KAPİTEL 85
Gemäß der Weisung Papst Martins befand sich Palombara gegen Ende des Jahres 1281 erneut in Konstantinopel. Trotz des Hochgefühls, das die Menschen in der Stadt nach dem Entsatz der Festung von Berat erfasst hatte, spürte er ein tiefes Unbehagen, das ebenso zunahm wie die Dunkelheit des sich dem Ende zuneigenden Jahres.
Der Papst hatte über Kaiser Michael den Kirchenbann verhängt und ihn damit aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen. Das war ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Invasion. Martin IV. hatte Palombara mit dem Todesurteil für die Stadt nach Konstantinopel geschickt, und das war beiden bewusst.
Auch diesmal begleitete ihn Niccolo Vicenze.
»Die Leute haben praktisch auf den Straßen getanzt«, sagte Vicenze eines Frühlingsabends zu ihm, als sie über den Entsatz von Berat sprachen. »Sind sie wirklich so dumm, dass ihnen nicht klar ist, was jetzt geschehen wird?«, fragte er mit hämischem Lächeln. »Die Kreuzfahrer werden dann eben über das Meer kommen, statt auf dem Landweg.« Palombara erkannte auf Vicenzes bleichem Gesicht tiefen Groll und eine gehässige Vorfreude auf die Rache, die er genießen würde, wenn die große Flotte heranrückte und das Heer die Stadt erneut mit Angst und Tod bedrohte.
Er hatte Vicenze noch nie leiden können, doch als er ihn jetzt über den Tisch hinweg ansah, ging ihm auf, dass er ihn sogar hasste. »Ich denke, sie haben sich gefreut, weil sie gesehen haben, dass sie siegen können, auch wenn es dazu eines Wunders bedarf«, gab er kalt zurück.
»Und verlassen sie sich darauf, dass es ein neues Wunder gibt?«, hielt Vicenze sarkastisch dagegen.
»Das weiß ich nicht. Falls Ihr das erfahren wollt, solltet Ihr einen ihrer Bischöfe fragen. Vielleicht könnte Euch Konstantinos die Antwort geben.«
Als Palombara allein war, ging er den steilen Anstieg zu einer Stelle empor, von wo aus der Blick auf den schmalen Wasserstreifen fiel, der Europa von Asien trennte. Ihm war bewusst, dass er sich dort am Rande der christlichen Welt befand und am jenseitigen Ufer Kräfte lauerten, die dieser unbekannt waren.
Die Zerstörung des byzantinischen Reiches war allerdings vom Westen ausgegangen, der sich jetzt anschickte, dieses Werk zu wiederholen.
Was konnte er tun? Er ging in Gedanken ein Dutzend Möglichkeiten durch, doch keine von ihnen bot einen Ausweg. Er begriff, dass es nur eine Lösung gab, und die schätzte er nicht besonders. Er wandte sich um und machte sich auf den Weg zum prächtigen Haus der Zoe Chrysaphes.
Sie begrüßte ihn und sagte mit unüberhörbarer Ironie: »Sicher seid Ihr nicht gekommen, um mir mitzuteilen, dass Ihr wieder in der Stadt seid oder um gemeinsam mit uns die Exkommunikation des Kaisers zu beklagen.«
Er erwiderte ihr Lächeln. »Ich hatte Euch um Eure Mithilfe bei dem Versuch bitten wollen, ihn zum römischen Glauben zu bekehren.«
Sie begann zu lachen, doch bald schon traten ihr Tränen der Trauer in die Augen.
»Natürlich würde das nichts bewirken«, fuhr er fort. »Der Papst ist Franzose und steht in der Schuld des Königs beider Sizilien. Dagegen kommt niemand an.«
Seine Offenheit überraschte sie. »Was wollt Ihr also, Bischof Palombara?«, fragte sie, ohne ihre Neugier zu verbergen, mit einer gewissen Wärme in der Stimme.
»Ist es recht, von Gott ein Wunder zu erwarten, wenn wir das Ergebnis mit ein wenig Mühe und Klugheit selbst erreichen können?«, fragte er.
»Da zeigt sich der wahre Römer«, sagte sie spöttisch, doch ohne ihr Interesse zu verbergen. »An was für ein Wunder habt Ihr denn gedacht?«
»Konstantinopel vor der Niederlage und einer Besetzung durch Charles von Anjou zu bewahren«, gab er zurück.
»Tatsächlich? Und warum?« Sie stand reglos da. Lediglich die Flammen des Feuers im großen Kamin erweckten den Eindruck, dass sich in dem Raum etwas bewegte.
»Weil ich überzeugt bin, dass das Ende der Christenheit nicht lange auf sich warten lassen wird, wenn Byzanz fällt«, gab er zurück, womit er nicht die ganze Wahrheit sagte. Seine Haltung ging zum Teil darauf zurück, dass sich das Papsttum zu seinem Kummer von seinen Grundsätzen entfernt hatte und dadurch entehrt worden war, zum Teil aber auch darauf, wie er überrascht feststellte, dass er im Laufe der Zeit die Schönheit der byzantinischen Kultur schätzen gelernt hatte. Es würde die Welt ärmer machen, wenn man sie zugrunde richtete. Beides erfüllte ihn mit tiefem Groll.
Sie nickte bedächtig. »Und warum sagt Ihr das mir? Das müsste man Eurem kurzsichtigen und weltlichen Dingen zuneigenden Papst mitteilen. Was glaubt Ihr wohl, warum wir in der orthodoxen Kirche dagegen sind, uns ihm zu unterstellen? «
»Ich bin gekommen, um ein anderes Vorgehen anzuregen. «
Ihre Augen öffneten sich weit. »Anders als was?«
»Als die heranrückenden Schiffe des Feindes mit griechischem Feuer zu beschießen oder den Angreifern von der Stadtmauer herab siedendes Pech auf die Köpfe zu schütten«, gab er mit einem Lächeln zur Antwort. »Zwar habe ich im Grunde nichts dagegen, würde aber etwas früher losschlagen.«
Sie hörte ihm aufmerksam zu.
»Und zwar in Europa, bevor er in See sticht«, fuhr er fort. »Insbesondere in Spanien, Portugal und vielleicht auch in Teilen Frankreichs. Dort würde ich den Aufruhr schüren, an das Eigeninteresse der Menschen appellieren, ihnen klarmachen, welche Nachteile es für sie bedeuten würde, wenn Charles von Anjou mit seinem Vorhaben Erfolg hätte.«
»So etwas kostet Geld«, gab sie zu bedenken, doch zugleich blitzte das alte Feuer in ihren Augen auf. »Die Ausgaben für die Verteidigung zehren den Inhalt von Kaiser Michaels Schatzkammer vollständig auf.«
Palombara wusste, dass sie so gut wie leer war, sagte aber nichts. »Und was ist mit den großen Handelshäusern der Stadt?«, fragte er. »Könnte man deren Besitzer nicht dazu überreden, einen nennenswerten Beitrag zu leisten?«
Langsam breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Ich denke, Bischof, dass das möglich wäre. Ich bin sicher, dass es … Mittel und Wege gibt, sie zu überzeugen.«
Er sah ihr fest in die Augen. »Falls ich Euch behilflich sein kann, sagt es mir.«
»Das werde ich tun. Darf ich Euch ein Glas Wein anbieten? Mandeln?«
Er nahm die Einladung an, gleichsam als Besiegelung eines Paktes.