KAPİTEL 26

Die Amtszeit des neuen Papstes war nicht von langer Dauer, denn Innozenz starb nach nur fünf Monaten auf dem Stuhl Petri bereits um die Mitte des Jahres 1276. Das erneut einberufene Konklave hatte sich ziemlich bald auf Ottobono Fieschi geeinigt, der den Namen Hadrian V. annahm. Unfasslicherweise verschied auch er nach lediglich fünf Wochen, noch bevor man ihn feierlich in sein Amt hatte einführen können. Es war Palombaras feste Überzeugung, dass ein solcher Wahnsinn unmöglich von Gott gewollt sein konnte. Oder sollte das Seine Art sein, den Kardinälen mitzuteilen, dass sie sich für den Falschen entschieden hatten? Die Sache begann absurd zu werden. Hörte denn niemand, was Gott wollte?

Ob er doch Recht mit den Befürchtungen seiner gequälten Seele hatte, dass es gar keine Stimme Gottes gab? Sofern Er tatsächlich die Welt erschaffen hatte, schien Er längst an den selbstzerstörerischen Neigungen der Menschen ebenso jedes Interesse verloren zu haben wie an ihren unbedeutenden Träumen und ihrem unaufhörlichen sinnlosen Streit.

Über den Straßen Roms brütete die glühende Mittsommerhitze. Bald würden die Kardinäle aus allen Winkeln Europas zurückkehren, um erneut einen Papst zu wählen. Manch einer von ihnen hatte möglicherweise im Zuge der Rückkehr vom vorigen Konklave noch gar nicht seine Heimat erreicht. Wie widersinnig das alles war!

Langsam ging Palombara in seinem Haus umher, das er einst so sehr geliebt hatte. Er betrachtete die herrlichen Bilder, die er im Laufe der Jahre gesammelt hatte, doch obwohl seine Augen die Meisterschaft der Pinselführung und der Ausgewogenheit der Darstellung wahrnahmen, vermochte ihn das Feuer, das in der Seele des Künstlers gebrannt hatte, nicht zu wärmen.

Er würde Charles von Anjou aufsuchen, ohne zuvor Zeit und Worte an jemanden wie Masari zu verschwenden. Er wollte aus erster Hand erkunden, ob dieser bereit war, ihn bei einer Bewerbung um das höchste Amt zu unterstützen. Doch zuvor musste er sich darüber klar werden, was er dem König von Neapel anzubieten bereit war und was nicht.

Dreizehn Tage später stand er dem Herrscher in dessen palastartiger Villa in den Außenbezirken Roms gegenüber. Charles, ein mächtiger Mann mit breiter Brust, der vor Energie zu bersten schien, erweckte den Eindruck, als könne er keinen Augenblick lang stillstehen. Seine kräftige Stirn war von Schweiß bedeckt und sein Gesicht gerötet, während er unablässig auf und ab schritt, von einem Dokumentenstapel zum nächsten, wobei Schreiber eifrig jedes seiner Worte notierten. An einem Tisch, auf dem sein eigenes Tintenfass stand, korrigierte er eigenhändig, was er für falsch hielt.

»Nun?«, fragte der Herrscher beider Sizilien. »Was wollt Ihr von mir, Ehrwürdigste Exzellenz?«

Hinter der Belustigung auf seinen Zügen erkannte Palombara eine durchdringende Klugheit. Diesen Mann würde er nicht zu seinem Werkzeug machen können – nur ein Dummkopf würde das versuchen. »Ihr als römischer Senator habt mit Eurer Stimme beim Konklave Gewicht«, gab er zurück.

»Es ist nur eine Stimme von vielen«, bemerkte Charles trocken.

»Ich denke, es ist mehr als das«, gab Palombara zurück. »Manch einer richtet sich nach Eurer Entscheidung.«

»Ja, wahrscheinlich zur Befriedigung seines persönlichen Ehrgeizes.«

»Aber auch um der Zukunft der Christenheit willen. Es ist denkbar, dass noch nie seit den Tagen des heiligen Petrus so viel auf dem Spiel gestanden hat wie dieses Mal.« Mit einem Lächeln fuhr er ohne zu zögern fort: »Möglicherweise wird alles von der Frage beherrscht, ob wir uns auf eine Weise mit Byzanz vereinigen können, die sich als fruchtbar erweist und nicht Quelle beständiger Auseinandersetzung wird.«

»Byzanz …«, wiederholte Charles, als wolle er sich den Namen auf der Zunge zergehen lassen. »Ach ja.« Palombara spürte, wie die Stille im Raum lastete. »Ihr wart als Legat in Konstantinopel«, nahm der Herrscher den Faden wieder auf und ging erneut mit lauten Schritten auf dem Marmorboden hin und her, vom Schatten ins Sonnenlicht, das durch die hohen Fenster fiel, zurück in den Schatten. »Ihr habt dem Heiligen Vater berichtet, dass sich die Byzantiner Rom auf keinen Fall ergeben würden.« Er wandte sich so schnell um, dass er den Ausdruck von Überraschung auf Palombaras Zügen mitbekam, bevor sich dieser wieder in der Gewalt hatte. »Muss man damit rechnen, dass dieser Widerstand von Dauer ist? Genauer gesagt: Wird es ihn beispielsweise in drei Jahren noch geben?«

Palombara begriff sogleich. »Das würde von den Bedingungen abhängen, die Rom stellt, Majestät.«

Charles atmete kaum hörbar aus. »Genau das habe ich mir gedacht. Nehmen wir an, Ihr wäret Papst – wie sähen dann Eure Bedingungen für eine Unterwerfung der orthodoxen Kirche und eine geeinte Christenheit aus?«

Palombara wusste genau, was Charles meinte. »Es läuft auf einen politischen Zusammenschluss hinaus«, sagte er, seine Worte sorgfältig abwägend, doch in leichtem Plauderton, als herrsche zwischen ihnen beiden Einverständnis. »Etwas anderes hat nie im Bereich des Möglichen gelegen. Wir können von den Byzantinern unter Umständen Gehorsam der Kirche gegenüber verlangen, aber auf keinen Fall Glauben.« Während Charles wartete, breitete sich ein Lächeln auf seinen Zügen aus.

»Ich sehe keinen Vorteil darin, einer Einheit den Weg zu bereiten, wenn dabei Glaubensgrundsätze aufgegeben werden müssen, auf die sich die einen oder anderen von uns stützen.«

»Ich sehe, dass wir in diesem Punkt einer Meinung sind.« Alle Anspannung war von Charles abgefallen. »Ich vermag mir durchaus vorzustellen, dass es Gottes Wille sein könnte, einen Papst zu haben, der die wahre Natur der Menschen erfasst, statt ein Idealbild zu sehen, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Ich werde das wenige an Einfluss, was ich habe, in diesem Sinne geltend machen. Ich danke Euch, dass Ihr mich an Eurem Wissen habt teilhaben lassen, Ehrwürdigste Exzellenz.« Sein Lächeln wurde breiter. »Wir werden einander von Nutzen sein können – und selbstverständlich auch der heiligen Mutter Kirche.«

Palombara verabschiedete sich und trat hinaus. Nicht der kleinste Luftzug regte sich. Die Zypressen standen wie bewegungslose Flammen unter der grellen Sonne und wirkten sonderbar ermattet.

Obwohl die Annahme unvernünftig war, dass ein Papst nach dem anderen starb, weil sie nicht getan hatten, was Gottes Willle war, vermochte Palombara diesen Gedanken nicht zu vertreiben, und Zuversicht erfüllte ihn.

Das Konklave spaltete sich in zwei große Fraktionen auf – die ›Franzosen‹, die auf der Seite des Grafen von Anjou standen, und die der ›Italiener‹, die gegen ihn Partei ergriffen. Schon der erste Wahlgang trug Palombara hoch auf den Wellenkamm – nur zwei Stimmen fehlten ihm, um gewählt zu werden. Fast konnte er die Tiara mit den Fingerspitzen berühren.

Am 13. September fand der letzte Wahlgang statt.

Palombara wartete. Er hatte seit Tagen kaum geschlafen, nachts wachgelegen, zwischen Selbstzweifel und Hoffnung hin- und hergerissen. Er hatte sich sogar vor den Spiegel gestellt und sich ausgemalt, wie er in den Prunkgewändern aussehen würde, seine kräftige schmale Hand betrachtet und schon den Fischerring daran gesehen.

Jetzt wartete er wie alle anderen, konnte vor Anspannung nicht sitzen bleiben und vor Müdigkeit nicht mehr als wenige Schritte gehen. Er verlor jedes Zeitgefühl. Er hatte Hunger und vor allem Durst, brachte es aber nicht fertig, den Raum zu verlassen.

Dann war es endlich vorüber. Ein wohlbeleibter Kardinal in wallenden Gewändern, dem der Schweiß über das Gesicht lief, teilte den Versammelten mit, dass die Christenheit einen neuen geistlichen Führer habe.

Als das Ergebnis verkündet wurde, schlug Palombaras Herz so laut, dass es ihn fast betäubte. Der neue Papst war der portugiesische Philosoph, Theologe und Doktor der Medizin Petrus Juliani, einstiger Leibarzt Papst Gregors, der sich für den Namen Johannes XXI. entschied. Palombara war wütend auf sich selbst, dass er nicht damit gerechnet hatte. Wie hatte er nur so töricht sein können? Er stand mit starrem Lächeln in dem herrlichen Saal, als läge auf seinem Herzen kein bleiernes Gewicht der Enttäuschung, das ihn zu zermalmen drohte, als schmerze es ihn nicht unerträglich. Er lächelte Männern zu, die er verabscheute, hinterhältigen Opportunisten, die er noch wenige Stunden zuvor umworben hatte. Hatte Gott tatsächlich jenen als Petrus Hispanus bekannten einundsiebzigjährigen Portugiesen für den Thron Sankt Petri ausersehen?

Ringsum ertönten Jubelrufe, zu laut, voll unaufrichtiger Freude, manche Stimmen, wie seine eigene, von Enttäuschung gefärbt und von Angst um die eigene Stellung. Allen war bekannt, wer sich offen für oder gegen wen ausgesprochen hatte, aber niemand wusste, was insgeheim versprochen, gegeben oder genommen worden war.



Schon nach wenigen Tagen ließ ihn wieder einmal ein neuer Papst zu sich kommen, und so ging Palombara erneut über den Platz und die flachen Stufen empor, durch die vertrauten Korridore den päpstlichen Gemächern entgegen.

Während er niederkniete, den Ring küsste und den Papst seiner Treue versicherte, jagten sich seine Gedanken. Warum mochte er nach ihm geschickt haben? Welche erbärmliche Aufgabe würde man ihm übertragen, um ihn aus Rom zu entfernen und an einen Ort zu schicken, wo er keinen Schaden anrichten und sein Ehrgeiz sich abkühlen konnte? Wahrscheinlich irgendwohin in den fernen Norden Europas, wo er den ganzen Sommer hindurch frieren würde und im Winter erst recht.

Als er aufsah, lächelte der Papst. »Mein Vorgänger, Gott sei seiner Seele gnädig, hat Eure Gaben damit verschwendet, dass er Euch hier in Italien um Unterstützung für den Kreuzzug werben ließ«, sagte er kühl. »Und auch der gute Innozenz.«

Palombara wartete auf den unausweichlichen Hieb, der jeden Augenblick auf ihn herabfahren würde.

»Ich habe Eure Berichte gelesen und gesehen, dass Ihr über ein gewisses Geschick sowie Erfahrungen im Umgang mit der beklagenswerten Spaltung verfügt, die zwischen uns und der griechisch-orthodoxen Kirche besteht. Daher würdet Ihr Gott und der Christenheit am besten damit dienen, dass Ihr als Unser Legat an den byzantinischen Hof nach Konstantinopel zurückkehrt. Eure Aufgabe wäre es, darauf hinzuwirken, dass die Unterschiede und Unstimmigkeiten zwischen uns und unseren Brüdern dort vermindert werden.«

Palombara atmete langsam ein und lautlos wieder aus. Das Sonnenlicht im Raum war so grell, dass es seine Augen schmerzte.

»Dabei handelt es sich um eine Aufgabe von äußerster Wichtigkeit«, sagte Johannes, »und so müsst Ihr mit größter Sorgfalt auf dieses Ziel hinarbeiten und darum beten, dass sie Euch gelingt.« Er lächelte erneut. » Wir wollen von den Byzantinern nicht nur Lippenbekenntnisse für die Union mit Rom hören, sondern Taten sehen. Wir brauchen handfeste Beweise für den Gehorsam der Orthodoxen und die Möglichkeit, ihn der übrigen Welt zu zeigen. Die Zeiten, in denen wir uns Milde erlauben konnten, sind vorüber. Versteht Ihr das, Enrico?«

Aufmerksam musterte Palombara die Züge des neuen Papstes. War Johannes XXI. unter seinem nichtssagenden Äußeren möglicherweise weit raffinierter, als er vermutet hatte, und bereit, sich zur Durchsetzung seiner Ziele jedes verfügbaren Werkzeugs zu bedienen? Wollte er mit diesem Auftrag lediglich erreichen, dass Palombara aus Rom verschwand, oder entsprach es wirklich seinem Wunsch, dass er in Konstantinopel tätig wurde, einer Stadt, die er so gut kannte und so sehr liebte wie keine andere? Wer steckte hinter alldem? Irgendjemand würde eines Tages kommen und den Preis für diesen Gunsterweis fordern – aber wer?

»Ja, Eure Heiligkeit«, sagte er. »Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht, um Gott und der Kirche zu dienen.«

Die Dunklen Wasser Des Todes: Roman
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