KAPİTEL 75

Anna saß in Irene Vatatzes’ Schlafzimmer, das mit den düsteren Farben und den strengen Mustern an den Wänden trotz seiner Schönheit in keiner Weise wie das einer Frau wirkte. In der Luft hing ein abgestandener Geruch nach Schweiß und Verfall. Sie tat alles, was sie konnte, um Irenes Schmerzen zu lindern und deren Ängste durch ihre bloße Anwesenheit, eine Berührung, ein tröstendes Wort zu vermindern. Ihr war klar, dass sich Irene nicht wieder erholen würde. Ihre Kräfte schwanden Tag für Tag mehr, und die Zeiträume, in denen sie bei klarem Verstand war, wurden immer kürzer.

Irene stöhnte vor Schmerzen, während sie sich auf ihrem Lager hin und her warf. Anna beugte sich über sie und strich das Laken glatt, wo es nötig war, tauchte ein Tuch in eine Schüssel mit kaltem Wasser, in das sie Kräuter gegeben hatte, und drückte es aus, so dass sich der Geruch der Kräuter in der Luft ausbreitete. Dann legte sie das Tuch sanft auf Irenes Stirn, woraufhin diese eine Weile zur Ruhe kam. Nahezu eine Stunde lang lag sie reglos da, als stehe sie im Begriff, in den Frieden des Todes einzugehen. Dann keuchte sie und begann erneut, sich herumzuwerfen.

»Zoe!«, stieß sie plötzlich hervor. Ihre Augen waren geschlossen, aber auf ihren Zügen lag der Ausdruck so großer Wut, dass es schwerfiel zu glauben, sie sei nicht bei klarem Bewusstsein. »Bald wirst du ganz allein sein«, flüsterte sie. »Wir werden tot sein. Was wirst du dann tun? Du wirst niemanden mehr haben, den du lieben, und auch niemanden, den du hassen kannst.«

Anna erstarrte. Sie wusste, woran Irene dachte – an Zoe und Grigorios. Die Eifersucht fraß nach wie vor an Irene. Anna legte ihr sacht eine Hand auf das Handgelenk.

»Rache. Immer nur Rache.« Irene seufzte und schien erneut in den Schlaf zu sinken.

An den nächsten beiden Tagen wirkte Irenes Zustand unverändert. Dann aber begann sie mit einem Mal zu verfallen. Anna behandelte sie mit Kräutern und gab ihr so starke Schmerzmittel, wie sie wagte. Als sie am dritten Tag nach Mitternacht in der Nähe von Irenes Lager stand, sah sie sogar im warmen Kerzenlicht, dass ihr Gesicht wie geschrumpft und die Haut grau war.

Irene öffnete die tief eingesunkenen trüben Augen und sah Anna an. Diese empfand tiefes Mitleid mit ihr, konnte ihr aber nicht mehr helfen. »Soll ich Dimitrios kommen lassen?«

»Gebt mir etwas von dem Kräutertrank, der wie Galle schmeckt«, sagte Irene mit ausgedörrten Lippen.

Anna schwankte, ob sie den Wunsch erfüllen sollte, konnte doch eine weitere Gabe Opium ihren sofortigen Tod bedeuten. Nach kurzem Überlegen entschloss sie sich, es zu tun.

Sie nickte und griff nach dem Fläschchen. Sie wollte das Mittel mit viel Wasser verdünnen – genau genommen würde es hauptsächlich Wasser sein. Vielleicht würde Irene ja schon das Bewusstsein helfen, Opium zu bekommen. Nach drei oder vier kleinen Schlucken legte Anna sie sanft wieder zurück, strich ihr die Decke glatt, ging zur Tür und rief den Diener.

»Holt Dimitrios«, sagte sie zu ihm. »Ich fürchte, es geht zu Ende.«

Der Diener eilte davon und kehrte zehn Minuten später mit der Erklärung zurück, dass Dimitrios ausgegangen und noch nicht zurückgekehrt sei. Offensichtlich hatte er nicht damit gerechnet, so bald gerufen zu werden.

»Wenn er zurückkehrt, sagt ihm, dass seine Mutter im Sterben liegt«, gebot Anna, wandte sich dann ab und kehrte an Irenes Lager zurück.

Die Kerze zuckte kurz vor dem Verlöschen. Anna zündete eine neue an.

Plötzlich öffnete Irene erneut die Augen und sagte mit deutlicher Stimme: »Ich werde die Nacht nicht überleben, nicht wahr?«

»Das vermute ich«, gab Anna aufrichtig zur Antwort.

»Holt Dimitrios. Ich muss ihm etwas geben.«

»Ich habe bereits nach ihm geschickt. Er ist nicht im Hause, und der Diener kann mir nicht sagen, wo er sich aufhält.«

Nach kurzem Schweigen sagte Irene: »Dann werde ich es Euch sagen. Grigorios war überzeugt, dass Zoe ihn liebte, aber sie hat ihn mit Michael betrogen. Das habt Ihr nicht gewusst, nicht wahr?« In ihrer Stimme lag tiefe Befriedigung. »Der Kaiser ist Helenas Vater. Denkt nur! Damit hätte Bessarion gleich doppelt Anspruch auf den Thron erheben können, nicht wahr?«

Anna kam ein schrecklicher Gedanke. Jetzt stellte sich die Situation in einem gänzlich anderen Licht dar. »Woher wollt Ihr wissen, dass sie sein Kind ist?«, fragte sie.

»Ich habe Briefe«, sagte Irene und biss sich auf die Lippe, als der Schmerz sie erneut durchfuhr. »Vom Kaiser an Zoe.«

Zweifelnd fragte Anna: »Wie seid Ihr in deren Besitz gelangt? «

Irene versuchte zu lächeln, doch war es nichts weiter als ein Entblößen ihrer Zähne. »Grigorios hat sie ihr fortgenommen. «

»Weiß Zoe, dass Ihr sie habt?«

»Ihr war bekannt, dass Grigorios sie hatte, doch sie weiß nicht, dass ich sie an mich gebracht habe. Er hat nie gewagt zu verlangen, dass ich sie wieder herausgebe.«

Annas Gedanken jagten sich. »Und Helena weiß nichts davon?«, fragte sie.

»Es war besser so«, sagte Irene matt. »Wenn sie es gewusst hätte, hätte es bei ihr kein Halten mehr gegeben.«

»Und warum soll ich Euch all das glauben?«

»Weil es die Wahrheit ist. Ich werde Helena einige dieser Briefe hinterlassen. Mein Vetter wird sie ihr zu gegebener Zeit aushändigen. Die übrigen bewahre ich in einer Truhe auf. Der Schlüssel dazu liegt unter meinem Kopfkissen. Gebt sie Dimitrios.« Sie fügte mit dem Anflug eines Lächelns hinzu: »Sobald Helena davon weiß, hat sie Macht. Genau das ist der Grund, warum Zoe es ihr nie gesagt hat.« Sie atmete rasselnd. »Aber jetzt ist es mir einerlei. Es wird für Zoe die Hölle sein … jeden Tag aufs Neue.« Ihr Mund öffnete sich zu einem leichten Lächeln, als schmecke sie etwas Süßes.

Sie schloss die Augen, und nach und nach verschwand jeder Ausdruck von ihren Zügen. Sie schlief über eine halbe Stunde lang.

Man hörte ein Geräusch auf dem Gang, dann flog die Tür auf. Dimitrios kam mit wehender Dalmatika herein, nass vom Regen, seine Augen dunkel und voll Ärger.

»Mutter?«, fragte er leise. »Mutter?«

Irene öffnete die Augen. Es dauerte eine Weile, bis sie klar sehen konnte. »Dimitrios?«

»Ich bin hier.«

»Gut. Lass dir von Anastasios die … Briefe geben. Gib gut auf sie acht. Wirf nichts …« Sie atmete tief ein und stieß die Luft seufzend wieder aus. Es klang wie ein leichtes Keuchen in ihrer Kehle. Dann herrschte Stille.

Dimitrios wartete eine Weile und stand dann auf. »Sie ist tot. Um was für Briefe geht es? Wo sind sie?«

Anna nahm den Schlüssel unter dem Kissen hervor und ging zu der Truhe, die nahe der Ikone an der Wand stand, ganz wie Irene es ihr gesagt hatte. Die Briefe waren zu einem ordentlichen Bündel verschnürt.

»Danke«, sagte er und nahm sie entgegen. »Ihr könnt gehen. Ich möchte gern mit ihr allein sein.«

Anna hatte keine andere Möglichkeit, als sich zu fügen.

Die Dunklen Wasser Des Todes: Roman
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