KAPİTEL 61
Giuliano sah der schmächtigen einsamen Gestalt nach, bis sie in der Ferne verschwunden war. Dann wandte er sich nach Südwesten. Ob sie wirklich an der wahren Schädelstätte gestanden hatten? Die Trostlosigkeit des Ortes war ihm in die Glieder gefahren und hatte ihn betäubt. Warum hast Du mich verlassen? Es war der Schrei einer jeden menschlichen Seele im Angesicht der Verzweiflung.
Warum hatte es ihn so sehr verwirrt, Anastasios in Frauenkleidern zu sehen? Nicht nur hatte er darin ganz natürlich gewirkt, er war auch anders gegangen als sonst und hatte sogar, so schien es ihm, den Kopf anders gehalten. Alles an ihm hatte sich verändert. Er war nicht mehr der Freund gewesen, den er so gut gekannt hatte – oder von dem er gedacht hatte, ihn gut zu kennen. An manchen Tagen hatte er ganz vergessen, dass Anastasios Eunuch war. Seine Geschlechtszugehörigkeit war unwichtig. Wichtig waren allein sein Mut, seine Herzensgüte, die Schärfe seines Verstandes, seine weit ausgreifende Vorstellungskraft. Sie machten ihn zu dem, was er war.
Jetzt aber war in bestürzender Weise deutlich geworden, dass Anastasios einem dritten Geschlecht angehörte, nicht Mann und nicht Frau. Er schien zwischen diesen Rollen hin- und herwechseln zu können, zu changieren wie schimmernde Seide im Licht, beinahe, als gebe es nichts, was ihn von Natur aus definierte.
Aber es war noch schlimmer, ging tiefer, denn etwas in seinem eigenen Inneren beunruhigte Giuliano. In Frauenkleidern war ihm Anastasios von geradezu berückender Schönheit erschienen. Obwohl er wusste, dass er, wenn schon kein richtiger Mann, zumindest als solcher zur Welt gekommen war, hatte er ihm gegenüber einen kurzen Augenblick so empfunden, als sei er eine Frau, hatte das Gefühl gehabt, ihn beschützen zu müssen, und war sich gleichzeitig einer geschlechtlichen Verlockung bewusst geworden.
Giuliano war erleichtert, dass er jetzt nach Jaffa musste und keine Rede davon sein konnte, dass er mit zum Sinai zog.
Doch kaum war der so verletzlich scheinende Anastasios gegangen, als Giuliano eine sonderbare Einsamkeit empfand. Auch wenn er schon bald wieder von Menschen umgeben sein würde, gab es doch niemanden, mit dem er über das sprechen konnte, was ihn bedrückte, das schlechte Gewissen, das er hatte, weil er Anastasios nicht die Art von Freundschaft erwiesen hatte, die er brauchte und verdiente.