17. KAPITEL

Montag, 30. März

Tess McGowan erwachte mit entsetzlichen Kopfschmerzen. Sonnenlicht strömte durch ihre Schlafzimmervorhänge wie Laserstrahlen. Verdammt! Sie war wieder zu Bett gegangen, ohne die Kontaktlinsen zu entfernen. Sie legte einen Arm über die Augen. Warum hatte sie nicht die Linsen genommen, die man länger im Auge lassen konnte? Es missfiel ihr, auf diese Weise ans Alter erinnert zu werden. Fünfunddreißig war nicht alt. Okay, die Zwanziger hatte sie sozusagen verplempert. Mit den Dreißigern sollte das anders werden.

Plötzlich merkte sie, dass sie nackt war unter der Bettdecke. Dann spürte sie den klebrigen Fleck neben sich. Besorgt richtete sie sich leicht auf, Bettdecke vor der Brust, und sah sich mit verschwommenem Blick um.

Warum konnte sie sich nicht erinnern, dass Daniel bei ihr war? Er blieb doch nie über Nacht bei ihr. Ihr Haus war ihm zu behaglich. Ihre Kleidung lag in einem Haufen im Sessel am anderen Ende des Zimmers. Daneben auf dem Boden lagen Männerhosen, unter denen Schuhspitzen hervorlugten. Vom Türknauf hing eine schwarze Bomberjacke aus Leder. Nichts davon erkannte sie als Daniels Kleidung. Sie wurde auf die Dusche aufmerksam, die in diesem Moment abgeschaltet wurde. Ihr Herz schlug rascher, während sie sich an irgendetwas aus der letzten Nacht zu erinnern versuchte.

Sie sah auf die Nachttischuhr. Viertel vor neun. Irgendwie erinnerte sie sich, dass Montagmorgen war. An Montagen hatte sie nie Termine, aber Daniel. Warum konnte sie sich nicht an seinen Besuch erinnern oder an ihre Rückkehr nach Hause?

Denk nach, Tess! Sie rieb sich die Schläfen.

Daniel hatte das Restaurant verlassen, und sie war mit dem Taxi nach Haus gefahren. Nein, nicht direkt nach Haus. Das Letzte, woran sie sich erinnerte, war, dass sie bei Louie Tequilas gekippt hatte. Hatte sie Daniel angerufen, damit er sie abholte? Warum erinnerte sie sich nicht? Ob er wütend wurde, wenn sie ihn bat, ihre Gedächtnislücken aufzufüllen? Offenbar war er letzte Nacht nicht wütend auf sie gewesen. Sie rückte von dem feuchten Fleck ab.

Sie legte den Kopf zurück, kniff die Augen zu und wünschte, der pochende Schmerz würde aufhören, ihr den Schädel zu spalten.

„Guten Morgen, Tess“, sagte eine volle tiefe Stimme.

Ehe sie die Augen öffnete, war ihr klar, die gehörte nicht Daniel. Erschrocken richtete sie sich auf und lehnte sich mit dem Rücken gegen das Kopfteil. Der große schlanke Fremde mit dem blauen Handtuch um die Hüften wirkte überrascht und besorgt.

„Tess?“ fragte er leise. „Alles okay?“

Plötzlich erinnerte sie sich, als bräche ein Damm im Hirn und gäbe die Bilder frei. Er war in Louies Bar gewesen und hatte sie von einem Ecktisch aus beobachtet. Attraktiv, ruhig, ganz anders als die üblichen Gäste bei Louie. Was war ihr eingefallen, ihn mit nach Haus zu nehmen?

„Tess, du machst mir Angst.“

Seine Besorgnis schien echt zu sein. Zumindest hatte sie wohl keinen Serienkiller mitgenommen. Oder etwa doch? Wie sollte sie das feststellen? Mit feuchtem Haar und nur in ein Handtuch gewickelt, wirkte er harmlos. Sie bemerkte seinen athletischen Körperbau. An Kraft war er ihr zweifellos überlegen und könnte sie mühelos überwältigen. Wie hatte sie nur so dumm sein können?

„Tut mir Leid. Ich ... du hast mich erschreckt.“ Sie versuchte, sich ihre Besorgnis nicht anmerken zu lassen.

Er nahm die Hose vom Boden, zögerte jedoch und zog sie nicht gleich an, da ihm offenbar etwas klar wurde.

„Mein Gott, du erinnerst dich nicht an mich, richtig?“

Das jungenhafte Gesicht unter dem Bartschatten wirkte verlegen. Er stieg ungelenk in seine Hose, stolperte und ließ fast das Handtuch fallen, ehe die Hose oben war. Tess sah zu, entsetzt über sich selbst, da der Anblick seines Körpers sie trotz allem erregte. Sie müsste besorgt sein, dass er ihr etwas antat, stattdessen wunderte sie sich, wie jung er war. Zum Kuckuck, warum fiel ihr sein Name nicht ein?

„Ich hätte wissen müssen, dass du zu viel getrunken hattest“, entschuldigte er sich, suchte eilig sein Hemd zwischen ihren Sachen, die er jedoch ordentlich gefaltet wieder zurücklegte. Bei ihrem BH hielt er verlegen inne. Seine Zerstreutheit und bemühte Höflichkeit ließen sie schmunzeln. Was ihn verblüffte, als er zu ihr hinsah. Ungeachtet ihrer Sachen setzte er sich in den Sessel, rang die Hände und damit unbewusst ihren BH.

„Ich bin ein kompletter Idiot.“

„Nein, ganz und gar nicht.“ Sie lächelte wieder, und sein offensichtliches Unbehagen nahm ihr die Anspannung. Lächelnd zog sie die Knie unter der Bettdecke an, schlang die Arme darum und legte das Kinn darauf. „Es ist nur so, dass ich so etwas eigentlich nicht mache“, versuchte sie zu erklären. „Besser gesagt, nicht mehr mache.“

„Ich mache so was überhaupt nie.“ Er bemerkte ihren BH in der Hand und legte ihn gefaltet ins Bücherregal. „Du erinnerst dich also wirklich nicht an gestern Nacht?“

„Ich erinnere mich, dass du mich beobachtet hast, und dass ich mich sehr zu dir hingezogen gefühlt habe.“ Das Geständnis überraschte sie nicht weniger als ihn.

„Das ist alles?“ Er wirkte gekränkt.

„Tut mir Leid.“ Sie zuckte lächelnd die Achseln und konnte nicht glauben, wie wohl sie sich in seiner Gegenwart fühlte, keine Angst, keine Panik. Die einzige Anspannung ging von einer offenkundigen sexuellen Anziehung aus, die sie zu ignorieren versuchte. Er sah nicht aus, als sei er schon dreißig. Und er war ein Fremder, um Himmels willen! Wie konnte sie nur so sorglos sein? Hatte sie denn gar nichts gelernt nach all den Jahren?

„Könnte ich dich vielleicht zum Lunch ausführen, sollte ich jemals mein Hemd finden?“

Sie musste an Daniel denken. Wie sollte sie ihm ihre Entgleisung erklären? Wie eine schmerzliche Erinnerung drückte sich der Saphirring, den er ihr geschenkt hatte, in ihr Kinn. Was war los mit ihr? Daniel war ein reifer, respektierter Geschäftsmann. Natürlich war er arrogant und egoistisch, aber wenigstens war er kein Kind mehr, das sie irgendwo in einer Bar aufgelesen hatte.

Sie sah den gut aussehenden Fremden Schuhe und Strümpfe anziehen, während er auf ihre Antwort wartete. Er schaute sich suchend nach seinem Hemd um. Ihre Zehen berührten einen Knubbel am Fußende des Bettes. Sie griff unter der Decke danach und zog ein blassblaues zerknittertes Oxfordhemd hervor. Als sie es hochhielt, erinnerte sie sich daran, es angezogen zu haben. Leicht errötend fiel ihr wieder ein, wie er es ihr ausgezogen hatte.

„Ist es noch zu retten?“ fragte er und streckte sich, um es ihr abzunehmen, blieb aber in sicherer Distanz. Ganz Gentleman, tat er so, als seien sie sich fremd. Dabei hatte er sie noch vor Stunden nackt in den Armen gehabt. Die Erinnerung hätte ihr unangenehm sein müssen, das Gegenteil traf zu. Sie beobachtete seine fließenden, wenn auch nervösen Bewegungen und ärgerte sich über sich selbst. Warum fiel ihr bloß auf, dass das Blau des Hemdes die bläulichen Sprenkel in seinen grünen Augen betonte? Wieso war sie überhaupt so sicher gewesen, dass er ihr nichts tat? Irgendwann irrte sie sich gewaltig, wenn sie Menschen nach den Augen beurteilte.

„Was ist jetzt mit Lunch?“ Er sah aus, als wappne er sich vor weiterer Zurückweisung. Er hatte Schwierigkeiten, sein Hemd zuzuknöpfen. Als er fast fertig war, merkte er, dass er schief geknöpft hatte, und fing von vorne an.

„Ich erinnere mich nicht mal an deinen Namen“, gestand Tess.

„Will. William Finley.“ Er streifte sie zögerlich lächelnd mit einem Blick. „Ich bin sechsundzwanzig, war nie verheiratet, und ich bin Anwalt. Ich bin gerade nach Boston gezogen, aber ich besuche hier einen Freund in Newburgh Heights. Er heißt Bennett Cartland. Sein Vater hat eine Anwaltskanzlei, eine ziemlich bekannte sogar. Du kannst es überprüfen, wenn du willst.“ Er zögerte. „Das ist wahrscheinlich mehr, als du wissen wolltest.“ Da sie ihn mit einem Lächeln belohnte, fuhr er fort: „Was sonst noch? Keine Krankheiten außer Mumps mit elf, aber die hatte mein Freund Billy Watts auch, und der hat drei Kinder. Oh, aber keine Sorge, ich habe letzte Nacht verhütet.“

„Hm ... da ist ein feuchter Fleck.“

Er sah sie an, aber nicht verlegen, vielmehr schien die Erinnerung neues Verlangen in ihm zu wecken. „Ich hatte nur zwei Kondome. Beim dritten Mal habe ich mich zurückgezogen, ehe ... du weißt schon.“

Plötzlich erinnerte sie sich an die erstaunlich intensiven Gefühle, die ihr Sorge bereiteten. Sie durfte nicht wieder in alte Gewohnheiten verfallen! Nicht, nachdem sie so hart für ein neues Leben gearbeitet hatte.

„Ich denke, du solltest besser gehen, Will.“

Er wollte etwas sagen, um sie umzustimmen, starrte jedoch nur befangen auf seine Füße. Sie fragte sich, ob er sie gern berührt hätte. Wollte er ihr einen Abschiedskuss geben, um sie zu überzeugen, dass er besser blieb? Vielleicht wünschte sie sich das sogar. Doch Will Finley nahm seine Jacke vom Türknauf und ging.

Sie legte sich ins Kissen zurück und schnupperte sein After Shave. Ein zurückhaltender Duft. Nicht wie Daniels aufdringlicher Moschus. Du lieber Himmel, sechsundzwanzig Jahre jung! Fast zehn Jahre jünger als sie. Wie hatte sie nur so idiotisch sein können? Als sie diesmal die Augen schloss, erinnerte sie sich sehr deutlich an ihre gemeinsame Nacht. Sie spürte seinen Körper, spürte Zunge und Hände sie streicheln und intensive Gefühle wecken wie lange nicht mehr.

Die Erinnerung an die eigene Gier war ihr fast peinlich. Sie hatte ihn mit Lippen und Händen geradezu verschlungen, als sie sich gegenseitig in Ekstase versetzten. Leidenschaft, Gier, Verlangen, das alles war ihr nicht neu, damit hatte sie aus ihrer schillernden Vergangenheit reichlich Erfahrung. Neu waren Wills Zärtlichkeit und Einfühlsamkeit gewesen. Es schien ihm wichtig, dass sie dieselben berauschenden Gefühle erlebte wie er. Das war nicht bloßer Sex gewesen, sie hatten sich Liebe gegeben. Der Gedanke beunruhigte sie.

Sie rollte sich auf die Seite und umarmte das zerknüllte Kissen. Sie durfte sich nicht von Will Finley vom Weg abbringen lassen. Nicht nach dem ersten großen Erfolg. Sie musste sich auf das Wesentliche konzentrieren und an Daniel denken. Trotz aller Differenzen verlieh Daniel ihr Seriosität, die in diesem Geschäft alles war. Er nützte ihr auf dem Weg, eine respektierte und erfolgreiche Geschäftsfrau zu werden. Trotzdem war ihr nach Wills Abgang, als sei ihr soeben etwas Wertvolles entglitten.