67. KAPITEL
Maggie umfuhr im Slalom langsamere Fahrzeuge und beherrschte sich, das Gaspedal nicht bis zum Boden durchzutreten. Seit Tullys Anruf lief sie auf Hochtouren. Der Ärger, den sie in Kernans Büro noch unterdrückt hatte, war einer Panik gewichen, die nicht nur wie eine Zeitbombe in ihr tickte, sondern wie ein Gewicht auf ihr lastete, das sie zu erdrücken drohte.
Sie hatte geahnt, dass Walker Harding mit den Morden zu tun hatte. Wenn Stucky jemand einbezog, dann seinen alten Freund. Obwohl es ihr immer noch schwer fiel zu glauben, dass er überhaupt jemand gestattete zu helfen, es sei denn, die beiden konkurrierten in einem bizarren Spiel. Und nach allem, was Tully über Hardings neues unternehmerisches Abenteuer berichtet hatte, war er vermutlich ebenso pervers wie Stucky.
Sie strich sich die Haare hinter die Ohren und rollte das Fenster herab. Fahrtwind fegte ins Wageninnere und brachte Abgase und Pinienduft mit.
Dr. Kernan hatte gesagt, sie sollte nicht so viel nachdenken, sondern auf sich vertrauen. Ein Leben lang war sie davon ausgegangen, nur sich selbst wirklich trauen zu können. Hatte er begriffen, wie unglaublich frustrierend, ja beängstigend der Verdacht war, den eigenen Reaktionen nicht mehr trauen zu können?
Sie hatte einen Abschluss in Kriminal- und Verhaltenspsychologie. Sie wusste alles über die Schattenseiten im Menschen. Es gab einen umfangreichen Expertenstreit über die feine Trennlinie zwischen Gut und Böse. Viele versuchten zu erklären, warum sich einer für das Gute entschied und ein anderer für das Böse, und was der entscheidende Faktor war.
„Vertrauen Sie auf sich“, hatte Kernan geraten und hinzugefügt, dass die Entscheidung, die sie im Bruchteil einer Sekunde traf, ihr wahres Ich zeigen würde.
Na bravo, das brachte sie nun wirklich weiter! Und wenn nun die Schattenseite ihr wahres Ich war? Was, wenn ihr wahres Ich zur selben Brutalität fähig war wie Stucky? Vermutlich brauchte sie nur den Bruchteil einer Sekunde, um ihm eine Kugel zwischen die schwarzen Augen zu feuern. Sie wollte ihn schon längst nicht mehr fangen oder aufhalten. Sie wollte es ihm heimzahlen. Sie wollte - nein, sie musste - die Angst in diesen gefährlichen Augen sehen. Dieselbe Angst, die sie in dem Lagerhaus in Miami durchlebt hatte, als er ihr den Bauch aufschnitt. Dieselbe Angst, die sie jede Nacht durchlebte, wenn die Dunkelheit hereinbrach und Schlaf unmöglich wurde.
Stucky hatte das zu einem Privatkrieg zwischen ihr und ihm ausarten lassen. Indem er sie zur Komplizin seiner Morde machte, gab er ihr das Gefühl, sie habe seine Opfer handverlesen. Falls er irgendwie Walker Harding in sein Spiel einbezogen hatte, gab es eben zwei, die sie vernichten musste.
Sie sah auf die Landkarte, die auf dem Beifahrersitz ausgebreitet lag. Die Mautbrücke war etwa fünfzig Meilen von Quantico entfernt. Tully traf immer noch Vorbereitungen. Bis er bei seiner vorsichtigen, strikt nach Vorschrift laufenden Arbeitsweise so weit war, vergingen weitere Stunden. Das bedeutete warten, warten. Sie konnten von Glück sagen, wenn sie es vor Einbruch der Dunkelheit zu Hardings Besitz schafften. Tully erwartete sie in den nächsten zehn, fünfzehn Minuten in Quantico. Ein Hinweisschild machte sie aufmerksam, dass ihre Abfahrt etwa zehn Meilen weit entfernt war.
Sie holte ihr Handy heraus und ging vom Gas, um das Tempolimit einzuhalten und leichter mit einer Hand steuern zu können. Sie drückte die Nummer ein und wartete.
„Dr. Gwen Patterson.“
„Gwen, hier ist Maggie.“
„Klingt, als wärst du auf der Straße.“
„Ja, bin ich. Ich bin auf der Rückfahrt von D.C. Kannst du mich gut hören?“
„Ein bisschen statisches Knacken, aber ich höre dich. Du warst in D.C.? Du hättest zum Essen vorbeikommen können.“
„Tut mir Leid, keine Zeit. Gwen, du beklagst dich doch immer, dass ich meine Freunde nie um etwas bitte. Also jetzt brauche ich einen Gefallen von dir.“
„Moment mal. Mit wem spreche ich?“
„Sehr witzig.“ Maggie lächelte und staunte, dass sie das bei ihrer Anspannung noch konnte. „Ich weiß, es liegt nicht auf deinem Weg, aber könntest du dich heute Abend um Harvey kümmern, ihn füttern, rauslassen, all die Dinge, die ein guter Hundebesitzer normalerweise tut?“
„Du bist weg, um Serienkiller zu bekämpfen, und machst dir Gedanken um Harvey? Ich würde sagen, das klingt nach einer echten Hundebesitzerin. Ja, ich fahre vorbei und widme mich eine Weile deinem Harvey. In puncto abendlichem Zeitvertreib mit einem männlichen Wesen ist das überhaupt das beste Angebot, das ich seit langem hatte.“
„Danke, ich bin dir wirklich verbunden.“
„Bedeutet das, du arbeitest nur lange, oder habt ihr ihn gefunden?“
Maggie fragte sich, seit wann ihre Freunde und Mitarbeiter automatisch Albert Stucky meinten, wenn sie von ihm sprachen.
„Ich weiß nicht, aber die Spur ist die heißeste, die wir bisher hatten. Du könntest Recht gehabt haben mit deiner These vom Einwickelpapier der Schokoriegel.“
„Na wunderbar, aber ich erinnere mich nicht mehr, was ich gesagt habe.“
„Wir hatten Stuckys alten Geschäftspartner als möglichen Komplizen ausgeschlossen, weil er auf Grund eines Gesundheitsproblems am Erblinden war. Nach unserer Beweislage sieht es so aus, dass sein medizinisches Problem Diabetes ist. Was bedeutet, dass die Erblindung nicht plötzlich kommt oder vollkommen ist. Er könnte sie mit der richtigen Insulineinstellung kontrollieren.“
„Warum sollte Stucky mit einem Komplizen arbeiten, Maggie? Bist du sicher, dass das Sinn ergibt?“
„Nein absolut nicht. Aber wir haben immer wieder Fingerabdrücke an den Fundorten entdeckt, die nicht Stucky gehörten. Heute Morgen stellten wir fest, dass diese Fingerabdrücke Stuckys altem Geschäftspartner Walker Harding gehören. Die beiden haben vor etwa vier Jahren ihre Firma verkauft und sind angeblich getrennte Wege gegangen. Aber sie arbeiten vielleicht wieder zusammen. Außerdem haben wir ein entlegenes Stück Land entdeckt, das auf Walker Harding eingetragen ist. Und es klingt nach dem perfekten Versteck.“
Maggie blickte wieder auf die Karte. Die Abfahrt nach Quantico kam näher. Sie musste bald eine Entscheidung treffen. Sie kannte eine Abkürzung zur Mautbrücke und konnte in weniger als einer Stunde dort sein. Plötzlich fiel ihr auf, dass Gwen lange schwieg. War der Anruf unterbrochen?
„Gwen, bist du noch da?“
„Sagtest du, der Name seines Partners ist Walker Harding?“
„Ja, das ist richtig.“
„Maggie, seit letzter Woche habe ich einen neuen blinden Patienten. Er heißt Walker Harding.“