.
Danach wurde die Unterhaltung ermüdend. Helena tänzelte mit übertrieben anmutigen Bewegungen durch den Raum, als wolle sie vor den beiden älteren Frauen ihre Jugendlichkeit herausstreichen. Auch wenn sie Dimitrios dabei nicht ein einziges Mal ansah, war klar, dass ihm diese Demonstration galt. An Anna ging sie vorüber, als sei sie Luft. Mit einem Mal empfand Anna die zurückhaltenden Blautöne der eigenen Tunika und die Notwendigkeit, sich wie ein Eunuch zu bewegen, noch bedrückender als sonst. Es kam ihr vor, als stehe sie unsichtbar am Rande des Raumes, während sich die anderen über ihren Kopf hinweg miteinander verständigten, sei es mit Worten oder wortlos. Ob es wohl allen Eunuchen so ging? Und empfand eine Frau, die so unansehnlich war wie Irene Vatatzes, etwas Ähnliches?
Nach einer Weile merkte sie, dass Zoe zu ihr herübersah, und sie begriff, dass Zoe verstand, was in ihr vorging. Auch das war ihr unbehaglich.
Bald darauf wandte sich das Gespräch, wie das in Byzanz früher oder später immer geschah, der Religion zu. Helena war nicht besonders gläubig, das war ihrem Verhalten wie auch ihren Worten deutlich zu entnehmen. Diese Frau war schön, äußerlich anziehend, aber ohne Seele. Anna fragte sich, ob Männer das nicht auch merkten.
Sie hörte der Unterhaltung der anderen mit gesenktem Blick zu, um möglichst nicht bemerkt zu werden.
»So ärgerlich das ist«, sagte Zoe achselzuckend, »letzten Endes ist alles eine Frage des Geldes.« Dabei sah sie Irene an.
Helena ließ den Blick zwischen ihr und ihrer Mutter wandern. »Bessarion ging es ausschließlich um den Glauben und sonst nichts«, widersprach sie.
Ein Ausdruck der Ungehaltenheit trat auf Irenes Züge, doch sie beherrschte sich. »Wer einem Glauben Gestalt geben und ihn lebendig erhalten will, braucht eine Kirche, und zu ihrem Unterhalt ist nun einmal Geld nötig, meine Teure.« Trotz des freundlichen und nahezu liebevollen Tonfalls, in dem sie das sagte, lag in ihren Worten die erkennbare Herablassung eines geistig hochstehenden Menschen gegenüber einem geistlosen. »Und zur Verteidigung einer Stadt sind außer dem Glauben auch Waffen unerlässlich. «
Mit belustigtem Ausdruck in ihren Augen bemerkte Zoe: »Von Geld versteht Irene mehr als die meisten Männer. « In ihren Worten lag eine gewisse Hochachtung. »Mitunter habe ich mich gefragt, ob Theodoros Doukas das Schatzamt verwaltet oder du – natürlich indem du im Hintergrund die Fäden ziehst.«
Irene lächelte, wobei sich ein leicht rötlicher Schimmer auf ihre teigigen Wangen legte. Anna hatte den Eindruck, dass Zoe mit ihren lobenden Worten mehr oder weniger die Wirklichkeit beschrieb und Irene sich durchaus darüber freute.
Helena schwieg.
Nach einer Weile merkte Anna, dass Zoe mit kaum spürbarem Lächeln zu ihr herübersah.
»Langweilen wir Euch mit unserem Gerede über Glaubensfragen und Politik?«, fragte sie. »Vielleicht sollten wir Dimitrios bitten, uns etwas über seine Waräger zu erzählen?«
Anna merkte, dass sie errötete. Sie hatte einen Augenblick nicht zugehört. »Ich war in Gedanken«, log sie. »Ich merke, dass ich noch viel über Politik zu lernen habe.«
»Wenn Ihr das begriffen habt, ist das schon eine ordentliche Leistung«, sagte Helena bissig.
Zoe gab sich keine Mühe, ihr Lachen zu unterdrücken, doch als sie sich dann an Helena wandte, lag in ihrer Stimme ein eisiger Unterton. »Deine Zunge ist schärfer als dein Verstand, meine Liebe«, sagte sie. »Anastasios versteht es, seine Gedanken für sich zu behalten und sein Wissen hinter Bescheidenheit zu verbergen. Es würde dir gut anstehen, das ebenfalls zu lernen. Nicht immer ist es weise, den Eindruck von Klugheit zu erwecken.« Mit einem Augenzwinkern fügte sie hinzu: »Allerdings besteht in dieser Hinsicht bei dir keine Gefahr.«
Irene lächelte und wandte sogleich den Blick von Zoe ab. Im nächsten Moment merkte Anna, dass ihre hellen, wissenden Augen voll Neugier und Interesse auf ihr ruhten.
Helena sagte etwas und sah dabei Dimitrios an.
Möglicherweise hatte Antonios sie geliebt, weil nur er so etwas wie Güte in ihr hatte entdecken können. Anna wusste nicht, welche Gemeinsamkeit zwischen ihnen bestanden haben könnte. Inzwischen litt Helena möglicherweise allein und wagte nicht, das anderen zu zeigen, schon gar nicht ihrer Mutter oder der anderen klugen Frau, der unansehnlichen, in deren Gesicht so tiefer Schmerz gegraben war.
Anna sah zu Helena hinüber, die lächelnd neben Dimitrios getreten war. Er wirkte befangen.
»Allmählich fängt er an, seinem Vater zu ähneln«, bemerkte Zoe und ließ den Blick kurz auf Dimitrios ruhen. Dann fragte sie Irene: »Habt Ihr in letzter Zeit von Grigorios gehört?«
»Ja«, gab Irene knapp zur Antwort.
Anna fiel auf, dass sie sich dabei verkrampfte.
Zoe schien erheitert. »Und ist er nach wie vor in Alexandria? Eigentlich sehe ich keinen Grund, warum er länger dort bleiben müsste. Oder meint er, dass uns die Lateiner erneut dezimieren werden? Ich hatte nie den Eindruck, dass ihm die Religion je besonders am Herzen gelegen hätte.«
»Ach?«, gab Irene mit gehobenen Brauen und eiskaltem Blick zurück. »Das liegt vielleicht daran, dass Ihr ihn nicht annähernd so gut kennt, wie Ihr glaubt.«
Zoes Wangen röteten sich. »Möglich«, lenkte sie ein. »Wir haben einige wunderbare Gespräche miteinander geführt, aber ich kann mich nicht erinnern, dass es dabei je um Religion gegangen wäre.« Sie lächelte.
»Das dürfte auch kaum die richtige Situation für spirituelle Fragen gewesen sein.« Irene wandte sich erneut zu Dimitrios um. »Ja, er sieht seinem Vater ähnlich«, sagte sie. »Wie schade, dass Ihr keinen Sohn habt … von keinem Eurer … Liebhaber.«
Zoes Züge spannten sich an, als habe man sie geohrfeigt. »Ich halte es nicht für ratsam, dass Dimitrios zu sehr zu Helena aufschaut«, sagte sie kaum hörbar. »Das könnte … unerfreulich werden.«
Alles Blut wich aus Irenes Gesicht, während sie Zoe anstarrte. Dann wandte sie sich mit einem kalten Blick an Anna: »Es war mir angenehm, Eure Bekanntschaft zu machen, Anastasios, aber ich denke nicht, dass ich Eure Dienste in Anspruch nehmen werde. Auf mein Gesicht trage ich keine Mittel auf, in dem verzweifelten Versuch, mich an die Jugend zu klammern, und zum Glück habe ich ein reines Gewissen und befinde mich bei bester Gesundheit. Sollte sich das je ändern, habe ich meinen eigenen Arzt, einen Christen. Ich habe gehört, dass Ihr Euch von Zeit zu Zeit jüdischer Arzneien bedient. Sicher werdet Ihr verstehen, dass ich damit nichts zu tun haben möchte, ganz besonders nicht in diesen unsicheren Zeiten voller Verrat.« Ohne eine Antwort Annas abzuwarten, nickte sie Zoe knapp zu und ging. Dimitrios folgte ihr.
Helena sah ihre Mutter mit einem Blick an, als wollte sie einen Streit vom Zaun brechen, beschloss dann aber, es zu unterlassen. »So also steht es um die Vergrößerung Eures Patientenkreises«, sagte sie zu Anna. »Ich weiß nicht, was Ihr Euch erhofft habt, aber Mutter scheint dafür gesorgt zu haben, dass nichts daraus wurde.« Sie lächelte strahlend. »Ihr werdet Euch anderweitig umsehen müssen.«
Anna verabschiedete sich und ging. Sie verkniff sich die passende Antwort, die ihr auf der Zunge brannte.
Den ganzen Abend lang überlegte sie, was diese Menschen, zwischen denen es so wenige Gemeinsamkeiten zu geben schien, aneinander binden mochte. Der Glaube konnte es unmöglich sein. Vielleicht war es der Hass auf Rom.
Am folgenden Morgen, es war ein Sonntag, ging sie allein zur Hagia
Sophia, um an der Messe teilzunehmen. Sie wollte an einem Ort sein,
wo weder Leo noch Simonis sie sehen oder sich nach ihrer Stimmung
erkundigen konnten. Vielleicht, so hoffte sie, würden die Pracht
der Kathedrale und die Macht der vertrauten Worte sie trösten, sie
an die Gewissheiten erinnern, auf die es ankam.
Auf den oberen Stufen der Treppe, die fast im Schatten der Kuppel lagen, wäre sie beinahe mit Zoe zusammengestoßen. Es war unmöglich, einfach an ihr vorüberzugehen, ohne grob unhöflich zu erscheinen.
»Ach, Ihr seid es, Anastasios«, sagte Zoe. »Wie geht es? Ich bitte um Entschuldigung für Irenes eigenartiges Verhalten. Sie ist mitunter seltsamen Stimmungen unterworfen. Vielleicht wisst Ihr ein Mittel dagegen? Das würde ihr ausgesprochen guttun.« Wie selbstverständlich ging sie bis zu den Tarsus-Türen neben ihr her. »Übrigens auch allen um sie herum«, fügte sie hinzu.
Doch kaum hatten sie das Innere betreten, verhielt sich Zoe, als habe Anna aufgehört zu existieren, und trat an das Grabmal des Dogen Enrico Dandolo. Glühender Hass legte sich auf ihre Züge; ihre Augen zogen sich zu schmalen Schlitzen zusammen, und ihre Lippen kräuselten sich wütend. Ihr ganzer Körper war verkrampft, und sie spie mit aller Kraft auf die Grabplatte mit dem verhassten Namen. Dann ging sie mit hoch erhobenem Kinn davon.
Ohne nach links und rechts zu sehen, strebte sie einer der äußeren Kolonnaden entgegen, wo sie mit gesenktem Kopf und geschlossenen Augen vor einer Ikone der Jungfrau Maria stehen blieb.
Anna, die leicht links von ihr stand und daher ihr Gesicht erkennen konnte, empfand eine Sehnsucht nach etwas, was auf immer dahin war, einen Kummer um etwas, was nicht sein konnte. Sie fühlte sich schuldig, weil sie selbst es von sich gegeben hatte, nicht mit einer Geste des Großmuts oder als Opfer, sondern voll überschäumender Wut. War dafür eine Vergebung denkbar? Sie ging davon, während ihr heiße Tränen über das Gesicht liefen.
Als sie auf dem Weg nach draußen erneut am Grabmal des Enrico Dandolo vorüberkam, sah sie einen Mann, der sorgfältig mit einem Tuch den Speichel Zoes und anderer abwischte, die dort ihrem Hass Luft gemacht hatten. Er hielt inne, hob den Blick zu Anna und erkannte den Schmerz in ihren Augen.
Wieder ging eine Frau vorüber und spie auf die Grabplatte, ohne auf ihn zu achten.
Er wandte sich um und machte sich geduldig daran, sie abermals zu säubern.
Anna blieb stehen und sah ihm zu. Er hatte schöne, kräftige und schmale Hände und widmete sich seiner Aufgabe, als sei nichts Besonderes geschehen.
Sie betrachtete sein Gesicht mit den starken Wangenknochen und dem verletzlich wirkenden Mund. Sie stellte sich vor, dass er voll Vergnügen lachen konnte, wenn es einen guten Anlass dazu gab. Jetzt allerdings war nichts Entspanntes an ihm, sie sah nur eine tiefe Einsamkeit.
Diese nahezu unerträgliche Einsamkeit empfand auch Anna, die nach außen hin weder Mann noch Frau war, ein Mensch, der völlig allein stand und den vielleicht nur Gott liebte – doch vergeben hatte Er ihr noch nicht.