KAPİTEL 5

Zoe Chrysaphes stand am Fenster ihres großen Empfangsraumes und sah über die Dächer der Stadt zum Goldenen Horn hinüber, dessen Wasser im Sonnenlicht aussah wie flüssiges Metall. Ihre Hände liebkosten die von der Sonne gewärmten Steine der Brüstung. Konstantinopel zeigte sich ihren Augen wie ein mit Edelsteinen verziertes Mosaik. Die alte Pracht des Valens-Aquädukts lag hinter ihr, seine Bögen schwangen sich von Norden herüber wie von einem Titan aus der römischen Vergangenheit hingestellt, einem Zeitalter, in dem Konstantinopel – damals Byzanz – die östliche Hälfte eines Weltreichs beherrschte. Zur Rechten lag die Akropolis, die ihr wegen ihrer Sprache, Kultur und ihres griechischen Ursprungs sehr viel näher war als jener. Obwohl die Blütezeit des byzantinischen Reiches schon lange vor ihrer Geburt zu Ende gegangen war, erfüllte der Gedanke daran sie mit Stolz.

Sie sah die Wipfel der Bäume, hinter denen die Ruinen des Bukoleon-Palasts verborgen waren, wohin ihr Vater sie als Kind mitgenommen hatte. Sie versuchte, diese angenehmen Erinnerungen in sich wachzurufen, doch sie waren zu fern und entglitten ihr.

Einen Augenblick lang übergoss der Glanz der untergehenden Sonne die zerfallenen Mauern mit einem goldenen Schleier und verhüllte so den hässlichen Anblick, den sie boten.

Auch wenn seither viele Jahrzehnte vergangen waren, sie würde nie vergessen, wie der Feind in die Stadt eingedrungen war und ihre Herrlichkeit achtlos unter seinen Stiefeln zertreten hatte. Was sie jetzt vor sich sah, war eine geschändete Stadt, die dennoch nach wie vor entschlossen war, das Leben mit aller Leidenschaft bis zur Neige auszukosten.

Das Licht des späten Abends war gütig zu ihr. Obwohl sie schon über siebzig Jahre alt war, saß ihre Gesichtshaut noch straff auf den Wangenknochen. Ihre goldfarbenen Augen lagen tief im Schatten der geschwungenen Brauen. Ihr Mund, der immer etwas zu breit gewesen war, hatte nach wie vor volle Lippen. Ihre Haare schimmerten nicht mehr so seidig wie einst und waren eher braun als rötlich, doch immerhin verdeckten die Färbemittel das Grau darin.

Noch eine Weile sah sie zum Lichtschimmer von Galata hinüber, während ihre Diener im Hause die Fackeln entzündeten. Im Osten wurde es rasch dunkel, und über dem Hafen lagen purpurne Töne. Die Türme und Kuppeln der Stadt zeichneten sich schärfer als zuvor vor dem Emailblau des Himmels ab. In Gedanken vereinigte sie sich mit dem Herzen der Stadt, jenem Teil, der mehr war als Paläste oder Schreine, auch mehr als die Hagia Sophia oder der Lichterglanz über dem Meer. Die Seele der Stadt Konstantinopel lebte, obwohl die Lateiner ihr Gewalt angetan hatten, als sie selbst noch ein kleines Mädchen war.

Während die Sonne hinter die niedrig hängenden Wolken glitt und es plötzlich kühl wurde, wandte sich Zoe schließlich ab und trat in den Raum zurück, wo der Fackelschein sie blendete. Sie roch das verbrennende Pech, sah das Zucken der Flammen im Luftzug. Zwischen zwei in dunklem Rot, Lila und Umbratönen gehaltenen herrlichen Wandteppichen hing ein nahezu zwei Fuß langes goldenes Kruzifix. Sie stellte sich davor und sah den Schmerzensmann an. Es war eine erstklassige Arbeit: jede Falte Seines Lendentuchs, die Sehnen Seiner Gliedmaßen, Sein Gesicht, dem man die Qualen ansah – alles war vollkommen.

Sie nahm es vorsichtig von der Wand und drehte es um. Sie brauchte die Rückseite gar nicht anzusehen, kannte sie doch jede Linie und die Schatten der Gravuren auswendig. Ihre Finger ertasteten sie jetzt, glitten sacht darüber, als seien sie das Gesicht eines geliebten Menschen. Doch was sie antrieb, war Hass, der täglich neue unstillbare Durst nach einer langsam vollzogenen, ausgesuchten und vollständigen Rache.

Auf dem oberen Teil des Kreuzesstammes prangte das Wappen der Familie Vatatzes, die einst über das Reich geherrscht hatte. Es zeigte auf grünem Grund einen goldenen Doppeladler mit einem silbernen Stern über beiden Köpfen. Die Vatatzes hatten Konstantinopel beim Einfall der Kreuzfahrer verraten und bei ihrer Flucht aus der besetzten Stadt unschätzbar wertvolle Ikonen mitgenommen – nicht etwa, um sie vor den Lateinern zu retten, sondern um sie zu Geld zu machen. Bei ihrer feigen Flucht hatten sie heilige Stätten beraubt und alles, was sie nicht mitnehmen konnten, dem Feuer und Schwert des Feindes überlassen.

Der rechte Kreuzesarm trug das Wappen der Familie Doukas, die gleichfalls vor einiger Zeit in Byzanz geherrscht hatte. Es zeigte auf blauem Grund die Kaiserkrone sowie einen Doppeladler mit silbernen Schwertern in den Fängen. Auch die Doukas’ waren zu Verrätern geworden und hatten die bereits beraubten obdach – und hilflosen Bewohner der Stadt ausgeplündert. Sie würden zu gegebener Zeit erfahren, wie es war, wenn man verhungerte.

Der linke Kreuzesarm zeigte einen goldenen Doppeladler auf rotem Grund, das Wappen der Familie Kantakouzenos, einer noch älteren kaiserlichen Dynastie. Zoe war entschlossen, sie wegen ihrer Raffgier und ihres gotteslästerlichen Verhaltens, bei dem sie nicht das geringste Ehr-oder Schamgefühl an den Tag gelegt hatten, bis ins dritte und vierte Glied für ihre Schandtaten zahlen zu lassen. Konstantinopel vergab die der Stadt zugefügte Schmach an Leib und Seele nicht.

Am Kreuzesstamm, auf dem vorn der Gekreuzigte hing, war das Wappen der Familie Dandolo aus Venedig eingraviert, das aus einer waagerecht geteilten Raute bestand, oben weiß und unten rot. Die Dandolos waren die übelsten von allen. Der weit über neunzigjährige blinde Doge Enrico Dandolo hatte im Jahr des Unheils 1204 am Bug des vordersten Schiffes der venezianischen Flotte gestanden, weil er es nicht abwarten konnte, in die Königin der Städte einzufallen, um sie berauben und dann niederbrennen zu können. Als niemand wagte, als Erster an Land zu gehen, war er allein und ohne etwas zu sehen auf den Strand gesprungen und vorangestürmt. Für den von ihm verübten Frevel würde seine Familie büßen müssen, solange Brandspuren auf Konstantinopels Mauersteinen zu sehen waren.

Hinter sich hörte sie ein Geräusch, ein leises Räuspern. Es war ihre schwarze Dienerin Thomais mit dem kurzgeschorenen Haar und der unvergleichlichen Anmut. »Was gibt es?«, fragte Zoe, ohne den Blick vom Kruzifix zu nehmen.

»Eure Tochter ist da, Herrin«, gab Thomais zurück. »Soll ich sie bitten zu warten?«

Sorgfältig hängte Zoe das Kruzifix wieder an seinen Platz und trat einen Schritt zurück, um es zu betrachten. In den Jahren seit ihrer Rückkehr aus dem Exil hatte sie es Hunderte von Malen wieder dorthin gehängt und jedes Mal kerzengerade ausgerichtet.

»Lass dir Zeit«, gab Zoe zurück. »Hol ihr ein Glas Wein und bring sie dann zu mir.«

Thomais ging betont langsam davon, um die Anweisung auszuführen. Zoe wollte Helena warten lassen. Auf keinen Fall sollte sie glauben, sie könne einfach kommen und damit rechnen, dass ihre Mutter für sie da war. Helena war ihr einziges Kind, das sie von der Wiege an sorgfältig nach ihren Vorstellungen erzogen hatte, doch was auch immer sie im Leben erreichen mochte, sie würde nie imstande sein, ihre Mutter zu überlisten oder sich über deren Willen hinwegzusetzen.

Nach einigen Minuten trat Helena Komnena mit geschmeidigen Bewegungen ein. Ihre Augen sprühten Zorn. Die Achtung, die sie der Mutter schuldete, lag in ihren Worten, nicht aber im Ton ihrer Stimme. Wie es der Brauch verlangte, trug sie wegen ihres ermordeten Gatten nach wie vor Trauer und sah daher mit Groll auf Zoes bernsteinfarbene Tunika, deren fließende Linien noch dadurch betont wurden, dass Zoe größer war als sie.

»Guten Abend, Mutter«, sagte sie förmlich. »Ich hoffe, es geht Euch gut.«

»Durchaus, danke«, gab Zoe mit einem leicht amüsierten Lächeln zurück, in dem keine Wärme lag. »Du siehst bleich aus, aber das liegt wohl an der Trauer. Es gehört sich so, dass eine frisch verwitwete Frau aussieht, als hätte sie geweint, ganz gleich, ob es der Wirklichkeit entspricht oder nicht.«

Helena ging über diese Bemerkung hinweg. » Vor einigen Tagen war Bischof Konstantinos bei mir.«

»Selbstverständlich«, gab Zoe zurück und setzte sich mit einer anmutigen Bewegung. »Das ist er Bessarions Stellung auch schuldig. Es würde von schlechter Amtsführung zeugen, wenn er es nicht täte und andere das mitbekämen. Hat er etwas Bemerkenswertes gesagt?«

Helena wandte sich ab, damit Zoe ihr Gesicht nicht sehen konnte. »Er hat mir Fragen gestellt, mit denen er wohl herausbekommen wollte, wie viel ich über Bessarions Tod weiß.« Sie warf einen raschen Blick zu ihrer Mutter hinüber. »Und was ich anderen darüber sagen würde«, fügte sie hinzu. »So ein Schafskopf!« Sie sagte das fast im Flüsterton, aber Zoe merkte, dass eine Spur Angst darin lag.

»Ihm bleibt nichts anderes übrig, als sich gegen die Union mit Rom zu stellen«, sagte Zoe scharf. » Wenn die Lateiner ans Ruder kämen, wäre er als Eunuch weniger als nichts. Wer der orthodoxen Kirche treu bleibt, dem wird alles andere verziehen.«

Helenas Augen weiteten sich. »Das ist zynisch.«

»Ich halte mich an die Wirklichkeit«, gab ihre Mutter zurück. » Wir Byzantiner sind Herz und Hirn der Christenheit, Zentrum des Lichtes, des Denkens und der Weisheit – ja, der ganzen Zivilisation. Das solltest du nie vergessen. « Ihre Stimme klang scharf. » Wenn wir unsere Eigenart aufgeben, üben wir Verrat an unserem Lebenszweck. «

» All das ist mir bekannt«, gab Helena zurück. »Die Frage ist nur, ob auch er das weiß. Was er wohl wirklich will?«

Zoe sah sie verächtlich an. »Natürlich Macht.«

»Er ist Eunuch!« Helena spie das Wort förmlich aus. »Die Zeiten dürften vorbei sein, als so jemand alles außer Kaiser werden konnte. Sollte er so töricht sein, dass er das noch nicht begriffen hat?«

» Wenn die Not groß genug ist, wendet man sich an jeden, von dem man annimmt, er könne die Rettung bringen«, sagte Zoe gelassen. »Du würdest gut daran tun, das nicht zu vergessen. Konstantinos ist klug, und er ist darauf angewiesen, dass ihn die Menschen lieben. Unterschätze ihn nicht, Helena. Er hat zwar ganz wie du das Bedürfnis, bewundert zu werden, ist aber mutiger als du. Wenn du deinen Verstand ebenso gut nutzt wie deinen Körper, kannst du sogar einem Eunuchen schmeicheln. Genau genommen wäre es, was Männer betrifft, ausgesprochen klug, wenn du dich eher deines Verstandes als deines Körpers bedientest, jedenfalls im Augenblick.«

Erneut stieg die Röte in Helenas Wangen. »Das sind die weisen und rechtschaffenen Worte einer Frau, die für alles andere zu alt ist«, höhnte sie. Sie strich sich mit den Händen über die schmale Taille und den flachen Unterleib, wobei sie die Schultern leicht hob, um ihre opulenten Rundungen noch ein wenig mehr zu betonen.

Der Spott traf Zoe empfindlich. Es gab Stellen in ihrem Gesicht und an ihrem Hals, die sie ungern im Spiegel sah; und ihre Arme und Schenkel besaßen nicht mehr die Festigkeit wie noch vor wenigen Jahren.

»Nutze deine Schönheit, solange du kannst«, gab sie zurück. »Außer ihr hast du nichts. Und bei deiner Größe wirst du viereckig sein, wenn einst deine Taille in die Breite geht, und deine Brüste werden dir auf den Bauch hängen.«

Wütend nahm Helena den seidenen Behang von der Stuhllehne und schlug damit nach ihrer Mutter. Sie traf nicht, wohl aber verfing sich ein Ende davon in einem der hohen schmiedeeisernen Fackelhalter und riss ihn um, so dass brennendes Pech auf den Boden floss. Im nächsten Augenblick stand Zoes Tunika in Flammen. Sie spürte die sengende Hitze an ihren Beinen.

Die Schmerzen waren unerträglich, und der Rauch schien sie zu ersticken. Es kam ihr vor, als müsse ihre Lunge platzen. Die durchdringenden Schreie, die sie hörte, waren ihre eigenen. Sie fühlte sich weit in die Vergangenheit zurückgerissen, die Hintergrund all dessen war, was aus ihr geworden war. Das grelle rote Licht in der Dunkelheit umgab sie, der Lärm einstürzender Mauern, das Krachen fallender Steine, das Brüllen der Flammen drang an ihre Ohren, sie nahm das Entsetzen und Durcheinander ringsum wahr. Die Hitze verbrannte ihr Kehle und Brust.

Helena goss Wasser über sie und rief mit von Panik erfüllter lauter Stimme etwas, doch Zoe konnte nichts mehr denken. Sie war ein kleines Mädchen, das die Hand der Mutter umklammerte, im Laufen fiel, wieder hochgezogen und weitergezerrt wurde, über eingestürzte Mauerreste stolperte, über zerhackte und verbrannte Leiber, im Blut auf dem Pflaster ausglitt. Der durchdringende Geruch brennenden menschlichen Fleisches stieg ihr in die Nase.

Wieder stürzte sie zu Boden, alles schmerzte. Sie kam auf die Beine, aber die Mutter war fort. Dann sah sie sie. Einer der Kreuzfahrer hatte sie vom Boden emporgerissen und gegen eine Mauer geschleudert. Er zerfetzte ihr Obergewand und Tunika mit dem Schwert und drängte sich dann mit wilden, zuckenden Bewegungen an sie. Inzwischen wusste Zoe, was er getan hatte. Sie spürte es, als werde ihrem eigenen Leib Gewalt angetan. Schließlich hatte er ihr die Kehle durchgeschnitten und sie zu Boden sinken lassen, wo ihr Blut über die Steine floss.

Zu spät hatte Zoes Vater beide gefunden. Die Kleine hatte so reglos am Boden gesessen, als sei auch sie tot.

Alles danach war nur noch Schmerz und Verlust gewesen. Stets hatten sie an unvertrauten Orten gelebt, Qualen des Hungers und der schrecklichen Leere gelitten, Menschen, denen man alles genommen hatte. Ständig hatte es ein Entsetzen in ihrem Kopf gegeben, das sie nie losgeworden war. Nach diesem Entsetzen war der Hass gekommen. Sie blutete vor Wut, an welcher Stelle auch immer man sie stach.

Jetzt war Helena an ihrer Seite und wickelte etwas um sie. Zwar war der grelle Flammenschein verschwunden, doch die brennenden Schmerzen waren geblieben, in beiden Beinen, von unten bis oben. Zoe unterschied Wörter: Es war Helenas Stimme, angespannt und von Angst gefärbt.

» Alles wird gut! Alles wird gut! Thomais holt einen Arzt. Vor kurzem ist einer in unsere Nachbarschaft gezogen, der sich auf Verbrennungen versteht.«

Zoe wollte sie wegen ihrer ebenso unvernünftigen wie boshaften Handlungsweise verfluchen, an ihr so entsetzliche Rache üben, dass sie wünschen würde zu sterben, um ihr zu entgehen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie brachte kein Wort heraus. Die Schmerzen nahmen ihr den Atem.

Sie verlor jedes Zeitbewusstsein. Die Vergangenheit war wieder da, das Gesicht der Mutter, ihr blutender Leib, der Brandgeruch. Dann war endlich jemand anders da, sprach zu ihr, die Stimme einer Frau. Sie löste die Tücher, die Helena um die Wunden gewickelt hatte. Es schmerzte entsetzlich und fühlte sich an, als ob ihre Haut noch brannte. Um nicht laut herauszuschreien, biss sie sich auf die Lippen, bis sie Blut schmeckte. Zum Teufel mit Helena! Zum Teufel mit diesem törichten Geschöpf!

Die Frau berührte sie erneut, diesmal mit etwas Kaltem. Das Brennen ließ nach. Sie öffnete die Augen und sah das Gesicht der Frau vor sich. Dann erkannte sie, dass es gar keine Frau war, sondern ein Eunuch mit unbehaarter, weicher Haut und weiblichen, aber festen Gesichtszügen. Seine Bewegungen, die Sicherheit, mit der er handelte, waren die eines Mannes.

»Es schmerzt zwar, geht aber nicht sehr tief«, sagte er ruhig. »Bei richtiger Behandlung wird es verheilen. Ich gebe Euch eine Salbe, die das Brennen lindert.«

Jetzt beunruhigte Zoe nicht mehr der Schmerz, sondern die Furcht vor Narben. Entsetzen erfasste sie bei der Vorstellung, verunstaltet zu sein. Sie keuchte, aber ihr Mund bildete keine Worte. Ihr Rücken spannte sich, während sie etwas zu sagen versuchte.

»Tut etwas!«, schrie Helena den Arzt an. »Sie hat große Schmerzen.«

Ohne sich zu ihr umzuwenden, sah der Eunuch Zoe unverwandt in die Augen, als wolle er das Entsetzen darin deuten. Seine eigenen Augen waren von einem sonderbaren Grau. Er sah auf verweiblichte Weise gut aus, hatte einen kräftigen Körperbau und gleichmäßige Zähne. Schade, dass man ihm in jungen Jahren genommen hatte, was ihn zum Mann gemacht hätte. Erneut bemühte sich Zoe, etwas zu sagen. Falls es ihr gelang, mit ihm Verbindung aufzunehmen, würde sie vielleicht die Panik verjagen können, die in ihr emporstieg.

»Steht nicht so tatenlos herum, Esel!«, fuhr Helena den Arzt an. »Seht Ihr nicht, dass sie leidet? Warum tut Ihr nichts? Ihr wisst wohl nicht weiter?«

Der Eunuch nahm nach wie vor keine Kenntnis von ihr und schien damit beschäftigt, Zoes Gesicht zu studieren.

»Raus!«, gebot Helena. »Wir werden einen anderen Arzt holen.«

»Bringt mir einen Becher leichten Wein mit zwei Löffeln Honig darin«, gebot der Arzt. »Löst den Honig gut auf.«

Helena zögerte.

»Bitte beeilt Euch«, drängte er.

Sie wandte sich auf dem Absatz um und ging hinaus.

Er strich wieder Salbe auf die Wunden und legte dann einen lockeren Verband an. Es stimmte, was er gesagt hatte: die Salbe linderte die Schmerzen, sie ließen allmählich nach.

Helena kehrte mit dem Wein zurück. Der Arzt nahm den Becher und hob Zoe vorsichtig an, bis sie saß und den Becher selbst in die Hände nehmen konnte. Zu Anfang fühlte sich ihre Kehle an wie aufgerissen, doch Schluck für Schluck setzte die Linderung ein, und als sie den Becher halb geleert hatte, konnte sie sprechen.

»Danke«, sagte sie mit belegter Stimme. » Wie schlimm werden meine Narben sein?«

»Wenn Ihr dafür sorgt, dass die Salbe auf den Wunden bleibt und sie nicht verunreinigt werden, gibt es mit etwas Glück vielleicht keine«, gab er zurück.

Zoe hatte Menschen mit Brandwunden gesehen und wusste, dass Verbrennungen immer Narben hinterließen. » Lügner! «, stieß sie zwischen den Zähnen hervor. Erneut war ihr Körper steif und leistete den Armen, die sich um sie legten, Widerstand. »Ich weiß, wie Brandwunden aussehen, denn als Kind habe ich miterlebt, wie die Kreuzfahrer die Stadt in Schutt und Asche gelegt haben«, sagte sie. »Ich habe das brennende Fleisch von Menschen gerochen und Körper gesehen, von denen Ihr nicht denken würdet, dass es einmal Menschen waren.«

Voll Mitgefühl in den Augen sah der Eunuch sie an, doch war Zoe nicht sicher, ob sie Mitgefühl wollte.

» Wie schlimm wird es?«, zischte sie.

»Ich habe es Euch gesagt«, gab er gelassen zurück. »Wenn Ihr Euch richtig um die Wunden kümmert und die Salbe verwendet, wird es wohl keine Narben geben. Die Verbrennung reicht nicht tief, deswegen hat sie auch so sehr geschmerzt. Eine Verbrennung, die tief geht, verursacht keine Schmerzen, heilt dafür oft aber nicht.«

» Vermutlich wollt Ihr zweimal bezahlt werden, wenn Ihr morgen oder übermorgen noch einmal kommt«, blaffte Zoe.

Der Arzt lächelte, als ob ihn das belustigte. »Selbstverständlich. Macht Euch das Sorgen?«

Zoe lehnte sich leicht zurück. Mit einem Mal war sie entsetzlich müde. Die Schmerzen hatten so sehr nachgelassen, dass sie sie fast vergessen konnte. »Nicht im Geringsten. Meine Dienerin wird sich um alles kümmern.« Sie schloss die Augen. Damit war der Arzt entlassen.



Zoe erinnerte sich kaum an etwas von dem, was in den nächsten Stunden geschah, und als sie erwachte, war es um die Mitte des folgenden Tages. Helena stand neben dem Bett und sah auf sie hinab. Das Licht, das zum Fenster hereinfiel, zeichnete ihre Züge scharf. Zwar war ihre Haut ohne Fehl und Tadel, aber im hellen Sonnenschein war die sich verhärtende Linie ihrer Lippen ebenso zu erkennen wie eine leichte Lockerung des Bindegewebes unter dem Kinn. Helena sah besorgt drein, bemühte sich aber um einen neutralen Gesichtsausdruck, als sie merkte, dass ihre Mutter wach geworden war.

Zoe sah sie kalt an. Mochte Helena ruhig Angst haben. Sie schloss absichtlich wieder die Augen und hielt sie damit auf Abstand. Das Machtverhältnis zwischen ihnen hatte sich verändert. Helena hatte ihr Schmerzen zugefügt und ein Grauen bereitet, das schlimmer gewesen war als die Schmerzen. Keine der beiden würde das vergessen.

Die Brandwunden an ihren Beinen fühlten sich nur noch ein wenig unbehaglich an. Der Eunuch schien ein guter Arzt zu sein. Sofern er Recht behielt und keine Narben blieben, würde sie ihn reich belohnen. Es mochte auch nützlich sein, seine Bekanntschaft zu pflegen und sich seiner Dankbarkeit zu versichern, indem sie ihm weitere Patienten zuführte. Ärzte gelangten an Orte, zu denen sonst niemand Zutritt hatte. Sie begegneten Menschen in ihren verletzlichsten Augenblicken, erfuhren von ihren Schwächen und Ängsten, so wie dieser am Vortag von Zoes Ängsten erfahren hatte. Möglicherweise wurden sie auch mit den Stärken jener Menschen vertraut. Eine Stärke war ein guter Angriffspunkt, weil niemand damit rechnete, dass man dort ansetzen würde. Gewöhnlich war den Menschen nicht klar, dass ihre Stärken, wenn man sie pries und übermäßig betonte, auch ihren Untergang bedeuten konnten.

Ihr war nur allzu bewusst, dass diese Verbrennungen sie hätten zum Krüppel machen, ja, sogar töten können. Jetzt, da ihr aufgegangen war, dass ihr jederzeit etwas zustoßen konnte, begriff sie, dass es unter Umständen zu spät sein würde, wenn sie mit ihrer Rache noch länger wartete.

Hinzu kam etwas anderes, was ihr gar nicht recht war. Jederzeit bestand die Möglichkeit, dass ihre Feinde, die auch nicht mehr jung waren, im eigenen Bett eines natürlichen Todes starben und sie damit um ihren Triumph brachten. Gewartet hatte sie mit ihrer Rache nur deshalb so lange, weil sie deren Süße bis zur Neige auskosten wollte. Vor der Rückkehr ihrer Feinde aus dem Exil wäre sie sinnlos gewesen. Sich an Menschen zu rächen, die nichts zu verlieren hatten und keine Reichtümer besaßen, an die sie sich klammerten, war nicht süß.

Langsam atmete sie aus und lächelte. Es war Zeit, sich ans Werk zu machen.

Die Dunklen Wasser Des Todes: Roman
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